Von der Weltspitze in die tiefste Hölle: Die ungeschminkte Wahrheit über den Absturz und die Wiedergeburt des Gerd Müller

Der Ball springt ihm vom Fuß. Es ist die 43. Minute im Münchener Olympiastadion, der 7. Juli 1974. Ein Tag, der sich in das kollektive Gedächtnis einer ganzen Nation einbrennen wird. Es ist der wichtigste Ball, den dieses Land je gesehen hat, und er tut in genau diesem entscheidenden Moment das, was er auf gar keinen Fall tun darf: Er springt weg. Rainer Bonhof hat ihn scharf und flach hereingespielt. Der stämmige Mann im weißen Trikot mit der Nummer 13 bekommt ihn nicht sauber unter Kontrolle. Der Ball prallt ihm vom Schuh und rollt hinter ihn – genau dorthin, wo ein Stürmer eigentlich nichts mehr zu suchen hat. Es ist eine Zehntelsekunde. Eine winzige, unscheinbare Zehntelsekunde, in der sich das Schicksal entscheidet. Wird Deutschland im eigenen Land Weltmeister, oder wird Johan Cruyff mit seiner legendären orangefarbenen Zauberelf den goldenen Pokal mit nach Hause nehmen? Und dann geschieht das, was seit einem knappen Jahrzehnt in jedem verdammten Strafraum des europäischen Kontinents geschieht. Der Mann dreht sich. Er dreht sich nicht elegant, nicht klassisch schön. Er dreht sich auf diesen kurzen, viel zu dicken Oberschenkeln, die ihm sein allererster Trainer einmal so spöttisch abgesprochen hatte. Er dreht sich schneller, als ein niederländischer Weltklasse-Verteidiger auch nur blinzeln, geschweige denn reagieren kann. Er stochert, er schiebt den Ball flach ins lange Eck. Es steht 2:1 für Deutschland.

Doch was fast niemand in diesem bebenden Stadion weiß, was die 60 Millionen Menschen vor den flimmernden Röhrenfernsehern im ganzen Land nicht einmal erahnen, während sie heiser schreien, Freudentränen weinen und wildfremde Nachbarn umarmen: Dieser Mann, der gerade Geschichte geschrieben hat, trägt ein dunkles Geheimnis in sich. Er hat dem damaligen Bundestrainer Helmut Schön bereits drei Tage zuvor in einem leisen Gespräch mitgeteilt, dass er nach diesem Finale nie wieder für die deutsche Nationalmannschaft auflaufen wird. Er ist gerade einmal 28 Jahre alt. Er steht auf dem absoluten Zenit. Er hat den höchsten Punkt erreicht, den ein Fußballer in seinem Leben überhaupt erreichen kann, und er hat im Stillen längst beschlossen, von diesem Gipfel wieder hinunterzusteigen. Um zu begreifen, wer dieser Mann war, der da in München den Ball auf so unnachahmliche Weise ins Tor drehte, muss man weit zurückblicken. Zurück in eine kleine, beschauliche Stadt im bayerischen Schwaben.

Dorthin, wo ein riesiger Meteorit vor Millionen von Jahren ein kreisrundes Loch in die Landschaft geschlagen hat und die Menschen viel später eine wehrhafte Stadtmauer darum bauten: Nördlingen. Am 3. November 1945, ein knappes halbes Jahr nach dem verheerenden Ende des Zweiten Weltkriegs, in einem zerschlagenen Land aus Trümmern, Lebensmittelmarken und allgegenwärtigem Hunger, kommt Gerhard Müller zur Welt. Er ist das fünfte und jüngste Kind von Johann Heinrich Müller und seiner Frau Christina Caroline. In den späteren Geschichtsbüchern und glänzenden Nachschlagewerken wird stehen, er sei in „ärmlichen Verhältnissen“ aufgewachsen. Das ist die höfliche, fast schon beschönigende Formel. In Wahrheit bedeutet das: drangvolle Enge, kalte Räume, verdammt wenig auf dem Teller und ständige Existenzangst, bei der jede einzelne Mark umgedreht werden muss.

Vom Vater ist in den vielen Erinnerungen erstaunlich wenig überliefert. Er bleibt eine seltsame Leerstelle in einer Lebensgeschichte, die ansonsten bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet ist. Vielleicht liegt genau darin schon ein leiser, wehmütiger Hinweis auf einen Jungen, der sehr früh lernen musste, sich seine Welt ganz allein zusammenzusuchen. Was bleibt, ist die prägende Figur der Mutter, die verzweifelt versuchte, das bisschen Geld zusammenzuhalten, und ein älterer Bruder namens Heinz. Heinz war es, der dem kleinen Gerhard einen Plastikball schenkte. Ein echter Lederball? Das war damals unvorstellbarer Luxus, etwas für die Kinder der reichen Leute. Das erste große Spielfeld des späteren Weltmeisters liegt direkt vor der Haustür am Stenglesbrunnen in Nördlingen. Dort treffen sich die Kinder jeden Nachmittag nach der Schule. Dort wird unermüdlich gespielt, bis die Dunkelheit hereinbricht. Barfuß auf dem harten Kies. Und schon damals, in diesen unbeschwerten Tagen, fällt allen Beobachtern dasselbe auf: Alle Jungs wollen immer mit dem „Gerd“ in einer Mannschaft sein. Niemand will gegen ihn spielen.

Wenn er durch die verwinkelten Gassen der Nördlinger Altstadt läuft, kickt er andauernd irgendetwas vor sich her. Einen Stein, eine leere Blechdose, irgendein Ding, das rollt. Sein großes Vorbild in jener Zeit heißt Max Morlock, der Nürnberger Held und Weltmeister von Bern 1954. Wenn die Jungen auf der Straße ihre Rollen für das Spiel verteilen, dann ist er unweigerlich der Morlock. „Hadde“ nennen sie ihn daheim, zärtlich abgeleitet von Gerhard. Und Hadde wird er in Nördlingen bleiben, sein ganzes Leben lang. Selbst als längst die halbe Welt respektvoll von ihm spricht. Ein sonderlich guter Schüler ist er nicht, das wird er später mit einem verlegenen Lächeln selbst zugeben. Aber in seinen Zeugnissen steht geschrieben, dass er fleißig ist. Dass er aufmerksam ist. Mit 12 Jahren traut er sich endlich, schüchtern und zurückhaltend wie er ist, zum Training des Turn- und Sportvereins von 1861. Und dann beginnt etwas, das mit gesunder Menschenkenntnis und normaler Logik kaum noch zu erklären ist. In seiner letzten Jugendsaison schießt dieser unscheinbare Junge in einer einzigen Spielzeit Tore in einer astronomischen Größenordnung, die man normalerweise für einen dreisten Druckfehler in der Zeitung hält: weit über 200 Stück. Er ist nicht einfach nur ein Teil der Mannschaft. Er ist eine Naturgewalt.

Doch der Weg in den Profifußball ist kein Märchen. 1960, im zarten Alter von 15 Jahren, verlässt er die Volksschule und beginnt bodenständig eine Lehre als Weber. Später steht er auch als hart arbeitender Schweißer in einer Fabrik. Man muss sich dieses Bild heute einmal ganz genau vorstellen, in einer Zeit, in der man täglich von absurden Millionengehältern und exorbitanten Beraterhonoraren für Teenager liest: Der Mann, der zum mit Abstand größten Torjäger werden sollte, den dieses Land je hervorgebracht hat, sitzt Tag für Tag am Webstuhl und riecht abends nach Schweiß und heißem Metall. Er schließt diese Lehre sogar brav ab, auch wenn er den Beruf danach nie wieder ausüben wird. In der Saison 1963/64 läuft er für die Herrenmannschaft seines Nördlinger Vereins auf und schießt dort fast im Alleingang die Hälfte aller Tore. Der Aufstieg in die Landesliga ist die unausweichliche Folge.

Und plötzlich, wie aus dem Nichts, stehen die feinen Herren aus München vor dem bescheidenen Elternhaus in der Bergerstraße. Am 10. Juli 1964 fährt Walter Fembeck, der umtriebige Geschäftsführer des FC Bayern München, die 141 Kilometer von der Säbener Straße nach Nördlingen. Er ist pünktlich um 11:30 Uhr da. Er redet intensiv mit der Mutter. Und als es nur eine Stunde später erneut an der Tür klingelt und der Abgesandte des damals noch übermächtigen großen Münchner Rivalen TSV 1860 München davorsteht, ist alles längst in trockenen Tüchern. Der FC Bayern zahlt bescheidene 4.400 Mark Ablöse an den Nördlinger Verein und weitere 5.000 Mark an die Familie Müller. Warum 5.000 Mark? Weil die Mutter nicht gut bei Kasse ist. Das ist der historische Preis für den Mann, der bald darauf der beste Mittelstürmer der gesamten Fußballgeschichte werden sollte. Er wechselte den Besitzer für weniger Geld, als heute ein anständiger, zehn Jahre alter Gebrauchtwagen kostet. Die Quittung von damals liegt heute ehrfürchtig hinter Glas in einer beleuchteten Vitrine in München. Auf ihr steht ganz nüchtern: „Der Amateurspieler Gerhard Müller“.

Doch der Anfang in der großen Stadt München ist eine bittere Demütigung. Zlatko „Tschik“ Cajkovski, der kleine, runde und herzliche Jugoslawe, der die Bayern damals trainiert und aus jungen Talenten wie Franz Beckenbauer und Sepp Maier gerade aufstrebende Stars formt, schaut sich den neuen Jungen aus der Provinz an. Und er sieht in ihm keinen Fußballer. Er sieht Oberschenkel wie bei einem Ochsen. Er sieht einen Gewichtheber. Er sieht alles, nur nicht den Mann, der ihn als Trainer unsterblich machen wird. Er lässt den Neuzugang schmoren. Zehn lange, quälende Spiele lang sitzt der 18-Jährige auf der harten Holzbank und wartet auf seine Chance. Wer in diesen dunklen Wochen in seinen Kopf hätte schauen können, hätte wohl einen zutiefst verunsicherten Jungen aus der Provinz gesehen, der zum allerersten Mal in seinem jungen Leben schonungslos spürt, dass pures Talent allein rein gar nichts wert ist, wenn der Mann, der die Aufstellung diktiert, dich einfach nicht sehen will. Erst massiver Druck aus der Chefetage der Vereinsführung öffnet ihm widerwillig die Tür. 18. Oktober 1964, sein Debüt gegen den Freiburger FC. Die Bayern gewinnen 11:2. Müller trifft. Natürlich trifft er. Am Ende seiner allerersten Saison stehen unfassbare 33 Tore in 26 Spielen und der langersehnte Aufstieg in die neu gegründete Bundesliga. Aus dem verspotteten Gewichtheber wird in Cajkovskis gebrochenem Deutsch liebevoll „das kleine dicke Müller“. Aus dem bitteren Spott wird echte Zärtlichkeit, aus dem anfänglichen Zweifel wird ein Trainer, der jeden Sonntag unruhig und dankbar auf die Uhr schaut und betet, dass sein kleiner, dicker Stürmer noch einmal zuschlägt.

Man hat später im Journalismus und unter Taktikexperten viele schlaue Worte gesucht, um zu erklären, wie er das eigentlich machte. Groß war er nicht, gerade einmal 1,76 Meter. Schnell im landläufigen, athletischen Sinne war er auch nicht. Er hatte keine Übersteiger, keine raffinierten Tricks, er hatte keinerlei brasilianische Schnörkel in seinem Spiel. Aber er hatte diesen extrem niedrigen Schwerpunkt. Diese völlig absurde, unmenschliche Explosivität auf den ersten zwei, drei Metern. Und er hatte eine Gabe, etwas Magisches, das kein Trainer der Welt, egal wie gut er bezahlt wird, einem Spieler beibringen kann: Er wusste immer eine halbe Sekunde vor allen anderen 21 Spielern auf dem Feld, wohin der Ball fallen würde. Er nahm die Bälle kompromisslos, wie sie kamen. Abpraller, unberechenbare Querschläger. Im Sitzen, im Liegen, im Fallen. Mit der Hacke, mit dem Knie, ja sogar mit dem Hintern, wenn es eben sein musste. Hauptsache, das Leder war drin. Er selbst hat den martialischen Beinamen „Bomber der Nation“ sein Leben lang nie wirklich gemocht, weil er ihn für sachlich falsch hielt. Und er hatte völlig recht damit. Er bombte nichts in die Maschen. Er schob. Er stocherte. Er drehte sich in den unmöglichsten Winkeln. Er war der absolute Meister der kleinen, dreckigen Tore aus fünf Metern, nicht der spektakulären Hämmer aus dreißig Metern Entfernung. Doch genau darin lag seine unerreichte Größe, denn es sind exakt diese unschönen kleinen Tore aus fünf Metern, die am Ende die großen Meisterschaften entscheiden.

Im Oktober 1965, während einer unscheinbaren Kaffeepause in einem Laden am Münchner Ostbahnhof, sieht er ein Mädchen. Er ist 20 Jahre alt und verdient sich damals nebenher noch ein paar Mark als Halbtagskraft bei einem Möbelhändler dazu, weil das schmale Gehalt beim FC Bayern selbst für einen aufstrebenden jungen Spieler hinten und vorne noch nicht zum Leben reicht. Sie ist süße 16 und heißt Uschi Ebenböck. Der schüchterne Stürmer fasst sich ein Herz und lädt sie ins Kino ein. Sie gehen in einen staubigen Western mit John Wayne. Und irgendwo dort, in der Dunkelheit zwischen der flimmernden Leinwand und der letzten Sitzreihe, verlieben sie sich so innig und so gründlich ineinander, dass bereits elf Monate später die offizielle Verlobung folgt. Am 21. August 1967 treten sie in einer feierlichen Münchner Kirche vor den Traualtar. Er ist 21, sie gerade einmal 18. Und unter den vielen lächelnden Hochzeitsgästen sitzt ausgerechnet jener Trainer, der ihn am Anfang überhaupt nicht haben wollte. Als großzügiges Hochzeitsgeschenk des Vereins gibt es ein kleines Häuschen in einem ruhigen Vorort. Sie werden zusammenbleiben. Über alles hinweg, was in den kommenden Jahrzehnten noch auf sie zukommt. Und es wird noch einiges kommen. Brutale Jahre voller Schmerz. Bis zu seinem allerletzten Atemzug in einem sterilen Pflegeheim südlich von München wird diese außergewöhnliche Frau keine Sekunde von seiner Seite weichen.

Dann kommt das magische Jahr 1970, die Weltmeisterschaft in Mexiko. Die drückend dünne Luft, die gnadenlose Mittagshitze, das flimmernde, ehrfurchtgebietende Aztekenstadion. Für all die Männer, die damals als kleine Jungen gebannt vor den Schwarz-Weiß-Fernsehgeräten saßen und die heute längst graue Schläfen haben, ist dieser unvergessliche Sommer bis heute ein festes Stück ihrer ganz persönlichen Biografie. Im Vorfeld hatten die deutschen Zeitungen ein giftiges Duell inszeniert: Uwe Seeler gegen Gerd Müller. Der etablierte Hamburger Volksheld gegen den schwäbischen Emporkömmling. Und tatsächlich hatte es zwischen den beiden sturen Mittelstürmern im Training gewaltig geknirscht. Doch auf dem Platz passiert das völlig Unerwartete: Sie harmonieren blind, sie ergänzen sich perfekt. Und Müller trifft, trifft und trifft. Gegen Bulgarien, gegen Peru. Im dramatischen Viertelfinale gegen England, als Deutschland nach einem schockierenden Rückstand von zwei Toren noch zurückkommt und ausgerechnet Müller in der Verlängerung den Ball artistisch über die Linie drückt. Und dann folgt das Halbfinale gegen Italien. Das Spiel, das in die Geschichtsbücher eingeht und das sie bis heute ehrfürchtig das „Jahrhundertspiel“ nennen. 4:3 für Italien nach Verlängerung. Ein Spiel wie ein schwitziger Fiebertraum. Beckenbauer steht mit schmerzverzerrtem Gesicht und dem Arm in der Schlinge auf dem Rasen. Es fallen Tore im Minutentakt, und mittendrin ackert dieser gedrungene Mann, der zweimal trifft und am Ende doch als tragischer Verlierer vom Platz geht. Zehn Tore schießt er in einem einzigen Turnier. Er gewinnt den Goldenen Schuh. Am Ende dieses unglaublichen Jahres wird er zu Europas Fußballer des Jahres gekürt, zum besten Spieler des gesamten Kontinents. Der kleine Junge, der früher barfuß auf dem Nördlinger Kies gekickt hatte, ist nun ein gefeierter Weltstar.

Und was macht so ein echter Weltstar im Deutschland um das Jahr 1970? Er lässt sich kurzerhand einen wilden Pilzkopf schneiden, genau wie die Beatles, und er nimmt tatsächlich eine Schallplatte auf, auf der er singt. Wenn man das, was er da tut, denn wirklich Singen nennen will. Es ist ein bisschen komisch, ein bisschen peinlich und doch unglaublich rührend. Es sagt alles über diese unschuldige Zeit aus, in der der Profifußball gerade erst mühsam lernte, ein millionenschweres Geschäft zu sein. Hinter der kühlen Fassade des unerschütterlichen Torjägers steckte jedoch stets ein hochsensibler Mensch voller Ängste und kleiner, fast kindlicher Marotten. Er hatte sein ganzes Leben lang panische, schweißtreibende Angst vor dem Fliegen. Er zog in der Kabine immer akribisch zuerst den linken Schuh an, niemals den rechten. Er trug ein persönliches Amulett um den Hals, selbst auf dem Platz während der härtesten Spiele – das war damals noch nicht verboten. Man stelle sich dieses kuriose Bild einmal lebhaft vor: Der weltweit gefürchtetste Stürmer Europas läuft kampfbereit ins Stadion ein, um der gegnerischen Verteidigung die Karriere zu ruinieren, und klammert sich dabei innerlich an einen kleinen Talisman wie ein verängstigtes Kind.

Die Saison 1971/72 ist dann jenes Jahr, in dem etwas Historisches passiert, das kein vernünftiger Mensch jemals für möglich gehalten hätte und das ein halbes Jahrhundert lang unerreicht bleiben sollte: 40 Tore in einer einzigen Bundesliga-Spielzeit. 40 verdammte Tore! In derselben fantastischen Zeit gewinnt Deutschland die Europameisterschaft mit einer traumhaften Mannschaft, über die alte Männer heute noch mit feuchten Augen in den Kneipen sprechen. Mit Günter Netzer, der majestätisch aus der Tiefe des Raumes kam. Mit Beckenbauer, der die Position des Liberos und damit den Fußball an sich quasi neu erfand. Im Finale gegen die Sowjetunion trifft Müller souverän zweimal. Er wird Torschützenkönig des Turniers, er ist auf dem absoluten Zenit seiner Leistungsfähigkeit. Und er ist, das darf man bei all diesen Zahlen nicht vergessen, gerade einmal 26 Jahre alt.

Doch dieser unmenschliche Erfolg hat einen hohen Preis, und diesen zahlt Gerd Müller in einer unsichtbaren Währung, über die er zu Lebzeiten nie öffentlich sprach. In diesen glorreichen Jahren, in denen die Bayern unaufhaltsam zur absoluten Weltmacht aufsteigen, sitzt er nach den Spielen in einer Kabine voller lauter, kluger, extrem redegewandter Männer. Da ist Beckenbauer, der „Kaiser“, elegant, geschliffen, ein echter Weltmann. Da ist Paul Breitner, der rebellische Intellektuelle mit der provozierenden Mao-Fibel in der Hand. Da ist Uli Hoeneß, der gewitzte Geschäftsmann, der schon damals auf dem Platz schneller wirtschaftlich denkt als alle anderen zusammen. Und mittendrin sitzt der kleine schwäbische Weberlehrling, der nicht gern große Reden schwingt. Der extrem ungern im grellen Mittelpunkt steht. Der doch eigentlich einfach nur seine Tore schießen will. 1973 hätte er beinahe ein lukratives Angebot des FC Barcelona angenommen, weil er das quälende Gefühl nicht loswurde, in dieser arroganten Mannschaft voller Alphatiere nur die zweite Geige zu spielen – und das, obwohl er doch derjenige war, dessen Tore den ganzen Laden überhaupt erst zusammenhielten. Er blieb schließlich in München. Aber das schleichende Gefühl, permanent unterschätzt und intellektuell belächelt zu werden, ist wie ein hungriger Wurm, der sich langsam, aber unaufhaltsam durch ein ganzes Leben frisst.

Dann kommen die drei Jahre, in denen dem FC Bayern ganz Europa gehört. Die großen Triumphe im Europapokal der Landesmeister. Man kann all diese Titel aufsagen wie ein heiliges Gebet, und trotzdem erklären diese kalten Zahlen rein gar nichts über den zerbrechlichen Menschen Gerd Müller. Zurück ins Olympiastadion, zurück zu jener 43. Minute im Finale 1974. Warum hatte er Bundestrainer Schön gesagt, dass endgültig Schluss sei? Es geschah nicht aus bockigem Trotz, nicht aus blindem Zorn. Er war erschöpft. Er wollte schlichtweg mehr Zeit für seine geliebte Frau und für seine kleine Tochter Nicole haben, die, wie er später halb im Scherz und halb verzweifelt erzählte, allmählich „Onkel“ zu ihm sagte, weil sie ihren viel beschäftigten Vater so selten zu Gesicht bekam. Das war der eigentliche Grund für seinen Rücktritt.

Und dann kam dieser schicksalhafte Abend nach dem größten Sieg, den dieses Land seit 18 Jahren erlebt hatte. Im prächtigen Bankettsaal des Hotels saßen die hochrangigen DFB-Funktionäre mit ihren eleganten Ehefrauen an weißgedeckten Tischen. Man trank Champagner, man feierte sich selbst. Währenddessen mussten die Spielerfrauen, die treuen Frauen der frisch gebackenen Weltmeister, draußen vor der Tür bleiben. Sie waren nicht eingeladen. Sie waren schlichtweg nicht erwünscht. Aus Protest verließen die Weltmeister von 1974 angewidert ihre eigene, offizielle Siegesfeier und verstreuten sich lieber in die dunklen Bars und Diskotheken der Münchner Innenstadt. Es ist bis heute eine der traurigsten und beschämendsten Szenen des deutschen Fußballs. Und für Gerd Müller war es der allerletzte Stoß, der seinen ohnehin geplanten Entschluss unumstößlich besiegelte. Mit nur 28 Jahren, nach 62 Länderspielen und sagenhaften 68 Toren – einer brutalen Quote, die es in dieser Höhe auf diesem Niveau schlicht nie wieder geben wird – war er fertig mit der Nationalmannschaft. Fertig mit dem DFB. Jahre später hat er in einem seltenen, schwachen Moment zugegeben, dass er es aus heutiger Sicht vielleicht anders machen würde. Dass er 1976 gerne noch die Europameisterschaft gespielt hätte. „Ein Hilferuf“, sagte er traurig, und er wäre sofort zurückgekommen. Doch dieser Hilferuf aus Frankfurt kam nie.

Der Abstieg beginnt so leise und unauffällig, wie er fast immer beginnt. Im Januar 1977 muss er sich einer schweren Bandscheibenoperation unterziehen. Der geschundene Körper, der ihn 13 lange Jahre durch jeden noch so brutalen Zweikampf getragen hatte, meldet sich schmerzhaft zurück. Er wird 1978 zwar noch einmal Torschützenkönig, es ist ein letztes, großes, trotziges Aufbäumen, aber die magischen Momente, in denen der „alte Müller“ blitzartig aufblitzt, werden spürbar seltener. Und dann kommt der 3. Februar 1979. Ein Auswärtsspiel in Frankfurt. Der damalige Trainer Pal Csernai tut an diesem Tag etwas, das in 15 Jahren zuvor noch niemand gewagt hatte: Er wechselt Gerd Müller aus. Zum allerersten Mal in seiner gesamten Karriere beim FC Bayern muss er den Platz verlassen, während das Spiel noch läuft. Man muss diesen stolzen Mann gut kennen, um wirklich zu verstehen, was das für ihn bedeutete. Er hat danach nicht getobt. Er hat in der Kabine nicht gebrüllt. Er hat in der Zeitung nicht weinerlich gejammert. Er war einfach nur gekränkt. Tief, unheilbar und auf diese ganz stille, typisch schwäbische Art, die keine laute Aussprache kennt und folglich auch keine Versöhnung zulässt. Nur eine einzige Woche später läuft er ein letztes Mal für den FC Bayern auf. Dann packt er wortlos seine Koffer und flüchtet nach Florida.

Fort Lauderdale. Palmen, endloser Strand, brennende Sonne. Ein Land, in dem niemand wusste, wer dieser kleine, dicke Mann eigentlich war. Er spricht kein einziges Wort Englisch. Seine Frau Uschi hat vor der hastigen Abreise noch schnell einen Crashkurs belegt, damit sich wenigstens einer in der Familie verständigen kann. Er spielt für die dortige Mannschaft, und natürlich trifft er auch dort das Tor. Aber es ist ein Plastik-Fußball wie eine grelle Fototapete: laut, künstlich bunt und völlig ohne echtes Gewicht. Es gibt gutes Geld zu verdienen. Finanzberater raten ihm, dieses Geld „arbeiten“ zu lassen, und so kauft er leichtgläubig ein amerikanisches Steakhaus an einem belebten Boulevard, das von nun an in Leuchtschrift seinen Namen trägt. Dort werden amerikanische und deutsche Spezialitäten serviert. Nur: Was um Himmels willen soll er dort tun? Das Management führen? Kochen? Die Gäste kellnern? Ein einfacher Weberlehrling aus Nördlingen, der sein ganzes Leben lang nichts anderes gelernt hat, als in einem 16-Meter-Raum eine halbe Sekunde vor allen anderen zu wissen, wohin der Ball springt, steht plötzlich hilflos zwischen unverständlichen Rechnungen, skrupellosen Lieferanten und chaotischen Personalplänen. Die deutschen Zeitungen zu Hause spotten gnadenlos über den einstigen Bomber, der als Gastronom nach Amerika ausgewandert ist. Sie merken in ihrer Arroganz nicht, dass sie über einen Mann spotten, der gerade in diesem Moment dabei ist, jeglichen Halt im Leben zu verlieren.

Mitte der 80er Jahre kehrt die Familie desillusioniert nach München zurück. Ohne Job, ohne jegliche Aufgabe. Ohne diesen einen festen, heiligen Termin in der Woche, um den herum sich 30 Jahre lang das komplette Leben gedreht hatte. Und genau hier, an diesem düsteren Punkt, wird aus einer strahlenden Sportlerbiografie eine universelle Geschichte über das, was unweigerlich mit einem Menschen passiert, wenn man ihm seinen einzigen Lebenssinn wegnimmt. Er fängt an zu trinken. Erst trinkt er nur abends. Dann schon mittags. Schließlich gleich morgens nach dem Aufstehen. Die feine Münchner Gesellschaft, die sich noch eine Weile so gern mit dem strahlenden Weltmeister geschmückt hatte, verliert rasant das Interesse an ihm, weil er auf ihrem glatten Parkett einfach nicht funktioniert. Weil er keinen Smalltalk kann, nicht posieren, nicht im Rampenlicht schillern will. Bei prominent besetzten Benefizspielen füllen sie den ehemals Größten heimlich ab und lachen dann schamlos über ihn, wenn er lallend über den Rasen stolpert. Manchmal gibt er für ein paar mickrige Mark stundenlang Autogramme in Einkaufszentren, ansonsten sitzt er apathisch zu Hause. Die Steuerfahndung beginnt, sich intensiv für ihn zu interessieren. Es geht um nicht bezahlte Rechnungen und um Wohnungen, die gepfändet werden sollen. Er ist Mitte 40. Er hat auf dem Platz alles gewonnen, was man als Mensch überhaupt gewinnen kann. Und nun hat er absolut nichts mehr, wofür er morgens aufstehen müsste. Später, als er wieder klar sehen konnte, hat er es so beschrieben: Zuerst bist du ganz oben, du schwebst im Himmel. Und dann fällst du. Du fällst und fällst endlos, und plötzlich, wenn du aufschlägst, bist du in der Hölle.

Seine Frau Uschi reicht schließlich die Scheidung ein. Nicht aus mangelnder Liebe, nicht aus eiskalter Berechnung. Sondern aus purer, nackter Verzweiflung. Weil sie es einfach nicht länger mit ansehen kann, wie der Mann, den sie einst mit 16 Jahren im Kino kennengelernt hat, sich Tag für Tag konsequent selbst zerstört. Sie hat diese brutale Zeit später als ihre eigene persönliche Hölle bezeichnet. Und trotzdem – und das ist einer dieser ganz wenigen, leuchtenden Momente in dieser düsteren Geschichte, in denen einem wirklich das Herz aufgeht – bleibt sie. Sie überlegt es sich im letzten Moment noch einmal anders.

Es ist bei einem unbedeutenden Spiel der Bayern-Traditionsmannschaft, als sein alter Weggefährte Sepp Maier den beißenden Alkoholgeruch schon wahrnimmt, als sein Freund nur die Tür zur Kabine öffnet. An der Kleidung, am ganzen Körper, überall haftet dieser süßliche Gestank nach Verfall. Maier schlägt sofort Alarm. Und dann tut Uli Hoeneß, der damalige Manager des FC Bayern, genau das Einzige, was in solchen ausweglosen Fällen wirklich hilft und was gleichzeitig das Allerschwerste ist: Er drängt nicht. Er schreit nicht. Er sagt seinem ehemaligen Mitspieler ruhig und bestimmt ins Gesicht, dass der gesamte Verein ihm helfen wird. Aber nur unter einer einzigen Bedingung: Wenn er sich auch wirklich helfen lassen will. Und Hoeneß fügt hinzu, dass seine Bürotür ab sofort immer für ihn offensteht. Müller wiegelt im ersten Moment ab, eine typische Reaktion der Sucht. Er trinke doch nur ein bisschen was zur Entspannung. Er zieht sich beleidigt zurück. Und dann, nach quälenden Wochen des Schweigens, steht er plötzlich wie ein Häufchen Elend in dieser Bürotür und flüstert, dass er Hilfe braucht. Dass er ein massives Alkoholproblem hat.

Was danach folgt, ist kein glorreiches Heldenstück, sondern ein grausamer, dreckiger Überlebenskampf. Entzug. Entgiftung. Klinik. Fünf Tage liegt Gerd Müller auf der geschlossenen Intensivstation. Davon hat er später gesagt, es seien fünf Tage der totalen, schwarzen Leere gewesen. Ein schwarzes Loch, keinerlei Erinnerung. Die Ärzte hätten ihm hinterher kopfschüttelnd erzählt, er habe sich im Delirium aufgeführt wie ein kompletter Wahnsinniger. Sein großes Glück, dass er absolut nichts mehr davon weiß. Der behandelnde Professor ruft irgendwann verzweifelt in München an und sagt dem Bayern-Manager, er brauche vorerst nicht mehr zu Besuch zu kommen. Man versetze Herrn Müller nun in ein künstliches Koma. Es sei lebensbedrohlich, aber zwingend notwendig, um ihn nicht zu verlieren. Im November 1991 erscheint in der größten und auflagenstärksten Boulevardzeitung des Landes allen Ernstes ein detailliertes Tagebuch seiner Entziehungskur. Ganz Deutschland liest sensationslüstern beim Frühstück mit, wie der gefallene Bomber der Nation im dürren Nachthemd wehrlos am Tropf hängt. Man kann sich nur sehr schwer vorstellen, was eine solche öffentliche Demütigung für einen introvertierten Mann bedeutet, der sein Leben lang nicht gern über sich selbst gesprochen hat.

Doch das Wunder geschieht. Er kommt zurück. Er bleibt trocken, und zwar vom ersten Entzug an. Etwas, was selbst die erfahrensten Ärzte für ein kleines medizinisches Wunder halten, denn die Rückfallquote bei schwerem Alkoholismus ist erbarmungslos hoch. Aber ein trockener Mann ohne eine feste Aufgabe ist weiterhin ein Mann auf Bewährung. Und das wissen die Verantwortlichen beim FC Bayern ganz genau. Also bekommt er 1992 den vielleicht schlechtest bezahlten, aber gleichzeitig wichtigsten Vertrag seines gesamten Lebens. Er wird fest angestellt. Seinen Trainerschein macht er nebenbei auch noch. Er betreut fortan die Jugend, sucht neue Talente, arbeitet hingebungsvoll als Stürmertrainer. Er sitzt jahrelang bescheiden als Assistent bei der zweiten Mannschaft auf der Bank, meistens an der Seite von Hermann Gerland, später neben Mehmet Scholl. 22 Jahre lang. Bis ins Jahr 2014. Er steht wieder jeden verdammten Morgen auf einem grünen Platz, im Trainingsanzug und alten Fußballschuhen, und zeigt 17-jährigen Jungs, wie man den Ball im 16-Meter-Raum am besten annimmt, wenn er mal wieder ungünstig springt. Einer dieser jungen, aufmerksamen Schüler heißt kurioserweise ebenfalls Müller mit Nachnamen, Thomas mit Vornamen, und er wird später selbst ein gefeierter Weltmeister. Thomas Müller hat oft und voller Respekt erzählt, wie unglaublich viel er von dem stillen, älteren Mann an der Seitenlinie gelernt hat. Wenn man Gerd Müller in diesen ruhigen, glücklichen Jahren fragte, was denn nun der größte Triumph seines ganzen Lebens gewesen sei, dann nannte er nicht dieses goldene Tor im Münchner Olympiastadion. Er nannte nicht die unerreichbaren 40 Tore. Nicht den Europapokal. Er blickte einem ernst in die Augen und sagte, dass er diese verdammte Sucht besiegt habe. Das sei sein größter Sieg gewesen, viel wichtiger noch als der begehrte Weltmeistertitel. Und jeder, der ihn kannte, wusste ganz genau, dass er das nicht nur sagte, um künstlich bescheiden zu wirken. Er meinte es exakt so, wie er es sagte.

Es gibt eine unfassbare Grausamkeit im Leben mancher Menschen, die sich jeglicher logischen Erklärung entzieht. Da kämpft sich ein Mann mit letzter Kraft aus dem tiefsten, dunkelsten Loch heraus, gewinnt zwei volle Jahrzehnte lang ein ruhiges, verdientes Glück. Morgens das Training auf dem Platz, abends gemütlich heim zu seiner Uschi. Im Sommer spielt er lachend Schafkopf mit den alten Freunden. Und dann, aus heiterem Himmel, kommt eine Krankheit, gegen die es keinen Entzug gibt. Gegen die keine Klinik hilft. Und gegen die auch kein Uli Hoeneß etwas ausrichten kann, der schützend die Bürotür aufhält. Etwa ab dem Jahr 2014 wird es für sein Umfeld offensichtlich. Zuerst ist es nur eine leichte Vergesslichkeit, dann leidet die Sprache, schließlich werden die Bewegungen unkoordiniert. Der Verein FC Bayern München baut, mit den örtlichen Journalisten in einem stillschweigenden, ehrenvollen Bunde, einen schützenden Kokon um ihn herum, damit er solange wie möglich das Gefühl behält, noch mitten im Leben und im Verein zu stehen. Es funktioniert erstaunlich lange gut. Im Oktober 2015 machen die Bayern die schwere Alzheimer-Erkrankung schließlich öffentlich, im engen Einvernehmen mit seiner tapferen Frau und seiner Tochter. Ein ganzes Land erfährt unter Schock, dass der Mann, an den es sich so unendlich gern erinnert, sich selbst nicht mehr erinnern kann.

Die letzten, schweren Jahre verbringt er in einem Pflegeheim in Wolfratshausen, südlich von München gelegen, dort, wo die majestätischen Voralpen anfangen. Uschi kommt jeden Tag zu ihm. Jeden einzelnen Tag. Bis auf jene dunklen Wochen, in denen eine weltweite Pandemie die Türen des Heims unbarmherzig verschloss. Ihre Goldene Hochzeit feiern sie leise im Heim. 57 Jahre, nachdem er sie als junger Halbtagsjobber in einem Kaffeeladen am Ostbahnhof zum ersten Mal schüchtern angesprochen hatte. Er erkennt sie noch sehr lange. Er freut sich kindlich, wenn sie kommt, und er ist wundersamerweise nicht traurig, wenn sie wieder geht. Und man weiß nicht, was von beidem für sie schwerer zu ertragen ist.

Am frühen Morgen des 15. August 2021, an einem ruhigen Sonntag, schläft Gerhard Müller aus Nördlingen für immer ein. Er wird 75 Jahre alt. In den Tagen danach reden sie in den Talkshows alle wieder von den unfassbaren 365 Bundesligatoren, die wohl niemand mehr je erreichen wird. Von den 68 Treffern in 62 Länderspielen. Von den 40 Toren in einer einzigen Saison, an denen sich 50 Jahre lang jeder Stürmer die Zähne ausgebissen hat, bis schließlich einer kam, der sie einstellte – aber eben nur einstellte. Franz Beckenbauer sagt in seiner Trauer den entscheidenden Satz, der alles enthält: Dass sie ohne Gerd Müller niemals so groß geworden wären. Weder er selbst, noch dieser mächtige Verein FC Bayern München.

In seiner Heimatstadt Nördlingen stellen sie eine bronzene Statue von ihm auf. An der riesigen Arena in München ebenfalls. Und das bescheidene Stadion, auf dem er einst als Junge angefangen hat, trägt längst seinen großen Namen. Aber diese kalten Statuen aus Bronze sind nicht das, woran man wirklich denkt, wenn man abends still im Sessel sitzt und die alten, verblassten Bilder im Kopf ablaufen lässt. Man denkt an dieses gedrungene Männlein mit den wuchtigen Ochsenschenkeln, das im Strafraum lauerte wie eine geladene, tödliche Falle. An den Hintern, der herausgestreckt wurde, die kurze, explosive Drehung, den krachenden Schuss. Man denkt an das flimmernde Aztekenstadion, an die Hitze und an einen deutschen Sommer, in dem plötzlich alles möglich schien. Man denkt an Väter, die vor Röhrenfernsehern aufsprangen, an Zigarettenrauch im Wohnzimmer, an ein zerrissenes Land, das nach dem Krieg gerade erst dabei war, sich selbst wieder ein bisschen zu mögen. Und man denkt vielleicht, ganz am Ende, an einen kleinen, unschuldigen Jungen, der barfuß über den harten Kies rennt, unermüdlich eine leere Blechdose vor sich hertreibend. Durch die engen Gassen einer schwäbischen Kleinstadt. Immer weiter, immer weiter. Ein Junge, der in diesem Moment noch nicht ahnt, wohin ihn dieses rollende Geräusch einmal in seinem Leben tragen wird.

Disclaimer: This story is fictional and created for entertainment purposes only. Any names, characters, places, or events are fictitious or used fictitiously. No real person or organization is intended to be portrayed.

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