Gold, Schweiß und ein plötzlicher Abschied: Die unfassbare Tragödie und der Triumph des Willi Holdorf
Es sind exakt zwölf Sekunden. Zwölf Sekunden, die im Leben eines gewöhnlichen Menschen verstreichen wie ein flüchtiger Atemzug. Doch für Willi Holdorf an jenem Oktoberabend des Jahres 1964 in Tokio waren diese zwölf Sekunden eine schmerzhafte Ewigkeit. Es war die Zeitspanne, in der ein Mann seinen eigenen, völlig erschöpften Körper besiegte, ihn an den absoluten Rand der physischen Zerstörung trieb, nur um kurz darauf in die Geschichtsbücher einzugehen. Was dieser junge Zehnkämpfer, ein eigentlich bescheidener Elektriker aus der norddeutschen Provinz, dort auf der staubigen Aschenbahn vollbrachte, widersprach jeglicher sportlichen Vernunft. Er trat an, um das zu erringen, was vor ihm noch keinem einzigen Deutschen gelungen war: die Krone der Leichtathletik, den Titel des unumstrittenen Königs der Athleten. Doch es ist nicht nur dieser gleißende, goldene Triumph, der die Geschichte des Willi Holdorf erzählt. Es ist vielmehr das Unfassbare, das danach geschah. Denn derselbe Mann, der an jenem Abend als Nationalheld auf Händen getragen wurde, sollte diesen mörderischen Wettkampf nie wiederholen. Es war sein größter Sieg – und zugleich sein unwiderruflicher Abschied vom Zehnkampf.
Um zu verstehen, aus welchem Holz dieser eiserne Athlet geschnitzt war, muss man den Blick weit zurückwerfen, in eine Zeit und an einen Ort, wo Helden nicht in Hochleistungszentren gezüchtet wurden. Der Wind über der Elbmündung roch damals nach Schlick und nassem Gras, nach jenem rauen Marschland, das man dem Wasser mühsam und mit bloßen Händen abgetrotzt hatte. Dort, in einem kleinen Dorf mit dem sonderbaren Namen „Blomesche Wildnis“, unweit von Glückstadt, kam am 17. Februar 1940 Wilhelm Heinrich Holdorf zur Welt. Der Zweite Weltkrieg hatte gerade begonnen, Europa in Dunkelheit zu hüllen. In dieser windgepeitschten, flachen Landschaft wuchs Willi in einer Zeit der Entbehrung auf. Brot war knapp, Spielzeug baute man sich selbst. Es war eine karge Gegend, die den Menschen früh beibrachte, dass einem im Leben absolut nichts geschenkt wird.
Diese norddeutsche Nüchternheit, diese unverwechselbare Mischung aus sturer Bodenständigkeit und trockenem Humor, sollte Holdorf sein ganzes Leben lang nicht mehr ablegen. Er war kein früh entdecktes Wunderkind, kein Produkt einer systematischen Talentschmiede. Er war ein kräftiger Bursche, der dem Fußball hinterherjagte und sich im Handballtor todesmutig in die Würfe warf. Der Weg in die Leichtathletik? Ein reiner, fast absurder Zufall. Mit etwa 18 Jahren richtete ein Arbeitskollege ein kleines, lokales Sportfest aus. Aus einer spontanen Laune heraus entschied sich Willi mitzulaufen. Ohne großes Training, ohne teure Ausrüstung. Und er gewann. Plötzlich stand dieser Junge vom Deich bei den Landesmeisterschaften ganz vorn.
Seine eigentliche Berufung war jedoch grundsolide: Holdorf absolvierte eine Lehre als Starkstromelektriker. Ein Beruf für Männer, die mit Hochspannung umgehen können, ohne die Nerven zu verlieren. Eine treffende Metapher für sein späteres Leben. Denn Holdorf war ein Anpacker, ein Handwerker, der die Dinge pragmatisch anging. Als er später die Disziplinen der Leichtathletik durchprobierte – Sprint, Sprung, Wurf – fiel ihm eine Ergebnisliste des Zehnkampfs in die Hände. Er rechnete seine eigenen Bestleistungen zusammen und dachte sich in seiner typischen, unaufgeregten Art: „Das könnte ich auch.“
Der Zehnkampf ist nicht einfach nur ein sportlicher Wettbewerb. Er ist ein brutaler Charaktertest, gegossen in zwei Tage voller Schweiß, Muskelkater und unbändigem Willen. Wer hier bestehen will, muss Explosivität mit Zäher Ausdauer verbinden, muss Sprinten, Werfen, Springen und Laufen. In den 50er und 60er Jahren blühte der westdeutsche Zehnkampf unter dem legendären Trainer Friedel Schirmer auf, der auch Holdorf unter seine Fittiche nahm. Der Aufstieg des jungen Elektrikers war rasant. Er wechselte zu Bayer 04 Leverkusen, dem Werksclub, der ihm professionellere Bedingungen bot, und begann sogar ein Studium an der Sporthochschule in Köln. Doch vor dem großen Ruhm stand die bittere Enttäuschung: 1960 verpasste er die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Rom nur denkbar knapp. Holdorf schluckte den Frust hinunter, wie man es im Norden eben tut, und blickte eisern nach vorn.
Der Weg nach Tokio 1964 war jedoch gepflastert mit den politischen Absurditäten des Kalten Krieges. Deutschland war geteilt, doch bei den Olympischen Spielen trat noch eine gesamtdeutsche Mannschaft an. Um zu bestimmen, wer unter der gemeinsamen Fahne mit den Olympischen Ringen starten durfte, mussten die Athleten aus Ost und West in erbitterten Ausscheidungskämpfen gegeneinander antreten. Es war das Duell der Systeme: Die systematisch geförderte Sportmaschine der DDR gegen den halbamateurhaften, auf Idealismus gebauten Sport der Bundesrepublik. Holdorf, der neben dem Training studierte und arbeitete, begegnete dieser hochpolitisierten Atmosphäre mit bewundernswerter Gelassenheit. Er sah nicht den Kalten Krieg auf der Aschenbahn, er sah nur den Wettkampf, den Gegner und die Hürden. Diese Fähigkeit, die Dinge auf ihren Kern zu reduzieren, schützte ihn und machte ihn unbesiegbar.
Und dann kam der Oktober 1964 in Tokio. Es waren die ersten Olympischen Spiele auf asiatischem Boden, ein Meilenstein der Geschichte. Holdorf, mit seinen 1,82 Metern Körpergröße für einen Zehnkämpfer fast ein Zwerg zwischen den hünenhaften Werfern, wusste, dass er seine Punkte auf der Laufbahn sammeln musste. Sein größter Widersacher: Rein Aun, ein Ausnahmeathlet aus dem Baltikum, der für die mächtige Sowjetunion startete. Es war das Duell zweier Männer, die auf entgegengesetzten Seiten der Weltordnung standen und doch denselben Traum jagten.
Der erste Tag verlief nach Maß. Zehnkommasieben Sekunden über die 100 Meter, sieben Meter im Weitsprung, überzeugende Leistungen im Kugelstoßen und Hochsprung. Zum Abschluss des Tages eine fabelhafte Zeit über die 400 Meter. Holdorf lag glänzend im Rennen. Doch der Zehnkampf verzeiht keine Schwäche, und der zweite Tag forderte seinen Tribut. Disziplin um Disziplin arbeiteten sich Holdorf und Aun voran. Vor der allerletzten, am meisten gefürchteten Disziplin – dem mörderischen 1500-Meter-Lauf – stand die Mathematik unerbittlich fest. Holdorf durfte auf diesen anderthalb Kilometern höchstens 18 Sekunden hinter dem laufstarken Rein Aun ins Ziel kommen. Sonst war das Gold für immer verloren.
Was dann geschah, hat sich in das kollektive Gedächtnis einer ganzen Nation eingebrannt. Der Startschuss fiel, und Aun zog wie erwartet mit hohem Tempo davon. Holdorf musste dranbleiben, durfte die Lücke nicht zu groß werden lassen. Mit jeder Runde rebellierte sein völlig ausgelaugter Körper mehr. Die Beine wurden zu Blei, die Lunge brannte, der Atem ging in pfeifenden Stößen. Irgendwann auf der Zielgeraden wurde Holdorf schwarz vor Augen. Er lief nicht mehr, er taumelte. Er setzte nur noch aus purer, unerklärlicher Willenskraft einen Fuß vor den anderen. Es war ein Kampf Gold gegen Kollaps. Zwölf Sekunden nach Rein Aun torkelte Holdorf über die Ziellinie. Er hatte sechs Sekunden Puffer behalten.
In der Sekunde, als er die Linie überquerte und die Spannung abfiel, brach er zusammen. Er lag wie ein Häufchen Elend auf der staubigen Aschenbahn, schnappte verzweifelt nach Luft, während ein ganzes Stadion und Millionen an den Radios und Fernsehgeräten den Atem anhielten. Als die Zeiten offiziell verrechnet waren, stand fest: Willi Holdorf war der erste deutsche Olympiasieger im Zehnkampf. „Was für eine Leistung ich da vollbracht hatte, war mir in Japan noch gar nicht klar“, gestand er später bescheiden.
Die Heimkehr war ein einziger, gigantischer Triumphzug. Holdorf wurde Sportler des Jahres, erhielt das Silberne Lorbeerblatt. Der Junge vom Deich war auf dem absoluten Gipfel. Doch das Tragische, das Merkwürdige an dieser Heldenreise: Dieser Gipfel war das Ende. Der Zehnkampf in Tokio, der ihn fast das Leben gekostet hätte, war sein letzter. Nie wieder absolvierte er einen kompletten Zehnkampf. Er trat auf dem absoluten Zenit ab, ein Phänomen, das im Hochleistungssport extrem selten ist.

Doch wie füllt ein Mann den Rest seines Lebens, wenn er mit 24 Jahren bereits die Unsterblichkeit erreicht hat? Viele zerbrechen an der Leere danach. Holdorf nicht. Er erfand sich schlichtweg neu. Zunächst gab er sein Wissen als Trainer weiter, formte Athleten wie den Stabhochspringer Klaus Schiprowski, der 1968 olympisches Silber holte. Doch die Rastlosigkeit des Athleten in ihm war nicht gestillt. Holdorf tat etwas Verrücktes: Er wechselte in den Bobsport. Als Anschieber stürzte er sich in die donnernden Eiskanäle und wurde 1973 prompt Vize-Europameister im Zweierbob. Es war der ultimative Beweis, dass dieser Mann das Kräftemessen brauchte wie die Luft zum Atmen.
Auch beruflich zeigte er jenen Instinkt, der ihn auf der Laufbahn ausgezeichnet hatte. Er wurde Generalvertreter für Adidas, bewies sich als geschickter, scharfsinniger Unternehmer und wurde sogar zeitweise Trainer des Fußball-Zweitligisten Fortuna Köln. Er war ein Multitalent, ein Tausendsassa, der die Reinheit des sportlichen Ehrgeizes nahtlos mit der harten Nüchternheit des Geschäfts verband.
Hinter den Titeln, dem Geld und dem Rampenlicht verlief jedoch sein eigentliches, tiefes Leben. Holdorf war zweimal verheiratet. Über die Brüche seiner ersten Ehe mit Doris schwieg er stets diskret – ein Gentleman der alten Schule. Seine große Liebe und den Anker seines Lebensabends fand er schließlich in Sabine, die bis zum letzten Tag an seiner Seite stand. Sie zogen in ein kleines Häuschen in Achterwehr bei Kiel, zurück in den geliebten Norden. Hier, fernab der großen Metropolen, war er wieder ganz der bodenständige Willi. Er engagierte sich in der Kieler Sporthilfe, sammelte Geld für den Nachwuchs, saß im Nationalen Olympischen Komitee und wurde in die „Hall of Fame des deutschen Sports“ aufgenommen. Zu seinen engsten Vertrauten zählte Fußball-Legende Uwe Seeler – zwei norddeutsche Urgesteine, die dieselbe bescheidene Sprache sprachen.
Trotz seines Reichtums und seines Ruhms blieb er immer greifbar, immer menschlich. Doch am Ende holt jeden das ein, was niemand besiegen kann. In seinen letzten Jahren erkrankte Willi Holdorf schwer. Diesmal war es kein Gegner auf der Aschenbahn, den man mit eisernem Willen niederkämpfen konnte. Es gab keine Ziellinie, die Rettung versprach. Wenige Monate nach seinem 80. Geburtstag, inmitten der düsteren ersten Monate der Corona-Pandemie, schwanden seine Kräfte. Noch kurz vor seinem Tod bat er einen Freund am Telefon, bei seinem nächsten Besuch doch bitte Sahnetorte mitzubringen, die er so liebe. Zu diesem Treffen kam es nicht mehr. Am 5. Juli 2020 hörte jenes große Herz, das in Tokio beinahe zersprungen wäre, in seinem Haus in Achterwehr auf zu schlagen.
Willi Holdorf hinterließ keine Reichtümer, die man zählen kann, sondern ein Vermächtnis, das Generationen überdauert. Er war das Sinnbild einer längst vergangenen Epoche – einer Zeit der Kohlebriketts, der Werksvereine und der echten Amateure. Einer Welt, in der ein Elektriker vom Deich die Welt erobern konnte, einfach weil er den unbändigen Willen dazu hatte. Sein Leben war ein Meisterwerk aus Schweiß, Triumph, Neuerfindung und einer tief verwurzelten Bescheidenheit. Die Welt mag sich seit jenem Oktober 1964 rasant verändert haben, doch die Erinnerung an den taumelnden Helden von Tokio wird für immer bleiben. Mach’s gut, König der Athleten.