Die vergessene Königin: Das bewegende Leben von Weltrekordlerin Rosemarie Ackermann heute
Es gibt Momente im Sport, die sich so tief in das kollektive Gedächtnis einer Nation einbrennen, dass sie selbst nach Jahrzehnten nichts von ihrer faszinierenden Strahlkraft verlieren. Einer dieser magischen Augenblicke ereignete sich an einem lauten und zugleich atemberaubend stillen Augustabend des Jahres 1977 im Berliner Olympiastadion. Die Erwartungshaltung des Publikums war greifbar, und die Anspannung im Raum schien fast greifbar zu sein. In dieser schicksalhaften Kulisse stand eine Frau am Anlauf, die mit einer Körpergröße von knapp 1,73 Metern eher unscheinbar wirkte. Sie bereitete sich darauf vor, sich über eine Latte zu katapultieren, die unfassbare 2,02 Meter hoch lag – eine schwindelerregende Marke, die gut 25 Zentimeter über ihrem eigenen Kopf thronte und zuvor von keiner einzigen Frau auf der ganzen Welt jemals bezwungen worden war.
Diese Grenze galt in der Leichtathletik wie eine schier unüberwindbare Schallmauer. Während die internationale Konkurrenz längst dazu übergegangen war, sich im eleganten und flüssigen Bogen des modernen Fosbury-Flops rücklings über die Hindernisse zu werfen, hielt diese Athletin eisern an einer alten, kraftvollen und fast trotzigen Technik fest: dem klassischen Straddle. Bei diesem archaischen Stützsprung wälzte sich der Körper mit dem Bauch nach unten über die Latte. Es war eine Kunst der rohen körperlichen Anstrengung, die absolute Präzision verlangte und keinerlei Bequemlichkeit verzieh. Als sie anlief, abhob und im Bruchteil einer Sekunde spürte, dass die Latte oben bleiben würde, geschah etwas zutiefst Menschliches. Nach der Landung in der weichen Weichbodenmatte schlug sie die Hände schützend vor das Gesicht, weil sie die aufsteigenden Tränen einfach nicht mehr zurückhalten konnte. Beflügelt von einem unbändigen Gefühl des Triumphs rannte sie anschließend jubelnd durch das halbe Stadion, verfolgt von einer Hatz hunderter Reporter. Rosemarie Ackermann, damals noch unter ihrem Geburtsnamen Witchas bekannt, hatte nicht nur einen historischen Weltrekord aufgestellt, sondern als allerletzte große Königin dieser aussterbenden Sprungtechnik eine magische Barriere durchbrochen.
Um zu begreifen, wie ein so leises und diszipliniertes Mädchen aus einfachen Verhältnissen zu diesem unsterblichen Weltruhm gelangen konnte, muss man den Blick weit in die Vergangenheit richten. Die Reise begann in der flachen, weiten und von Braunkohle geprägten Landschaft der Lausitz, genauer gesagt in dem kleinen Dorf Losa bei Hoyerswerda, wo sie am 4. April 1952 das Licht der Welt erblickte. Über ihrer Kindheit lag jedoch sehr früh ein schwerer Schatten. Ihr Vater verstarb unerwartet, als sie gerade einmal vier Jahre alt war. Zurück blieb eine tapfere Mutter, die fortan vier Töchter völlig auf sich allein gestellt durchbringen musste. Diese Mutter arbeitete hart an einem Förderband im Braunkohletagebau – ein staubiger, kräftezehrender Alltag in der rauen Wirklichkeit der Lausitzer Reviere. Sie tat es ohne zu klagen, weil es schlicht keine andere Option gab. Es war ein Leben ohne jeden Überfluß, in dem jede einzelne Mark umgedreht werden musste und die Kinder sehr früh lernten, dass im harten Leben nichts geschenkt wird.
Dennoch gab die Mutter ihren Kindern etwas mit auf den Weg, das weitaus wertvoller war als materieller Wohlstand: die unbändige Freude an der Bewegung. Sie selbst war einst Turnerin gewesen und hatte ihrer Tochter jene tiefe Begeisterung für die Körperbeherrschung vererbt, die das Fundament für die kommende Sportlerkarriere bilden sollte. In der Schule war Rosemarie eher zurückhaltend, schüchtern und vermied es stets, sich in den Vordergrund zu drängen. Ihre Energie entlud sich einzig und allein im Sport. Dort blühte sie auf, fiel durch ihren unermüdlichen Ehrgeiz auf und war plötzlich nicht mehr das stille Mädchen aus einfachen Verhältnissen, sondern eine überragende Athletin. Interessanterweise galt ihr allererster Kindheitstraum gar nicht der Hochsprunggrube, sondern der großen Theaterbühne. Sie sehnte sich leidenschaftlich danach, Balletttänzerin zu werden, die Anmut und den Applaus zu spüren. Doch dieser Weg blieb ihr verschlossen, und so führte sie der Zufall zu den Dornen der Aschenbahn. Vielleicht lag in dieser frühen Enttäuschung bereits der heimliche Keim ihrer späteren sportlichen Größe, denn wer einen Traum verliert, verfolgt den neuen oft mit einer eisernen Verbissenheit.
Das ostdeutsche Fördersystem erkannte ihr enormes Talent rechtzeitig. Über die Stationen Hoyerswerda und den Sportclub Cottbus geriet sie in die professionellen Hände ihres langjährigen Trainers Erhard Miek. Diese sportliche Partnerschaft sollte über ein Jahrzehnt lang Bestand haben und sie durch sämtliche Höhen und bitteren Tiefen begleiten. Der Alltag einer Hochspringerin war weit entfernt von dem heutigen Glanz des Profitums; er bestand aus endlosem Training, Mühsal, Regen, Kälte und ständigen Wiederholungen. Unter der akribischen Anleitung ihres Trainers feilte sie unermüdlich an jedem kleinsten Detail: an der Krümmung des Rückens, dem perfekten Absprungwinkel und dem fließenden Übergang über die Latte.
Schon als Jugendliche feierte sie erste nationale Erfolge, doch hinter den Kulissen gab es eine charmante Hürde zu überwinden. Da das DDR-Regelsystem damals eine bestimmte Mindestgröße für den Hochsprung vorschrieb und Rosemarie mit ihren echten 1,73 Metern zunächst als zu klein eingestuft wurde, schummelte sie beim Messen ein paar Zentimeter hinzu. Eine kleine, absolut harmlose Notlüge eines jungen Mädchens, ohne die die Leichtathletikgeschichte vielleicht um einen ihrer monumentalsten Momente ärmer geblieben wäre. Ihre internationale Laufbahn nahm bei den Olympischen Spielen 1972 in München Fahrt auf, wo sie einen beachtlichen siebten Platz belegte. Von da an ging es steil bergauf. Im Jahr 1974 holte sie in Rom ihren ersten Europameistertitel und knackte erstmals mit 1,95 Metern den Weltrekord. Noch im selben Jahr heiratete sie den Handballspieler Manfred Ackermann, wodurch sie den Namen annahm, unter dem sie für immer unsterblich werden sollte.
Es folgte eine beeindruckende Serie von insgesamt sieben Weltrekorden zwischen 1974 und 1977. Der absolute Höhepunkt ihrer sportlichen Laufbahn war neben ihrer olympischen Goldmedaille in Montreal 1976 zweifellos jener denkwürdige Sommerabend in Berlin im August 1977. Völlig überraschend und fast nebenbei schraubte sie die Bestmarke auf unvorstellbare 2,00 Meter. Die Szene nach dem Sprung ging um die Welt. Doch der Triumph hatte auch eine bittere, ideologische Kehrseite. Nach dem Sprung wollten ihr Veranstalter einen Koffer voller Geld überreichen – zehntausend D-Mark als verdiente Prämie. Doch wegen der strikten politischen Vorschriften des Ostens durfte sie das Geld nicht annehmen und musste es zurücklassen. Ein kleiner Beutel mit einer Brosche und ein spärlicher Tagessatz blieben ihr, während zu Hause eine magere Prämie wartete. Trotz dieses politischen Ballasts feierte die Sportwelt sie als absolute Ausnahmekönnerin.

Mit den Jahren veränderten sich jedoch die Vorzeichen. Die Zukunft gehörte endgültig dem modernen Fosbury-Flop, und ihre große italienische Rivalin Sara Simeoni drängte vehement an die Weltspitze. Nach den Olympischen Spielen 1980 in Moskau, wo sie den undankbaren vierten Platz belegte, beendete sie im Alter von nur 28 Jahren ihre aktive Karriere. Anders als heutige Superstars wurde sie von ihrem Ruhm nicht reich. Sie kehrte in ein ganz normales bürgerliches Leben zurück, arbeitete zunächst als Binnenhandelsökonomin und fand nach der deutschen Wiedervereinigung im Jahr 1990 eine neue berufliche Heimat bei der Agentur für Arbeit in Cottbus. Dort half sie bis zu ihrem Ruhestand im Jahr 2015 als bodenständige Sachbearbeiterin anderen Menschen bei der Jobsuche. Die Frau, die einst als Erste der Welt über zwei Meter geflogen war, saß nun unauffällig an einem Schreibtisch und bewältigte die Umbrüche der Nachwendezeit mit derselben stillen Disziplin, die sie einst auf der Aschenbahn ausgezeichnet hatte.
Überschattet wurde diese späte Phase ihres Lebens durch die nachträglichen Enthüllungen über das systematische Doping im DDR-Leistungssport, als auch ihr Name in entsprechenden Akten auftauchte. Rosemarie Ackermann hat jedoch zehntausendfach beteuert, niemals wissentlich verbotene Substanzen eingenommen zu haben – eine tragische Bürde für eine Athletin, die in einem System agierte, das Eigenverantwortung oft durch strikte Bevormundung ersetzte. Heute, mit 74 Jahren, führt die ehemalige Weltrekordlerin ein ruhiges, zurückgezogenes Leben im Kreis ihrer Familie in Cottbus. Sie blickt ohne Bitterkeit auf ihre glanzvolle Vergangenheit zurück und genießt die Stille fernab des großen Rampenlichts. Ihr Name bleibt für immer untrennbar mit jener magischen Höhe und der goldenen Ära des Straddle-Stils verbunden.