Die Tragödie der Kornelia Ender: Gefangen zwischen Gold, Staatsverrat und der dramatischen Flucht in die Freiheit
Es ist tief in der Nacht zum 4. August 1989. Die Luft über dem ungarischen Grenzgelände bei Sopron ist schwer, sie riecht nach feuchter, umgegrabener Erde und zertretenem, nassem Gras. In der absoluten Dunkelheit kriecht eine Frau verzweifelt über den Boden. Auf ihrem zitternden Arm trägt sie ihre erst vierjährige Tochter, während die zehnjährige Tochter verängstigt und stumm dicht neben ihr durch die Schatten eilt. Vor ihr liegt ihr Ehemann auf dem Bauch, der mit einer mitgebrachten Kneifzange hektisch und unter enormem Zeitdruck Löcher in den unbarmherzigen Stacheldraht schneidet. Scharfe Dornen reißen ihnen die Haut an den Unterarmen auf, das Blut mischt sich mit dem Schmutz der Nacht. Immer wieder müssen sie flach auf dem Boden verharren und sich ducken, wenn die Schritte der bewaffneten Grenzpatrouillen bedrohlich nah vorbeihallen. Sie kämpfen sich Zaun um Zaun voran, Stunde um Stunde, getrieben von der nackten Panik und der unstillbaren Sehnsucht nach dem Westen. Wer diese schutzlose, von Dreck gezeichnete Frau in diesem Moment gesehen hätte, wäre niemals auf den Gedanken gekommen, dass es sich um eine der größten Sportikonen des 20. Jahrhunderts handelt. Wer sie dreizehn Jahre zuvor, an einem strahlenden Julitag 1976 in Montreal, im Fernsehen gesehen hatte, wie sie als 17-jähriges Mädchen majestätisch aus dem Schwimmbecken stieg und die ganze Welt mit ihrem Lächeln verzauberte, der hätte sie hier im Schlamm niemals vermutet.
Es war Kornelia Ender. Die vierfache Olympiasiegerin, das glorreiche Aushängeschild und der unangefochtene Liebling einer ganzen Republik. Das Mädchen, das bei feierlichen Staatsbanketten am Tisch von Erich Honecker gesessen und in das selige Lächeln des Staatsratsvorsitzenden geblickt hatte. Nun kroch genau dieses Mädchen, das der Staat einst so groß und berühmt gemacht hatte, buchstäblich durch den Dreck, um aus eben diesem Land zu fliehen. Um vier Uhr morgens schien das Schicksal besiegelt: Im blendenden Licht der Taschenlampen am letzten Sperrzaun blickten sie plötzlich direkt in die kalten Mündungen von Maschinenpistolen. Es gibt Biografien, die man unweigerlich von hinten, vom Ende her, lesen und begreifen muss, damit die vielen unbegreiflichen Puzzleteile endlich einen Sinn ergeben. Das Leben der Kornelia Ender ist genau so eine Geschichte – ein monumentales Drama über Ruhm, Verrat, staatliche Kontrolle und den unbändigen Willen zu überleben.
Ihre Geschichte nimmt ihren Anfang in Plauen, wo sie am 25. Oktober 1958 das Licht der Welt erblickt. Doch geprägt wird sie in Bitterfeld. Es ist jene industriell durchtränkte Stadt in der DDR, deren Himmel in den 1960er Jahren eine unnatürliche, schmutzige Farbe besaß, die man kaum in Worte fassen, sondern nur bei jedem Atemzug schmerzlich einatmen konnte. Wer in Bitterfeld aufwuchs, kannte den beißenden chemischen Geschmack auf der Zunge, den allgegenwärtigen schwarzen Ruß auf den Fensterbänken und die riesigen Schornsteine, die den Horizont wie gigantische Gitterstäbe in Streifen schnitten. In diesem rauen Umfeld wächst Kornelia in einer strengen, regeltreuen Familie auf. Der Vater, Heinz Ender, ist Offizier der Nationalen Volksarmee und steigt später bis zum Oberst auf. Die Mutter arbeitet als engagierte Oberschwester im örtlichen Krankenhaus. Beide sind tief in der Partei verwurzelt, beide sind absolut linientreu und überzeugt von der Überlegenheit des sozialistischen Systems. Die Tochter wird Jahrzehnte später über die unerbittliche politische Haltung ihres Elternhauses sagen, dass es „roter nicht gegangen sei“. Es war eine sozialistische Bilderbuchfamilie: stets sauber, eisern diszipliniert und vor allem reibungslos funktionierend. In solchen Familien wurde nicht lange am Esstisch diskutiert, in solchen Familien wurde schlichtweg gehorcht und gemacht.
Dass Kornelia überhaupt ins Wasser kam, entsprang jedoch keinem übersteigerten sportlichen Ehrgeiz der Eltern, sondern einer simplen medizinischen Notwendigkeit. Ein Arzt hatte wegen einer leichten, aber spürbaren Fehlstellung in ihrem Hüftgelenk dringend zum regelmäßigen Schwimmen geraten. Das gleichmäßige Ziehen durch das Wasser sollte den jungen Körper entlasten und die Gelenke ordnen. So begann sie 1966 im trüben Wasser der Schwimmhalle in Bitterfeld – ein unscheinbares Kind unter vielen anderen Kindern. Doch was danach geschah, vollzog sich in einem derart atemberaubenden Tempo, dass es kaum jemand in ihrer Umgebung rechtzeitig einordnen oder gar stoppen konnte. Der Sportapparat der DDR verfügte über ein unbarmherziges und gnadenlos effizientes Sichtungssystem von einer Gründlichkeit, wie sie die Welt bis dato noch nicht gesehen hatte. Es war ein engmaschiges Netz aus Schwimmhallen, speziellen Sportschulen, ständigen Körpermessungen, unzähligen gestoppten Zeiten und penibel geführten Karteikarten. Wer einmal in dieses System hineingeriet und sich als überdurchschnittlich schnell erwies, den ließ diese gigantische Maschine nicht mehr los.

Bereits 1968 wurde Kornelia an die renommierte Kinder- und Jugendsportschule in Halle delegiert. Sie startete fortan für den angesehenen Sportclub Chemie Halle. Unter der strengen, aber fördernden Betreuung von Trainern wie Helmut Langbein formte sich aus einem schmächtigen Mädchen mit einem außergewöhnlich guten Gefühl für die Wasserlage innerhalb weniger, intensiver Jahre eine Schwimmerin, für die es in ihrer eigenen Altersklasse schon bald keinen realistischen Maßstab mehr gab. Dann kam das Jahr 1972 und die Olympischen Spiele in München. Kornelia Ender ist zu diesem Zeitpunkt exakt 13 Jahre alt. Dreizehn. Bis zum heutigen Tag war keine deutsche Sportlerin und kein deutscher Sportler bei Olympischen Spielen jemals jünger. Und sie fuhr nicht nur als Maskottchen mit; sie stand mutig in den Finalläufen zwischen ausgewachsenen, muskulösen Frauen aus aller Welt. Sie holte sensationell drei Silbermedaillen – über 200 Meter Lagen und mit den beiden Staffeln. Sie vollbrachte dieses Wunder ausgerechnet beim sogenannten Klassenfeind im Westen, unter dem markanten, lichtdurchfluteten Zeltdach von München, in jenem schicksalhaften Sommer, der der Welt später vor allem wegen der grausamen Morde palästinensischer Terroristen im Olympischen Dorf für immer im Gedächtnis bleiben sollte. Kornelia kletterte aus dem Wasser und schenkte den Kameras ein Lächeln, das noch völlig unbeschwert und kindlich rein war. Sie wusste in diesem Moment nicht im Geringsten, was in den kommenden Jahren auf sie zukommen würde. Woher hätte sie das auch wissen sollen?
Was nach München folgte, war keine normale sportliche Entwicklung mehr, es glich einer beispiellosen Explosion menschlicher Leistungsfähigkeit. In den Jahren zwischen 1973 und 1976 verbesserte Kornelia Ender den Weltrekord über die prestigeträchtigen 100 Meter Freistil unglaubliche zehn Mal. Sie hielt diesen Rekord in dieser gesamten Zeitspanne ohne eine einzige Unterbrechung – eine schier unfassbare Dominanz. Dazu kamen fünf Weltrekorde über 100 Meter Schmetterling, vier Rekorde über 200 Meter Freistil, zwei über 200 Meter Lagen und ein Weltrekord über 100 Meter Rücken. Am Ende dieser kurzen, aber intensiven Ära standen unbegreifliche 23 Weltrekorde auf ihrem Konto. Ein Höhepunkt dieser surrealen Dominanz waren die DDR-Meisterschaften im Jahr 1976, bei denen sie in fünf völlig verschiedenen Disziplinen Weltrekorde aufstellte – in einer einzigen Meisterschaftswoche quer durch alle Lagen. Das war etwas, das die internationale Fachwelt schon damals kaum fassen konnte. Sie wurde Weltmeisterin in Belgrad und in Cali, wurde viermal hintereinander zur Sportlerin des Jahres in der DDR gewählt und zweimal zu Europas Sportlerin des Jahres gekrönt. Die internationale Presse überschlug sich vor Begeisterung, die englischen Zeitungen übernahmen sogar den deutschen Begriff und tauften sie ehrfurchtsvoll „Das Wundermädchen“.
Und dann kam Montreal 1976. Es gibt in der langen und reichen Geschichte des globalen Sports nur sehr wenige Momente, die man mit dem bloßen Verstand nicht mehr erklären, sondern nur noch ungläubig mit der Stoppuhr in der Hand nachvollziehen kann. Am 22. Juli 1976 schwimmt Kornelia das packende Finale über 100 Meter Schmetterling und stellt souverän ihren eigenen Weltrekord ein. Sie berührt die Wand, steigt klatschnass aus dem Becken, doch sie geht nicht wie üblich zur feierlichen Siegerehrung. Stattdessen begibt sie sich ruhig in das kleine Auslaufbecken, um sich zu erholen. Sie wartet. Und keine halbe Stunde später – es waren exakt 25, 26 oder 28 Minuten, je nachdem, wessen Uhr man damals glaubte – steht dieses Mädchen schon wieder auf dem Startblock. Diesmal für das kräftezehrende Finale über 200 Meter Freistil. Als der Startschuss fällt, deklassiert sie die Weltelite erneut und schlägt nach einer Minute und 59,26 Sekunden an. Sie ist damit die erste Frau der Welt, die jemals die magische Grenze von zwei Minuten durchbrochen hat. Zwei olympische Finalläufe, gewonnen innerhalb einer knappen halben Stunde, beide in unfassbarer Weltrekordzeit. Hinzu kamen in Montreal noch das Gold über 100 Meter Freistil und das Gold mit der Lagenstaffel, sowie eine Silbermedaille. Sie war die erste Schwimmerin der Geschichte, die bei einer einzigen Olympiade vier Goldmedaillen gewann.
Die Schwimmerinnen der DDR holten in Montreal unglaubliche 11 von 13 möglichen Goldmedaillen. Die Amerikanerinnen, die jahrzehntelang die absolute und selbstverständliche Weltmacht in diesem Element gewesen waren, kamen verzweifelt an die Wand und blickten auf bereits wartende, extrem groß gewachsene und stark muskulöse Athletinnen in blauen DDR-Badeanzügen, die sich mit tiefer Stimme unterhielten. Shirley Babashoff, die große und tragische amerikanische Hoffnung jener Zeit, gewann immer wieder nur Silber. Sie war eine der ersten Athletinnen, die laut und öffentlich aussprach, was viele Konkurrentinnen hinter vorgehaltener Hand längst dachten: Hier ging es nicht mit rechten Dingen zu. Für diese mutigen Worte wurde Babashoff in ihrer eigenen Heimat lange Zeit als schlechte Verliererin verspottet, bis die historischen Akten sie schließlich einholten und ihr vollumfänglich Recht gaben.
Denn dieses dunkle Thema wird von nun an wie ein schwerer, erdrückender Schatten über allem liegen, was von Kornelia Enders Leben zu erzählen ist. Man kommt an diesem dunklen Kapitel nicht vorbei. Nach dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung wurde durch die geöffneten Unterlagen der Staatssicherheit zweifelsfrei und erschütternd belegt, dass in der DDR unter der Tarnbezeichnung „Staatsplan Thema 14.25“ ein flächendeckendes, systematisches Staatsdoping betrieben wurde. Skrupellose Ärzte und ehrgeizige Trainer verabreichten sogar minderjährigen Kindern massenhaft anabole Steroide. In unzähligen Fällen geschah dies völlig ohne deren Wissen, getarnt als harmlose Vitamine, und oftmals mit chemischen Substanzen, die vorher weder in klinischen Studien noch an Tieren jemals getestet worden waren. Bis zu 10.000 Athletinnen und Athleten sollen von diesem verbrecherischen System betroffen gewesen sein. Man drückte den arglosen Kindern kleine, blaue Pillen in die Hand, sprach von „Aufbaupräparaten“, und wer als Kind die Stirn runzelte und Fragen stellte, bekam Antworten, die im Grunde keine waren.
Was hat Kornelia Ender gewusst? Was hat sie all die Jahre geschluckt, und wer genau hat es ihr gegeben? Sie hat zu diesen brennenden Fragen über die Jahrzehnte hinweg im Kern immer wieder dieselbe tragische Antwort gegeben: Dass sie es nicht mit Sicherheit weiß. Dass sie damals bestimmte Mittel unter einem völlig anderen, harmlosen Vorwand erhalten habe. Dass es durchaus möglich und sogar extrem wahrscheinlich sei, dass sie unwissentlich gedopt worden ist, aber dass sie bis heute nicht exakt rekonstruieren kann, womit, in welcher Dosis, wie oft und durch wen. Nach der Wende sagte sie einmal, es sei in den Wirren der Nachwendezeit vielleicht alles ein wenig zu schnell gegangen, um diesen Dingen noch ernsthaft und juristisch nachzugehen. Man kann diese Haltung leichtfertig als zu bequem abtun, wie es viele Kritiker getan haben. Man kann und muss es aber auch als das lesen, was das eigentliche, unfassbare Verbrechen dieses menschenverachtenden Systems war: Dass es arglosen Kindern für immer die fundamentale Möglichkeit nahm, jemals sicher zu wissen, was mit ihrem eigenen Körper geschehen ist. Einem Menschen, dem man im Alter von 14 Jahren täglich etwas in die offene Hand drückt, kann mit 60 Jahren unmöglich noch rekonstruieren, was genau es war. Er kann nur versuchen, irgendwie mit dieser unerträglichen Ungewissheit weiterzuleben.

Doch dann gibt es diesen einen, leuchtenden Satz in ihrer ansonsten so streng kontrollierten Biografie, der auf dem Papier so klein aussieht, aber eine so gewaltige moralische Schwere besitzt. Im Jahr 1977 weigerte sich Kornelia Ender klipp und klar, das berüchtigte Anabolikum Oral-Turinabol einzunehmen. Daraufhin verbannte sie Manfred Ewald, der unumstrittene und gefürchtete oberste Sportfunktionär der DDR, ohne mit der Wimper zu zucken aus der Nationalmannschaft. Das ist keine ausgeschmückte Legende, das steht heute historisch gesichert in den Darstellungen ihres Lebens. Ein erst 19-jähriges Mädchen blickt dem mächtigsten Mann des ostdeutschen Sports direkt in die Augen und sagt mutig Nein zu den Pillen. Und der mächtigste Mann des Sports lässt den größten Star des Landes daraufhin eiskalt fallen und verschwinden. Ohnehin war Ewald schon zuvor an ihrem starken Willen gescheitert. Schon nach dem Triumph von Montreal hatte sie für sich beschlossen, mit dem Schwimmen aufzuhören. Mit 19 Jahren hatte sie im Sport schlichtweg alles erreicht, was ein Mensch überhaupt erreichen kann, und sie hegte den tiefen Wunsch, Medizin zu studieren. Für die machthungrigen Funktionäre war dieser individuelle Wunsch eine absolute Ungeheuerlichkeit. Ewald reiste eigens aus Ost-Berlin an, um ihr diesen Flausen auszutreiben. Zwei Stunden lang redete er massiv auf sie ein, und als er schließlich begriff, dass sie keinen Millimeter nachgab, stand er wütend und tobend auf und schimpfte im Hinausgehen unflätig über diese „Rotzgöre“. Von diesem schicksalhaften Tag an durfte die vierfache Olympiasiegerin nicht mehr in den Westen reisen. Einladungen zu internationalen Wettkämpfen oder Galas, die für sie eintrafen, wurden von der Stasi abgefangen und vernichtet, bevor sie sie überhaupt zu Gesicht bekam.
Die Privilegien im eigenen Land jedoch blieben ihr vorerst erhalten, jedenfalls die materiellen. Und es lohnt sich, bei diesen absurden Privilegien einen Moment zu verweilen, weil sie weit mehr über den moralischen Bankrott dieses Staates verraten als jede flammende politische Rede. Alle drei Jahre durfte Kornelia Ender ohne die üblichen endlosen Wartezeiten ein brandneues Auto kaufen. Sie besaß in Ost-Berlin ein spezielles Bankkonto mit üppigen Prämiengeldern. Wenn sie in ihrem Alltag etwas Größeres brauchte, beispielsweise einen neuen Wohnzimmerschrank, dann musste sie lediglich einen gewissen Herrn Berger anrufen und höflich um Geld bitten. Dann kam dieser ominöse Herr Berger höchstpersönlich vorbei, öffnete in ihrem Wohnzimmer seinen Aktenkoffer, gab ihr stumm genau die Summe, die sie verlangt hatte, schloss den Koffer und verschwand wieder wie ein Geist. Wie viel Geld tatsächlich auf diesem fiktiven Konto lag, hat sie in all den Jahren nie erfahren. Sie hat nicht einmal den Vornamen dieses geheimnisvollen Mannes je erfahren. Genau so sah der Reichtum einer gefeierten Nationalheldin in einer Diktatur aus: Ein fremder Koffer, der sich geräuschlos öffnete und sich genauso geräuschlos wieder schloss.
Das Private, so schien es für die Öffentlichkeit lange Zeit, machte all die staatliche Gängelung wieder gut. Kornelia Ender war mit Roland Matthes zusammen, dem besten und elegantesten Rückenschwimmer, den die Welt je gesehen hatte. Dem Mann, der in den glorreichen Jahren zwischen 1967 und 1974 nicht ein einziges Rückenrennen verlor und den man in der westlichen Presse ehrfurchtsvoll den „Rolls-Royce des Schwimmsports“ nannte. Zwei gigantische Olympiasieger, zwei makellose Gesichter, die jedes Kind in beiden geteilten deutschen Staaten kannte. Sie waren das ultimative, ostdeutsche Glamourpaar der 70er Jahre, das unantastbare Traumpaar des Sports. Sie waren der Inbegriff des sozialistischen Erfolgs. 1978 gaben sie sich das Jawort, 1979 kam ihre gemeinsame Tochter Franziska zur Welt. Doch diese glanzvolle Ehe hielt den Belastungen des Alltags nicht stand. Sie zerbrach still und leise in den frühen 80er Jahren. Ohne öffentlichen Skandal, ohne schmutzigen Lärm in der Klatschpresse, so wie es oft geschieht, wenn zwei Menschen, die extrem jung extrem berühmt geworden sind, danach mühsam herausfinden müssen, wer sie eigentlich jenseits der jubelnden Massen und ohne die allgegenwärtigen Fernsehkameras wirklich sind. Auch das heiß ersehnte Medizinstudium in Jena, das sie sich mit so viel jugendlichem Trotz gegen Ewald erkämpft hatte, brach sie schließlich desillusioniert ab. Man stelle sich diese absurde Situation einmal vor: Da ist man 23 Jahre alt, hat bereits 23 Weltrekorde im Rücken, hat quasi sein gesamtes Leben schon einmal im absoluten Zeitraffer durchlebt, und nun sitzt man anonym in einem grauen Hörsaal, wird von Professoren gemaßregelt, hat ein kleines Kind zu versorgen und niemand ruft mehr jubelnd die geschwommenen Zeiten aus. Es gibt in unzähligen Biografien von Spitzensportlern diesen einen, unendlich schweren Punkt, an dem der ohrenbetäubende Applaus plötzlich aufhört und die absolute Stille anfängt. Und die meisten von ihnen gestehen später, dass diese plötzliche Stille das weitaus Schwerere war, als das harte Training.
Kornelia Ender fand jedoch einen Weg aus dieser tiefen Sinnkrise heraus. Ein Weg, der gut zu ihr passte, weil er wieder ganz direkt mit dem menschlichen Körper zu tun hatte. Sie ließ sich zur Physiotherapeutin ausbilden. Ende des Jahres 1983 trat dann ein neuer Mann in ihr Leben, als er sich auf ihre Behandlungsliege legte: Steffen Grummt. Ein wahrer Kraftkerl, ein ehemaliger Zehnkämpfer, breit gebaut, laut, herzlich und voller Tatendrang. Schon im Sommer darauf heirateten sie. Grummt wechselte in den rasanten Bobsport, weil er als Leichtathlet das Ende seiner körperlichen Möglichkeiten erreicht hatte, und wurde gleich in seiner allerersten Saison im Viererbob von Bernhard Lehmann sensationell Weltmeister. 1986 erblickte die zweite Tochter, Tiffany, das Licht der Welt. Es hätte fortan eine wunderbar ruhige, harmonische Geschichte werden können. Zwei erfolgreiche Sportler, zwei gesunde Kinder, eine geräumige Vierzimmerwohnung im thüringischen Suhl. Doch Steffen Grummt war leichtsinnigerweise in einen Wintersport gewechselt, den die allgegenwärtige Staatssicherheit mit ihren unzähligen Inoffiziellen Mitarbeitern (IMs) durchsetzt hatte wie kaum einen zweiten Bereich. Grummt war ein offener Geist; er unterhielt sich bei Weltcup-Rennen völlig unbefangen mit westdeutschen und Schweizer Athleten, weil er diesen lockeren Umgang aus seiner Zeit in der Leichtathletik so gewohnt war. Er weigerte sich beharrlich, in die SED einzutreten, obwohl man ihn von allen Seiten massiv dazu drängte. Er dachte sich in seiner Naivität nichts dabei, weil er fest daran glaubte, dass allein seine herausragenden sportlichen Ergebnisse ihn wie ein Schutzschild bewahren würden. Ein fataler Irrtum. In den geheimen, giftsprühenden Berichten, die über ihn von seinen eigenen Teamkollegen verfasst wurden, stand geschrieben, er sei „stark materiell interessiert“, getrieben vom bloßen „Drang nach persönlicher Anerkennung“ und besitze „keine klare Haltung zur westlichen Lebensweise“. Einer der eifrigsten und bösartigsten Spitzel in seinem direkten Umfeld war ausgerechnet sein eigener Zweierbob-Pilot, mit dem er sich auf Reisen unzählige Male vertrauensvoll ein Hotelzimmer geteilt hatte.
Im Mai 1986 zog sich die Schlinge endgültig zu. Es wurde eine Operative Personenkontrolle unter dem Decknamen „Athlet“ gegen Grummt angeordnet. Die scheinbar sichere Wohnung in Suhl wurde heimlich verwanzt. Damit stand schlagartig auch Kornelia Ender unter massiver, verschärfter Aufsicht der Stasi. Jene gefeierte Olympiasiegerin, das strahlende Vorbild, das man jahrelang stolz als Beweis für die Überlegenheit des Systems durch das ganze Land gereicht hatte. In einem zynischen Zwischenbericht der Stasi wurde nüchtern und eiskalt aufgelistet, was die kleine Familie noch an die DDR binde und eine mögliche Flucht unwahrscheinlich mache: Die bestehende Ehe, die schulpflichtigen Kinder, die guten finanziellen Verhältnisse, der Ehrgeiz des Mannes. Sogar das intime Einvernehmen der Eheleute im Schlafzimmer wurde von den Horchern an der Wand als zynisches Argument dafür herangezogen, dass sie keinen Grund zur Flucht hätten. Menschen wurden in diesem Überwachungsstaat gnadenlos auseinandergenommen, analysiert und bewertet wie defekte Motoren auf einer Werkbank, und die Ausführenden hielten dieses monströse Vorgehen nicht einmal für moralisch verwerflich.
Ende 1986 wurde Steffen Grummt gezwungen, seinen privaten Spind zu öffnen, in dem man verbotenes Westgeld und die private Adresse eines freundlichen Schweizer Bobkollegen fand. Das war das Ende. Im Februar 1987 wurde er unehrenhaft aus der Armee entlassen und offiziell vom „Leistungsauftrag entbunden“ – was in der brutalen Sprache dieses perfiden Systems schlichtweg bedeutete: Er wurde auf die Straße geworfen. Als Trainer durfte er sein Wissen nicht mehr weitergeben, stattdessen degradierte man ihn dazu, Sport an einer gewöhnlichen Schule in Suhl zu unterrichten. Von Kornelias Vater, dem linientreuen Oberst Ender, kam in diesen dunklen Stunden der Verzweiflung absolut kein tröstendes Wort. Im Gegenteil: Wenn Oberst Ender seine Tochter in Suhl besuchte und im Wohnzimmer zufällig das verbotene Westfernsehen lief, drehte er demonstrativ und wortlos den Apparat ab. Er ließ den verzweifelten Ehemann seiner Tochter eiskalt wissen, dass dieser an seiner ausweglosen Lage vollkommen selbst schuld sei. Heinz Ender war ein Mann von einer schockierenden emotionalen Härte, eine Härte, die auch vor dem Leid der eigenen Familie niemals Halt machte. Mit seiner eigenen Mutter und seiner Zwillingsschwester, die in den verhassten USA lebten, hatte der Oberst längst gnadenlos gebrochen. Man muss sich diese absurde Szenerie erst einmal im Kopf zurechtlegen: Da sitzt eine erwachsene Frau, die für dieses Land vier olympische Goldmedaillen unter immensen Schmerzen erkämpft hat, an einem Kaffeetisch mit ihrem eigenen Vater, der als hoher Offizier genau zu jenem grausamen Apparat gehört, der ihren geliebten Mann gerade beruflich und psychisch vernichtet. Und niemand spricht auch nur ein einziges, ehrliches Wort darüber. Das Schweigen war ohrenbetäubend.
Der Frust und die Verzweiflung stauten sich leise, aber unaufhaltsam an. Die älteste Tochter Franziska, die das Talent der Mutter geerbt hatte und schwimmen wollte, durfte plötzlich nicht mehr zum renommierten Club Dynamo Berlin wechseln. Private Telefonate wurden von der Stasi oft mitten im Satz durch ein lautes Knacken unterbrochen; man machte sich nicht einmal mehr die Mühe, die allgegenwärtige Überwachung noch notdürftig zu verbergen. Eine eng befreundete Familie stellte mutig einen offiziellen Ausreiseantrag, und die Grummts sahen aus nächster, beklemmender Nähe zu, was das in der DDR bedeutete: sofortiger Verlust der Arbeitsplätze, tägliche zermürbende Schikanen der Behörden, dunkle Limousinen mit getönten Scheiben, die bedrohlich und stundenlang vor der Haustür parkten. Es war jene historische Zeit, in der immer mehr Menschen in der DDR endgültig begriffen, dass sie nicht länger auf eine Besserung durch den Staat warten konnten, sondern ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen mussten.
Im Juli 1989 fuhren die Grummts mit ihren beiden Töchtern in den ersehnten Sommerurlaub nach Bulgarien. Es sollte jedoch kein normaler Urlaub werden. Zuvor packten sie heimlich eine unauffällige Sporttasche und deponierten sie unbemerkt im Schrank bei Steffen Grummts Eltern in Zwickau. Der Inhalt dieser Tasche war von unschätzbarem emotionalem und symbolischem Wert: Darin lagen all ihre hart erkämpften olympischen Medaillen, die unzähligen Orden, die goldenen Auszeichnungen und sogar das teure Meissner Porzellan, das Erich Honecker ihr einst persönlich überreicht hatte. Man kann sich rückblickend wohl kaum ein präziseres, traurigeres und aussagekräftigeres Bild für den verrotteten Zustand dieses Landes im Sommer 1989 vorstellen als dieses: Eine simple Sporttasche, versteckt in einem dunklen Zwickauer Kleiderschrank, vollgestopft mit den höchsten Ehrengeschenken eines Staatsratsvorsitzenden, verborgen von einer verzweifelten Frau, die sich gerade todesmutig anschickt, aus genau seinem Staat zu fliehen.
Am letzten, weinseligen Abschiedsabend in Bulgarien tranken sie gemeinsam mit Kornelias Schwester Petra viele Gläser Wein. In einem Moment der emotionalen Schwäche und angetrieben durch den Alkohol, deutete Kornelia vage an, dass sie und ihre Familie aus diesem Urlaub vielleicht nicht mehr in die DDR zurückkehren würden. Ein fataler Fehler. Petra, die noch stark im System verhaftet war, fuhr früher als die anderen nach Hause. Kaum war sie wieder auf sicherem DDR-Boden, erzählte sie dem regimetreuen Vater von diesem brisanten Gespräch. Oberst Ender zögerte keine Sekunde. Er fuhr sofort besorgt nach Suhl, durchsuchte eigenmächtig die leere Wohnung seiner Tochter und stellte entsetzt fest, dass die wertvollen Medaillen und das Staats-Porzellan verschwunden waren. Es war der 3. August. Am nächsten Morgen, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, mit seiner Tochter zu sprechen, alarmierte der eigene Vater eiskalt die Staatssicherheit. Sein Motiv war so simpel wie grausam: Er fürchtete panisch, als möglicher Mitwisser in den drohenden Skandal hineingezogen zu werden. Sein 40-jähriges Dienstjubiläum in der Armee stand kurz bevor, er wollte unter keinen Umständen seine Rente oder seinen Status riskieren. Er entschied sich eiskalt gegen sein eigenes Fleisch und Blut und für den Staat. Er wusste zwar nicht genau, wann, wo oder wie sie es versuchen würden, aber er meldete den Fluchtverdacht pflichtbewusst seinen Vorgesetzten. Und so geschieht es, dass am Ende jener dunklen Nacht eine Familie verzweifelt durch das feuchte Grenzgelände bei Sopron in Richtung Österreich kriecht, ohne auch nur im Entferntesten zu ahnen, dass der eigene Großvater der zitternden Kinder sie längst an das Messer geliefert hat.
Als sie im grellen Scheinwerferlicht am Grenzzaun gefasst werden, bricht Kornelia in Tränen aus. Sie weint, sie zittert am ganzen Körper in Erwartung des Schlimmsten. Man pfercht sie auf die Ladefläche eines klappernden Lastwagens und bringt sie zur sofortigen Vernehmung. Doch dann geschieht ein kleines Wunder. Die ungarischen Grenzsoldaten reagieren völlig anders, als es die Grummts in ihrer Panik erwartet hatten. Als die ungarischen Offiziere im Verhörraum erkennen, wen sie da in der Dunkelheit eigentlich aufgegriffen haben, sind sie vollkommen entsetzt und ungläubig. Sie schauen die berühmte Olympiasiegerin an und fragen kopfschüttelnd, warum ausgerechnet solche hochdekorierten und privilegierten Leute eine derart lebensgefährliche Flucht überhaupt nötig hätten – denen müsse es in der DDR doch hervorragend gehen. Nach einer intensiven, aber menschlichen Stunde dürfen die Grummts den Raum verlassen. Die Ungarn zeigen Gnade: Sie versprechen hoch und heilig, den DDR-Behörden nichts von diesem verzweifelten Fluchtversuch zu melden, und sie halten tatsächlich Wort. In diesem heißen Sommer des Jahres 1989 war Ungarn im Geiste bereits ein völlig anderes, freieres Land, als die sturen Machthaber in Ost-Berlin es jemals wahrhaben wollten.
Die Familie kehrt, scheinbar völlig unversehrt und fristgerecht, aus dem Urlaub in die DDR zurück. Ordnungsgemäß, exakt so, wie es im genehmigten Reiseantrag stand. Sie glauben in diesem Moment, unfassbares Glück gehabt zu haben und mit dem Schrecken davongekommen zu sein. Sie ahnen nichts von dem gewaltigen Apparat, den der eigene Vater in Bewegung gesetzt hat. Doch dann beginnen die unerbittlichen Verhöre. Jeder Einzelne von ihnen wird stundenlang an verschiedenen, fensterlosen Orten von der Stasi in die Mangel genommen, in einem ungleich schärferen, hasserfüllten Ton als bei den gutmütigen Ungarn. Doch die Stasi findet keine harten Beweise, und die Grummts klammern sich verzweifelt an das einzige, stichhaltige Argument, das sie haben: „Wir sind pünktlich aus dem Urlaub zurückgekommen.“ Was folgt, ist die absolute, lückenlose Überwachung. Als sie im Oktober, wenige Wochen vor dem Mauerfall, in Panik nach Zwickau fahren, um ihre versteckten Wertsachen zu sichern, werden sie auf Schritt und Tritt von drei auffälligen Stasi-Wartburgs verfolgt. Vor einer belebten Kaufhalle eskaliert die Situation. Jene Frau, die einst mit dem engelsgleichen Lächeln der unschuldigen Musterathletin durch die Propagandasendung „Aktuelle Kamera“ gereicht wurde, verliert völlig die Beherrschung. Sie rennt auf einen der Überwachungswagen zu, tritt mit voller Wucht gegen die Autotür, schlägt wie von Sinnen auf die Blech-Motorhaube und schreit die verdutzten Stasi-Männer in aller Öffentlichkeit aus voller Lunge an, sie sollten sich endlich zum Teufel scheren. Am nächsten, nebligen Tag verlassen sie Zwickau heimlich über einen unbefestigten Feldweg, weil alle großen Ausfallstraßen der Stadt von der Geheimpolizei besetzt sind.
Am 1. November 1989, die Luft in der DDR brennt bereits förmlich nach Veränderung, stellen sie offiziell den Antrag auf ständige Ausreise. Genau das, was sie aus tiefer Angst vor den brutalen Repressalien des Systems so lange krampfhaft vermieden hatten. Doch sie denken sich: Schlimmer als jetzt kann es ohnehin nicht mehr werden. Dann überschlagen sich die historischen Ereignisse. Am 9. November fällt die Berliner Mauer. Am 10. November, nur einen Tag später, teilt die Bürokratie ihnen gönnerhaft mit, dass sie nun offiziell ausreisen dürfen. Es ist der letzte, vollkommen absurde und hohle Machtbeweis eines sterbenden Staates, der de facto bereits nicht mehr existiert. Denn wer damals noch hochoffiziell mit Genehmigung übersiedelte, wurde gezwungen, praktisch seinen gesamten weltlichen Besitz dem Staat zu überlassen – die wertvollen Medaillen, die historischen Orden, die mühsam verdienten Auszeichnungen und sogar Honeckers verhasstes Meissner Porzellan. Also verzichten die Grummts mit einem trotzigen Lachen auf diese wertlose amtliche Genehmigung. Sie bleiben ganz bewusst und freiwillig vorerst Bürger dieses zerrissenen Landes, das sich gerade vor ihren eigenen Augen in Luft auflöst, packen ihren alten, weißen Lada bis unters Dach voll und fahren mit den Töchtern auf dem Rücksitz einfach los. Hinein in ein völlig neues, ungeschriebenes Leben in Freiheit.
Sie landen in Rheinhessen, inmitten sanfter, grüner Weinberge. In einer malerischen Gegend, die landschaftlich, atmosphärisch und menschlich nicht weiter von der rußigen Tristesse in Bitterfeld entfernt sein könnte, ohne dass man das Land verlassen müsste. Steffen Grummt bekommt durch die Vermittlung eines befreundeten, ehemaligen westdeutschen Zehnkämpfers rasch Kontakt zum Landessportbund Rheinland-Pfalz und findet dort eine feste Anstellung. Kornelia Ender eröffnet in Schornsheim bei Mainz mutig ihre eigene, kleine Praxis als Physiotherapeutin. Es ist der Beginn einer sehr stillen, bescheidenen Karriere, die im denkbar größten Kontrast zu ihrer extrem lauten, weltberühmten sportlichen Vergangenheit steht. Es gibt hier keine drängelnden Kameras mehr, keine erbarmungslose elektronische Zeitnahme, keine luxuriösen Ehrenlogen und keine Staatsbankette. Stattdessen kümmert sie sich um schmerzende Rücken, kaputte Knie, steife Schultern und zittrige Hände. Sie hilft alten Menschen aus dem Dorf, wieder beweglich und schmerzfrei zu werden. Woche für Woche, Jahr um Jahr. In einem rheinhessischen Dorf, in dem sie nach kurzer Zeit für die Einheimischen nicht mehr die unnahbare Olympiasiegerin, sondern ganz einfach „die nette Frau aus der Praxis“ ist. Der weiche, sächsische Tonfall ist ihr geblieben, auch nach vielen Jahrzehnten im Westen. Man hört noch immer sofort, woher sie kommt, sobald sie zur Begrüßung den Mund aufmacht.
Ihr Mann Steffen hat früh und konsequent nach der Wende seine umfangreiche Stasiakte angefordert und eingesehen. Er hat mit Tränen der Enttäuschung in den Augen gelesen, wie ihn damals engste sportliche Vertraute aus dem Bobsport eiskalt verraten und als raffgierig, selbstsüchtig, untreu und rein materialistisch denunziert hatten. Erschütternde siebzehn Inoffizielle Mitarbeiter hat er gezählt, die wie ein unsichtbares Netz auf ihn angesetzt waren. Zwei dieser Verräter, die er einst zu seinen Freunden zählte, hat er sich nach der Wende persönlich zur Brust genommen und zur Rede gestellt. Kornelia Ender dagegen hat einen völlig anderen Weg der Bewältigung gewählt: Sie hat sich nie wieder darum gekümmert, wie sehr ihr eigenes, schillerndes Leben von tiefster Kontrolle und familiärem Verrat durchzogen war. Sie hat ihre dicken Aktenordner aus Prinzip nicht gelesen. Sie hat auch nie juristisch nachforschen lassen, welche Substanzen man ihr damals als Kind wirklich eingeflößt hat. Zwei Menschen, die ein und dieselbe grausame Vergangenheit teilen, haben zwei völlig verschiedene Arten gefunden, damit fertig zu werden. Und niemand kann sich anmaßen zu urteilen, dass eine dieser beiden Arten die falsche sei.
Doch die historische Aufarbeitung des DDR-Unrechts holte sie schließlich doch ein, so wie sie früher oder später alle einholte, die Teil dieses Systems waren. Im Jahr 1981 war Kornelia noch in die prestigeträchtige „International Swimming Hall of Fame“ in den USA aufgenommen worden – die allerhöchste Ehre, die dieser Sport einem Athleten weltweit überhaupt zu vergeben hat. Doch im Jahr 2013 entzog ihr das renommierte amerikanische Fachmagazin „Swimming World“ rückwirkend und ohne Vorwarnung die Auszeichnung als Weltschwimmerin des Jahres. Gemeinsam mit vier weiteren DDR-Olympiasiegerinnen wurde sie aus den Geschichtsbüchern des Magazins radiert. Begründet wurde dieser drastische Schritt mit nachträglich positiven Dopingtests in den alten Proben, sowie den weitreichenden Geständnissen von anderen Athletinnen und überführten Trainern. Die Aberkennung war kompromisslos: Die Titel wurden für die betreffenden Jahre nicht an andere Schwimmerinnen neu vergeben. Sie stehen seither als stumme Mahnung vakant in den Listen. Ein gähnend leerer Platz, wo einmal in goldenen Lettern ein weltberühmter Name stand. Das ist vielleicht das ehrlichste, brutalste, aber passendste Bild, das man für diese ganze düstere Epoche des Kalten Krieges finden kann. Denn diese Leerstelle beschuldigt niemanden direkt persönlich, und sie spricht auch niemanden leichtfertig von Schuld frei. Sie belässt es einfach bei einer tiefen Lücke in der Historie.
Was bleibt also am Ende eines solchen Lebens, wenn man einer Frau nach Jahrzehnten ihre Weltrekorde in Frage stellt und ihr die hart erkämpften Ehrentitel nimmt? Was bleibt von dem Mythos Kornelia Ender dann überhaupt noch übrig? Es bleibt die Erinnerung an ein 13-jähriges Mädchen in München, das noch gar nicht begreifen konnte, in welche menschenverachtende, staatliche Maschine es da gerade geraten war. Es bleibt die absolute Hochachtung vor einer mutigen 19-Jährigen, die einem übermächtigen Apparat, vor dem erwachsene und gestandene Männer nur ängstlich katzbuckelten, furchtlos ins Gesicht sagte, dass sie dieses Teufelszeug an Tabletten nicht länger schlucken werde, und die dafür den endgültigen Rauswurf aus der Nationalmannschaft in Kauf nahm. Es bleibt das Bild einer löwenstarken Mutter, die ihr vierjähriges Kind stundenlang todesmutig durch stacheliges, ungarisches Unterholz getragen hat, weil sie es in ihrer Verzweiflung für die einzig verbliebene Möglichkeit hielt, ihren beiden Töchtern ein freies, anderes Leben fernab der Diktatur zu ermöglichen. Es bleibt eine bodenständige Frau, die in der zweiten Hälfte ihres Lebens fremden, schmerzgeplagten Leuten behutsam die Verspannungen aus dem Nacken knetet und dabei von sich aus kein einziges Wort über den Glanz von Montreal verliert, wenn niemand sie explizit danach fragt.
Und es bleibt, wie ein dunkler Schatten, die Figur eines Vaters. Heinz Ender starb Anfang der 2000er Jahre. Bis zu seinem letzten Atemzug hat Kornelia mit ihm nie wieder ein einziges Wort über das gesprochen, was in jener Nacht in Ungarn geschehen war. Sie hat ihm diese Konfrontation schlichtweg ersparen wollen, sagt sie heute milde. Sie wollte ihm die endgültige, bittere Gewissheit ersparen, dass seine Tochter tatsächlich versucht hatte, den Staat zu verraten, an den er so blind glaubte. Auch er hat nie nachgefragt. Wenn er es wirklich hätte wissen wollen, wenn in ihm ein Funken Reue geglimmt hätte, wäre es in all den Jahren wohl unweigerlich zu einem klärenden Gespräch gekommen. Aber dazu kam es eben nicht. Und so haben sie diese tiefe Wunde nie wieder angerührt. Zwei Menschen, Vater und Tochter, die einander in der Kindheit so nah waren, ließen zwischen sich am Kaffeetisch ein eisiges Schweigen stehen. Ein Schweigen, so groß, unüberwindbar und trennend wie die Berliner Mauer selbst, bis einer von beiden für immer die Augen schloss. Erst danach, befreit von dieser emotionalen Last, hat Kornelia langsam zu erzählen begonnen. Sie sagt heute leise: „Zum Glück bekommt der Papa die wahre Geschichte nicht mehr mit.“
Es ist inzwischen fast ein halbes Jahrhundert her, dass ein siebzehnjähriges Mädchen in Montreal aus dem stark gechlorten Wasser stieg, sich schwer atmend das nasse Haar aus der Stirn strich und in die Kameras lächelte, während die digitale Anzeigetafel eine unglaubliche Zahl in den Raum leuchtete, die es vorher in der Geschichte der Menschheit noch nicht gegeben hatte. Wer diesen magischen Moment damals live gesehen hat, sitzend vor einem flimmernden Röhrenfernseher in einem gemütlichen Wohnzimmer in Bochum, München oder Rostock, mit einem kühlen Bier in der Hand und dem jubelnden Vater auf dem Sofa daneben, der weiß noch ganz genau, wie sich dieser besondere Sommer angefühlt hat. Man wusste in diesen unschuldigen Momenten vor den Bildschirmen noch absolut nichts von „Staatsplanthemen“ und geheimen Aktennummern. Man wusste nichts von einem Herrn Berger und seinem Koffer voller DDR-Mark, und man ahnte nichts von bedrohlichen Stacheldrahtzäunen bei Sopron. Man sah einfach nur ein junges Mädchen, das so unfassbar viel schneller schwamm als jede andere Frau auf diesem Planeten vor ihr. Und man dachte sich nichts weiter dabei, als dass diese sportliche Leistung schlichtweg großartig und wunderschön aussah. Vielleicht ist genau das der eigentliche, schmerzhafteste Preis, den diese ganze Epoche des Kalten Krieges allen Beteiligten abverlangt hat – den missbrauchten Athleten in den Becken ebenso wie den ahnungslosen Zuschauern auf den Rängen: Sie hat uns für immer die reine, ungetrübte Unschuld der Erinnerung genommen.
Und trotzdem, trotz all der Lügen, des Verrats und der gestohlenen Jugend, sitzt heute irgendwo zwischen den sonnenüberfluteten Mainzer Weinbergen eine Frau mit einem unverwechselbaren sächsischen Tonfall. Sie hält an einem ruhigen Nachmittag vielleicht gerade lächelnd ihr Enkelkind auf dem Schoß, blickt auf ein ereignisreiches Leben zurück, und wenn man sie heute fragt, wie es ihr eigentlich gehe, dann sagt sie mit vollster Überzeugung, es gehe ihr sehr gut hier. Man darf ihr das nach all dem Leid uneingeschränkt glauben. Aber man darf, ja man muss sich beim Anhören dieser Geschichte unweigerlich auch selbst fragen, was man selbst damals getan hätte. Mit 13 Jahren in der Maschine, mit 17 Jahren auf dem Olymp, mit 30 Jahren auf der Flucht. Gefangen in diesem Land, eingebettet in diese Familie, mit diesen unheimlichen, blauen Tabletten in der eigenen Hand und diesem eiskalten, staatstreuen Vater, der in Zwickau am Telefon steht und den Verrat begeht.