Zwischen Staatsakt und elektronischer Fußfessel: Das königliche Drama um Marius Borg Høiby und die Beerdigung von König Harald
Es ist ein Bild, das sich unweigerlich in das kollektive Gedächtnis einer ganzen Nation einbrennen wird, ein Bild voller Widersprüche, Tragik und royaler Dissonanz. Wenn Norwegen am 9. September von seinem geliebten König Harald Abschied nimmt, werden die Kameras der Weltpresse nicht nur auf den neuen Monarchen, König Haakon, oder die von Trauer gezeichnete Königin Mette-Marit gerichtet sein. Der Fokus, der unweigerliche Blickfang dieses historischen Staatsaktes, ist ein 29-jähriger Mann in der ersten Reihe der trauernden Familie, dessen bloße Anwesenheit eine beispiellose nationale Debatte ausgelöst hat: Marius Borg Høiby. Der älteste Sohn der Königin wird an diesem ehrwürdigen Tag nicht nur Trauerkleidung tragen, sondern unter seinem Anzug ein technisches Gerät verbergen, das in krassem Gegensatz zur royalen Würde steht – eine elektronische Fußfessel.
Die Staatsanwaltschaft in Oslo hat eine Genehmigung erteilt, die es in dieser Form in der Geschichte des Landes wohl noch nie gegeben hat. Ein Mann, der sich offiziell in Untersuchungshaft befindet, darf sein Domizil verlassen, um am Staatsbegräbnis eines Königs teilzunehmen. An dieser einen, juristisch nüchternen Genehmigung hängt eine existenzielle Frage, die derzeit ganz Norwegen beschäftigt, die an Stammtischen, in Leitartikeln und in den sozialen Medien hitzig diskutiert wird: Wie viel private Familie kann sich ein hochoffizielles Königshaus leisten, wenn ein gerichtlich Verurteilter unmittelbar dazu gehört? Wo verläuft die feine, oft unsichtbare Grenze zwischen staatlicher Repräsentation und familiärer Loyalität?
Um die ganze Tragweite dieses Skandals zu begreifen, muss man die Lebensumstände des Marius Borg Høiby genauer betrachten. Sicher ist bislang nur der Ort, an dem er diese schweren Tage der Staatstrauer verbringt. Er lebt auf dem königlichen Anwesen Skaugum, dem traditionellen Zuhause der Kronprinzenfamilie, tief abgeschirmt von der Öffentlichkeit. Als ältester Sohn von Mette-Marit, den sie 2001 als kleinen Jungen mit in die Ehe mit dem damaligen Kronprinzen Haakon brachte, ist er ein Kind des Hofes – und doch gehörte er formell nie wirklich dazu. Marius bekam bei der Hochzeit keinen adeligen Titel verliehen, er übernahm in all den Jahren keinerlei offizielle Aufgaben für die Krone. Er wuchs gewissermaßen neben der Monarchie auf, im goldenen Schatten, aber nicht in ihrem leuchtenden Zentrum. Genau diese Grauzone, dieses “Dazwischen”, führte dazu, dass in der norwegischen Öffentlichkeit lange unklar war, welche Regeln, welche moralischen und juristischen Maßstäbe für ihn eigentlich gelten.

Doch die Ereignisse der letzten Wochen haben diese Unklarheit auf brutale Weise beendet. Der 9. September ist keineswegs die erste gerichtliche Ausnahme, die dem 29-Jährigen in dieser Trauerzeit gewährt wird. Schon in den ersten schmerzhaften Tagen nach dem Tod des 89-jährigen Monarchen durfte Høiby das geschützte Anwesen Skaugum mehrfach verlassen, um bei den intimen Trauerzeremonien im engsten Kreise der Familie dabei zu sein. Jeder einzelne Schritt über die Schwelle des Anwesens erforderte einen bürokratischen Akt. Eine elektronische Fußfessel klingt in den sterilen Akten der Justiz nach einer technischen Maßnahme, im wahren Alltag ist sie jedoch etwas sehr Konkretes, beinahe Entwürdigendes. Sie sendet pausenlos Signale, sie meldet unerbittlich, wo sich der Träger befindet, sie legt exakt fest, wie weit er gehen darf und auf die Minute genau, wann er wieder zurück in seinen eigenen vier Wänden sein muss. Jeder Weg nach draußen ist damit kein Zeichen freier Willensentscheidung mehr, sondern ein formaler Antrag. Man muss sich diese Demütigung vor Augen führen: Ein junger Mann muss den Staat, die Justizbehörden bitten, sich von seinem eigenen Großvater verabschieden zu dürfen.
Dass diese Erlaubnis nicht nur für den privaten Rahmen im Hintergrund galt, sondern weit in die Öffentlichkeit reichte, zeigte sich am 31. August in aller Deutlichkeit. Was Marius Borg Høiby an diesem Tag tun durfte, war keine stille, versteckte Anwesenheit in einer hinteren Reihe der Schlosskapelle. An diesem Samstag half der Enkelsohn ganz offiziell dabei, den massiven Sarg seines Großvaters zu tragen. Vom königlichen Schloss hinüber zur Schlosskapelle, Schritt für Schritt, schwer tragend an der Seite der restlichen männlichen Familienmitglieder. Dort wurde König Harald bis zum großen Staatsbegräbnis am 9. September feierlich aufgebahrt. Der Enkel unter strenger elektronischer Überwachung fungierte als Sargträger des Königs.
Liest man die Berichte jener Tage, fällt ein entscheidendes, höchst symbolisches Detail auf, das in der Sensationslust leicht untergeht: Sargträger bei einem königlichen Begräbnis ist keine Rolle, die man zufällig, aus einem Mangel an Alternativen bekommt. Diese Rolle wird innerhalb der Familie mit größtem Bedacht, mit feinem Gespür für Tradition und Außenwirkung vergeben. Legt man diese bewusste familiäre Entscheidung neben die massiven justiziellen Auflagen, unter denen dieser junge Mann steht, ergibt sich ein unmissverständliches Bild, eine Botschaft des Königshauses an das Volk: Hier wurde bewusst entschieden, dass an diesem Tag der Trauer nicht “der kriminelle Fall” im Vordergrund stehen sollte, sondern einzig und allein “der Enkel”. Die Familie rückte zusammen, ungeachtet der gesellschaftlichen Konsequenzen.
Doch die emotionale Bindung zwischen dem alten König und seinem umstrittenen Enkel offenbarte sich schon vor diesem öffentlichen Auftritt. Es geschah abseits der Kameras, intimer und weitaus tragischer, als es die meisten Norweger vermuteten. Als König Harald in seinen letzten Tagen im Osloer Rikshospitalet medizinisch behandelt wurde und sein Zustand sich rapide verschlechterte, bekam Høiby von den Behörden die Erlaubnis, ihn dort am Krankenbett zu besuchen. Zu diesem Zeitpunkt lebte der König noch. Es war also kein kalter Abschied vor einem hölzernen Sarg, sondern ein letzter, lebendiger Abschied am Bett in einem stillen Krankenhauszimmer. Wer selbst einmal an der Seite eines sterbenden geliebten Menschen gesessen hat, weiß aus eigener schmerzhafter Erfahrung, dass in solchen extremen Minuten alles andere – Skandale, Fußfesseln, Gerichtsurteile – plötzlich sehr klein und unbedeutend wird. Es ist die pure Essenz des Menschseins, die dann zählt.

König Harald wurde 89 Jahre alt, er regierte sein geliebtes Land seit 1991. Die Norweger nannten ihn voller Respekt und Zuneigung ihren “Volkskönig”, weil er trotz seiner Krone nie den elitären Eindruck erweckte, über den Menschen zu stehen. Er war nahbar, humorvoll und zutiefst menschlich. Wer ein solches gigantisches Erbe antritt, wird vom ersten Tag an an Haltung gemessen, nicht an schönen, auswendig gelernten Reden. Und hier schließt sich der Kreis zu König Haakon. In dieser Woche seit dem Tod seines Vaters steht der 53-jährige Haakon nun an der Spitze der norwegischen Monarchie. Jahrzehntelang wurde er auf genau diese gewaltige Aufgabe vorbereitet, doch seine allerersten Tage als amtierender König sind Tage der tiefen Trauer. Und ausgerechnet in diesen dunkelsten Stunden muss er eine Frage beantworten, für die es in keinem Handbuch der Monarchie ein Protokoll gibt: Wie nah darf der straffällige Sohn seiner Frau, ein Mann mit Fußfessel, der glänzenden Krone kommen?
Denn der Grund für diese elektronische Fessel ist kein kavaliersdeliktischer Ausrutscher. Er ist zutiefst schwerwiegend. Marius Borg Høiby wurde nach norwegischem Recht zu vier Jahren Haft verurteilt – unter anderem wegen Vergewaltigung. Ein Verbrechen, das die Gesellschaft aufs Tiefste erschüttert. Seit der Verkündung dieses Urteils steht er massiv und unausweichlich im negativen Fokus der Öffentlichkeit. Und daran haben auch die ehrwürdigen Tage der Staatstrauer nicht das Geringste geändert. Für zahllose Menschen im ganzen Land ist diese Doppelmoral unglaublich schwer zusammenzubringen: Hier die aufrichtige, landesweite Trauer um einen warmherzigen, sehr beliebten König, der für Werte und Moral stand – und dort, in der ersten Reihe der Familie, ein Mann, der wegen einer so schweren, verachtenswerten Tat verurteilt wurde.
Doch es gibt ein juristisches und psychologisches Detail in dieser verworrenen Geschichte, das die Sache in ein noch seltsameres, fast absurdes Licht rückt. Die Untersuchungshaft von Marius läuft weiter – und zwar auf seinen ganz eigenen Wunsch hin. Høiby hat die Fortführung der Maßnahme zuletzt selbst freiwillig verlängert. Man muss diesen Umstand zweimal durchdenken, um die volle Tragweite zu erfassen. Was bedeutet das konkret für die Tage rund um die Beerdigung? Der Mann, der die Staatsanwaltschaft um jede noch so kleine Ausnahme für einen Trauerbesuch anflehen muss, hält den juristischen Zustand, der exakt diese demütigen Bitten erst nötig macht, aus freien Stücken selbst aufrecht. Er entzieht sich nicht dem Verfahren, er akzeptiert die Fessel, um vielleicht im Hintergrund Zeit für seine juristische Verteidigung zu gewinnen. Denn – und das ist der entscheidende Punkt in der juristischen Bewertung – Høiby hat gegen dieses schwere Urteil Berufung eingelegt. Rechtskräftig ist es damit formell noch nicht. Der Fall wird unweigerlich erneut vor Gericht verhandelt werden müssen, die Unschuldsvermutung spielt theoretisch noch eine Rolle, auch wenn das öffentliche Urteil längst gefällt scheint.
Man muss bei all der berechtigten gesellschaftlichen Kritik fairerweise auch die andere Seite der Medaille betrachten und fragen, wie das alles aus der intimen Sicht dieser Königsfamilie aussieht. Da stirbt ein geliebter Großvater, ein Familienoberhaupt, und ein Enkel möchte trotz all seiner Verfehlungen bei diesem unwiederbringlichen Abschied dabei sein. Die größte Last trägt in diesen Tagen zweifellos Mette-Marit. Sie ist zerrissen, sie ist in dieser Woche beides zugleich: Sie ist die Königin eines trauernden Landes, die Stärke und moralische Integrität ausstrahlen muss, und sie ist eine weinende Mutter, die ihren Sohn in dessen dunkelster Stunde nicht verstoßen will. Niemand, kein Berater und kein PR-Experte, kann ihr diese Zerrissenheit abnehmen oder auflösen. Aus rein familiärer Sicht ist jede dieser gerichtlich genehmigten Ausnahmen vollkommen nachvollziehbar, getrieben von tiefer menschlicher Bindung. Aus staatlicher und repräsentativer Sicht hingegen bleibt jede einzelne dieser Ausnahmen hochgradig erklärungsbedürftig und birgt enormen Sprengstoff für das Image des Königshauses.
Und über all dem schwebt das Damoklesschwert der Justiz. Die ausstehende Entscheidung im Berufungsprozess kann alles wieder verschieben, das Urteil mildern oder die Schande endgültig besiegeln. Am 9. September aber, wenn die Trauerglocken über Oslo läuten, wird zunächst ein ganz anderes Bild um die Welt gehen. Es wird das Bild einer Familie sein, die ihren König mit allen staatlichen Ehren beerdigt, und mittendrin, zwischen goldenen Uniformen und schwarzen Schleiern, steht ein junger Mann mit einer elektronischen Fußfessel, der am Abend nach dem Staatsakt wieder zurück nach Skaugum muss, unter die Aufsicht der Justiz.
Der bleibende Eindruck dieser historischen Tage ist jedoch nicht nur der Skandal um Marius. Es ist die Bewährungsprobe für den neuen Monarchen. König Haakon verabschiedet in dieser Woche nicht nur seinen Vater. Er zeigt dem norwegischen Volk und der Weltöffentlichkeit zum allerersten Mal, welche Art von König er sein will. Er entscheidet sich für den schwierigen, dornigen Weg. Er ist ein König, der die eigene, unperfekte Familie nicht verleugnet, der niemanden ins Exil schickt, um die glänzende Fassade zu wahren, und der die massive öffentliche Kritik, die zwangsläufig folgen wird, bewusst in Kauf nimmt. Ob diese Loyalität zur Familie am Ende ein Zeichen von royalem Mut oder von törichtem Leichtsinn ist, wird die Geschichte Norwegens zeigen. Doch an diesem 9. September wird Haakon beweisen, dass Blut auch im Königshaus dicker ist als das Protokoll.