„So lächerlich!“ – Tom Gerhardt platzt der Kragen und verteidigt Thomas Gottschalk mit harschen Worten gegen heftige Sexismus-Vorwürfe
Wenn es um die Person Thomas Gottschalk geht, scheiden sich in Deutschland mittlerweile spürbar die Geister. Der Mann, der über Jahrzehnte hinweg als das unangefochtene und strahlende Gesicht der deutschen Samstagabendunterhaltung galt, sieht sich in den vergangenen Jahren zunehmend mit massivem Gegenwind konfrontiert. Das gesellschaftliche Klima hat sich rasant gewandelt. Was in den achtziger und neunziger Jahren auf der berühmtesten Couch der Republik noch als charmanter Flirt, als lockerer Spruch oder als vollkommen unbedenkliche, kumpelhafte Berührung galt, wird im Zeitalter der Sensibilisierung, von #MeToo und tiefgreifenden feministischen Diskursen einer extrem kritischen Neubewertung unterzogen. Inmitten dieses tosenden Sturms aus scharfer Kritik, medialer Empörung und moralischen Debatten hat der legendäre Entertainer nun jedoch einen überaus prominenten und unerwartet leidenschaftlichen Fürsprecher gefunden. Kein Geringerer als der Schauspieler und Kult-Comedian Tom Gerhardt, den ein Millionenpublikum vor allem durch seine Paraderolle als cholerischer „Hausmeister Krause“ kennt und liebt, stellt sich in diesen Tagen demonstrativ und mit einer unglaublichen verbalen Wucht vor seinen langjährigen Branchenkollegen. Die Art und Weise, wie Gerhardt in die laufende Debatte eingreift, sorgt derzeit für enormen Zündstoff in der deutschen Medienlandschaft und wirft faszinierende, aber auch überaus unbequeme Fragen über unsere Erinnerungskultur, über verfehlte Machtstrukturen und über den Umgang mit aus der Zeit gefallenen Fernsehikonen auf.
Die Ausgangslage dieses massiven Konflikts ist tief in der Aufarbeitung der deutschen Fernsehgeschichte verwurzelt. Den konkreten Anlass für Gerhardts flammendes Plädoyer zugunsten von Thomas Gottschalk bildete die Veröffentlichung der vielbeachteten Kinodokumentation „Was haben wir gelacht“. In diesem aufsehenerregenden filmischen Werk kommen prominente Frauen der deutschen Unterhaltungsbranche, darunter die Schauspielerin Esther Schweins und die Entertainerin Hella von Sinnen, ausführlich zu Wort. Sie blicken mit einer Mischung aus nostalgischer Distanz und spürbarem Schmerz auf das damalige Gebaren männlicher Fernsehgrößen zurück. Im absoluten Zentrum der Kontroverse steht dabei ein ganz spezifischer Rückblick: Es geht um den viel diskutierten Auftritt von Esther Schweins in der ZDF-Erfolgsshow „Wetten, dass..?“ im Jahr 1996. Die Schauspielerin schildert in der Dokumentation auf sehr eindrückliche, fast schon beklemmende Weise, wie unwohl, bedrängt und regelrecht ohnmächtig sie sich in jener damaligen Situation gefühlt habe. Alte Archivaufnahmen, die nun wieder ans Tageslicht gefördert wurden, dokumentieren schonungslos, wie der damals allmächtige Showmaster Thomas Gottschalk sie ungefragt und besitzergreifend an der Hand nahm, sie auf die Couch führte, wiederholt eine fast schon distanzlose körperliche Nähe suchte und sexualisierende, auf ihr reines Äußeres reduzierte Kommentare über sie fällte. Dass Esther Schweins, eine damals junge und aufstrebende Künstlerin, in diesem Moment vor einem Millionenpublikum schlichtweg zu eingeschüchtert, zu perplex und zu stark in den hierarchischen Strukturen der Branche gefangen war, um ihr offenkundiges Unbehagen lautstark zu artikulieren, wird von heutigen Kritikern vollkommen zu Recht als ein eklatanter Ausdruck des damals tief verankerten, toxischen Machtgefälles im Fernsehgeschäft gewertet. Es war eine Ära, in der Männer die alleinigen Spielregeln diktierten und Frauen allzu oft als bloßes, dekoratives Beiwerk in den glitzernden Kulissen fungierten.

Genau an diesem hochsensiblen Punkt schaltet sich nun der 68-jährige Tom Gerhardt mit einer Vehemenz ein, die viele Beobachter geradezu fassungslos zurücklässt. Schon vor einiger Zeit hatte der Schauspieler in dem populären Podcast „Hafenbar“ seine unmissverständliche, männliche Solidarität mit dem in die Kritik geratenen Thomas Gottschalk bekundet. Dort bezeichnete er die anhaltende Kritik an dem Entertainer bereits als schlichtweg „lächerlich“ und im höchsten Maße „heuchlerisch“. Wer jedoch dachte, Gerhardt würde es bei diesen spontanen Äußerungen belassen, sah sich getäuscht. In einem aktuellen, ausführlichen Gespräch mit der Münchner Abendzeitung legt der Comedian nun noch einmal massiv nach und erklärt die gesamte öffentliche Debatte für komplett unverhältnismäßig und moralisch verfehlt. Aus seiner ganz persönlichen, streitbaren Perspektive arbeiteten sich die zahlreichen Kritiker und Analysten derzeit völlig grundlos und mit einem regelrechten Vernichtungswillen an einem Mann ab, der demnächst seinen 80. Geburtstag feiere. Gerhardts Verteidigungsstrategie ist dabei ebenso facettenreich wie hochproblematisch. Auf der einen Seite versucht er den Anschein von Empathie zu wahren. Er betont ausdrücklich, dass er die subjektiven Wahrnehmungen der betroffenen Frauen keinesfalls kleinreden oder gar abwerten wolle. Es sei selbstverständlich und unbestritten ihr gutes Recht, sich in den damaligen Situationen unwohl, herabgesetzt oder bedrängt gefühlt zu haben. Auch räumt Tom Gerhardt in einem seltenen Moment der Einsicht durchaus ein, dass Frauen in der harten, männerdominierten Unterhaltungsbranche der Vergangenheit leider sehr gerne und fast schon systematisch ausschließlich auf ihr äußeres Erscheinungsbild und ihre „Sexiness“ reduziert wurden. Er erkennt also zumindest in Ansätzen an, dass die viel beschworene „Bussi-Bussi-Gesellschaft“ vor und nach den Kameras für viele beteiligte Frauen alles andere als ein reines Vergnügen war.
Doch anstatt diesen überaus wichtigen, richtigen und schmerzhaften Befund als notwendigen Ausgangspunkt für eine längst überfällige, kritische und heilsame Reflexion über toxische Machtstrukturen und systematischen Sexismus in der deutschen Fernsehlandschaft zu nutzen, verrennt sich Tom Gerhardt im nächsten Atemzug völlig unbemerkt in einen klassischen und in Debatten dieser Art leider sehr häufig verwendeten rhetorischen Fehlschluss: den sogenannten „Whataboutism“. Mit einer Schärfe, die den eigentlichen Kern der Diskussion komplett zu übertünchen droht, wendet er sich direkt an die Kritikerinnen und Kritiker von Thomas Gottschalk und feuert eine geopolitische Argumentation ab, die die Absurdität der Situation auf die Spitze treibt. Sinngemäß poltert Gerhardt: Wenn man denn schon in der heutigen, schnelllebigen Zeit die unglaubliche Muße und die überschüssige Energie besitze, sich derart ausgiebig, kleinteilig und obsessiv um alte, fast vergessene Sendungen von Thomas Gottschalk aus den neunziger Jahren zu kümmern, warum stehe man dann bitteschön nicht erst einmal mit der gleichen Vehemenz für die wirklich knallharten, grausamen, realen und physischen Torturen auf, denen Millionen von Frauen tagtäglich in oppressiven Ländern wie Afghanistan oder dem Iran schutzlos ausgeliefert seien? Mit diesem rhetorischen Manöver versucht Gerhardt nicht nur, die Diskussion auf eine völlig andere, scheinbar unanfechtbare globale Ebene zu verlagern, sondern er entwertet im selben Moment die sehr realen, seelischen Verletzungen und die grenzüberschreitenden Erfahrungen von Frauen wie Esther Schweins in der heimischen Medienbranche.
Die Verwendung eines solchen Whataboutisms ist in der Soziologie und Konfliktforschung bestens dokumentiert und wird scharf kritisiert, da sie im Kern nicht dazu dient, ein Problem zu lösen, sondern es vielmehr durch das Heranziehen eines vermeintlich noch viel größeren, schrecklicheren Übels zu relativieren und zum Schweigen zu bringen. Natürlich ist das entsetzliche Leid, das Frauen unter extremen, fundamentalistischen Regimen im Nahen Osten oder in Asien erfahren, von einer unvorstellbaren und grausamen Brutalität, die jeglicher Menschlichkeit entbehrt. Daran gibt es nicht den geringsten Zweifel. Doch diese unbestreitbare globale Tragödie macht die alltäglichen, subtileren und strukturellen Grenzverletzungen, die Respektlosigkeiten und die Ausnutzung von beruflichen Abhängigkeitsverhältnissen in der westlichen Welt, speziell in der Unterhaltungsindustrie der vergangenen Jahrzehnte, keinesfalls ungeschehen, irrelevant oder gar diskutabel. Es ist durchaus möglich, und in einer reifen, fortschrittlichen Gesellschaft sogar zwingend erforderlich, zwei Dinge gleichzeitig zu tun: sich unermüdlich für globale Menschenrechte einzusetzen und zeitgleich den Mut aufzubringen, mutig vor der eigenen Haustür zu kehren und die toxischen Verfehlungen der eigenen, nationalen kulturellen Idole kritisch zu hinterfragen und historisch aufzuarbeiten. Tom Gerhardts Versuch, die berechtigte und schmerzhafte Kritik an Thomas Gottschalks damaligem, übergriffigem Verhalten mit dem Verweis auf das unermessliche Leid afghanischer Frauen schlichtweg vom Tisch zu wischen, ist daher nicht nur logisch unhaltbar, sondern wirkt auf viele Betroffene und Beobachter wie ein bewusster, respektloser verbaler Schlag ins Gesicht all jener Frauen, die gerade erst mühsam lernen, über ihre lang verdrängten negativen Erfahrungen im Rampenlicht zu sprechen.

Darüber hinaus offenbart die lautstarke Verteidigung durch Tom Gerhardt einen gigantischen, fast schon unüberbrückbaren Generationenkonflikt, der unsere heutige Gesellschaft in vielen Bereichen durchzieht. Wir erleben hier das Aufeinanderprallen zweier völlig unterschiedlicher Wertesysteme. Auf der einen Seite steht eine Generation von Fernsehmachern und Künstlern, die in einer Zeit aufgewachsen und beruflich sozialisiert wurden, in der bestimmte Verhaltensweisen, Herrenwitze und unaufgeforderte Berührungen als völlig normal, als Ausdruck von Lockerheit und als unverzichtbarer Teil des Showgeschäfts galten. Für Männer wie Thomas Gottschalk oder eben auch Tom Gerhardt war dieses Verhalten nicht primär böswillig intendiert, sondern es entsprach schlichtweg dem blinden Fleck des damaligen gesellschaftlichen Konsenses, der fast ausschließlich von Männern in Machtpositionen definiert wurde. Wenn diese Männer nun im Herbst ihres Lebens feststellen müssen, dass die Gesellschaft sich fundamental weiterentwickelt hat und ihre einstigen Taten plötzlich als übergriffig, sexistisch und inakzeptabel gebrandmarkt werden, reagieren viele von ihnen naturgemäß mit einer tiefen, schmerzhaften Abwehrhaltung, mit völligem Unverständnis und einem gekränkten Stolz, der sich in Wut kanalisiert. Sie fühlen sich ihres Lebenswerkes beraubt und sehen sich als Opfer einer vermeintlich humorlosen, überkorrekten „Cancel Culture“, die angeblich alles zerstören wolle, was in der Vergangenheit Spaß gemacht habe. Auf der anderen Seite steht jedoch eine neue, sensibilisierte Generation – unterstützt von jenen Frauen, die damals stumm leiden mussten –, die vollkommen zu Recht einfordert, dass wir als moderne Zivilisation die ungesunden Strukturen der Vergangenheit schonungslos benennen müssen, um eine gerechtere, sicherere und respektvollere Zukunft für alle Beteiligten gestalten zu können.
Die tiefgreifende Debatte, die durch die Dokumentation „Was haben wir gelacht“ neu entfacht und durch Tom Gerhardts harsche, relativierende Äußerungen nun zusätzlich massiv befeuert wurde, ist daher weit mehr als nur ein oberflächlicher, temporärer Klatsch- und Tratsch-Skandal über einen in die Jahre gekommenen, blond gelockten Moderator und seinen schimpfenden, polternden Kollegen. Es ist vielmehr ein hochspannendes, gesellschaftliches Lehrstück über die schmerzhafte Evolution von moralischen Standards, über die zersetzende Natur von struktureller Macht und über die ungemeine psychologische Schwierigkeit einer gesamten Nation, sich kritisch und ehrlich mit den verborgenen, hässlichen Schattenseiten der eigenen, vermeintlich so unbeschwerten popkulturellen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Die unerträgliche Stille und das beklemmende Gefühl der Ohnmacht, die Esther Schweins damals, im Jahr 1996, auf der Fernsehcouch durchleben musste, stehen stellvertretend für die stummen Erfahrungen unzähliger Frauen, die in jener Zeit dem System ausgeliefert waren. Wenn wir als Gesellschaft diese alten Archivaufnahmen heute nicht nutzen, um daraus wichtige Lektionen zu lernen, Empathie zu entwickeln und ein Bewusstsein für grenzüberschreitendes Verhalten zu schärfen, dann verraten wir genau die Werte, für die wir in der modernen Welt eigentlich stehen wollen. Tom Gerhardt mag in seiner ungefilterten, impulsiven Art glauben, einem alten Freund, einer Legende des deutschen Fernsehens, in Zeiten der Not einen unschätzbaren, ritterlichen Gefallen getan zu haben. Doch in Wahrheit hat er durch seine wütende Rhetorik und seinen sachlich fehlerhaften Whataboutism der ohnehin schon stark beschädigten Causa Gottschalk wohl eher einen gigantischen, irreparablen Bärendienst erwiesen. Die Zeit, in der unangenehme Wahrheiten mit einem lauten, autoritären Lachen, einem jovialen Schulterklopfen oder dem zynischen Verweis auf schlimmere Orte auf dieser Welt einfach weggewischt werden konnten, ist in der heutigen Gesellschaft endgültig, unwiderruflich und glücklicherweise vorbei.