„Unsere Beziehung ist ein oller Schuh“: Das 18 Jahre streng gehütete Geheimnis des TV-Kommissars Jaecki Schwarz
„Unsere Beziehung ist ein oller Schuh.“ Mit diesem einen, beinahe sprichwörtlich gewordenen Satz beantwortete der legendäre deutsche Schauspieler Jaecki Schwarz im heißen August des Jahres 2004 eine Frage, die in ihrer Dimension eigentlich sehr viel größer und komplexer war. Kein Name fiel in diesem Moment. Keine ausschweifende Erklärung folgte den Mikrofonen. Nur dieser eine Satz, fast ein wenig trotzig und beiläufig hingesagt, als würde man über das wechselhafte Wetter oder das gestrige Abendessen sprechen. Die auflagenstarke „Bild am Sonntag“ hatte ihn zuvor gemeinsam mit einem Mann gesehen. An seiner Seite, mitten in der Öffentlichkeit, scheinbar ohne jedes krampfhafte Versteckspiel. Millionen von deutschen Fernsehzuschauern kannten und liebten Jaecki Schwarz zu diesem Zeitpunkt längst als den stoischen, unbestechlichen Kommissar Schmücke aus dem „Polizeiruf 110“. Ein Mann, der im Fernsehen die absolute Ordnung verkörpert, der bei Verhören stets ganz genau hinschaut, der den Verbrechern absolut nichts durchgehen lässt. Und ausgerechnet dieser medial präsente Mann, der in unzähligen Wohnzimmern ein gern gesehener Gast ist, lässt sich zu diesem intimsten aller Themen nur einen einzigen, fast schon spröden und abwehrenden Satz entlocken. Was genau sich hinter diesem „ollen Schuh“ verbarg, verschwieg er an jenem Tag der schreibenden Zunft beharrlich. Dabei reicht die faszinierende Geschichte dahinter beachtliche 18 Jahre zurück und sie beginnt lange, bevor die Berliner Mauer fiel und Deutschland zu einer neuen Einheit zusammenwuchs.
Wir schreiben das Jahr 1986. Die Stadt ist Ost-Berlin, die Atmosphäre geprägt von den politischen Spannungen des Kalten Krieges, aber auch von einer pulsierenden, subversiven Kulturszene. Jaecki Schwarz ist zu diesem Zeitpunkt bereits seit über zehn Jahren fest am weltberühmten Berliner Ensemble engagiert. Er ist kein unbeschriebenes Blatt mehr; Millionen Bürger der DDR kennen sein markantes Gesicht bereits aus dem staatlichen Fernsehen, aus zauberhaften Märchenfilmen und spannenden Krimiserien. Auf der traditionsreichen Bühne des Ensembles, wo noch der Geist von Bertolt Brecht weht, begegnet er in diesem schicksalhaften Jahr einem jungen, aufstrebenden Schauspielschüler, der gerade erst mit seiner künstlerischen Ausbildung begonnen hat. Sein Name ist Hagen Henning. Die Funken fliegen nicht vor den Kameras, sondern in der geschützten Welt hinter den Kulissen. Nur ein Jahr später, 1987, steht Jaecki Schwarz zum allerersten Mal für die populäre Reihe „Polizeiruf 110“ vor der Kamera. Zwar agiert er hier noch nicht als leitender Kommissar, sondern lediglich in einer Nebenrolle, aber genau diese Serie wird ihn Jahre später zu einem der mit Abstand bekanntesten und bestbezahlten Gesichter des gesamtdeutschen Fernsehens machen. In diesen späten Achtzigerjahren beginnen für den Mimen zwei völlig unterschiedliche Wege zur exakt selben Zeit. Der eine Weg führt ihn unaufhaltsam und immer weiter hinein in das gleißende Rampenlicht der Öffentlichkeit. Der andere Weg jedoch bleibt fest verwurzelt im dunklen, schützenden Schatten hinter der Bühne, streng limitiert auf den engen, vertrauten Kreis von loyalen Freunden und Kollegen.
Man muss die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen jener Zeit verstehen, um die Dynamik dieser Liebe greifen zu können. In der Deutschen Demokratischen Republik war Homosexualität zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr strafbar. Der berüchtigte Paragraph 175, der homosexuelle Männer in der Bundesrepublik Deutschland noch jahrzehntelang erbarmungslos verfolgte, stigmatisierte und in Gefängnisse brachte, wurde im Osten deutlich früher entschärft und abgeschafft. Jaecki Schwarz selbst hat diese spezifische politische Situation später in Interviews oft sehr treffend beschrieben: „Man habe sie in Ruhe gelassen. Er habe offen gelebt.“ Doch „offen leben“ bedeutete in diesem speziellen, ostdeutschen Kontext der Achtzigerjahre etwas sehr Bestimmtes und Begrenztes. Zuhause in den eigenen vier Wänden, in den Garderoben der Theater, unter den bohrenden, aber toleranten Blicken der Künstlerkollegen ist die homosexuelle Beziehung zu Hagen Henning absolut kein Geheimnis. Es ist eine unbestrittene Tatsache. Doch draußen auf den Straßen, auf den Premierenfeiern und vor den Objektiven der staatlichen Kameras bleibt Jaecki Schwarz der unantastbare Ermittler. Der starke Mann, der jeden vertrackten Fall aufklärt und der symbolisch für die eiserne Ordnung des Staates steht. Je populärer und bekannter sein Gesicht auf den Bildschirmen der Republik wird, desto weniger Platz scheint in dieser streng durchgetakteten Welt für ein Privatleben zu bleiben, das einfach nicht in das spießbürgerliche Idealbild jener Zeit passt. Die Schere zwischen öffentlicher Wahrnehmung und privater Realität klafft mit jedem Karriereschritt weiter auseinander.

Dann kommt das Jahr 1989. Zwei Jahre nach seinem ersten beiläufigen Auftritt im Polizeiruf öffnet sich im kühlen November die Berliner Mauer. Ein welthistorisches Ereignis, das den Lauf der Geschichte für immer verändert. Mit der Mauer verschwindet über Nacht ein ganzer Staat, der genau jene stille Grauzone in seinem Privatleben überhaupt erst möglich gemacht hatte. Ein Land, das ihn, wie er selbst sagt, in seiner Nische „in Ruhe gelassen hatte“. Und gleichzeitig verschwindet ein vertrauter Fernsehsender, der ihn gerade erst mühsam zu einem festen, prägenden Gesicht aufbaute. Es sind zwei gewaltige Kräfte, die plötzlich in völlig entgegengesetzte Richtungen ziehen und eine existenzielle Unsicherheit auslösen. Was bleibt am Ende von dem einen, wenn der andere immer stärker wird? Die Ironie des Schicksals erreicht am 9. November 1989 ihren tragischen Höhepunkt. An genau diesem historischen Abend trinkt Jaecki Schwarz nach einer anstrengenden, emotionalen Vorstellung im Berliner Ensemble deutlich mehr Alkohol als sonst. Die Dämonen, die ihn schon länger begleiten, übernehmen die Kontrolle. Hinter der Bühne bricht sein von der Sucht geschwächter Kreislauf völlig zusammen. Er wird in einem kritischen Zustand eilig ins Krankenhaus eingeliefert. Genau in dieser einen, unvergesslichen Nacht öffnet sich draußen die Berliner Mauer. Die Massen strömen weinend und jubelnd zu den Grenzübergängen. Doch in dem sterilen Krankenzimmer von Jaecki Schwarz gibt es weder ein Radio noch einen Fernseher. Von der historischen Sensation, die die Welt in Atem hält, bekommt der gefeierte Schauspieler zunächst absolut nichts mit. Er liegt isoliert in seinem eigenen, persönlichen Überlebenskampf.
Erst Tage später, beim Besuch seiner besorgten Mutter am Krankenbett, erfährt er beiläufig, was draußen in der Welt wirklich geschehen ist. Mehr als ein erstauntes, ungläubiges „Ach“ habe er in diesem völlig surrealen Moment nicht herausgebracht, gesteht er viele Jahre später entwaffnend ehrlich in einem Interview. Kurz nach dieser unfassbaren historischen Wende und seiner eigenen körperlichen Kapitulation beginnt er eine harte, entbehrungsreiche Entziehungskur. Er hat den Abgrund gesehen. Seit dem Jahr 1990 lebt der Schauspieler konsequent und bewundernswert nüchtern. Zwei fundamentale Umbrüche passieren in einer einzigen Nacht. Ein ganzer Staat verschwindet von der Landkarte, ein Staat, der seine gleichgeschlechtliche Beziehung all die Jahre stillschweigend geduldet hatte. Zur exakt gleichen Zeit verliert Jaecki Schwarz die letzte Kontrolle über sein eigenes Leben, nur um sie sich danach mühsam und schmerzhaft zurückzuerobern. Erst viele Jahre später, in einer prominent besetzten Fernsehshow bei Markus Lanz im Jahr 2012, fasst er schonungslos zusammen, wie er sich selbst in dieser verrückten neuen Zeit, im vereinten Deutschland, sah. Er gehöre, so sagte er damals sinngemäß mit einem Schuss Galgenhumor, gleich drei Randgruppen auf einmal an: Er sei schwul, alkoholkrank und ostdeutsch. Drei gewaltige Etiketten, die im nun vereinten, kapitalistischen Deutschland plötzlich alle gleichzeitig und zentnerschwer an ihm haften. In der alten DDR war kurioserweise keines davon ein wirklich präsentes, offenes Diskussionsthema gewesen. Aber eben auch keines, das ihn öffentlich auf Schritt und Tritt verfolgt hätte. Jetzt, im neuen, lauten Land, wiegt jedes einzelne dieser Etiketten für sich genommen schwer und verlangt nach ständiger Rechtfertigung.
Die tiefe, innige Beziehung zu seinem Partner Hagen Henning übersteht all diese monströsen Herausforderungen. Die Sucht, den Systemwechsel, den unaufhaltsamen beruflichen Aufstieg. Jaecki Schwarz bleibt im hart umkämpften Fernsehen der neunziger Jahre extrem präsent, nun jedoch vor einem kritischen gesamtdeutschen Millionenpublikum. Der Mann an seiner Seite bleibt für die breite Öffentlichkeit weiterhin ein gesichtsloser Unbekannter. Ein Geist. 14 lange Jahre im vereinten Deutschland. 14 Jahre des strategischen Schweigens in Talkshows, auf roten Teppichen und in Boulevard-Interviews. Während er selbst im Laufe der Jahre immer offener, mutiger und schonungsloser über seinen Kampf mit dem Alkohol und seine ostdeutsche Herkunft spricht, bleibt er nur über diese eine, absolut wesentliche Sache all die Jahre auffällig und konsequent still. Bis zum Sommer 2004. Hagen Henning tourt zu diesem Zeitpunkt erfolgreich mit zwei verschiedenen Bühnenproduktionen kreuz und quer durch Deutschland. Die gefeierte Komödie „Zu dir oder zu mir“ und die unterhaltsame Comedy-Show „Ach du liebe Zeit“ bringen auch ihm langsam mediale Aufmerksamkeit. Bei der glanzvollen Filmpremiere von „I, Robot“ in Berlin passiert dann das Unvermeidliche: Die beiden zeigen sich gemeinsam, unbefangen und ohne falsche Distanz auf dem roten Teppich im Blitzlichtgewitter der Fotografen. Wenig später konfrontiert die mächtige „Bild am Sonntag“ Jaecki Schwarz direkt und ohne Umschweife mit der entscheidenden Frage: „Wer ist dieser mysteriöse Mann? Was verbindet Sie beide wirklich?“ Jaecki Schwarz weicht der Frage diesmal nicht aus. Er leugnet nicht, er fabuliert nicht. Er antwortet mit jenem legendären, erdenden Satz, der später zum Synonym für Understatement wird: „Unsere Beziehung ist ein oller Schuh.“
Zu exakt diesem Zeitpunkt sind die beiden Männer bereits unglaubliche 18 Jahre lang ein Paar. 18 Jahre voller Höhen und Tiefen, von denen die sensationslüsterne Öffentlichkeit bis zu genau diesem Tag absolut nichts wusste. In einem späteren, sehr reflektierten Interview erklärt Jaecki Schwarz ausführlich, warum er diese essenzielle Wahrheit nie aktiv mit Lügen verborgen, aber eben auch nie mit Megafonen verkündet hat. Er habe sein Leben nie versteckt, sagt er sinngemäß. Es sei ihm schlichtweg auch nie wichtig gewesen, seine sexuelle Orientierung aktiv „an die große Glocke zu hängen“. Genau in diesem einen unscheinbaren Satz liegt der wahre, tiefgründige Kern dieser ganzen unglaublichen Geschichte. Kein Versteck, aber auch keine laute Ankündigung. Eine simple Lebenswahrheit, die für ihn selbst in seinem tiefsten Inneren nie ein Geheimnis, nie ein Tabu oder gar eine Belastung war. Für die schockierte Öffentlichkeit aber beginnt diese Wahrheit in genau diesem Moment überhaupt erst zu existieren. Millionen Zuschauer kennen Jaecki Schwarz als den unerschütterlichen Mann, der im Fernsehen für Gerechtigkeit und Ordnung sorgt. Ausgerechnet dieser geradlinige Mann hat 18 Jahre lang eine Wahrheit über sich selbst durchs Leben getragen, ohne dass es irgendjemand außerhalb seines engsten, loyalsten Kreises wusste. Nicht, weil er sich schämte oder es verheimlichen wollte, sondern schlicht und ergreifend, weil es für ihn selbst nie eine existenzielle Frage war, die er sich stellen musste. Für ihn war die Sache längst und endgültig geklärt, lange bevor sie für alle anderen, für die Reporter und Fans, überhaupt erst zum spannenden Thema wurde. Ein „oller Schuh“ – das bedeutet im übertragenen Sinne etwas unendlich Vertrautes, etwas perfekt Eingelaufenes. Etwas, worüber man in der Partnerschaft nicht mehr viele große Worte verlieren muss, weil es längst völlig selbstverständlich zum eigenen Leben gehört. Für die aufgeregte Öffentlichkeit klingt der Satz nach purem Understatement; für Jaecki Schwarz selbst ist er schlicht die einfachste, reinste Wahrheit, die er überhaupt kennt.

Diese 18 Jahre der medialen Stille enden unwiderruflich an diesem heißen Sommertag im August. Doch was bei den allermeisten Paaren wohl der glorreiche, befreiende Anfang einer völlig neuen, offenen und glücklichen Ära wäre, ist bei Jaecki Schwarz und Hagen Henning etwas fundamental anderes. Denn die unsichtbare Uhr, die an diesem Tag vor den Kameras zu laufen beginnt, zählt nicht mehr die unzähligen glücklichen Jahre, die sie gemeinsam verbringen werden. Sie zählt unbarmherzig nur noch die wenigen Jahre, die ihnen als Paar überhaupt noch bleiben. Im bitterkalten Januar 2006, gerade einmal mickrige eineinhalb Jahre nach dem viel beachteten Outing-Interview mit der Zeitung, gibt Jaecki Schwarz völlig überraschend das endgültige Ende der Beziehung bekannt. Es sei doch „völlig normal, dass man sich irgendwann trenne“, sagt er damals mit kühler Sachlichkeit gegenüber einer Berliner Boulevardzeitung. So etwas passiere schließlich ständig und überall auf der Welt, fügte er hinzu, gestand aber gleichzeitig ein, dass es natürlich ein enormer, schmerzhafter Einschnitt in seinem Leben sei. 20 Jahre. Nicht 18. Bis zur endgültigen, schmerzlichen Trennung waren es am Ende ganze 20 Jahre, die Jaecki Schwarz und Hagen Henning ihr Leben miteinander geteilt haben. 20 Jahre, die 1986 im magischen Halbdunkel des Berliner Ensembles hoffnungsvoll begannen und die schließlich in einem knappen, unsentimentalen Satz gegenüber der Klatschpresse enden. Kurz nach dieser öffentlichen Ankündigung meldet sich auch Hagen Henning zu Wort. Zu diesem Zeitpunkt hält er sich bereits im fernen Südafrika auf – gemeinsam mit einem neuen Mann an seiner Seite. „Ja, er habe einen neuen Partner“, bestätigt er die Gerüchte kurz, bündig und fast schon geschäftsmäßig. Es ist eine Sachlichkeit, die so unfassbar gut zu einer Beziehung passt, die unglaubliche 20 Jahre lang nie ein großes, emotional ausgeschlachtetes öffentliches Thema war.
Was bleibt, ist die bemerkenswerte Chronik einer Partnerschaft, die drei Jahre vor dem Fall der Berliner Mauer begann und die chaotische Wende unbeschadet überstand. Die 14 Jahre lang im vereinten Deutschland für Millionen Fans unsichtbar blieb, dann in einem einzigen, flapsigen Satz sichtbar wurde und die am Ende genauso leise und unaufgeregt endet, wie sie einst im Theater begonnen hat. Doch für Jaecki Schwarz ist damit das letzte, entscheidende Kapitel seiner Biografie noch lange nicht geschrieben. Ein ganzes Land hatte er einmal verloren, beinahe ohne es in seinem Rausch zu bemerken. Seine große Liebe verliert er nun mit vollem, schmerzhaftem Bewusstsein. Was bleibt einem Mann, der beides überstanden und überlebt hat? Was Jaecki Schwarz der lauernden Boulevardzeitung im Januar 2006 nicht sofort auf die Nase bindet, ist der eigentliche, zutiefst menschliche Grund für das Ende dieser Ära: Hagen Henning hatte sich neu verliebt. 20 Jahre nach jenem ersten, funkelnden Abend am Berliner Ensemble endet die Beziehung nicht etwa an schleichender Gleichgültigkeit, sondern schlicht an der brutalen Realität, dass einer der beiden noch einmal völlig von vorne beginnen will. Jaecki Schwarz nimmt diesen massiven Schicksalsschlag nicht gefasst hin, wie er später in leiseren Momenten zugibt. Er hatte sich seinen Lebensabend definitiv ganz anders vorgestellt. Doch anstelle von schmutzigen Vorwürfen, Eifersuchtsdramen oder Medienspektakeln wählt er in jenem denkwürdigen Trennungs-Interview einen Satz, der ihn wieder direkt zu seinen intellektuellen Wurzeln zurückführt. Er zitiert Bertolt Brecht aus dem „Gedicht von der Dialektik“: „Das Sichere ist nicht sicher.“ Und in feiner Anlehnung an seine schauspielerische Heimat fügt er sinngemäß hinzu, dass es eben so, wie es ist, nicht bleiben werde. Kein öffentlicher Rosenkrieg folgt, keine schlammigen, gegenseitigen Vorwürfe werden in der Sensationspresse gewaschen. Stattdessen passiert etwas, das in der schrillen, egozentrischen Boulevardwelt extrem selten ist: Zwei Männer schaffen es, sich weiterhin nah zu bleiben. Räumlich, aber vor allem menschlich. Auch lange nachdem die romantische Liebe zu Ende gegangen ist, bleibt ein unerschütterlicher Respekt bestehen.
Dieser Umgang mit dem Verlust zeigt die wahre Größe des Mannes hinter dem Fernsehkommissar. Neun Jahre nach der schmerzhaften Trennung, im Jahr 2015, verrät Jaecki Schwarz in einem entspannten Gespräch mit der Zeitschrift „Super Illu“, dass er nicht mehr allein durchs Leben geht. Wer der neue Mann an seiner Seite sei, das wolle er jedoch nicht verraten. Das Publikum solle ruhig ein wenig raten, schmunzelte er, dabei sei er doch eigentlich überhaupt nicht abergläubisch, was das Verstecken von Beziehungen angehe. Sechs weitere Jahre später, im kühlen Februar 2021, ändert sich für ihn dann noch einmal etwas ganz Grundsätzliches, etwas, das weit über seine eigene Person hinausstrahlt. Gemeinsam mit 184 weiteren deutschen Schauspielerinnen und Schauspielern beteiligt sich Jaecki Schwarz an einem historischen Manifest im Magazin der angesehenen „Süddeutschen Zeitung“ unter dem Hashtag #actout. Sie alle bekennen sich darin öffentlich, solidarisch und furchtlos zu ihrer queeren sexuellen Identität. Gemeinsam, vereint und mit vollem Namen auf dem Titelblatt einer der wichtigsten Publikationen des Landes. Stolze 75 Jahre ist Jaecki Schwarz zu diesem bedeutsamen Zeitpunkt alt. Neben ihm auf dieser Liste stehen aufstrebende Kolleginnen und Kollegen, von denen unzählige noch gar nicht auf der Welt waren, als seine eigene geheime Liebesgeschichte 1986 im Osten Berlins begann. Es ist nun definitiv kein „oller Schuh“ mehr, den man nur noch beiläufig und genervt am roten Teppich erwähnt. Es ist vielmehr eine klare, kraftvolle Erklärung, die er dieses Mal völlig selbstbestimmt wählt. Eine politische und gesellschaftliche Positionierung, die er aktiv teilt, mit seinem bekannten Namen darunter, den wirklich jeder in der Republik lesen kann.
Die alte, bohrende Frage, für wen er all die Jahrzehnte eigentlich „offen gelebt“ hat, bekommt an diesem Tag im Magazin der Süddeutschen Zeitung eine wunderbare, umfassende Antwort, die vor über drei Jahrzehnten im Schatten des Berliner Ensembles noch niemand auch nur ansatzweise hätte voraussehen können. Heute lebt Jaecki Schwarz in Berlin, unweit des Brandenburger Tors. Kinder hat er keine in die Welt gesetzt, doch einsam fühle er sich in seinem Leben definitiv nicht, betont er sinngemäß in aktuellen Interviews. Die Zeit hat Spuren hinterlassen. Sein Sehvermögen auf dem rechten Auge ist seit einem medizinischen Vorfall im Jahr 2013 stark eingeschränkt und beeinträchtigt seinen Alltag. Und trotzdem, allen Widrigkeiten zum Trotz, steht dieser unverwüstliche Charakterkopf weiterhin vor den Kameras und spielt bis heute seine feste, geliebte Rolle in der deutschen Krimilandschaft. Seine Lebensgeschichte ist mehr als nur die Biografie eines Schauspielers; sie ist ein beeindruckendes Spiegelbild der deutschen Zeitgeschichte, von der Teilung über die Wende bis hin zur Gegenwart. Eine Geschichte über Liebe, Geheimnisse, den Mut zum Loslassen und die späte, aber endgültige Freiheit, ganz man selbst zu sein.