Die stumme Tragödie hinter dem olympischen Gold: Das gnadenlose Doppelleben und der dramatische Tod der Reit-Legende Reiner Klimke
Es war so atemberaubend still geworden im Santa Anita Park in jenem glühend heißen Sommer 1984, dass man das aufgeregte Schnauben des Pferdes und fast das eigene Herzklopfen hören konnte. Über den bis auf den letzten Platz gefüllten Tribünen flimmerte die gnadenlose, kalifornische Augusthitze, während sich im Hintergrund die massiven St. Gabriel Mountains wie eine surreale, bleiche Kulisse aus einem alten Hollywood-Western majestätisch in den strahlend blauen Himmel reckten. Mitten in diesem gleißenden, fast schon blendenden Licht saß ein damals 48-jähriger Mann im schweren, schwarzen Frack. Aufrecht, vollkommen unbeweglich, die Zügel kaum spürbar in den feinfühligen Fingern haltend, lenkte er einen großen, braunen Wallach durch die allerletzten, majestätischen Takte seines lebenslangen Traums. Als er schließlich auf der unsichtbaren Mittellinie zum Stehen kam und ehrfürchtig den Zylinder zog, brach das Stadion förmlich auseinander. Amerikaner, die von der hochkomplexen Kunst der klassischen Dressur eigentlich überhaupt nichts verstanden, sprangen von ihren Sitzen auf und schrien sich die Seele aus dem Leib. In Tausenden Kilometern Entfernung saßen deutsche Zuschauer weinend vor den flimmernden Fernsehgeräten und konnten nicht fassen, Zeuge absoluter Perfektion geworden zu sein.
Doch der Mann, der da unten auf dem Pferd saß und dem endlich das historische Meisterstück gelungen war, worauf er ein qualvolles Vierteljahrhundert lang unermüdlich hingearbeitet hatte, war beileibe kein gewöhnlicher Sportler. Er war kein hochbezahlter Berufsreiter, kein durch Sponsoren privilegierter Sportsoldat und auch kein millionenschwerer Gutsherr mit unendlichen finanziellen Mitteln und riesigen Gestüten. Er war Dr. Reiner Klimke – ein bodenständiger Rechtsanwalt und Notar aus dem westfälischen Münster, der zu Hause eine florierende Kanzlei zu führen hatte, auf dessen massiven Eichenschreibtisch sich die Aktenberge täglich aufs Neue türmten und dessen Mandanten ungeduldig auf ihn warteten. Nur wenige Tage nach diesem emotionalen, weltbewegenden olympischen Triumph saß er bereits wieder in seinem grauen Anzug genau an diesem Schreibtisch. Genau so war Reiner Klimke. Er beherrschte die exklusive Welt der internationalen Dressur wie kaum ein Zweiter in der Geschichte, und er tat es ganz nebenbei, in den flüchtigen, dunklen Stunden, die er sich Nacht für Nacht gnadenlos vom eigenen Schlaf abknapste. Doch hinter dieser perfekten, strahlenden Fassade aus Pflichtbewusstsein, glänzenden Goldmedaillen und bürgerlicher Disziplin verbarg sich eine stille, tiefe Tragödie, die letztlich einen grausamen, tödlichen Tribut von ihm forderte.
Um die unbändige, fast schon zerstörerische Antriebskraft dieses Ausnahmemannes zu verstehen, muss man tief in eine Zeit zurückblicken, in der es seine Heimatstadt eigentlich fast nicht mehr gab. Am 14. Januar 1936 kam Reiner Klimke in Münster zur Welt. Er wurde in eine hochangesehene, streng katholische Ärztefamilie hineingeboren, in ein politisch und gesellschaftlich zerrissenes Deutschland, das sich bereits unaufhaltsam auf den Weg in die dunkelste Katastrophe der Weltgeschichte gemacht hatte. Sein Vater, Wilhelm Klimke, war ein renommierter Mediziner, Oberarzt und späterer außerplanmäßiger Professor an der Universitätsnervenklinik – ein Mann von gewaltigem Rang, unumstößlicher Autorität und hohem gesellschaftlichem Ansehen. Die Mutter Thea führte mit strenger Hand das Haus. Es war ein durch und durch elitäres und bürgerliches Zuhause, geprägt von schweren Bücherschränken, dem sanften Klang des Klaviers, der obligatorischen Sonntagsmesse und dem harmonischen gemeinsamen Essen am großen Familientisch.

Und dann fielen die Bomben. Münster gehörte am Ende des schrecklichen Krieges zu den am grausamsten zerstörten Städten des gesamten Reiches. Die historische, einst so prachtvolle Altstadt sank in Schutt und Asche, der mächtige Dom stand schutzlos offen zum Himmel, und ganze Straßenzüge bestanden aus nichts anderem mehr als tödlichen Kratern und rotem Ziegelstaub. Es gibt in Reiner Klimkes Biografie keine idyllischen, leichten Kindheitsgeschichten, die von fröhlichen Ponyspielen auf sonnenüberfluteten Sommerwiesen erzählen. Seine Kindheit fand in dunklen, feuchten Kellern statt. In Kellern, in denen man als kleiner Junge zitternd im Staub saß, die bebenden Wände anstarrte und verzweifelt zählte, wie lange das mörderische Beben der Einschläge noch dauern würde. Wer in diesen albtraumhaften Jahren dort Kind war, bekam den beißenden Geruch von verbranntem Balkenholz und den allgegenwärtigen Tod nie wieder aus der Nase.
Aus genau dieser düsteren, bedrückenden Trümmerlandschaft heraus setzte sich ein schmächtiger Zwölfjähriger im Jahr 1948 zum allerersten Mal auf den Rücken eines Pferdes. Die westfälische Reit- und Fahrschule in Münster war eine jener altehrwürdigen, bedingungslos strengen Anstalten, in denen der unerbittliche Ton noch stark von der preußischen Kavallerie geprägt war. Hier lehrte man keine weiche Freizeitgestaltung. Hier lernte der junge Reiner das Reiten nicht als elitären Zeitvertreib, sondern als extrem hartes Handwerk und als unerschütterliche innere Haltung. Unter Ausbildern wie Heinrich und später Paul Stecken prägte sich der Junge einen Leitsatz für die Ewigkeit ein: „Sitzen, warten, widersitzen, geduldig zuhören, was unter einem passiert.“ Diese harte, von unendlicher Disziplin geprägte Schule lehrte ihn die vielleicht wichtigste Lektion seines gesamten Lebens: Man kann einem Lebewesen niemals etwas mit purer Gewalt aufzwingen, was einem nicht irgendwann freiwillig gegeben wird. Es war die Geburtsstunde einer tiefen Empathie, die Klimke in einer Welt der harten Hände völlig einzigartig machte.
Schon früh zeigte sich der extreme Doppelcharakter seines rasanten Lebens, der ihn später noch zerreißen sollte. 1950, mit gerade einmal 14 Jahren, trat er der CDU bei, weil er das tiefe, fast schon naive Pflichtgefühl verspürte, dass sein völlig zerstörtes Land junge, tatkräftige Menschen brauchte, die bedingungslos Verantwortung übernahmen. Im selben Jahr startete er in Paderborn auf seinem allerersten Turnier – nicht in der eleganten, sauberen Dressur, sondern in der knallharten, brutalen „Military“ (der heutigen Vielseitigkeit). Einer rauen, lebensgefährlichen Dreiteilung aus Dressur, einem mörderischen Geländeritt über feste Hindernisse und dem abschließenden Springen, bei der man am Ende des Tages intensiv nach Pferdeschweiß, tiefem Schlamm und nicht selten nach seinem eigenen Blut roch. Reiner Klimke wurde früh zum absoluten Meister der Selbstdisziplin, denn von zu Hause gab es eine unmissverständliche, unerbittliche Ansage: Reiten ist eine schöne Passion, aber niemals ein Beruf. Der Sohn eines Medizinprofessors studiert gefälligst etwas Ordentliches und Solides.
Also biss er die Zähne zusammen, machte 1955 sein Abitur am Ratsgymnasium, schrieb sich an der Universität für Rechts- und Staatswissenschaften ein und begann endgültig jenes mörderische Doppelleben, das ihn bis in sein Grab begleiten sollte. Morgens um 5:30 Uhr vor dem Büro im Dunkeln in den eiskalten Stall, dann Vorlesungen oder Kanzleiarbeit bis in den späten Nachmittag, anschließend wieder Akten wälzen und spät abends in der Dunkelheit wieder auf den Rücken der Pferde. Er war so unverschämt talentiert und gleichzeitig so furchtlos, dass er 1960 bei den Olympischen Spielen in Rom mit nur 24 Jahren als bester Deutscher in der Vielseitigkeit abschnitt. Damals jagte man noch ohne moderne Sicherheitswesten, auf selbst ausgebildeten Pferden, im vollen Galopp über lebensgefährliche Hindernisse in der rauen Natur. Es war schlichtweg der gefährlichste Sport der Welt, und dieser junge Jurastudent aus Münster betrieb ihn scheinbar mühelos zwischen zwei ohnehin schon extrem schweren juristischen Staatsexamina.
Doch am 25. Mai 1961 riss das Schicksal ein grausames, blutiges Loch in dieses bis dato so perfekt durchgeplante Leben. Sein Vater Wilhelm, die unangefochtene Achse der Familie, um die sich alles gedreht und an der sich alles ausgerichtet hatte, kam bei einem furchtbaren, plötzlichen Verkehrsunfall ums Leben. Er wurde nur 62 Jahre alt. Reiner, gerade zarte 25 Jahre alt, der mitten im nervenaufreibenden Referendariat am Oberlandesgericht in Düsseldorf steckte, verlor von einer Sekunde auf die andere seinen größten Mentor, seinen wichtigsten Rückhalt und seinen strengsten Richter. Was ein solch brutaler Schicksalsschlag und dieser massive Verlust mit einem jungen Mann macht, der ohnehin unter extremstem Leistungsdruck steht, lässt sich von außen kaum ermessen. Aber Reiner Klimke tat das Einzige, was er in der Trümmerstadt gelernt hatte: Er schwieg, schluckte die Tränen und den unendlichen Schmerz einfach herunter und funktionierte unerbittlich weiter. Er zog das zweite Staatsexamen eisern durch, promovierte 1963 zum Doktor der Rechte und bewahrte unerschütterlich die makellose bürgerliche Fassade, während sein Inneres von einem lodernden, schmerzhaften Ehrgeiz und der stillen Trauer um den Vater fast zerfressen wurde.
Der Preis der Vielseitigkeit wurde jedoch bald zu hoch. Sie forderte zu viel Zeit, verschliss zu viele wertvolle Pferde und war mit dem Aufbau einer seriösen, aufstrebenden Anwaltskanzlei schlicht nicht mehr vereinbar. Klimke fällte eine pragmatische Entscheidung und wechselte komplett in die feine, elitäre Welt der Dressur. Hier konnte er seine brennende Leidenschaft logistischer in frühe Morgenstunden und späte Abende zerlegen. Doch die elitäre Dressurwelt der 1960er und 1970er Jahre war ein Haifischbecken und eine völlig andere gesellschaftliche Welt. Sie bestand in Westdeutschland vornehmlich aus milliardenschweren Kaufhauserben, reichen Industriellen wie Josef Neckermann und elitären Großgutsbesitzern, für die ein teures, fertig ausgebildetes Championatspferd lediglich eine simple finanzielle Anschaffung war. Klimke hatte dieses gewaltige Vermögen nicht im Ansatz. Er musste sich jedes seiner Pferde in jahrelanger, mühsamster Knochenarbeit in der heimischen Reithalle selbst ausbilden – sehr oft aus rohem, ungestümem Material, das andere wohlhabende und bequeme Reiter längst achtlos aussortiert hatten. Dass er dieses fast unmenschliche Pensum aus Kanzlei und Weltklassesport überhaupt psychisch und physisch überlebte, verdankte er einzig und allein der heimlichen, stillen Heldin seiner Geschichte: Seiner Frau Ruth, die er im Januar 1965 heiratete. Ruth, selbst eine herausragende Reiterin und mehrfache Meisterin, deren eigener Vater tragischerweise im Krieg gefallen war, wurde zum absoluten Rückgrat der Familie. Während der aufstrebende Anwalt in Münster stundenlang Verträge aufsetzte, Aktenberge abarbeitete und in Gerichtsverhandlungen saß, stand Ruth in Stiefeln im Stall. Sie bewegte die Pferde, hielt den gesamten Betrieb am Laufen, wärmte die sensiblen Tiere auf und zog ganz nebenbei die drei gemeinsamen Kinder Rolf, Ingrid und Michael liebevoll groß. Ohne Ruths grenzenlose Aufopferung im Hintergrund, ohne ihr Zurückstellen eigener Ambitionen, hätte es den strahlenden Olympiasieger Reiner Klimke niemals gegeben.
Trotz all dieser unmenschlichen Anstrengungen und Entbehrungen schien jahrelang ein unsichtbarer, grausamer Fluch auf ihm zu liegen. Er sammelte zwar Mannschaftsgoldmedaillen wie andere Menschen Briefmarken, doch im prestigeträchtigen und alles entscheidenden Einzelwettbewerb reichte es bei Olympischen Spielen in Tokio, Mexiko-Stadt und Montreal immer „nur“ für die bittere, undankbare Bronzemedaille. Stets stand er auf dem Treppchen, lächelte tapfer und höflich in die Kameras und applaudierte brav den anderen, während in ihm ein unstillbarer, feuriger Hunger brannte, endlich ganz oben zu stehen. Der allerschlimmste Schlag ins Gesicht folgte jedoch im Jahr 1972: Bei den Olympischen Spielen im eigenen Land, vor den Toren von München, das Ereignis einer ganzen Generation, wurde er vom Verband schlichtweg aussortiert und durfte im Wettkampf nicht reiten. Er musste hilflos und gedemütigt von der Zuschauertribüne aus zusehen, wie andere Reiter in das Viereck einritten, auf das er buchstäblich sein halbes Leben bedingungslos hingearbeitet hatte. Kein öffentliches Wüten, keine laute Anklage in der Sensationspresse – Klimke zog sich einmal mehr in eine schmerzhafte, dunkle Stille zurück. Er verfasste stattdessen sachlich und unaufgeregt ein akribisches Buch über exakt dieses Turnier, bei dem man ihm die Tür brutal vor der Nase zugeschlagen hatte. Als dann acht Jahre später, 1980, auch noch der politische Boykott der Olympischen Spiele in Moskau folgte, wurden dem ehrgeizigen CDU-Mann gnadenlos weitere vier Jahre seiner inzwischen stark begrenzten sportlichen Lebenszeit gestohlen.
Dann kam das Jahr 1975, ein Jahr, das alles verändern sollte. Auf einer westfälischen Auktion wurde ein unbändiger, hochgradig nervöser, vierjähriger Wallach angeboten. Ein Schlaks von einem Pferd, das vor lauter Panik nicht einmal freiwillig in seine dunkle Box gehen wollte. Jeder in der Halle riet ihm ab. Doch Klimke setzte sich nur ein einziges Mal in den Sattel dieses wilden Pferdes, das von dem Vollblüter Angelo abstammte, und wusste sofort instinktiv: Dieses oder keines. Er kratzte unglaubliche 42.000 D-Mark zusammen – damals ein astronomischer Rekordzuschlag – und nahm die Herausforderung seines Lebens an. Der Wallach hieß „Ahlerich“. Ahlerich war ein Pferd, das permanent auf einem messerscharfen Grat zwischen absolutem Genie und reinem Wahnsinn balancierte. Er verzieh keine grobe Hand, kein einziges lautes Wort, keinen Fehler im Sattel. Klimke brauchte Jahre von schlaflosen Nächten, abgrundtiefer Verzweiflung und unendlicher Geduld. Er ritt heimlich in die tiefen Wälder, baute das Tier mit Cavalettiarbeit auf, um das gebrochene Vertrauen dieses hochsensiblen, fast schon hysterischen Tieres überhaupt erst einmal zu gewinnen. Für einen Anwalt, dessen kostbare Reitzeit in Minuten gemessen wurde, war dieses Pferd die reine, absolute Qual.
Doch genau in dieser hochsensiblen Phase, in der das Pferd jeden Funken seiner Kraft und Konzentration einforderte, schlug der eiskalte Tod erneut erbarmungslos in seiner eigenen Familie zu. Im März 1978 klingelte schrill das Telefon, und die kurze Nachricht riss Klimke endgültig den Boden unter den Füßen weg. Sein älterer Bruder Jürgen, ein brillanter und überaus erfolgreicher Chefarzt in Bochum, war völlig unerwartet gestorben. Er wurde nur 47 Jahre alt – ein Mann in der absoluten Blüte seines Berufslebens. Innerhalb von nur 17 Jahren hatte Reiner Klimke nun sowohl den übermächtigen Vater durch einen brutalen Unfall als auch den geliebten Bruder verloren. Zurück blieb er allein, weinend im Stillen, beladen mit der unendlichen Last der familiären Erwartungen, einer Kanzlei, die auf ihn zählte, seiner Familie und diesem völlig nervösen braunen Pferd. Auch diesen unfassbaren, familiären Schock vergrub er tief in seiner zerschundenen Seele. Niemals hörte man ihn öffentlich klagen. Wenn die Fernsehkameras liefen, sprach der charmante, disziplinierte Doktor der Rechte stets lächelnd über „Halbparaden“ und „Losgelassenheit“. Doch die ständige, jahrelange Unterdrückung von tiefem Schmerz und unendlicher Erschöpfung war ein schleichendes Gift für seinen Körper, das später seine volle Wirkung entfalten sollte.
Das Jahr 1984 in Los Angeles war die endgültige, goldene Erlösung. Ahlerich, das verrückte, einst verschmähte Pferd, das niemand haben wollte, wuchs in der brütenden kalifornischen Hitze unter dem enormen Druck einer ganzen Nation weit über sich hinaus. Es schenkte seinem nun 48-jährigen Reiter nach fast 30 Jahren endlosen Kampfes, Schmerzes und Verzichts endlich das langersehnte olympische Einzelgold. Klimke wurde endgültig zum bewunderten Idol einer ganzen Generation. Er trug stolz die Fahne bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul, er verabschiedete seinen geliebten Ahlerich im selben Jahr in Stuttgart und saß plötzlich emotional vor dem großen, bedrohlichen Nichts. Als Ahlerich dann 1992 nach einer unerwarteten, schweren Kolik qualvoll eingeschläfert werden musste, brach Reiner Klimkes Herz stillschweigend ein weiteres Mal. Wer Pferdemenschen wirklich kennt, der weiß die traurige Wahrheit: Eine leere Box im heimischen Stall schreit in der Nacht lauter und grausamer als jedes andere Geräusch dieser Welt.
Doch anstatt seinen hart erkämpften, wohlverdienten Lebensabend in Ruhe zu genießen, konnte der Getriebene einfach nicht aufhören. Der engagierte Politiker, fleißige Anwalt, unermüdliche Funktionär und Richter am Internationalen Sportgerichtshof kaufte den blutjungen, schwierigen Hengst Biotop. Er plante völlig besessen und getrieben von seinem unstillbaren Ehrgeiz sein nächstes, völlig unmögliches Wunder: Eine erneute, triumphale Olympiateilnahme im fernen Jahr 2000 in Sydney, im fortgeschrittenen Alter von 64 Jahren! Er wischte alle Bedenken beiseite und ignorierte leichtsinnig die massiven Warnsignale seines über die Jahrzehnte völlig gezeichneten Körpers. Im August 1999, auf einer kräftezehrenden Geschäftsreise, brach er plötzlich zusammen. Reiner Klimke erlitt einen schweren Herzinfarkt. Sein Körper, der ein halbes Jahrhundert lang nur auf unerbittliche Leistung, Schlafmangel und Pflichterfüllung getrimmt war, forderte mit aller Gewalt seinen Tribut ein. Doch selbst auf der Intensivstation, angeschlossen an piepende Monitore, gab sein Geist keine Ruhe. Sobald er wieder halbwegs ansprechbar war, plante er vom weißen Krankenbett aus stur und besessen weiter sein großes Comeback für Australien. Es war der allerletzte verzweifelte, fast schon tragische Versuch eines großen Mannes, der ohne das Reiten, ohne die Perfektion und ohne neue Ziele schlichtweg nicht existieren konnte.
Doch das Schicksal hatte nun längst genug gesehen und seinen eiskalten Beschluss gefasst. Am 17. August 1999, kaum anderthalb Wochen nach seinem ersten Zusammenbruch, riss ihn ein zweiter, gewaltiger und massiver Herzinfarkt endgültig und brutal aus dem Leben. Er wurde nur 63 Jahre alt. Deutschland verlor an diesem schwarzen Sommertag eine absolute Legende. Einen bürgerlichen, bescheidenen Helden, der sich seine unzähligen goldenen Medaillen nachts im dunklen, eiskalten Stall hart erarbeitet hatte, während die restliche Welt friedlich in ihren Betten schlief. Ein knappes Jahr nach seinem tragischen, unzeitigen Tod ritt seine Tochter Ingrid Klimke in Sydney unter Tränen ihre allerersten Olympischen Spiele. Er durfte es nicht mehr miterleben, er konnte sie nicht mehr anfeuern. Später gewann Ingrid olympisches Gold in der Vielseitigkeit – exakt in jener gefährlichen Disziplin, in der der blutjunge Reiner einst in den rauchenden Trümmern von Münster seine ersten heldenhaften Schritte gewagt hatte.
Was am Ende von Reiner Klimke bleibt, ist nicht der vergängliche Glanz des harten Goldes oder die prall gefüllte Medaillenbilanz. Es ist das tief berührende, melancholische Bild eines hart arbeitenden Anwalts um halb sechs Uhr morgens. Ein Mann, der in der bitterkalten, absoluten Dunkelheit eines westfälischen Winters, völlig alleingelassen und fernab jeder Fernseh-Kamera, in nasser Wolle und nach Pferdeschweiß riechend, einem nervösen braunen Wallach geduldig beibringt, dass er vor der großen, lauten Welt keine Angst haben muss. Reiner Klimke bezahlte diesen unsterblichen Ruhm und sein perfektes Doppelleben am Ende mit seinem Leben – unerbittlich getrieben von einer großen Liebe und einer gnadenlosen Leidenschaft, die ihn letztendlich buchstäblich das Herz kostete.