Joachim Kerzel ist tot: Millionen kannten seine unverwechselbare Stimme, aber kaum jemand sein Gesicht
Es gibt im Leben eines jeden Menschen diese ganz speziellen akustischen Anker, die uns augenblicklich in eine andere Welt versetzen, Erinnerungen wecken oder uns ein tiefes Gefühl von Vertrautheit schenken. Für Millionen von Kinofans und passionierten Hörbuchliebhabern im deutschsprachigen Raum war eine ganz bestimmte Stimme ein solcher lebenslanger Anker: ruhig, bedrohlich, geheimnisvoll, tief spöttisch oder überraschend warm. Diese Stimme gehörte Joachim Kerzel. Nun ist sie für immer verstummt. Im Alter von stolzen achtzig Jahren ist der Ausnahmesprecher und Schauspieler gestorben und hat eine schmerzliche Lücke hinterlassen, die von keinem anderen so leicht geschlossen werden kann. Die traurige Nachricht von seinem Ableben wurde zunächst von dem bekannten Schauspielkollegen und Synchronsprecher Peter Flechtner öffentlich gemacht, ehe wenig später auch Kerzels Agentur den Abschied bestätigte. Über die genauen Hintergründe oder eine mögliche Todesursache wurde vonseiten der Familie nichts Näheres mitgeteilt. Doch in den unzähligen Reaktionen von Weggefährten, Kollegen und treuen Fans schwingt vor allem eines mit: tiefe Dankbarkeit für ein Lebenswerk, das die deutsche Kulturlandschaft über viele Jahrzehnte hinweg maßgeblich geprägt hat. Peter Flechtner erinnerte in emotionalen Worten an Joachim Kerzel und beschrieb ihn nicht nur als einen absoluten Giganten seines Fachs, sondern vor allem als einen väterlichen Lehrmeister, einen treuen Freund und einen Menschen, der andere über viele Jahre hinweg wohlwollend begleitet hatte. Doch die große, fast schon philosophische Frage, die sich nach seinem Tod unweigerlich stellt, lautet: Warum berührt das Ableben dieses Mannes eigentlich so unzählige Menschen, obwohl sein Gesicht auf der Straße wohl nur von den wenigsten Passanten sofort erkannt worden wäre?

Die Antwort auf diese berührende Frage findet sich in den dunklen Kinosälen und den heimischen Wohnzimmern, in denen ganze Generationen mit den von ihm vertonten Meisterwerken groß geworden sind. Joachim Kerzel gehörte über Jahrzehnte hinweg zu den unbestritten prägendsten und wandlungsfähigsten Stimmen des internationalen Films. Wer an Hollywood-Größen wie Anthony Hopkins denkt, der hat unweigerlich sofort Kerzels markanten, oft unheimlich ruhigen und durchdringenden Tonfall im Ohr. In unvergesslichen Filmklassikern wie „Das Schweigen der Lämmer“ als Hannibal Lecter, in „Roter Drache“, „Die zwei Päpste“ oder in dem tiefgreifenden Drama „The Father“ gab er dem britischen Oscar-Preisträger jenen unverwechselbaren deutschen Klang, der den Figuren eine unheimliche Tiefe und absolute Glaubwürdigkeit verlieh. Viele Zuschauer wissen bis heute oft gar nicht, wie Anthony Hopkins im englischen Original tatsächlich klingt, weil sie ihn untrennbar mit dem markanten Organ von Joachim Kerzel verknüpft haben. Doch damit längst nicht genug: Auch das schauspielerische Urgestein Jack Nicholson wurde in zahllosen legendären Filmen von Kerzel gesprochen. Besonders eindrucksvoll und meisterhaft war beispielsweise seine hochgelobte Arbeit in dem berührenden Film „About Schmidt“, für die er im Jahr 2003 vollkommen zu Recht mit dem renommierten Deutschen Preis für Synchron ausgezeichnet wurde. Und die Liste der Weltstars liest sich wie das Who-is-Who der Filmgeschichte: Dustin Hoffman, Jean Reno, Harvey Keitel, Dennis Hopper und viele weitere internationale Größen profitierten von seiner unerschöpflichen stimmlichen Brillanz.
Ein wirklich guter Synchronsprecher macht jedoch weitaus mehr, als nur fremde geschriebene Sätze in einer anderen Sprache über die Originalbilder zu sprechen. Er muss den unsichtbaren Atem eines Schauspielers förmlich in sich aufnehmen, er muss die feinen Nuancen von Pausen, wechselndem Tempo, feiner Ironie, nackter Angst und tiefster menschlicher Verletzlichkeit aufspüren und perfekt transportieren. Gleichzeitig muss das Resultat so natürlich klingen, als sei der Text in genau dieser Sprache entstanden und niemals anders gemeint gewesen. Joachim Kerzel beherrschte diese verdammt schwere Kunst auf einem absoluten Weltklasse-Niveau, und zwar so unauffällig und perfekt, dass das Publikum seine Stimme niemals als eine bloße Übersetzung empfand. Sie verschmolz vollkommen mit der jeweiligen Filmfigur. Wenn Anthony Hopkins auf der Kinoleinwand ruhig, intellektuell und zugleich absolut gefährlich wirkte, oder wenn Jack Nicholson müde, bissig, zynisch oder zutiefst verletzlich klang, dann hörte das deutsche Publikum in Wahrheit immer auch einen großen Teil von Joachim Kerzel – selbst dann, wenn den meisten Kinobesuchern sein tatsächlicher Name völlig unbekannt war.

Doch das kreative Schaffen dieses Ausnahmetalents beschränkte sich keineswegs nur auf die große Leinwand oder das Hollywood-Kino. Kerzel hatte von der Pike auf Schauspiel studiert und stand in jungen Jahren viele Jahre lang mit großem Erfolg auf verschiedenen Theaterbühnen, ehe das Mikrofon im Laufe der Zeit zu seinem wichtigsten und vertrautesten Arbeitsplatz wurde. Er prägte die deutsche Hörspielszene wie nur wenige andere, führte professionell Dialogregie und lieh seine markante Stimme unzähligen Bestseller-Hörbüchern, die Millionen von Menschen begeistert verschlangen. Besonders eng verbunden blieb er vielen Hörern durch seine legendären Lesungen der epischen Romane von Ken Follett. Seine unvergleichliche Interpretation von „Die Säulen der Erde“ wurde zu einem historischen kommerziellen Erfolg, der ihn tief in die Herzen der Fans brennen ließ. Dafür wurde er unter anderem mit dem begehrten Publikumspreis „Herkules“ sowie im Jahr 2008 mit einer goldenen Schallplatte geehrt. Andere wiederum verbanden seine markante, dunkle Stimme unweigerlich mit den schaurig-schönen Geschichten aus der Welt von John Sinclair, mit den psychologisch tiefgründigen Werken von Stephen King oder mit den langen, gemütlichen Hörbuchabenden zu Hause im heimischen Sessel.
Vielleicht lag genau in dieser schieren Allgegenwärtigkeit auf Tonträgern seine ganz besondere, intime Nähe zum Publikum. Joachim Kerzel war kein klassischer, mediengeiler Star, der jeden Abend in bunten Magazinen zu sehen war oder über den in den Klatschspalten berichtet wurde. Seine Stimme reiste stattdessen direkt zu den Menschen nach Hause. Sie begleitete Hörer in ihrem Wohnzimmer, dröhnte aus den Lautsprechern des Autos auf langen Fahrten zur Arbeit, lief auf Kassetten, später auf kompakten CDs und schließlich über moderne digitale Plattformen. Sie begleitete manche treue Anhänger durch ganz unterschiedliche, schwere und schöne Phasen ihres Lebens, war in Einsamkeit ein treuer Begleiter und in Momenten der Entspannung eine vertraute Zuflucht. Doch wer war dieser Mann eigentlich, wenn am späten Abend im Studio das rote Licht erlosch und das Mikrofon ausgeschaltet wurde? In den späten siebziger Jahren gründete er gemeinsam mit seiner geliebten Ehefrau, der renommierten Schauspielerin Maria Körber, eine private Schauspielschule, um sein immenses Wissen an die nächste Generation weiterzugeben. Der bereits erwähnte Peter Flechtner zählte damals zu den allerersten Schülern dieser Institution und erinnerte sich dankbar daran, wie viel er von Kerzels unendlicher Erfahrung lernen durfte. Diese enge, herzliche Verbindung zu seinen ehemaligen Schülern hielt über viele Jahrzehnte und bis zu seinem Lebensende stand. Darin zeigt sich eine zweite, mindestens ebenso wertvolle Seite seines bleibenden Vermächtnisses: Joachim Kerzel lieh nicht nur den berühmtesten Männern der Weltgeschichte seine unvergessliche Stimme, sondern er half auch unzähligen jungen Schauspielern dabei, ihre eigene künstlerische Identität und ihre eigene stimmliche Kraft zu finden.
Wenn wir uns nun vor Augen führen, wie ein Mann, dessen Gesicht kaum jemand kannte, dennoch ein fester, unersetzlicher Bestandteil der Erinnerungen von Millionen Menschen werden konnte, dann liegt die Antwort klar auf der Hand: Er lebte in den Figuren, die wir alle so sehr liebten; er war präsent in den zeitlosen Filmen, die wir uns immer wieder ansahen; er begleitete uns in den Hörbüchern auf langen Reisen oder an stillen, einsamen Abenden; und er lebte weiter in dem wertvollen Wissen, das er an andere weitergegeben hatte. Wenn in Zukunft diese großen Meisterwerke wieder im Fernsehen laufen, wenn Anthony Hopkins oder Jack Nicholson auf dem Bildschirm erscheinen, dann wird Joachim Kerzel noch einmal für einen kurzen, magischen Augenblick zu hören sein. Vielleicht wird dann dem einen oder anderen Fernsehzuschauer erst richtig bewusst, welcher Kopf und vor allem welche Seele hinter jener warmen, unverkennbaren Stimme steckte, die sie über so viele Jahrzehnte hinweg durch das Leben begleitet hat. Ein berühmtes Gesicht mag mit der Zeit aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwinden, doch eine Stimme, die sich so tief und dauerhaft in das emotionale Gedächtnis einer ganzen Nation eingeschrieben hat, stirbt niemals. Sie bleibt unsterblich. Und während die Welt Abschied nimmt, bleibt am Ende nur noch die Frage an jeden Einzelnen von uns: Mit welchem Film, welcher legendären Rolle oder welchem ganz bestimmten Hörbuch verbinden Sie persönlich die Stimme von Joachim Kerzel am Stärksten?