Die Latte, das Leben und ein Sprung für die Ewigkeit: Die triumphale und stille Geschichte der Heike Henkel
Der dritte Versuch: Mehr blieb nicht. Die Latte lag bei unbarmherzigen 1,97 Metern. Zweimal war sie schon zu Boden gefallen. Zweimal hatte das Publikum im prall gefüllten Olympiastadion von Barcelona diesen kurzen, harten Aufschlag der Gummistange auf den Matten gehört. Es ist dieses Geräusch, das jeder kennt, der je einem Hochsprungwettbewerb zugesehen hat – dieses trockene Klack, nach dem für einen Moment die ganze Halle unerträglich still wird. Wer im August 1992 vor dem Fernseher saß, in einem Wohnzimmer irgendwo zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen, die Vorhänge halb zugezogen gegen die flirrende Nachmittagssonne, der erinnert sich vielleicht noch an dieses flaue Gefühl im Magen. Die Anspannung schien geradezu durch den Bildschirm zu kriechen, während eine junge Frau aus Kiel am Ende ihres Anlaufs stand. Die Arme locker herabhängend, den Blick tief nach innen gerichtet, als würde sie etwas suchen, das nur sie sehen konnte.
Zwei Fehlversuche bedeuten in diesem harten Sport noch nichts Endgültiges. Der Dritte jedoch ist das unweigerliche Urteil. Wer jetzt reißt, fährt nach Hause. Ohne Medaille. Ohne Geschichte. Nur mit der quälenden Erinnerung an einen Moment, der für immer offen bleiben wird. Heike Henkel lief an. Acht schnelle, fließende Schritte im Bogen, sie drehte sich über der Latte – und die Halle explodierte. Denn die Latte blieb liegen. Sie zitterte kurz nach, als würde sie selbst den Atem anhalten, aber sie blieb. Es war der Moment, in dem aus einer guten Sportlerin eine unsterbliche Legende wurde.
Doch um zu begreifen, wie eine achtzehnjährige Frau aus einer norddeutschen Hafenstadt an diesen ultimativen Punkt kommen konnte, muss man viele Jahre in die Vergangenheit reisen. An einen Ort, an dem von Olympia noch niemand sprach. Kiel, Anfang der sechziger Jahre. Eine Stadt, die vom Zweiten Weltkrieg noch immer gezeichnet war, auch wenn die Trümmer längst aus dem Stadtbild verschwunden waren. Eine Marinestadt an der Förde, in der der herbe Geruch von Teer und salzigem Wasser tief in den Straßen hing. In der die massigen Schiffshörner weit über das Wasser hallten. Es war eine Stadt mit jener eigentümlichen Mischung aus Enge und Weite, die man nur an der Küste findet – dort, wo das feste Land aufhört und das unendliche Meer beginnt. Graugrüne Wellen schlugen unermüdlich gegen die Kaimauern, Möwen kreisten schreiend über den Werften. Wer als Kind in dieser rauen, aber herzlichen Stadt aufwuchs, kannte den Rhythmus der gewaltigen Frachter und Fähren so selbstverständlich wie das Läuten der Schulglocke.
Es war zugleich ein Deutschland, das sich selbst noch immer als etwas Vorläufiges begriff. Ein Land, dessen andere Hälfte hinter einer eiskalten Grenze lag, die niemand für endgültig hielt und die doch Jahrzehnt um Jahrzehnt stoisch Bestand hatte. Die Kinder, die im Jahr 1964 geboren wurden, wuchsen mit dieser unheimlichen Selbstverständlichkeit der Teilung auf. Sie hörten Nachrichtensprecher, die nüchtern von zwei deutschen Staaten sprachen, während ihre Großeltern mit wehmütiger Stimme noch von jenem einen, großen Deutschland erzählten. In genau dieser Atmosphäre zwischen kraftvollem Wiederaufbau und stiller, lauernder Unsicherheit, zwischen dem Wirtschaftswunder und einer noch blutjungen Demokratie, wurde Heike Redetzki hineingeboren. Sie war eines von unzähligen Kindern der sogenannten Babyboomer-Generation, die später – ohne es auch nur zu ahnen – zu strahlenden Gesichtern eines ganz anderen, eines geeinten Deutschlands werden sollten.
Niemand in ihrer bürgerlichen Familie hätte am 5. Mai 1964 ahnen können, dass aus diesem kleinen Mädchen einmal eine Frau werden würde, deren Name jahrzehntelang untrennbar mit dem Weltrekord im Hallenhochsprung verbunden sein sollte. Denn die kleine Heike träumte überhaupt nicht vom Sportplatz, von Tartanbahnen und Stoppuhren. Sie träumte vom Zirkus. Sie war fasziniert von der unfassbaren Leichtigkeit der Trapezkünstlerinnen, von der grazilen Eleganz, mit der sie durch die Zeltkuppel zu schweben schienen. Sie liebte diesen flüchtigen Moment der absoluten Schwerelosigkeit. Doch der Zirkus blieb ihr, wie den allermeisten Kindern, verwehrt. Also ging sie zum Turnen. Das kam dem, was sie sich in ihren kühnsten Träumen ausgemalt hatte, am nächsten.
Doch der Körper, der ihr gegeben war, wollte nicht so recht zu diesem kompakten Sport passen. Sie wuchs und wuchs, wurde rasch größer, als es für eine gedrungene Kunstturnerin günstig ist. Irgendwann war schmerzlich klar, dass dieser Weg für sie eine Sackgasse sein würde. Es ist eine dieser wunderbaren Paradoxien des Lebens, die sich erst im weiten Rückblick zu einer Art Schicksal fügen: Das Mädchen, das so unbedingt fliegen wollte und dafür beim Turnen schlichtweg zu groß war, fand seinen Weg in die Luft ausgerechnet über eine Sportart, die sie anfangs gar nicht auf dem Radar hatte.
Ein engagierter Lehrer namens Thomas Thal überredete sie beharrlich, es doch einmal mit der Leichtathletik zu versuchen. Das löste bei der jungen Heike zunächst nur mäßige Begeisterung aus, ihr Herz hing noch immer an der Akrobatik. Aber ein so bewegungsfreudiges Kind braucht eine Aufgabe, und so fand sie sich eines Tages beim TSV Kronshagen wieder. Auf einer bescheidenen Anlage entdeckte sie zum ersten Mal die dicke Hochsprungmatte. Später erzählte sie lachend, es sei ein bisschen wie das gewesen, was sie sich unter Akrobatik vorgestellt hatte – nur, dass man dafür nicht so viel stumpf im Kreis laufen musste. Das kam ihr sehr entgegen.
Der Hochsprung war in jenen Jahren oft nur eine Randnotiz im Schulsport. Für Heike Redetzki jedoch wurde er schnell zum absoluten Zentrum ihres Lebens. Bereits 1980, mit gerade einmal 16 Jahren, gewann sie ihren ersten deutschen Jugendmeistertitel. Es war der fulminante Auftakt einer unglaublichen Serie, an deren Ende unfassbare 20 deutsche Meistertitel in Halle und Freiluft stehen sollten. Eine Karriere von außergewöhnlicher Konstanz nahm ihren Lauf. Und wer die frühen achtziger Jahre der westdeutschen Leichtathletik miterlebt hat, kam an einem anderen Namen natürlich nicht vorbei: Ulrike Meyfarth. Das Mädchen mit dem Zopf, das 1972 in München sensationell Gold geholt hatte.
1984, kurz vor den Olympischen Spielen in Los Angeles, trafen die gereifte Meyfarth und die junge Redetzki bei den deutschen Meisterschaften aufeinander. Und ausgerechnet die junge Heike schlug das Idol. Beide übersprangen 1,91 Meter, doch Meyfarth hatte einen Fehlversuch mehr. Es war ein Sieg, dessen gewaltige Bedeutung Heike erst langsam realisierte. Bei den Spielen in L.A. reichte es dann zwar “nur” für Platz 11, während Meyfarth sich ihr zweites Gold sicherte, doch der Grundstein war gelegt.
Wenn man heute an Heike Henkel (wie sie nach ihrer Heirat hieß) denkt, dann taucht sofort jenes dramatische Bild von Barcelona 1992 auf. Dieser dritte Versuch, der über eine ganze Karriere entschied. Aber hinter dieser einen triumphalen Szene liegt eine weitaus tiefere, emotionalere Geschichte. Es ist der Weg durch bittere Rückschläge, durch das schmerzhafte, öffentliche Scheitern bei den Spielen in Seoul 1988, als sie in der Qualifikation ausschied und weinend die Anlage verließ. Es ist die Geschichte einer unbändigen Willenskraft. Die stille, harte Arbeit, den eigenen Kopf, die Dämonen der Angst zu bezwingen. Es führte zu den unvergesslichen goldenen Jahren der frühen Neunziger.
Es ist aber auch die Geschichte einer Frau, die weit mehr war als nur eine Athletin. Die durch Mutterschaft und Comebacks ging, durch Höhen und Tiefen im Privatleben, durch eine zerbrochene und eine neue Ehe. Die sich ein faszinierendes zweites Leben aufbaute: als Grafikdesignerin, als lautstarke und mutige Kämpferin gegen Doping, als einfühlsame Mentaltrainerin und als Mutter. Heike Henkel ist eine Symbolfigur dafür, wie Triumph und Verletzlichkeit Hand in Hand gehen. Ihr Sprung für die Ewigkeit war nur der sichtbare Höhepunkt einer viel längeren Reise. Eine Reise, die uns alle lehrt: Egal wie oft die Latte fällt – am Ende kommt es nur darauf an, dass man für den nächsten Versuch wieder anläuft.