Romy Schneider: Die tragische Wahrheit hinter dem Sissi-Mythos, skrupellose Ausbeutung und das stille Ende von Rosemarie Albach
Am 2. Juni 1982 trugen sie einen schweren Sarg über einen kleinen, unscheinbaren Dorffriedhof in Boissy-sans-Avoir, einem ruhigen Ort rund 50 Kilometer westlich von Paris, den zuvor kaum ein Mensch überhaupt kannte. Es waren nur wenige Trauergäste gekommen, darunter treue Weggefährten wie Jean-Claude Brialy, Michel Piccoli, Claude Sautet und Alain Delon. Es gab an diesem grauen Tag kein ohrenbetäubendes Blitzlichtgewitter der Paparazzi, keine kreischenden Menschenmassen am Straßenrand und keine aufdringlichen Kameras, die jeden Tränentropfen dokumentierten. Nur eine kleine, intime Handvoll Menschen hatte sich versammelt, die Romy Schneider nicht als die unantastbare Kinogöttin gekannt hatten, sondern als eine loyale, verletzliche Freundin. Auf dem schlichten Grabstein, der bald in der kühlen Erde versinken sollte, stand jedoch ein Name, der viele überraschte. Nicht Romy Schneider. Erst recht nicht Sissi. Dort stand in klaren, einfachen Lettern: Rosemarie Albach. Es war exakt jener Name, den die 30 Millionen Zuschauer, die sie auf der Leinwand jahrzehntelang angehimmelt hatten, niemals gehört hatten. Ein Jahr zuvor hatte sie dem Magazin “Stern” ein letztes, zutiefst bewegendes und ehrliches Interview gegeben. Darin sagte sie mit einer Stimme, die von harter Lebenserfahrung und tiefem Schmerz gezeichnet war: “Sissi, ich bin doch längst nicht mehr. Ich bin eine unglückliche Frau von 42 Jahren und heiße Romy Schneider.” Die Bilanz am Ende ihres Lebens war gleichermaßen beeindruckend wie erschütternd: 61 Filme, 43 Lebensjahre, zwei gescheiterte Ehen, ein toter Sohn und auf dem Grabstein jener Name, den sie bei ihrer Geburt trug, nicht der, den die Welt kannte und unerbittlich feierte. Doch wer war diese Rosemarie Albach wirklich, bevor die Welt sie zur strahlenden Romy machte? Was kostete es sie an Kraft, Seele und Tränen, das unbarmherzig aufgezwungene Bild der ewigen Kaiserin abzulegen?
Rosemarie Magdalena Albach wurde am 23. September 1938 in Wien geboren, hinein in eine wahre Dynastie von gefeierten Schauspielern. Ihr Vater, Wolf Albach-Retty, spielte am renommierten Volkstheater, ihre Mutter Magda Schneider war ein strahlender Filmstar und ihre Großmutter Rosa Albach-Retty eine verehrte Hofschauspielerin. Drei Generationen pure Bühne. Es war eine Familie, für die das Leben im Rampenlicht der einzige denkbare Existenzzweck war. Doch Rosemarie sah ihre leiblichen Eltern in ihren ersten Lebensjahren kaum. Bereits vier Wochen nach der Geburt brachten sie das winzige Kind zu den Großeltern nach Schönau am Königssee auf das idyllische Gut Mariengrund. Eine Gouvernante übernahm fast vollständig die Betreuung im ersten Lebensjahr. Die Eltern waren ständig auf Dreharbeiten, rastlos und selten zu Hause. Sie trennten sich schließlich 1943, und die formelle Scheidung folgte im Jahr 1945. Rosemarie wurde kurzerhand ins Internat auf Schloss Goldenstein bei Salzburg geschickt. Dort, fern von der Wärme und Geborgenheit eines echten, liebevollen Zuhauses, schrieb sie am 10. Juni 1952 einen Satz in ihr kleines Tagebuch, der ihre gesamte Zukunft bestimmen sollte: “Wenn es nach mir ginge, würde ich sofort Schauspielerin werden, so wie Mami.” Das junge Mädchen wollte in Wahrheit nicht Schauspielerin werden, weil es die Bretter, die die Welt bedeuten, so innig liebte. Es wollte ganz einfach die Aufmerksamkeit und die Liebe der Mutter zurückgewinnen. Die immense Sehnsucht nach Magda wurde unmittelbar zur Sehnsucht nach der Schauspielerei, ganz als wäre der kräftezehrende Weg auf die Leinwand der einzig verbliebene Weg zurück in die Arme ihrer Mutter. Ihr Vater Wolf Albach-Retty schrieb ihr einmal zynisch, aber vielleicht schmerzhaft treffend: “Steck deine Kindheit in die Tasche und renne davon, denn das ist alles, was du hast.” Als er 1967 starb und auf dem Wiener Zentralfriedhof beigesetzt wurde, kletterten skrupellose Reporter rücksichtslos über den Friedhofszaun, um Romy am offenen Grab weinend zu fotografieren. Selbst in der tiefsten familiären Trauer gab es keinen einzigen Moment, der ihr allein gehörte.

Am 11. Dezember 1953 heiratete Magda Schneider den einflussreichen Kölner Großgastronomen Hans Herbert Blatzheim. Rosemarie war zu diesem Zeitpunkt 15 Jahre alt. Von genau diesem Tag an gehörte ihr Leben ihr endgültig nicht mehr selbst. Blatzheim übernahm die absolute, diktatorische Kontrolle über alles. Er verwaltete Romys rasant steigende Einnahmen, wählte ihre Rollen mit eiserner Hand aus und hatte ein weitreichendes Einspruchsrecht bei jedem Drehbuch und bei der Wahl der Regisseure. Er lehnte sogar lukrative und künstlerisch immens wertvolle Angebote von Luis Buñuel ab, einem der bedeutendsten und revolutionärsten Regisseure der Filmgeschichte. Romy wurde gezwungen, ihn respektvoll “Daddy” zu nennen. “Daddy Blatzheim” und Magda, die stets bedingungslos hinter dem neuen Mann und ihrer Tochter stand, flüsterten ihr bei öffentlichen Auftritten ununterbrochen ins Ohr: “Jetzt lächeln, lächle!” Wo immer Blatzheim eines seiner neuen Restaurants eröffnete – und es waren am Ende über achtzig florierende Betriebe in ganz Westeuropa –, musste Romy als glamouröses, medienwirksames Aushängeschild erscheinen. Er nutzte ihren klangvollen Namen, ihre immense Bekanntheit und ihr makelloses Gesicht gnadenlos für seine eigenen, rein geschäftlichen Zwecke aus. Die luxuriöse Villa am Luganersee taufte er großspurig “Maroma”, zusammengesetzt aus Magda, Rosemarie und Margot. Selbst der intimste Ort, an dem sie lebte, gehörte nicht ihr allein, sondern war zu einem bloßen, kommerziellen Markenzeichen degradiert worden. Was jedoch mehr als zwanzig Jahre lang niemand auch nur ahnte, vertraute Romy im Jahr 1976 der renommierten Journalistin Alice Schwarzer in einem tiefen, verzweifelten Gespräch an. Das erschütternde Tonband wurde erst viele Jahre später der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Auf Französisch, ganz als reichte ihre deutsche Muttersprache nicht aus, um das Grauen in klare Worte zu fassen, erzählte Romy: “Er hat mir unmissverständlich vorgeschlagen, mit mir zu schlafen.” Es war kein Ausrutscher, kein Einzelfall. Romy musste sich oft panisch auf der Toilette einschließen und dorthin fliehen, um seinen Zudringlichkeiten zu entkommen. In ihrem eigenen Haus, unter dem Dach jenes Mannes, den sie ehrfürchtig “Daddy” nennen musste. Das absolute Schlimmste daran: Magda wusste es. Wie Schwarzer später fassungslos berichtete, kommentierte die Mutter die Vorfälle lakonisch und kühl mit den Worten, er habe wohl in Romy lediglich eine jüngere Verkörperung von ihr selbst gesehen. Das Mädchen Rosemarie wurde im eigenen Haus absolut nicht geschützt – weder vom übergriffigen Stiefvater noch von der ignoranten Mutter, die lieber schwieg, als den Schein zu trüben.
Im Jahr 1955 begann sich der goldene Käfig, der sie weltweit unsterblich machte, eng um sie zu schließen: Die Dreharbeiten zur legendären Sissi-Trilogie starteten. Mit unfassbaren sechs Millionen Kinobesuchern pro Teil, allein in Deutschland, wurde sie über Nacht zum größten Star des Landes. Romy war gerade einmal 17 Jahre alt. Die schwere, prunkvolle Perücke, die sie tagtäglich stundenlang tragen musste, verursachte ihr qualvolle Nackenschmerzen. In ihr Tagebuch notierte sie erschöpft: “So ungewohnt und anstrengend, eine Genickstarre, als säße man in der ersten Reihe im Kino.” Man nannte sie liebevoll “Shirley Tempelhof”, Deutschlands blonde Antwort auf Shirley Temple. Doch Romy spürte schon früh die drückende, giftige Last des massiven Ruhms und schrieb einen Satz, der wie eine dunkle, unausweichliche Prophezeiung klingt: “Ich weiß, dass ich in dieser Schauspielerei aufgehen kann. Es ist ein Gift, das man schluckt, an das man sich gewöhnt und das man doch verwünscht.” Ein Gift, das sie bereits mit 15 Jahren gezwungen war, zu sich zu nehmen. Später sagte sie den berühmten, fast schon resignierenden Satz: “Die Sissi pappt mir an wie Grießbrei.” Doch für das völlig traumatisierte Nachkriegsdeutschland war Sissi weit mehr als nur ein trivialer Historienfilm; Sissi war die personifizierte, verzweifelte Sehnsucht nach einer heilen, unschuldigen Welt, die es in dieser reinen Form nie gegeben hatte. Romy Schneider wurde zur willenlosen Projektionsfläche eines ganzen zerrissenen Landes. Der “Spiegel” betitelte sie spöttisch als die “professionelle Jungfrau”. Dann fiel eine monumentale, trotzige Entscheidung. Regisseur Ernst Marischka bot ihr eine sagenhafte Million Mark an, um einen vierten Sissi-Film zu drehen. Romy lehnte ab. Blatzheim schäumte vor Wut, und Magdas eigene Filmkarriere endete schlagartig mit dieser Absage, doch Romy blieb eisern standhaft. “Ich werde alles versuchen, um von meinem Sissi-Image loszukommen”, sagte sie voller Entschlossenheit. “Meine Lehrlingszeit ist vorbei.” Was sie stattdessen tat, um sich endgültig von den Ketten zu befreien, schockierte die brave deutsche Öffentlichkeit zutiefst.
Im heißen Sommer des Jahres 1958 standen sich Romy Schneider und der noch unbekannte, ungestüme französische Schauspieler Alain Delon zum allerersten Mal gegenüber. Es waren die Dreharbeiten zu “Christine”, einem romantischen Remake des Klassikers “Liebelei”. Ein pikantes Detail, das heute kaum jemand kennt: Romys Mutter Magda hatte 1933 in der Originalversion exakt dieselbe Rolle gespielt. 25 Jahre später übernahm die Tochter den Part der Mutter, als hätte sich die Geschichte unweigerlich und tragisch im Kreis gedreht. Romy hatte Delon zuvor aus hunderten Fotos für die männliche Hauptrolle ausgewählt. Am Pariser Flughafen Orly empfing er sie provokant mit einem Strauß roter Rosen und den überheblichen Worten: “Ich liebe dich.” Romy schrieb später in ihre Aufzeichnungen: “Ich fand das Ganze geschmacklos und den Knaben uninteressant.” Doch auf der langen Zugfahrt zum Filmball in Brüssel, stundenlang eingesperrt in einem engen, ratternden Abteil, stiegen sie als skeptische Feinde ein und als unsterblich Verliebte wieder aus. Sie war 20, er 23. Romy warf alles hin und zog kurzerhand zu ihm nach Paris. “Die Bevormundung durch meine Eltern muss ein Ende haben”, erklärte sie wütend. Deutschland reagierte auf diesen Schritt, als hätte das Land ein leibliches Kind verloren. Die Zeitungen beschimpften sie aufs Übelste als “Landesverräterin” und “Franzosenflittchen”. Deutsche Männer fühlten sich von ihrer Flucht persönlich in ihrer Ehre beleidigt, als hätte Romy nicht einfach nur einen Mann gewählt, sondern einen ungeheuerlichen Verrat am Vaterland begangen. Die lukrativen Filmangebote aus Deutschland versiegten über Nacht, die Presse bestrafte sie mit unerbittlicher, hasserfüllter Verachtung. In Paris wartete Romy derweil oft stundenlang einsam in Delons spärlicher Wohnung und langweilte sich zu Tode. Keine Rollen, kein eigenes Leben, nur das ewige Warten auf einen schönen Mann, der für Dreharbeiten und Affären ständig unterwegs war.
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Doch Delon öffnete ihr letztendlich eine intellektuelle Tür, die absolut alles verändern sollte. Durch ihn lernte sie Luchino Visconti kennen, einen der größten und visionärsten Regisseure Europas. Am 29. März 1961 stand sie extrem mutig auf einer Pariser Theaterbühne im anspruchsvollen Stück “Schade, dass sie eine Dirne ist”. Sie hatte zuvor lediglich harmloses Schülertheater gespielt, ihr gesprochenes Französisch war noch unsicher und die Angst zu scheitern war geradezu lähmend. “Todesangst” nannte sie den Zustand selbst. Trotzdem sagte sie zu und stellte sich dem Publikum. Im illustren Zuschauerraum saßen Größen wie Ingrid Bergman, Anna Magnani und Curd Jürgens. Der Abend wurde ein triumphaler, lebensverändernder Erfolg. Visconti nannte sie fortan eine der genialsten Schauspielerinnen ganz Europas. Romy Schneider hatte der ganzen Welt endgültig bewiesen, dass sie weit mehr als nur ein lächelndes Sissi-Püppchen war. Doch selbst das private Glück gehörte ihr nicht allein. Blatzheim hatte die Verlobung der beiden am 22. März 1959 in Morcote am Luganersee als kühle, werbewirksame Presseveranstaltung arrangiert. Wieder zog sich ein Zaun um sie, diesmal ein unsichtbarer, der sie gefangen hielt. Was dann geschah, sollte Romy für den Rest ihres Lebens wie ein dunkler, schmerzhafter Schatten verfolgen. Im Herbst 1963 war Romy für Dreharbeiten im fernen Hollywood. Delon schrieb ihr einen kühlen, distanzierten Brief, dass er gedenke, eine andere Frau zu heiraten. Romy flog in panischer, rasender Angst zurück nach Paris. Die gemeinsame Wohnung war völlig leer. Auf dem Küchentisch lagen welkende Rosen und eine hastig gekritzelte Notiz: “Bin mit Nathalie in Mexiko. Salut, Alain.” Keine Erklärung, kein tiefgründiges Gespräch, kein Blick in die Augen – nur ein kalter, feiger Zettel. Romy unternahm daraufhin einen verzweifelten Versuch, ihr Leben zu beenden, und wurde erst in letzter Sekunde im Krankenhaus gerettet. Später sagte sie bitter und zutiefst desillusioniert: “In der Liebe will man alles von einem einzigen Mann haben, und das ist nicht möglich. Und nach der Liebe mit Alain war ich verbraucht, verloren, geschunden.” Und dennoch sagte sie zeitlebens den erstaunlichen Satz: “Der wichtigste Mann in meinem Leben war und ist Delon.” Diese Verbindung war stärker als jede Konvention, aber sie ließ Romy blutend und voller Narben zurück.
Am 1. April 1965 lernte Romy in Berlin den charismatischen Regisseur Harry Meyen kennen. Meyen, der eigentlich Harald Haubenstock hieß, war vierzehn Jahre älter als sie und zu diesem Zeitpunkt noch verheiratet. Romy bezahlte seine teure Scheidung, was die unbarmherzige Presse prompt dazu veranlasste, sie als skrupellose Ehebrecherin zu verunglimpfen. Im Juli 1966 heirateten sie an der französischen Küste. Was die breite Öffentlichkeit damals nicht wusste und was verschwiegen wurde: Meyen war Halbjude. Sein Vater war deportiert worden, und Harry selbst hatte als Achtzehnjähriger das unvorstellbare Grauen im Konzentrationslager Neuengamme als “Mischling” überlebt. Die fatalen, unsichtbaren Folgen dieses Traumas – schwere Depressionen, Tablettenabhängigkeit und quälende Migräne – trugen die Ehe von Anfang an wie eine schwere, dunkle Last. Doch in den prüden 60er Jahren sprach man über solche tiefen seelischen Wunden schlichtweg nicht. Am 3. Dezember 1966 wurde der gemeinsame Sohn David Christopher geboren. Romy blühte als Mutter regelrecht auf und schrieb voller Liebe: “Ob sich mein Leben sehr verändert hat? Sagen wir es anders: Ich habe endlich eins.” Sie nannte diese stillen Berliner Jahre mit David die glücklichsten und erfülltesten ihres gesamten Lebens. Doch das seltene Glück zerbrach. Meyens berufliche Misserfolge verschlimmerten seine Dämonen und Depressionen dramatisch. Romy schob allein den Kinderwagen durch die Parks, während der Mann, den sie einst geheiratet hatte, zusehends in seine Dunkelheit und in seine Tablettensucht abdriftete. Nach der unvermeidlichen Scheidung begann eine weitere tragische Spirale, die Romy psychisch und physisch ausmergelte. In den 70er Jahren feierte sie zwar in Frankreich gigantische Erfolge, drehte Meisterwerke mit Claude Sautet und gewann zwei begehrte César-Auszeichnungen, doch ihr Privatleben war ein Trümmerfeld. Sie zeigte sich enorm mutig und politisch, als sie 1971 auf dem Titelblatt des “Stern” unter der Überschrift “Wir haben abgetrieben!” erschien und sich als Feministin positionierte. Doch finanziell wurde sie gnadenlos ausgeraubt. Nach dem Tod ihres Stiefvaters Blatzheim im Jahr 1968 stellte sich heraus, dass er unfassbare 1,2 Millionen Schweizer Franken aus ihrem Privatvermögen veruntreut hatte, um sein Gastro-Imperium zu finanzieren. Er hatte Kontakte ins Rotlichtmilieu und schickte ihr zeitweise einen Zuhälter als Leibwächter. Romy heiratete 1975 ihren neun Jahre jüngeren Privatsekretär Daniel Biasini, mit dem sie 1977 Tochter Sarah bekam. Doch auch Biasini war untreu und lebte in vollen Zügen auf ihre Kosten. Jeder Mann in ihrem Leben hatte ihr massiv Geld abgenommen. Meyen forderte bei der Scheidung eine Million Mark und drohte mit dem Sorgerecht für David. Das Finanzamt verlangte astronomische Nachzahlungen. Von 61 erfolgreichen Filmen und Millionen an Einnahmen blieb am Ende nur ein erdrückender Schuldenberg.
Ein extrem tiefer Schicksalsschlag folgte am 14. April 1979, als sich Harry Meyen in Hamburg das Leben nahm. Er hatte den beruflichen Abstieg und die schrecklichen Schatten seiner KZ-Vergangenheit nie überwinden können. Romy wurde von massiven Schuldgefühlen geplagt und schrieb in ihr Tagebuch, sie hätte sich besser um ihn kümmern müssen. Dann kam das Jahr 1981, das schwärzeste Jahr ihres Lebens, in dem absolut alles gleichzeitig in Stücke zerbrach. Nach der schmerzhaften Trennung von Biasini musste sie sich einer schweren Nierenoperation unterziehen, bei der ihr ein gutartiger Tumor mitsamt der rechten Niere entfernt wurde. Sie war körperlich extrem geschwächt. David, der inzwischen 14 Jahre alt war und mitten in der Pubertät steckte, verweigerte sich ihr und wollte unbedingt bei seinem Stiefvater Biasini leben. Es gab heftigen Streit zwischen Mutter und Sohn. Am heißen Sommertag des 5. Juli 1981 kletterte der junge David über die eiserne Gartenmauer der Großeltern Biasini, weil das Tor verschlossen war. Er verlor das Gleichgewicht, und eine scharfe Metallspitze des schmiedeeisernen Tors durchbohrte seine Oberschenkelarterie. David verblutete tragisch und qualvoll im Krankenhaus. Romy stürmte völlig außer sich in die Klinik, kam jedoch zu spät. Sie brach weinend zusammen, schrie sich die Seele aus dem Leib und klammerte sich an den leblosen Körper ihres geliebten Sohnes. Selbst in diesem intimsten Moment der vollkommenen, menschlichen Zerstörung schlich sich ein als Pfleger verkleideter Paparazzo ins Krankenzimmer und fotografierte den toten Jungen.
Man hätte erwarten können, dass Romy Schneider nach diesem unfassbaren, unmenschlichen Verlust endgültig aufgibt und sich vollkommen zurückzieht. Doch stattdessen bewies sie eine fast übermenschliche Stärke und wählte für ihren 61. und allerletzten Film “Die Spaziergängerin von Sans-Souci” ganz bewusst die Rolle einer mutigen Frau, die sich eines jüdischen Waisenjungen annimmt – eine glasklare, herzzerreißende Hommage an Harry Meyen und ihren toten David. Am 29. Mai 1982 fand ihr letzter Lebensgefährte, Laurent Pétin, sie tot an ihrem Schreibtisch in ihrer Pariser Wohnung. Vor ihr lag ein unvollendeter, mit Tinte verschmierter Brief, ein übervoller Aschenbecher und eine leere Flasche Wein. Das letzte Wort auf dem Papier brach in einem langen Strich ab. Die offizielle Todesursache lautete Herzversagen. Doch Alain Delon, der sofort eilig nach Paris gereist war, wusste es in seinem offenen Abschiedsbrief an sie viel besser: “Der Mythos geht am Abend heim, dann ist er nur noch Romy. Nur eine Frau. Romy ist an gebrochenem Herzen gestorben. Ihr Sterben begann mit dem Tod von David.” Delon sorgte liebevoll dafür, dass David kurze Zeit später in dasselbe Grab nach Boissy-sans-Avoir umgebettet wurde. Mutter und Sohn waren endlich für immer im Tode vereint. Auf dem schlichten Grabstein steht bis heute nicht der Name der gefeierten Kinogöttin, die Millionen auf der Leinwand verzauberte. Dort steht Rosemarie Albach. Es ist der wahre Name jenes verletzlichen Mädchens, das einst hoffnungsvoll in sein Tagebuch schrieb, es müsse Schauspielerin werden, nur um der fernen Mutter nah zu sein. Der glänzende Mythos Sissi bleibt zwar für die Ewigkeit bestehen, aber an jenem tristen Tag im Juni 1982 wurde eine gebrochene, schmerzgeprüfte Frau namens Rosemarie endlich zur wohlverdienten Ruhe gebettet. Und ihre Tochter Sarah Biasini, die ihre Mutter mit nur vier Jahren verlor, trägt das Andenken weiter, wohl wissend, dass hinter dem Schmerz auch eine Frau stand, die leidenschaftlich lachen und bedingungslos lieben konnte.