Horst Drinda: Die tragische Wahrheit über das schlagartige Verschwinden der unvergesslichen DDR-Fernsehlegende
Es gibt im Leben von Künstlern, die über Jahrzehnte hinweg den festen Soundtrack und das vertraute Gesicht ganzer Generationen prägen, jene schicksalhaften Wendepunkte, die das öffentliche Bewusstsein für immer verändern. Wenn ein Mensch, dessen Stimme und Präsenz Millionen von Zuschauern Woche für Woche durch stürmische Gewässer und ruhige Fahrwasser begleitete, plötzlich von der Bildfläche verschwindet, hinterlässt das eine klaffende Lücke im kollektiven Gedächtnis. Genau ein solches schmerzhaftes Drama, geprägt von tiefem Glanz und einer darauffolgenden, unerbittlichen Stille, zeichnet das Leben des unvergesslichen Schauspielers und Synchronsprechers Horst Drinda aus. Bekannt wurde er vor allem als der unerschütterliche, ruhevolle Kapitän Hans Caspar in der legendären neunteiligen Fernsehserie „Zur See“, die ab Januar 1977 jeden Freitagabend als absoluter Straßenfeger ganz Millionen vor die Bildschirme des DDR-Fernsehens lockte. Doch hinter dem vermeintlich so sicheren und glücklichen Leben auf dem Kapitänsdeck der MS „Fichte“ verbarg sich eine filmreife Biografie, die von den Trümmern des Zweiten Weltkriegs über den steilen Aufstieg auf die bedeutendsten Theaterbühnen bis hin zu einem unfassbar grausamen medizinischen Schicksalsschlag führte, der seine markante Stimme für immer zum Schweigen brachte.
Die Lebensgeschichte von Horst Drinda begann keineswegs in den glitzernden Kulissen der Filmstudios, sondern in einer völlig anderen, rauere Realität. Im Frühjahr des Jahres 1945, als der verheerende Zweite Weltkrieg in Berlin in den letzten Zügen lag, lag ein junger, schwer verwundeter Mann zwischen den rauchenden Trümmern der zerstörten Hauptstadt. Wenige Monate zuvor war er noch als technischer Offizier an der Kriegsschule Gotenhafen ausgebildet worden, nachdem er zuvor ein grundsolides Handwerk als Flugzeugmotorenschlosser bei den Junkerswerken erlernt hatte. Ein ruhiges, handwerkliches Leben schien seine vorgezeichnete Zukunft zu sein. Doch das Schicksal und die Wirren der Nachkriegszeit wollten es anders. Nach geglückter Flucht aus der Gefangenschaft half er tatkräftig beim bitteren Aufräumen der zerbombten Straßen, ehe im Spätsommer 1945 ein zufälliges Vorsprechen bei Gustav von Wangenheim – einem der bekanntesten Regisseure jener Epoche – sein gesamtes Dasein von Grund auf umkrempelte. Wangenheim, der gerade eine neue Schauspielschule am Deutschen Theater aufbaute, hörte in der dunklen, klaren und tragfähigen Stimme des jungen Mannes sofort jenes gewisse Etwas, das anderen verborgen geblieben war. So erhielt der ehemalige Flugzeugmotorenschlosser ein begehrtes Stipendium und stand bald darauf in dem programmatisch betitelten Stück „Wir heißen euch hoffen“ erstmals auf den Brettern, die die Welt bedeuten.

Von diesem Moment an nahm die Karriere des vielseitigen Talents eine rasante Fahrt auf. Unter der geschätzten Leitung von Wolfgang Langhoff wuchs Horst Drinda am Deutschen Theater in den folgenden Jahren zu einem der absoluten Spitzen- und Gefragtesten Darsteller des Ensembles heran. Er besaß eine seltene künstlerische Bandbreite, die ihn gleichermaßen für tragische wie für komödiantische Rollen prädestinierte. Mit Anfang 30 spielte er den Hamlet – eine monumentale Herkulesaufgabe, an der sich seit Jahrhunderten Generationen von Charakterdarstellern messen lassen müssen. Auf derselben Bühne glänzte er als zerrissener Max Piccolomini in Schillers „Wallenstein“, brachte das Publikum in Gogols „Der Revisor“ zum Schmunzeln oder überzeugte als listiger Dorfrichter Adam in Kleists „Der zerbrochene Krug“. Es war genau diese faszinierende Flexibilität, die ihn im Theaterbetrieb unverzichtbar machte. Doch so bedeutend seine Erfolge auf der Bühne auch waren – das Medium, das seinen Namen in jedes einzelne Wohnzimmer der Republik tragen sollte, war ein ganz anderes: das Fernsehen.
Im Jahr 1955 gab ihm der renommierte Regisseur Konrad Wolf seine erste große Filmhauptrolle in „Einmal ist keinmal“. Drinda war gerade einmal 28 Jahre alt und gehörte fortan zu den profiliertesten Gesichtern der DEFA. Zehn Jahre später folgte mit der Verkörperung des Arbeiters Ernst Machner in dem prägenden Film „Die besten Jahre“ jene Rolle, die seine tiefe Verbundenheit zu realistischen Charakteren weiter festigte. Doch der absolute, unangefochtene Höhepunkt seines Schaffens und der Moment, in dem er zu einer nationalen Identifikationsfigur wurde, begann im Januar 1977 mit der Erstausstrahlung von „Zur See“. Die Serie traf den Nerv eines Millionenpublikums, und die von ihm gespielte Figur des Kapitäns Hans Caspar wurde zum Inbegriff von Zuverlässigkeit, Kompetenz und menschlicher Wärme. Faszinierenderweise war dieses Verantwortungsbewusstsein keineswegs nur gespielt: In den drehpausen griff Drinda oft selbst zu einer eigenen 16-mm-Kamera und dokumentierte den harten Alltag der Schiffsbesatzung auf echter See in privaten Aufnahmen.
Parallel zu seiner Präsenz als vertrauter Fernsehkapitän leistete Horst Drinda Unglaubliches hinter den Kulissen. Er zählte zu den gefragtesten und wandlungsfähigsten Synchronsprechern der DDR. So lieh er beispielsweise in der sowjetischen Komödie „Den Drachen töten“ dem beliebten Schauspieler Jewgeni Leonow seine unverkennbare Stimme oder war regelmäßig in anspruchsvollen Hörspielen des Rundfunks zu hören. Diese enorme stimmliche Flexibilität öffnete ihm schließlich Türen zu historischen Charakteren, die kaum weiter von dem freundlichen Seebär entfernt sein konnten. Er spielte den preußischen Reformgeneral Gerhard von Scharnhorst, übernahm die Rolle des bulgarischen Politikers Georgi Dimitrow in dem Film „Der Teufelskreis“, bei dem er auch selbst Regie führte, und verkörperte 1983 niemand Geringeren als den Philosophen Karl Marx. Eine einzige, markante Stimme trug all diese völlig unterschiedlichen Facetten – von der Fiktion bis zur Weltgeschichte.

Doch jede noch so glanzvolle Reise findet irgendwann ein abruptes Ende. Im Jahr 2003 schien sich für Horst Drinda noch einmal der Kreis zu schließen, als er in einer Folge der beliebten ARD-Serie „In aller Freundschaft“ an der Seite von Anne-Katrin Bürger als Bernhard Schirmer vor der Kamera stand – ausgerechnet in einer Episode mit dem symbolischen Titel „Am Gehen gelassen“ beziehungsweise „Am Ende siegt die Liebe“. Doch im Mai desselben Jahres traf den Schauspieler ein unvorstellbarer gesundheitlicher Hammerschlag: Er erlitt kurz hintereinander zwei schwere Schlaganfälle. Die medizinischen Konsequenzen waren sofort katastrophal, endgültig und brutal. Eine vollständige Lähmung und der absolute, unwiderrufliche Verlust der Sprache traten ein. Von einem einzigen Tag auf den anderen konnte jener Mann, der ein ganzes Land über Jahrzehnte hinweg mit seinem gesprochenen Wort beruhigt, unterhalten und durch schwierige Zeiten geführt hatte, kein einziges Wort mehr über die Lippen bringen. Für die Öffentlichkeit und seine treuen Fans war diese im Juli 2003 durch die Boulevardpresse verbreitete Nachricht ein tiefer, unbegreiflicher Schock. Der Kapitän, der auf dem Bildschirm stets die Fäden in der Hand behielt, hatte plötzlich jegliche Kontrolle über seinen eigenen Körper und seine Stimme verloren.
Es folgten zwei lange, schweigende Jahre des Rückzugs, in denen Horst Drinda fernab des grellen Blitzlichtgewitters lebte. An seiner treuen Seite stand dabei seine geliebte Ehefrau Ingeborg, mit der er seit 1953 durch dick und dünn gegangen war – eine tiefe Liebe, die noch aus Jugendtagen stammte. Nach über fünf Jahrzehnten gemeinsamen Lebens blieben in den letzten beiden Jahren nur noch schweigende Blicke und die fürsorgliche Pflege im Kreise der Familie sowie in der Diakonie Berlin-Pankow. Am 21. Februar 2005 verließ Horst Drinda diese Welt im Alter von 77 Jahren. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Friedhof Pankow IV, ganz in der Nähe jener Straßen, durch die einst die Menschen gingen, die ihn wie ein Familienmitglied verehrten. Zwar ist der Mensch Horst Drinda von uns gegangen, doch sein reiches Erbe lebt weiter. Bis heute strahlt der RBB in unregelmäßigen Abständen die alten Folgen von „Zur See“ aus, und wenn dann die Melodie erklingt, ist sie wieder da: jene vertraute, warme Stimme, die das Fernsehen einer vergangenen Epoche so unvergesslich gemacht hat.