Die Tragödie von Wolfgang Nordwig: Der steinige Weg und das traurige Leben der Stabhochsprung-Legende
Es gibt Geschichten im internationalen Sport, die über Jahrzehnte hinweg wie in Stein gemeißelt wirken und die man für unumstößliche Naturgesetze hält. Über lange 76 Jahre hinweg – von den ersten neuzeitlichen Olympischen Spielen im Jahr 1896 bis zum denkwürdigen mexikanischen Höhenrausch des Jahres 1968 – schien es im Stabhochsprung der Männer ein absolut unumstößliches Gesetz zu geben: Kein Athlet konnte olympisches Gold erringen, dessen Pass nicht das stolze Wappen der Vereinigten Staaten trug. Diese US-amerikanische Vorherrschaft war so mächtig, so verlässlich und so allgegenwärtig wie die Schwerkraft selbst, gegen die die Springer Abend für Abend anrannten. Doch dann kam ein schmaler, sehniger Feinmechaniker aus Jena – ein Mann, der in seiner Jugend in der Schule ausgerechnet im Fach Sport keineswegs mit glänzenden Noten glänzte – und riss dieses scheinbar ewige Naturgesetz an einem lauen Septemberabend in München einfach ein. Wer diese außergewöhnliche Biografie verstehen will, darf nicht von einem geschenkten Ausnahmetalent ausgehen, sondern muss begreifen, dass hier ein Mensch kämpfte, der sich jeden einzelnen Zentimeter seines Erfolgs mit unerbittlicher Härte selbst erkämpfen musste.
Wolfgang Nordwig erblickte am 27. August 1943 in Sigmar-Schönau bei Chemnitz das Licht der Welt, mitten hinein in die bedrückenden letzten Jahre eines verheerenden Weltkriegs, dessen Ende die Landkarte seiner Kindheit vollständig verändern sollte. Als er alt genug war, um die Welt mit klarem Verstand zu betrachten, war das zerstörte Deutschland längst in zwei Hälften geteilt, und er wuchs in jenem Teil auf, der sich als sozialistischer Osten verstand und in dem der Leistungssport bald zur absoluten Chefsache erhoben wurde. Sein Vater, ein sportbegeisterter Mann und aktiver Ruderer sowie Radsportler, legte ihm die Liebe zur körperlichen Anstrengung gewissermaßen in die Wiege. Zusammen mit seinem älteren Bruder, einem talentierten Mittelstreckenläufer, fand der junge Wolfgang schließlich den Weg auf die Aschenbahn. Was zunächst als ganz normaler jugendlicher Freizeitsport begann, nahm bald eine zielstrebige Form an. Im Jahr 1957 wandte er sich endgültig der Leichtathletik zu, und der Stabhochsprung zog ihn mit seiner einzigartigen Mischung aus technischer Finesse, kühler Berechnung und schierem Mut in seinen Bann.

Wer den Stabhochsprung in seiner ganzen Komplexität begreifen will, muss sich vor Augen führen, was dieser Sport von einem Menschen verlangt: In einem vollen, explosionsartigen Lauf wird ein biegsames Rohr aus Glasfaser oder Metall in einen Einstichkasten gerammt, um sich im nächsten Moment explosionsartig vom Boden zu lösen, kopfüber in den Himmel geschleudert zu werden und in luftiger Höhe von über fünf Metern in einer präzisen Drehung über eine dünne Latte zu gleiten, ohne sie auch nur im Bruchteil einer Sekunde zu berühren. Es ist ein Akt, der blindes Vertrauen in das Sportgerät, in den eigenen Körper und in jahrelang eintrainierte Automatismen erfordert. Wer in diesem Bruchteil einer Sekunde zögert, stürzt unweigerlich ab; wer zu viel will, reißt die Latte herunter. Doch Wolfgang Nordwig war kein Springer, der sich vom blinden Rausch des Moments tragen ließ. Er war ein absoluter Kopfmensch, ein Analyst und Stratege in einer Sportart voller Adrenalin. Genau darin lag sein goldenes Geheimnis: Er ersetzte das fehlende, rein körperliche Supertalent durch messerscharfes Wissen und seine fehlende Explosivität durch eine unerbittliche, fast stoische Wiederholung der Bewegungsabläufe.
Unter der kundigen Anleitung seines Trainers Arthur Linz beim Sportclub Motor Jena verfeinerte er seine Technik, während er parallel in der traditionsreichen Glas- und Feinindustriestadt das Handwerk des Feinmechanikers erlernte. An der Werkbank, wo Bruchteile von Millimetern über die Funktionalität optischer Geräte von Carl Zeiss entschieden, schulte er jenen Sinn für absolute Präzision, den er eins zu eins auf die Sportanlage trug. Doch damit nicht genug: Während seine sportliche Karriere steil nach oben zeigte, drückte Nordwig mit bewundernswerter Disziplin von 1962 an die Abendschule, um Ingenieur für Betriebs-, Mess- und Regeltechnik zu werden. Später folgte sogar noch ein anspruchsvolles Fernstudium an der Technischen Universität Dresden, das ihn bis zum Diplom-Physiker führte. Diese doppelte Belastung – tagsüber der gejagte Spitzensportler an der absoluten Leistungsgrenze, abends der konzentrierte Student über wissenschaftlichen Formeln – zeigt das wahre Format dieses Mannes. Seine eiserne Disziplin war der Treibstoff, der ihn sowohl durch schlaflose Nächte über den Lehrbüchern als auch über die höchsten Höhen der Sportwelt trug.
Sein Weg an die Weltspitze war gepflastert mit Fleiß und unermüdlicher Beständigkeit. Mehr als hundert Mal in seiner Karriere überquerte er die magische Marke von fünf Metern – eine schier unglaubliche Zuverlässigkeit, die in dieser nervenaufreibenden Disziplin fast schon unheimlich wirkte. Von 1965 an sicherte er sich acht Jahre in Folge den nationalen Meistertitel, holte 1966 und 1971 die Europameisterschaften und dominierte über eine halbe Dekade hinweg das europäische Geschehen. Doch die alles überragende Krone im Weltsport fehlte seiner beeindruckenden Sammlung noch: die Olympischen Spiele. Der erste große Versuch in Mexiko-City im Jahr 1968 geriet zu einer harten Lektion in Sachen sportlicher Grausamkeit. In einem dramatischen Finale meisterten gleich drei Athleten – der US-Amerikaner Bob Segren, der Westdeutsche Klaus Schiprowski und Wolfgang Nordwig – dieselbe Höhe von 5,40 Metern, scheiterten jedoch alle an 5,45 Metern. Am Ende entschied das unbarmherzige Regelwerk der Fehlversuche: Nordwig hatte im Verlauf des Wettkampfs einen einzigen Fehlversuch mehr auf dem Konto gehabt und wurde auf den bronzenen Rang verwiesen.
Für einen Sportler von seinem Ehrgeiz war diese Niederlage wie offenes Gift. Doch anstatt an dem verpassten Gold zu zerbrechen, nutzte er diesen bitteren Rückschlag als ultimativen Antrieb für die kommenden Jahre. Am 17. Juni 1970 schlug in Berlin die historische Stunde: Mit übersprungenen 5,45 Metern verbesserte er den Weltrekord und entriss dem US-Amerikaner John Pennel die Bestmarke. Wenige Wochen später steigerte er sich in Turin sogar auf 5,46 Meter. Er war auf dem absoluten Zenit angelangt, doch der wahre Lebenstraum wartete im Jahr 1972 auf deutschem Boden – bei den Olympischen Spielen in München. In einer hochemotionalen und durch Materialstreitigkeiten um moderne Kohlefaserstäbe aufgeheizten Atmosphäre behielt Nordwig erneut die kühle Übersicht. Während die favorisierten Amerikaner im Regelchaos um ihre gewohnten Wunderstäbe stritten, sprang Nordwig mit dem verlässlichen Material, das er perfekt beherrschte. Bei 5,40 Metern zog er fehlerfrei vorbei, meisterte im ersten Versuch die Marke von 5,45 Metern und setzte mit fantastischen 5,50 Metern – zugleich persönlicher Bestwert und neuer olympischer Rekord – den glorreichen Schlusspunkt. Zum ersten Mal in der Geschichte der modernen Spiele hieß der Olympiasieger im Stabhochsprung nicht Amerikaner, sondern Wolfgang Nordwig aus Jena.
Nach diesem unvergleichlichen Triumph bewies er einmal mehr weise Voraussicht: Auf dem absoluten Gipfel seiner Laufbahn trat er zurück, um sich fortan ganz seiner wissenschaftlichen und beruflichen Zukunft zu widmen. Er kehrte in die Industrie zurück, stieg im Kombinat Carl Zeiss bis zum Direktor für Forschung und Entwicklung auf und promovierte 1989 zum Doktor der Ingenieurwissenschaften. Doch der politische Umbruch des Jahres 1989 riss den Boden unter den Füßen vieler Menschen im Osten Deutschlands weg. Auch für Nordwig bedeutete die deutsche Wiedervereinigung einen tiefen Einschnitt. Mit bewundernswerter Flexibilität erfand er sich jedoch neu und leitete ab 1991 ein Reiseunternehmen in Berlin – ein beruflicher Neuanfang, der seine enorme Anpassungsfähigkeit unter Beweis stellte. Wie so viele erfolgreiche Athleten aus jener Epoche holten ihn später auch die Schatten der DDR-Dopingvergangenheit ein, als entsprechende Akten in Archiven auftauchten und die schwierigen Fragen nach dem Wissen und Wollen der Sportler aufwarfen. Diese dunklen Kapitel mindern jedoch kaum die sportliche Lebensleistung eines Mannes, der mit eiserner Willenskraft und beispielloser Präzision das schier Unmögliche möglich gemacht hat. Heute lebt Wolfgang Nordwig zurückgezogen im thüringischen Schleiz und Saalburg, fernab des medialen Rummels. Die Medaillen glänzen in der Erinnerung, während das stille, erfüllte Leben im Einklang mit sich selbst geblieben ist – ein Zeugnis dafür, dass wahre Größe nicht nur in Zentimetern und Rekorden gemessen wird, sondern vor allem in der unerschütterlichen Kraft, jeden Neuanfang im Leben zu meistern.