Joachim Fuchsberger: Die ungeschminkte Wahrheit über ein Leben zwischen Rampenlicht, Lebensrettung und der ultimativen Familientragödie
Der 11. September 2014 begann als ein ruhiger, unscheinbarer Herbstmorgen im vornehmen Münchner Vorort Grünwald. In einem gemütlichen Haus direkt am Waldrand lag ein Mann in seinem eigenen Bett. Seine Frau hielt ihn in den Armen. Es war ein leiser Abschied, fernab des tosenden Applauses, der sein ganzes Leben bestimmt hatte. „Er war fröhlich“, verriet Gundula Fuchsberger später der Nachrichtenagentur DPA. Er hatte bis zuletzt gedacht, es würde klappen. Doch es klappte nicht. Joachim „Blacky“ Fuchsberger starb an diesem Tag im Alter von 87 Jahren. Drei Monate zu früh, denn am 2. Dezember 2014 hätten er und seine Gundula die diamantene Hochzeit gefeiert. Sechzig gemeinsame Jahre waren sein letzter, sein allergrößter Plan gewesen. Für Millionen deutschsprachiger Fernsehzuschauer war er das unverwechselbare Gesicht des Samstagabends, der charmante Mann, der niemals wie ein abgehobener Star wirkte, sondern wie ein vertrauter Freund. Für seine Familie jedoch war er ein Mann, der unfassbare Höhen erklommen und bodenlose Tiefen durchschritten hatte. Sein Leben wirft bis heute gewaltige Fragen auf: Wie hält eine Liebe Krieg, Pleite, Krankheit und den unnatürlichen Tod des einzigen Kindes stand? Und wie endet das Leben eines Mannes, der alles überlebte, aber vor einer einzigen Sache immer furchtbare Angst hatte?
Um Joachim Fuchsberger zu verstehen, muss man tief in die Vergangenheit eintauchen, weit vor die glitzernde Ära des Fernsehens. Man muss zurück in das Jahr 1944, nach Düsseldorf, in die Nacht der fallenden Bomben. Die Stadt stand in lichterloh brennenden Flammen. Der erst 17-jährige Joachim stand auf dem Dach des Düsseldorfer Rathausturms und blickte in einen orangefarben leuchtenden Nachthimmel, als die tödlichen Geschosse niedergingen. Ein Feuerwehrmann zog ihn im letzten Moment in das sichere Treppenhaus. Nur wenige Stunden später wurde seine Jugend unwiderruflich beendet: Er wurde eingezogen. Nicht als regulärer Soldat, sondern als Melder. Seine grausame Aufgabe bestand darin, durch die brennenden Trümmer der Stadt, wortwörtlich über Leichen steigend, Botschaften zwischen den Einheiten zu überbringen. Beim anschließenden Reichsarbeitsdienst zwang man ihn, Tote wegzuräumen. Später lernte er in der Fallschirmjägerschule Witstock das Springen. Als man dort sein Talent für Judo entdeckte, wurde er zum Ausbilder degradiert oder befördert – wie man es nimmt. Er kämpfte unerbittlich ums Überleben und geriet am Ende des Krieges gleich dreimal in Gefangenschaft. Zuerst griffen ihn die Sowjets auf, danach die Amerikaner, und letztlich die Briten, die ihn im kalten Schleswig-Holstein festhielten.
Doch Blackys eiserner Wille war nicht zu brechen. Er wollte zurück nach Düsseldorf, zurück zu seiner Familie. Der einzige Weg in die Freiheit führte damals paradoxerweise tief unter die Erde, genauer gesagt durch den Kohlenschacht der Zeche König Ludwig in Recklinghausen. Im Jahr 1946 fuhr er vier quälend lange Monate jeden Tag in die dunkle Tiefe. Der modrige Geruch nach nacktem Gestein und Maschinenöl brannte sich in seine Lungen ein. Unter Tage lernte der junge Mann, den Rhythmus des Berges zu lesen. Er hörte das leise, gefährliche Knacken des Holzes, kurz bevor es brach. Diese zermürbende körperliche Arbeit, so sagte er viele Jahrzehnte später, habe ihn mehr über Geduld und Demut gelehrt als alles andere in seinem schillernden Leben. Als er genug Punkte bei der britischen Entlassungsstelle gesammelt hatte, durfte er endlich in seine geliebte Heimatstadt zurückkehren.

Sein Einstieg ins Berufsleben war ein wildes Herumprobieren: Er verfasste seichte Schlagertexte und schraubte mühsam Druckmaschinen zusammen. Erst 1950 landete er als Sprecher beim Bayerischen Rundfunk, der damals noch unter dem Namen „Radio München“ sendete. In genau diesen nüchternen Korridoren des Rundfunkgebäudes nahm sein privates Schicksal die entscheidende Wendung. Er traf auf Gundula Korte, eine begabte Sängerin und Funktechnikerin. Man begegnete sich auf den Fluren, man lachte, man redete und man schwieg gemeinsam. 1954 gaben sie sich das Ja-Wort. Zwar war es nicht Fuchsbergers erste Ehe – er war kurzzeitig mit der Schlagersängerin Gitta Lind verheiratet gewesen, der er sogar den Titel „Blumen für die Dame“ gewidmet hatte – doch Gundula war die Liebe seines Lebens. Den Spitznamen „Blacky“, ein Relikt aus dem Krieg, da eine Französin seinen Decknamen „Jacky“ nicht korrekt aussprechen konnte, hasste er anfänglich abgrundtief. „So heißen sonst nur Schlagerstars oder schwarze Pudel“, pflegte er zu schimpfen. Aber der Name war hartnäckig, und er blieb.
Gundula war für Joachim Fuchsberger niemals nur eine Ehefrau an seiner Seite. Sie war, wie er es augenzwinkernd aber voller Respekt ausdrückte, seine „Regierung“. Während er mit seltenen Ausnahmen seit 1954 jeden Tag kochte, verwaltete sie mit strenger und kluger Hand die Finanzen. Es war eine Rollenverteilung, die für das konservative Deutschland der 50er Jahre höchst ungewöhnlich anmutete, die aber das Fundament ihres gemeinsamen Überlebens bildete. Bald schon stieg Blacky zum unangefochtenen Kinostar auf, insbesondere durch die stilbildenden Edgar-Wallace-Filme. In 13 atmosphärischen Krimis jagte er als entschlossener Ermittler von Scotland Yard gnadenlose Mörder. „Hallo, hier spricht Edgar Wallace“ – dieser Satz, gefolgt von peitschenden Schüssen, lockte Millionen in die Kinosäle.
Aber das glamouröse Leben war fragil. Ende der 1960er Jahre, Fuchsberger war gerade Anfang 40, verlor das Paar plötzlich fast alles. Eine Immobiliengesellschaft, an der er maßgeblich beteiligt war, brach wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Die prachtvolle Villa musste verkauft werden, erdrückende Schulden aus den Regressforderungen geschädigter Kunden türmten sich auf. Blacky war, wie er es selbst nannte, „von Grund auf blank“. Während er wie ein Besessener drehte, um die Millionenschulden abzutragen, stellte sich Gundula mutig und allein den Gläubigern in fremden Gerichtssälen. Die Richter erwarteten den großen Filmstar Fuchsberger und sahen stattdessen seine kleine, unerschütterliche Frau. Sie verlor nicht ein einziges der existenziellen Verfahren.
Nur wenige Jahre später, 1972, wurde Joachim Fuchsberger zur Stimme einer ganzen Nation, als er bei den Olympischen Spielen in München als Stadionsprecher fungierte. Die heiteren Spiele, das bunte, offene und friedliche Deutschland sollten präsentiert werden. Doch dann geschah das Unfassbare. Palästinensische Terroristen ermordeten israelische Sportler, ein deutscher Polizist starb im Kugelhagel. Die Welt hielt den Atem an. Bei der Schlussfeier vor 70.000 Menschen im Stadion und unzähligen vor den Bildschirmen stand Fuchsberger am Mikrofon und prägte den legendären Satz: „Die Spiele haben heiter begonnen, sie enden ernst.“ Doch was sich in jenen Minuten im Hintergrund abspielte, blieb lange ein schockierendes Geheimnis. Intendant August Everding reichte ihm plötzlich einen handgeschriebenen Zettel: „Nicht identifizierte Flugobjekte im Anfluge, möglicherweise Bombenabwurf. Sag, was du für richtig hältst.“ Blacky sah Kampfjets über dem Olympiastadion kreisen. Was er nicht wusste: Bundesverteidigungsminister Georg Leber zog in jenem Moment ernsthaft in Erwägung, eine finnische Passagiermaschine mit 100 Menschen an Bord abschießen zu lassen, da die Geheimdienste einen verheerenden Fehler gemacht hatten. Fuchsberger entschied sich in einem Bruchteil einer Sekunde für das Schweigen. „Halt die Klappe“, befahl er sich selbst, um eine Massenpanik zu verhindern. Später beschrieb er diesen albtraumhaften Moment drastisch: „Ich war der einsamste und beschissenste Mensch, den man sich vorstellen kann.“

Die späten 70er und 80er Jahre machten ihn mit Shows wie „Auf Los geht’s los“ zum absoluten Fixstern der deutschen Fernsehunterhaltung. Später zog es die Familie nach Tasmanien, Australien. Dort drehte er zusammen mit seinem Sohn Thomas die gefeierte Dokumentarserie „Terra Australis“. Thomas, der die grandiose Filmmusik komponierte, war sein größter Stolz. Doch genau dieser geliebte Sohn wurde zum Auslöser für den schwärzesten Tag in Fuchsbergers Leben.
Thomas litt seit seinem 20. Lebensjahr an Typ-1-Diabetes. Er hatte die Krankheit akzeptiert, hielt Vorträge und schrieb Diabetiker-Kochbücher. Doch am 13. Oktober 2010 hielt er in Kulmbach einen Vortrag über die Macht der Medien. Nach einem nächtlichen Besuch in einem Lokal ließ er sich zum Hotel fahren. Der Taxifahrer sah ihn noch auf die Eingangstür zugehen – es war das letzte Lebenszeichen. Am nächsten Morgen war das Hotelbett unberührt, seine Insulinspritzen lagen feinsäuberlich aufgereiht im Badezimmer. Eine riesige Suchaktion lief an. Stunden später entdeckten Taucher die Leiche des 53-Jährigen in dem nur zwei Meter tiefen Mühlbach mitten in der Stadt. Die medizinische Erklärung lautete auf einen schweren Blutzuckerabfall, eine Hypoglykämie, die ihm völlig die Orientierung raubte. Doch für den gebrochenen Vater Joachim Fuchsberger, der zwei Stunden mit dem Zug zur Identifizierung seines toten Sohnes reisen musste, gab es auf die wichtigste Frage keine Antwort: Hatte sein Junge Angst? Hatte er gelitten? Hätte man ihn retten können?
Dieses schreckliche Trauma überschattete die letzten Jahre des großen Entertainers. Seine Gesundheit brach rasant ein. Ein schwerer Schlaganfall, Lähmungen, Herzoperationen und ein Rollstuhl folgten. Er nannte sich selbst mit schwarzem Humor das „reinste Ersatzteillager“. Doch seine Gundula wich nie von seiner Seite. „Das höchste Gut auf der Erde ist die Hand meiner Frau“, sagte er 2013 in einem bewegenden Interview. Sie warteten gemeinsam „Hand in Hand auf das, was da wohl noch kommen mag“, wie er in seinem letzten Buch schrieb.
Als Blacky im September 2014 für immer die Augen schloss, endete eine Ära. Auf dem Waldfriedhof in Grünwald liegt er nun direkt neben seinem Thomas. Für Gundula Fuchsberger blieb die ohrenbetäubende Stille in jenem großen Haus am Waldrand. Sechzig Jahre lang hatte ihr Ehemann jeden Morgen das Frühstück vorbereitet. Nach seinem Tod, so offenbarte sie in tiefster Trauer, sei das Frühstück die schlimmste Zeit des Tages geworden. Sie trug ihren Blacky immer im Herzen und begrüßte jeden Morgen die Bilder von ihm an der Wand. Joachim Fuchsbergers Leben war geprägt von glanzvollem Applaus, doch seine wahre Größe zeigte sich in seiner unerschütterlichen Menschlichkeit, seinem tiefen Humor und einer Liebe, die selbst den dunkelsten Schatten des Todes überstrahlte.