Die gestohlene Medaille und das Wunder von München: Das dramatische Leben der Radsport-Legende Udo Hempel
Es gibt diese seltenen, alles entscheidenden Abende im Leben einer ganzen Nation, die sich wie ein unsichtbares, unauslöschliches Brandmal in das kollektive Gedächtnis einbrennen. Selbst jene, die längst vergessen haben, warum sie damals überhaupt vor dem flimmernden Röhrenfernseher saßen, tragen die elektrisierende Anspannung jenes Moments bis heute tief in ihren Knochen. Wir schreiben einen lauen, fast schon friedlichen Montagabend Anfang September in München. Ein offenes Rund einer gigantischen Radrennbahn, über deren glattes Holz eine sanfte, spätsommerliche Brise streicht. Im Zentrum dieses architektonischen Wunders jagen vier junge Männer in strahlend weißen Trikots über die Piste. Sie fahren nicht einfach nur Fahrrad; sie funktionieren als eine einzige, perfekt synchronisierte Maschine. Sie jagen so unfassbar eng hintereinander über das Holz, dass zwischen dem summenden Vorderrad des einen und dem Hinterrad des anderen kaum eine Handbreit Platz bleibt. Es ist der 4. September 1972. Es ist das alles entscheidende Finale der Mannschaftsverfolgung über die mörderische Distanz von 4000 Metern. Und es ist weit mehr als nur ein sportlicher Wettkampf: Es ist das ultimative deutsch-deutsche Duell, wie es politisch aufgeladener, emotional zerrissener und symbolkräftiger kaum sein konnte. Die Bundesrepublik Deutschland tritt gegen die Deutsche Demokratische Republik an. Der Westen gegen den Osten. Und das alles auf einer hölzernen Bahn mitten in einem zerrissenen Land, das eigentlich aus zwei feindlichen Ländern bestand.
Wer damals alt genug war, um die Nachrichten zu verfolgen, weiß noch ganz genau, wie sich diese erdrückende Anspannung im ganzen Land anfühlte. Und wer in jenem Moment ganz genau auf den Bildschirm hinsah, der erkannte an der Spitze dieses westdeutschen Vierers einen schmalen, extrem drahtigen Mann aus dem Rheinland, der nur wenige Tage zuvor beinahe gar nicht mehr dabei gewesen wäre. Sein Name war Udo Hempel. Und seine Lebensgeschichte ist nicht die eines klassischen, glattgebügelten Sportlers, der immer nur auf der absoluten Sonnenseite stand. Es ist vielmehr die tief bewegende, dramatische Geschichte eines Mannes, dem das unbarmherzige Schicksal zuerst eine sichere olympische Goldmedaille aus der Hand riss, die er sich bereits hart erkämpft hatte – und der vielleicht genau deshalb viele Jahre später auf schmerzhafte Weise verstand, was ein einziger, flüchtiger Moment der absoluten Vollkommenheit in einem Menschenleben wirklich wert ist.
Um diesen Mann zu verstehen, muss man tief in die graue Vergangenheit reisen. Geboren wurde Udo Hempel am 3. November 1946 im Düsseldorfer Stadtteil Flingern, in einem Deutschland, das noch buchstäblich in rauchenden Trümmern lag und in dem die alliierten Siegermächte das alleinige Sagen hatten. Flingern war in jenen dunklen Nachkriegsjahren wahrlich kein mondänes Viertel für feine, wohlhabende Leute. Es war extrem eng, es war deprimierend grau, es roch in den Gassen unaufhörlich nach beißender Kohle, Schweiß und lauten Werkstätten. Es war ein klassisches, hartes Arbeiterviertel, in dem die notdürftig reparierten Häuser dicht an dicht standen und die Menschen noch dichter zusammenrücken mussten, schlichtweg weil es in der allgegenwärtigen Not nicht anders ging. Ein Kind, das in diesen ersten, entbehrungsreichen Nachkriegsjahren das Licht der Welt erblickte, wuchs in eine harte Realität hinein, in der absolut nichts selbstverständlich war. In einer Zeit, in der man ein einfaches Fahrrad nicht als luxuriöses Sportgerät oder Freizeitvergnügen begriff, sondern als das essenzielle, lebenswichtige Gefährt, das den Vater morgens zuverlässig zur Fabrikarbeit und abends erschöpft wieder nach Hause brachte.

Doch vielleicht liegt exakt in dieser Entbehrung der wahre Ursprung von Hempels unbändigem Willen. Denn das Rad war für einen jungen, aufgeweckten Knaben dieser Generation zuerst und vor allem ein kostbares Stück reiner Freiheit. Es war die einzige Maschine, die ihn aus der bedrückenden Enge der staubigen Straßen hinaustrug. Hinaus über die grauen Ränder der zerstörten Stadt, dorthin, wo die Luft endlich weiter, sauberer und vielversprechender wurde. Man muss sich dieses Bild einmal lebhaft vorstellen: Ein schmaler, hungriger Bengel, die Waden noch dünn und kraftlos, der sich auf einem rostigen, viel zu großen Herrenrad mutig gegen den Wind lehnt und plötzlich merkt, dass er schneller, viel schneller sein kann als all die anderen Jungen auf der Straße. Er spürt, dass ihm dieses mechanische Konstrukt gehorcht, wenn er nur genug puren Willen und Schweiß hineinlegt. Für einen einfachen Jungen aus Düsseldorf-Flingern war das keine bloße Kleinigkeit am Rande. Es war die erste, machtvolle Ahnung davon, dass sein eigenes Leben vielleicht doch ganz anders verlaufen könnte, als es der regnerische, hoffnungslose Vormittag im Arbeiterviertel versprach. Der Weg führte ihn schließlich hinaus aus Düsseldorf, hinüber ins flache Kaarster Land, nach Büttgen. In einen Verein, dessen Name für viele Radsport-Romantiker bis zum heutigen Tag wie ein heiliges Versprechen klingt: Der VfR Büttgen.
Wer in der heutigen, modernen Zeit mit dem Auto durch diesen beschaulichen Ort fährt, ahnt wohl kaum, dass hier über viele Jahrzehnte hinweg das laute, pochende Herz des deutschen Bahnradsports schlug. Aber genauso war es. Es gab dort eine magische Bahn. Es gab dort fanatische Menschen, die den Radsport nicht nur betrieben, sondern förmlich atmeten. Und es gab dort sehr bald einen jungen, ehrgeizigen Fahrer namens Udo Hempel, der auf dieser Bahn abends seine Runden drehte, bis ihm vor völliger Erschöpfung schwarz vor Augen wurde – und der dann, wenn alle anderen längst aufgegeben hatten, aus purer Sturheit noch eine weitere Runde dranhängte.
Der Bahnradsport im Allgemeinen, und ganz besonders die Disziplin der Mannschaftsverfolgung, ist eine unglaublich grausame und zugleich zutiefst zärtliche Sportart. Sie ist grausam, weil sie den einzelnen Athleten physisch und mental bis zur allerletzten Faser seines Körpers auspresst. Der Laktatschmerz brennt in den Muskeln wie flüssiges Feuer. Und sie ist zärtlich, weil sie den Fahrer unweigerlich dazu zwingt, sich vollkommen, blind und bedingungslos seinen Teamkollegen anzuvertrauen. Vier Fahrer treten exakt hintereinander an. Jeder führt das Feld für eine bestimmte Zeit und zieht voll im Wind, dann schert er geschmeidig aus, lässt sich rasant nach hinten fallen und ordnet sich am Ende der Formation wieder ein. Die gnadenlose Regel lautet: Es zählt nicht der Erste im Ziel, es zählt immer die Zeit des dritten Fahrers. Und das bedeutet im Umkehrschluss: Keiner kann in dieser Disziplin für sich allein als strahlender Held gewinnen, aber ein Einziger, der schwächelt, kann die Träume aller anderen in Sekundenbruchteilen zerstören. Man fährt so extrem nah aneinander, dass man das verzweifelte Keuchen des Vordermanns direkt im Ohr hat, dass man den salzigen Schweiß von seinem Rücken im eigenen Gesicht spürt. Man muss dem Mann, der wenige Zentimeter vor einem fährt, in den Steilkurven mehr vertrauen als sich selbst. Ein Fahrer, der dieses blinde Urvertrauen nicht aufbringen kann, der als Egoist agiert, taugt schlichtweg nicht für diese komplexe Disziplin. Udo Hempel konnte es. Mehr noch: Er wurde extrem schnell zu einem Fahrer, den man als verlässlichen Fels in die Mitte stellte, zu einem menschlichen Anker, zu einem unermüdlichen Motor, der die anderen auch in Momenten tiefster Schwäche erbarmungslos mitzog.
Über allem stand in jenen prägenden Jahren jedoch ein Name, den heute außerhalb von Fachkreisen kaum noch jemand kennt, der aber für den westdeutschen Bahnradsport das war, was ein genialer Dirigent für ein weltberühmtes Orchester ist: Gustav Kilian. Sie nannten ihn voller Ehrfurcht den “eisernen Gustav” und sie nannten ihn ehrfurchtsvoll den “Goldschmied”, weil er die seltene Gabe besaß, aus rohen, ungeschliffenen, kräftigen jungen Männern reine, glänzende Medaillen zu formen. Kilian war in seiner eigenen Jugend selbst einmal ein gefeierter, knallharter Sechstagefahrer gewesen. Er war einer, der die langen, schlaflosen Nächte in den rauchgeschwängerten, lauten Hallen kannte, in denen der Schmerz ständiger Begleiter war. Als Bundestrainer war er ein pedantischer Tüftler, ein Besessener, ein Mann, der nächtelang über der zentralen Frage brütete, wie man aus vier individuell guten Fahrern einen unschlagbaren, harmonischen Vierer macht. Er kannte die physischen und psychischen Stärken jedes einzelnen Fahrers absolut genau. Er wusste intuitiv, wann er wen einsetzen musste und wann er jemanden schonen sollte. Und er dachte über technische Details nach, an die andere Nationen noch gar nicht dachten: Über die millimetergenaue Länge der Kurbeln, über die perfekte, bahnspezifische Übersetzung der Zahnkränze, über die exakte Art, wie ein Vierer als Organismus atmet. Unter der strengen, aber gerechten Hand dieses Mannes wuchs Udo Hempel heran. Und unter genau diesem Mann sollte er das absolute Höchste und das grausamste Bitterste erleben, das der Leistungssport für einen Menschen überhaupt bereithält.
Das absolut Bitterste kam in dieser Geschichte zuerst. Man muss die Zeitkapsel zurückdrehen in den Oktober des Jahres 1968. Die Reise geht nach Mexiko-Stadt, in die extrem dünne, sauerstoffarme Luft der Höhe, in ein gigantisches Velodrom, in dem sich an einem schicksalhaften 21. Oktober etwas ereignete, das in den westdeutschen Zeitungen tagelang als beispielloser Skandal die Titelseiten und Schlagzeilen füllte und das die vier beteiligten Athleten für den Rest ihres Lebens wie ein dunkler Schatten nicht mehr losließ. Es war der Tag des westdeutschen Bahnvierers. Es fuhren an jenem verhängnisvollen Tag Jürgen Kissner, Karl Link, Karl-Heinz Henrichs und Udo Hempel. Hempel war damals ein junger, ehrgeiziger, noch nicht einmal 22 Jahre alter Fahrer, der zum allerersten Mal in seinem Leben bei Olympischen Spielen, dem größten Sportereignis der Welt, an der Startlinie stand. Der Gegner im alles entscheidenden Finale hieß Dänemark. Und der deutsche Vierer fuhr an diesem Tag so unfassbar überlegen, so kraftvoll und perfekt, dass an seinem triumphalen Sieg absolut kein sportlicher Zweifel mehr bestehen konnte. Sie lagen weit, weit vorn, uneinholbar für die völlig überforderten Dänen. Das heiß ersehnte olympische Gold war sprichwörtlich zum Greifen nah, es hing schon fast um ihre Hälse. Es war rein sportlich betrachtet praktisch schon ihres.
Und dann geschah in der allerletzten, frenetisch bejubelten Runde jenes katastrophale Unglück, das man eigentlich mit einem einzigen, simplen Satz erzählen kann und das dennoch ein ganzes Leben lang überschattet. Henrichs, der nach seiner Führungsarbeit eigentlich längst hätte abgeben und ausscheren sollen, blieb völlig erschöpft und von Laktat übersäuert einen Bruchteil einer Sekunde zu lange an der Spitze. Er scherte zu spät aus, und als er dem nachrückenden Kölner Teamkollegen Jürgen Kissner beinahe auf gefährlich gleicher Höhe war, streckte Kissner in einer reinen Panikreaktion reflexhaft die Hand aus. Er glaubte in diesem Sekundenbruchteil, der taumelnde Henrichs würde in ihn hineinfahren und einen katastrophalen Massensturz bei über 50 Stundenkilometern auslösen. Es war nur eine extrem kurze, kaum sichtbare Berührung. Ein menschlicher Reflex aus Angst. Ein Sekundenbruchteil. Und doch wurde genau diese winzige Berührung von den gnadenlosen internationalen Kampfrichtern nach dem Rennen kurzerhand als unerlaubtes Anschieben gewertet.
Man muss die schiere Ungeheuerlichkeit, die Absurdität dieses Urteils begreifen, um ansatzweise zu verstehen, was es mit vier jungen, hart trainierenden Männern anrichtete. Der westdeutsche Vierer, der das Rennen sportlich längst völlig überlegen und uneinholbar gewonnen hatte, wurde disqualifiziert. Nicht wegen eines geplanten, systematischen Betrugs. Nicht wegen eines unfairen, messbaren Vorteils. Sondern wegen einer winzigen, hilflosen Schutzgeste, die absolut niemandem auf der Welt einen Vorsprung verschaffte. Es gab damals eine fatale Merkwürdigkeit und sprachliche Unschärfe im internationalen Regelwerk. Der maßgebliche französische Text unterschied damals bedauerlicherweise nicht klar zwischen einem aktiven, regelwidrigen Anschieben und einer passiven, bloßen Berührung. Und genau in diese juristische, bürokratische Lücke fiel das ganze gigantische Unglück.

Doch es kam noch viel, viel schlimmer. Zunächst sollte der deutsche Vierer, der gerade um sein Lebenswerk betrogen worden war, nicht einmal die Silbermedaille bekommen, die ihm allein schon durch das souveräne Erreichen des Finales rein sportlich zweifelsfrei zugestanden hätte. Die Italiener, denen man am grünen Tisch das Silber nun nachträglich umhängen wollte, zeigten sich als wahre Sportsmänner. Sie weigerten sich aus purer Empörung strickt, überhaupt auf das Podest zu steigen, weil sie das harte Urteil der Jury selbst für absolut ungerecht und lächerlich hielten. Um das Ganze noch um ein Vielfaches bitterer und toxischer zu machen, saßen in den zuständigen, entscheidenden Gremien der Jury hochrangige Sportfunktionäre, die ausgerechnet aus der DDR stammten. Und weil Jürgen Kissner, der Mann mit der ausgestreckten Hand, einst in den Westen geflohen war, entstand in den westdeutschen Medien sofort der massive, explosive Verdacht: Hier räche sich die grausame deutsche Teilung und der Kalte Krieg ausgerechnet auf dem Rücken von vier jungen, unschuldigen Sportlern. Ob das wirklich stimmte, ob es ein politisch motivierter Racheakt war, lässt sich bis heute nicht mit allerletzter historischer Sicherheit beweisen, und man tut gut daran, es nicht als gesicherte, absolute Wahrheit auszusprechen. Aber in den hitzigen Tagen des Kalten Krieges genügte der bloße, ungeheuerliche Verdacht völlig, um die tiefe Wunde unwiderruflich zu vergiften.
Und dann kam das, was am allertiefsten schnitt und was mit dem eigentlichen, sportlichen Vorfall auf der Bahn überhaupt nichts mehr zu tun hatte. Jürgen Kissner, der Mann, dessen unglückliche, ausgestreckte Hand das Drama ausgelöst hatte, wurde in der Heimat von einem lauten Teil der westdeutschen Fans und der Boulevardpresse mit einer kollektiven Wut und Häme überzogen, die man sich heute, in Zeiten von Fairness-Kampagnen, kaum noch vorstellen kann. Man beschimpfte ihn öffentlich als Versager und Verräter. Man nannte ihn, weil er aus dem verfeindeten Osten stammte, mit einem hässlichen, ausgrenzenden Schimpfwort, das die ganze gesellschaftliche Verrohung und die tiefen Vorurteile jener Jahre deutlich in sich trug. Vier junge Männer, die gemeinsam vier Jahre lang für einen Traum geschuftet hatten und die de facto ein olympisches Rennen gewonnen hatten, standen plötzlich völlig wehrlos in einem tosenden Sturm aus Spott, Verdächtigung und reinem Hass. Und einer von ihnen, der noch junge Udo Hempel, musste im zarten Alter von 21 Jahren hautnah miterleben, wie ein lebenslanger Traum und ein glorreicher Triumph in nur wenigen Minuten in etwas Widerwärtiges verwandelt wurden, das sich anfühlte wie ein öffentlicher, unfairer Schauprozess.
Es dauerte noch bis tief ins Jahr 1969 hinein, bis das Internationale Olympische Komitee (IOC) schließlich nach langem juristischem Tauziehen entschied, dem deutschen Vierer trotz der formellen Disqualifikation wenigstens nachträglich die hart erarbeitete Silbermedaille auszuhändigen. Aber eine Medaille, die man irgendwann nachträglich per Post oder in einem tristen Büro zugesprochen bekommt, viele Monate nach den Spielen, fern von der emotionalen Zeremonie, fern von den jubelnden Massen, der wehenden Fahne und der Gänsehaut-Hymne, ist eine extrem seltsame, kalte Angelegenheit. Sie ist ein Stück Blech, das den gigantischen, magischen Augenblick, den man einem brutal gestohlen hat, in keinster Weise ersetzt. Und man darf sich berechtigterweise fragen, was ein solch traumatischer, ungerechter Beginn einer Karriere mit einem jungen, formbaren Menschen macht. Ob er zutiefst verbittert. Ob er zynisch und hart wird. Oder ob er in diesem Schmerz die wertvolle Lektion lernt, dass Gerechtigkeit im Sport, wie auch im echten Leben, absolut keine Selbstverständlichkeit ist, sondern etwas, für das man sich manchmal ein zweites, drittes oder viertes Mal blutig erkämpfen muss.
Udo Hempel wählte mit beeindruckender charakterlicher Stärke den zweiten Weg. Er hätte allen Grund der Welt gehabt, das Fahrrad wütend in die Ecke zu werfen, aufzugeben, sich vom Leistungssport abzuwenden und das ganze System für einen korrupten, ungerechten Zirkus zu erklären. Stattdessen schluckte er den Schmerz herunter und trat weiter in die Pedale. Härter, verbissener und fokussierter als je zuvor. In den harten Trainingsjahren nach dem Debakel von Mexiko reifte er zu einer absoluten, unumstrittenen festen Größe der bundesdeutschen Nationalmannschaft heran. Mehr noch: Er wurde ihr unangefochtener Kapitän. Von 1968 bis 1972 führte er den deutschen Bahnvierer an. Und das war bei Gott keine bequeme Ehrenrolle, sondern eine gigantische Last auf seinen Schultern. Der Kapitän eines Vierers ist der Fixstern, derjenige, an dem sich die drei anderen Fahrer bedingungslos ausrichten. Er ist derjenige, der den Überblick und die kühle Ruhe bewahren muss, wenn alle anderen durch den Sauerstoffmangel längst im tiefroten Bereich fahren und Sterne sehen.
1970 kam dann endlich der erste große, verdiente Lohn für diese unmenschliche Beharrlichkeit. Im englischen Leicester wurde der von Hempel angeführte deutsche Vierer in überragender Manier Weltmeister. Endlich einmal ein sauberer, grandioser Sieg ohne jeden bitteren Beigeschmack. Ohne Proteste, ohne Skandal, ohne entwürdigende nachträgliche Urteile. Er durfte sich das legendäre Regenbogentrikot überstreifen – ein Symbol der Dominanz, das ihm niemand auf der Welt mehr abnehmen konnte. Ein Jahr später, 1971, folgte noch eine starke Bronzemedaille bei der Weltmeisterschaft, die seine Konstanz untermauerte. Und über all diesem hart erarbeiteten Erfolg lag nun ein neues, strahlendes Ziel, das weitaus größer und bedeutender war als jeder Weltmeistertitel. Ein Ziel, das für einen deutschen Sportler genau dieser Generation die absolute, fast schon mythische Bedeutung eines vollendeten Lebenswerks annehmen konnte. Denn die nächsten Olympischen Spiele fanden im eigenen Land statt. In München, 1972. Es sollten die “heiteren Spiele” werden, wie man sie allerorts hoffnungsvoll nennen wollte. Es waren die Spiele, mit denen sich die junge Bundesrepublik der kritischen Weltöffentlichkeit nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs endlich als ein völlig neues, offenes, demokratisches und freundliches Deutschland präsentieren wollte.
Doch der sportliche Weg dorthin führte, wie das in großen Biografien so oft der Fall ist, vor dem Gipfel noch einmal durch ein tiefes, dunkles Tal der Tränen. Denn als es in München, im neu erbauten Velodrom, wirklich ernst wurde, geschah dem stolzen Kapitän beinahe das Allerschlimmste, was einem ehrgeizigen Fahrer widerfahren kann. Im nervenaufreibenden Viertelfinale schwächelte er urplötzlich. Die Beine, die sonst so maschinenartig und verlässlich gehorcht hatten, brannten und lieferten nicht mehr den gewohnten Druck auf die Pedale. Und der Trainer, der “eiserne Gustav”, der extrem nüchtern und völlig ohne jegliche Sentimentalität immer nur den allerschnellsten Vierer sehen wollte, traf eine knallharte, rationale Entscheidung, die Hempel bis ins tiefe Mark getroffen haben muss. Für das so wichtige Halbfinale nahm Kilian seinen Kapitän gnadenlos heraus und setzte an seiner Stelle den Ersatzmann Peter Vonhof ein.
Man stelle sich diesen emotionalen Absturz einmal vor. Vier lange Jahre lang hatte dieser Mann jeden Tag, jede Stunde, jedes Training ausschließlich auf diesen einen, magischen Sommer im eigenen Land ausgerichtet. Er hatte den Vierer als unermüdlicher Kapitän durch unzählige Rennen geführt. Er hatte die toxische Demütigung von Mexiko in sich hineingefressen und in unbändigen Antrieb verwandelt. Und nun, im absolut entscheidenden Moment seines Lebens, in den alles entscheidenden olympischen Rennen vor heimischem Publikum, saß er deprimiert neben der hölzernen Bahn und musste zusehen, wie ein anderer Fahrer seinen hart erarbeiteten Platz einnahm. Es gibt im modernen Spitzensport nur sehr wenige Formen der Einsamkeit, die tiefer und kälter sind als diese. Nicht durch einen Sturz verletzt, nicht durch ein Fehlurteil disqualifiziert, sondern von der sportlichen Leitung schlichtweg für nicht gut genug befunden – und das im wichtigsten Augenblick der gesamten Karriere. Wer je in einer Mannschaft gespielt hat und auf der Bank ausharren musste, während die Kameraden auf dem Feld um alles kämpften, der kennt dieses Ohnmachtsgefühl, das an keinem noch so gestandenen, reifen Mann spurlos vorübergeht.
Aber der Radsport, so unglaublich gnadenlos, unmenschlich und hart er auch ist, kennt in seltenen Fällen auch die wunderbare Gnade der zweiten Chance. Denn für das ganz große, alles überstrahlende Finale – das Große, das Letzte, das politisch extrem aufgeladene deutsch-deutsche Finale gegen die verfeindete DDR – entschied Gustav Kilian überraschend, seinen degradierten Kapitän wieder auf die Bahn zu schicken. Und Udo Hempel, der Mann, der Tage zuvor noch aussortiert und gedemütigt worden war, nutzte diese zweite Chance mit einer Wut im Bauch, die Berge versetzen konnte. Er fuhr das Rennen seines Lebens. Er gehörte an diesem lauen 4. September zweifellos zu den absolut stärksten Motoren des Vierers. Es war fast so, als hätte er die ganze monatelang aufgestaute Enttäuschung, die ganze tiefe Verletzung des Herausgenommenwerdens in reine, explosive Watt-Kraft auf den Pedalen verwandelt.

Der “eiserne Gustav” hatte für dieses historische Finale wieder tief in seine Trickkiste gegriffen. Statt der üblichen, langen Kurbeln von 170 Millimetern ließ er den Mechanikern kürzere montieren – 167,5 Millimeter. Eine Winzigkeit, die aber bewirkte, dass die Fahrer runder, schneller und geschmeidiger bei hohen Trittfrequenzen treten konnten. Die Mechaniker legten eine ganz bestimmte, wuchtige Übersetzung von 51:15 auf, alles war ausgetüftelt bis ins absolut letzte Detail. Und dann fuhren sie los. Die glorreichen Vier: Udo Hempel, Günther Schumacher, Jürgen Colombo und Günter Haritz. Sie traten an gegen den bärenstarken Vierer der DDR mit Thomas Huschke, den beiden Richters und Uwe Unterwalder. Ein Kampf zweier Systeme auf einer Holzbahn.
Schon die allererste Runde gehörte deutlich dem Westen. Ein minimaler Vorsprung von 27 Hundertstelsekunden. Winzig, aber für Kenner deutlich spürbar. Und dieser psychologisch so wichtige Vorsprung wuchs unter dem ohrenbetäubenden Jubel der Zuschauer Runde um Runde, bis er nach endlos scheinenden 4000 Metern unglaubliche, dominante 3 Sekunden betrug. Die Zeit stoppte bei magischen vier Minuten, 22 Sekunden und 14 Hundertsteln. Es war vollbracht. Gold. Olympiasieg im eigenen Land. Und das ausgerechnet gegen den ungeliebten, großen Bruder aus dem Osten. Für Udo Hempel war dieser Moment weit mehr als nur ein sportlicher Sieg. Es war die tiefe, seelische Erfüllung, die ultimative Erlösung von dem Trauma, das Mexiko ihm vier Jahre zuvor so grausam gestohlen hatte. Wer heute, Jahrzehnte später, mit ihm über diesen strahlenden Tag spricht, spürt sofort, dass es der eine, absolute Gipfel seines Lebens war, an den danach nichts mehr auch nur annähernd heranreichte. Er hat später einmal mit einer stillen, weisen Gewissheit davon erzählt, dass es bestimmte, gewaltige Dinge im Leben gäbe, für die man vom Schicksal nur eine einzige, echte Chance bekomme. Und dass genau dies das Velodrom in München gewesen sei. Der perfekte Ort, an dem plötzlich alles zusammenpasste, an dem nichts fehlte, an dem der bloße Zufall, die jahrelange harte Arbeit, der Schmerz und der Mut sich für einen kurzen, leuchtenden Augenblick zu etwas Vollkommenem zusammenfügten. Und vielleicht ist es exakt diese tiefe Erkenntnis, die den weisen, reifen Mann vom naiven, jungen Burschen unterscheidet. Der junge, übermütige Sieger glaubt in seinem Rausch, es werde immer so glorreich weitergehen, es werde noch unzählige solcher strahlenden Tage geben. Der alte, lebenserfahrene Sieger hingegen weiß genau, dass es nur diesen einen, einzigen perfekten Moment gab. Und dass darin absolut nichts Trauriges oder Resignierendes liegt, sondern vielmehr etwas unendlich Kostbares, das es zu bewahren gilt.
Doch über diesem goldenen, berauschenden Abend lag schon wenige Stunden später der pechschwarze, grausame Schatten dessen, was in derselben Nacht geschehen sollte. Und absolut kein ehrlicher, historischer Blick auf München 1972 kann an diesem Horror vorbeigehen. Die sportliche Sternstunde des Rad-Vierers war der wohl letzte, völlig unbeschwerte Moment dieser Olympischen Spiele. In eben jener Nacht drangen schwer bewaffnete, palästinensische Terroristen in das vermeintlich sichere olympische Dorf ein, nahmen Geiseln, und am blutigen Ende dieser Tragödie waren elf unschuldige israelische Sportler tot. Die heiteren Spiele, die ein Fest des Friedens sein sollten, hatten ihre Unschuld in einem bestialischen Blutbad verloren. Was als leuchtendes Fest der internationalen Versöhnung gedacht war, wurde zum dunklen Ort einer massiven Trauer, die in der Weltöffentlichkeit bis heute nicht wirklich verklungen ist. Wer damals als junger Mann ahnungslos vor dem Fernseher saß, weiß noch heute, wie sich in nur wenigen, chaotischen Stunden die ganze euphorische Stimmung eines Jahrhundertsommers komplett wandelte. Von einem hellen, hoffnungsvollen Glanz in eine bleierne, schwere, fassungslose Stille der Angst. Und man kann nur leise erahnen, was ein solches Trauma für einen frisch gekrönten, überglücklichen Olympiasieger bedeutet, wenn der größte, reinste Triumph des eigenen Lebens für immer untrennbar verwoben ist mit der schrecklichen Erinnerung an eine menschliche Katastrophe. Die grenzenlose Freude und das unfassbare Grauen lagen so eng beieinander, dass man sie in den Geschichtsbüchern und im eigenen Kopf nie mehr voneinander lösen kann.
Nach den Olympischen Spielen begann ein neues Kapitel. Es kam die unausweichliche Zeit, in der ein gefeierter Amateur ins harte Lager der Profis wechselt, und mit dieser Unterschrift betrat Hempel eine völlig andere, unerbittliche Welt. Von 1973 an fuhr Udo Hempel als Berufsfahrer sein Geld ein. Und der Berufsratsport jener rauen 70er Jahre war eine extrem harte, oft undankbare und körperlich ruinöse Angelegenheit. Er fuhr als Lohnarbeiter auf dem Sattel für verschiedene kommerzielle Mannschaften, deren Sponsorennamen heute wie Relikte aus einer völlig versunkenen Zeit klingen. Er fuhr für Rokado, später für Mifa, jahrelang für das Team Quelle. Seine große Bühne aber blieb stets die Holzbahn. Und ganz besonders glänzte er dort, wo der Bahnradsport am allerhärtesten, schmutzigsten und am legendärsten war: bei den berüchtigten Sechstagerennen.
Man muss sich diese Sechstagerennen von damals lebhaft vorstellen, um zu begreifen, was für ein irrsinniges Leben das für die Athleten war. Riesige, überfüllte Hallen, wie etwa die Westfalenhalle in Dortmund, der Sportpalast in Berlin oder die Arena in Köln. Gefüllt mit Zehntausenden von fanatischen Zuschauern. Die Luft stand still, eine erdrückende Mischung aus beißendem Bierdunst und dickem, grauem Zigarettenqualm, der in den Scheinwerfern tanzte. In der Mitte spielte eine laute Kapelle endlose Endlosschleifen von Gassenhauern und Schlagern, die sich ins Gehirn bohrten. Und mittendrin, im Auge dieses Orkans, kreisten auf einer kleinen, extrem steilen Bahn die Fahrer. Nacht für Nacht drehten sie ihre Runden, oft bis in die tiefen, frühen Morgenstunden, während das johlende Publikum aß, trank, wettete, jubelte und wieder trank. Es war Hochleistungssport und billiger Zirkus zugleich. Eine pure Schinderei, verpackt in eine bunte Show. Ein Beruf, der die Körper der Athleten frühzeitig verschliss, die Kniegelenke zerstörte und die Nerven durch den extremen Schlafentzug komplett blank legte. Sechs Tage lang fast ununterbrochener Lärm. Kaum Schlaf. Sechs Nächte lang das monotone, schmerzhafte Kreisen auf dem rutschigen Holz, das feine Zusammenspiel mit dem Partner, das ständige Taktieren, das brutale Jagen von Runden, um das Publikum zu unterhalten. Wer in dieser Hölle langfristig bestand, war kein verträumter Sportler mehr, sondern ein stahlharter Handwerker des Schmerzes.
Und Udo Hempel bestand in dieser Arena wie kaum ein Zweiter. Achtmal wurde er in seiner unglaublichen Laufbahn Deutscher Meister in verschiedenen Disziplinen. Und der bundesdeutsche Staat ehrte seine immensen Verdienste mit dem Silbernen Lorbeerblatt, jener höchsten, seltenen sportlichen Auszeichnung, die die Bundesrepublik überhaupt zu vergeben hatte. Und doch – so ist das nun einmal mit dem Radsport, wie mit fast jedem extremen Leistungssport – kommt unweigerlich für jeden, auch den größten Fahrer, irgendwann der gefürchtete Tag, an dem die müden Beine einfach nicht mehr das hergeben wollen, was der eiserne Wille im Kopf noch verlangt. 1983 endete seine beeindruckende aktive Laufbahn. Und genau hier beginnt der Teil einer solchen faszinierenden Lebensgeschichte, über den in den glänzenden Magazinen extrem selten gesprochen wird. Weil er keine goldenen Medaillen mehr kennt, keine jubelnden Zieleinfahrten und keine Podeste, der aber für die menschliche Psyche oft der mit Abstand schwerste von allen ist. Was macht ein gestandener Mann, der sein halbes Leben lang ab dem Kindesalter absolut nichts anderes gekannt hat als das Rennrad, den brutalen Wettkampf, das extrem eng getaktete, fremdbestimmte Dasein aus hartem Training, ständigen Reisen und Rennen? Was passiert, wenn dieses Dasein plötzlich von einem Tag auf den anderen endet? Was tut einer, der immer der Prominente war, den jeder Hallensprecher an der Startlinie euphorisch ankündigte, wenn ihn plötzlich niemand mehr an die Startlinie ruft?
Für unzählige Spitzensportler ist genau dieser abrupte Übergang ein traumatischer, tiefer Sturz ins Leere. Der süße Applaus der Massen verstummt plötzlich. Die Hallen werden abgebaut, das Licht geht aus. Neue, hungrige, junge Fahrer drängen nach oben. Und man selbst steht auf einmal völlig abgemeldet am Rand und merkt schmerzhaft, dass die schnelle Welt, die einen jahrzehntelang definiert und hofiert hat, einfach ohne einen weiterläuft. Manch ein großer, stolzer Name ist an dieser plötzlichen, erdrückenden Stille regelrecht zerbrochen. Viele haben den Halt im Leben verloren, sind in tiefe Schwermut, Alkoholismus oder destruktive Rastlosigkeit versunken, weil sie außerhalb der schützenden Bande der Rennbahn schlichtweg nicht mehr wussten, wer sie eigentlich in der normalen Welt sein sollten.
Udo Hempel fand jedoch einen völlig anderen, weitaus konstruktiveren Weg. Und es passte perfekt zu dem, was er als Charakter von Anfang an auf der Bahn gewesen war, dass er diesen neuen Lebenssinn nicht für sich isoliert fand, sondern als derjenige, der die anderen an die Hand nimmt und mitzieht. Schon während seine eigene aktive Laufbahn leise ausklang, übernahm er mutig Verantwortung von der völlig anderen Seite der Bahn. Von 1982 an wurde er der neue Bundestrainer der Bahnfahrer. Und plötzlich stand er da, genau an der Stelle, wo einst sein Mentor, der “eiserne Gustav”, gestanden hatte. Mit der kalten Stoppuhr in der Hand, mit dem kritischen, prüfenden Blick auf die Trittfrequenz, mit der enormen Aufgabe, aus ungestümen, jungen Kerlen wieder einen weltmeisterlichen Vierer zu schmieden. Es war, als schließe sich ein gigantischer, karmischer Kreis in seinem Leben. Der Mann, der einst in München brutal herausgenommen worden war, der die eiskalte Ungerechtigkeit von Mexiko am eigenen Leib tief erlitten hatte, sollte nun ausgerechnet eine neue Generation von Athleten durch die psychischen und physischen Höhen und Tiefen dieses unbarmherzigen Sports führen.
Und es gelang ihm auf eine absolut beeindruckende Weise, die deutlich zeigt, dass aus dem ehemals tief verletzten, jungen Fahrer im Laufe der Jahre ein extrem kluger, empathischer und geduldiger Menschenformer geworden war. Gemeinsam mit einem genialen Mann der Sportwissenschaft, dem renommierten Dr. Dieter Bergmann, führte er die kriselnde deutsche Bahnmannschaft akribisch zurück an die absolute Weltspitze. Schon in seinem Antrittsjahr 1982 wurde unter seiner fachlichen Verantwortung Fredi Schmidtke Weltmeister. Er baute mit viel Feingefühl einen völlig neuen Vierer auf, ein Team, das so blutjung war, dass die Fachpresse und die begeisterten Leute ihn liebevoll den “Baby-Vierer” nannten. Und dieser Baby-Vierer wuchs unter Hempels Fittichen rasant heran und wurde 1983 im schweizerischen Zürich sensationell Weltmeister. Mit Namen, die den echten Radsport-Kennern bis heute einen Schauer über den Rücken jagen: mit Rolf Gölz, mit Roland Günther, mit Michael Marx, mit Gerhard Strittmatter. Der absolute, krönende Höhepunkt dieser intensiven Trainerjahre kam dann 1984 in Los Angeles, bei jenen boykottierten Olympischen Spielen, die dem Westen medaillenmäßig offen standen wie selten zuvor. Fredi Schmidtke, der Fahrer, den Hempel über Jahre geduldig geformt hatte, wurde Olympiasieger über die 1000 Meter im Zeitfahren – jener extrem kurzen, brutalen Disziplin, in der ein einzelner Mann ganz allein gegen die Uhr und den Wind fährt, ohne rettenden Windschatten, ohne aushelfenden Partner, ein einziger, verzweifelter Kraftakt über wenige Runden. Es regnete förmlich Edelmetall: Es gab Silber und es gab Bronze für seine talentierten Schützlinge.
Und doch – so paradox und ungerecht ist die Wahrnehmung im Sport oft – wurde ausgerechnet die gewonnene Bronzemedaille des Vierers, der ja als amtierender, gefeierter Weltmeister angetreten war, in der deutschen Öffentlichkeit eher als eine herbe Enttäuschung empfunden denn als großer Erfolg. Weil die Leute von einem Weltmeister eben nichts anderes mehr als Gold erwarten. Wer je selbst in der Wirtschaft oder im Sport große Verantwortung getragen hat, kennt diese eigentümliche, schwer zu schluckende Bitterkeit, dass gerade derjenige, der kontinuierlich Großes leistet, immer an noch Größerem gemessen wird. Dass eine extrem schwer errungene olympische Medaille auf einmal in den Zeitungen wie ein peinliches Versagen aussehen kann. Hempel trug auch diese mediale Ungerechtigkeit genau so, wie er das Herausgenommenwerden in München getragen hatte, wie er den Skandal von Mexiko getragen hatte. Mit jener stoischen, rheinischen Nüchternheit, die keine großen, weinerlichen Klagen vor den Kameras kennt.
Bis 1988 blieb er erfolgreicher Bundestrainer. Dann übergab er freiwillig auch dieses Amt an einen Nachfolger. Und nun kam die bemerkenswerte, dritte große Bühne seines Lebens. Diejenige, die nach außen hin vielleicht am wenigsten spektakulär wirkt und doch diejenige ist, in der sich der ganze, starke Charakter des Mannes am deutlichsten zeigt. Denn Udo Hempel setzte sich nach dem Ende seiner stressigen Trainerzeit keineswegs als wohlhabender Rentner zur Ruhe. Er erfand sich noch einmal völlig neu. Diesmal fernab des Geruchs von Kettenöl und der glatten Holzbahn: Er arbeitete als gefragter Unternehmensberater, als kluger Personalentwickler in der Wirtschaft. Als einer, der Managern und Mitarbeitern half, ihr absolutes Bestes aus sich herauszuholen. Nur eben nicht mehr auf dem harten Sattel eines Rennrads, sondern in Büros, in Verhandlungen, mitten im zivilen Leben.
Es ist wahrlich keine große psychologische Kunst, hierin eine logische Fortsetzung all dessen zu erkennen, was er im Kern immer gewesen war: Einer, der andere motiviert und mitzieht. Einer, der eine schlagkräftige Mannschaft formt. Der ganz genau weiß, dass ein einzelner Mensch in einem komplexen System selten völlig allein gewinnt. Alles, was er auf der hölzernen Bahn gelernt hatte – das absolute Vertrauen zueinander, das feine, blinde aufeinander Abgestimmtsein, das untrügliche Wissen um den exakt richtigen Moment für einen Antritt –, all das übertrug er mühelos auf das Feld der Wirtschaft. Und man sagt ihm nach, dass er darin verdammt gut war. Weil er die Menschen aufrichtig mochte, weil er keine Egos streichelte und weil er das konkrete, harte Anpacken immer über das leere, theoretische Reden stellte. Es gibt einen wunderbaren Satz, mit dem man Männer seines Schlages im Rheinland gern beschreibt. Ein Satz in der rauen Mundart seiner alten Heimat, der sinngemäß so viel bedeutet wie: “Nicht lange schwätzen, sondern zupacken.” Genauso ein Mann war und ist er. Ein Macher alter Schule. Keiner der großen, geschliffenen Worte in Talkshows, sondern der konsequent getanen Dinge.
Seinem eigentlichen Element aber, der tiefen Liebe zum Radsport, blieb er in all den Jahren unerschütterlich treu. Und das ist vielleicht das Schönste an seiner späten, runden Geschichte. Er wurde eben gerade nicht zu einem jener verbitterten, nörgelnden ehemaligen Champions, die in der Vergangenheit festkleben und jedem, der es nicht hören will, erzählen, wie viel besser, härter und ehrlicher früher alles war. Er wurde stattdessen zum großzügigen Wohltäter für seinen Sport. Zum umtriebigen Organisator, zum prominenten Schirmherrn. Zu einem Mann, der dem Sport aus tiefer Dankbarkeit zurückgab, was der Sport ihm einst an Lebenschancen gegeben hatte. In seinem geliebten Büttgen, exakt auf jener altehrwürdigen Radrennbahn, die ihn als Jungen einst groß gemacht hatte, rief er hochkarätige Rennen ins Leben, die den legendären, rauen Klang der alten Sechstagenächte in die glatte Gegenwart transportierten. Er brachte den Spitzensport unermüdlich zurück in seine Region, immer wieder. Mit einer organisatorischen Ausdauer, die stark an seine besten, physischen Jahre auf der Bahn erinnerte. Er organisierte große Traditionsveranstaltungen in Neuss, in Düsseldorf, holte Sponsoren ins Boot. Und er wurde zu einem charismatischen Botschafter für den Sport, dessen Stimme weit über seine eigene, kleine Bahn hinaus Gewicht hatte. Im Jahr 2005 trat er als hochgeschätzter Botschafter der World Games in Duisburg auf.
Der absolute PR-Coup gelang ihm jedoch Jahre später. Als im Jahr 2017 das größte, wichtigste und medienträchtigste Radrennen der gesamten Welt – die mythische Tour de France – ihren gigantischen Grand Départ in seiner Heimatstadt Düsseldorf feierte und die zweite, rasante Etappe mitten durch das kleine, unscheinbare Büttgen führte, da war es genau dieser ergraute, würdige Olympiasieger, der hinter den Kulissen als offizieller Botschafter seiner Stadt wie ein Löwe dafür gekämpft hatte, dass das bunte Millionen-Peloton durch die wahre Heimat des deutschen Radsports rollte. Man muss sich diese Lebenskurve auf der Zunge zergehen lassen: Ein kleiner, dünner Junge aus dem grauen, vom Krieg zerstörten Flingern, der über die hölzerne Bahn von Büttgen zu absolutem olympischen Gold gefahren war, holte im hohen Alter als krönenden Abschluss die größte Radsportkarawane der Welt direkt vor die eigene Haustür. Es gibt in der Welt des Sports vielleicht berühmtere Lebensgeschichten, aber mit Sicherheit nicht viele, die so wunderschön und perfekt abgerundet sind.
Über das Privatleben eines solchen bescheidenen Mannes weiß die Boulevardöffentlichkeit zum Glück sehr wenig. Und das ist auch gut so. Denn nicht jeder Athlet, der Großes im Sport geleistet hat, muss auch sein Herz und seine Familie permanent auf dem Marktplatz der sozialen Medien zur Schau tragen. Was man jedoch weiß, ist schlicht, wunderbar normal und genau darum so tief berührend. Er lebt bis zum heutigen Tag glücklich mit seiner Frau in Büttgen. In exakt jenem Ort, der ihn als Heranwachsenden geformt hat und den er im Gegenzug für immer in die geografische Landkarte des deutschen Spitzensports eingeschrieben hat. Er ist ein stolzer Großvater geworden. Und einer der faszinierendsten und schönsten Sätze, die man über ihn in den Lokalzeitungen liest, erzählt eindrucksvoll davon, wie er im Jahr 2016, kurz vor seinem 70. Geburtstag, gemeinsam mit seinem jungen Enkel den legendären Mont Ventoux hinauffuhr. Jenen unfassbar steilen, kahlen, windgepeitschten weißen Riesen der französischen Provence, an dem sich selbst bestens trainierte Profis quälen und an dem einst einige der schwärzesten Tragödien der Tour de France geschahen. Ein 70-jähriger Mann, der mit seinem Enkelkind aus purer Freude auf einen Berg kurbelt, vor dem selbst fitte, junge Männer enormen Respekt haben, und der die Etappen der Tour de France dabei entspannt aus einem Wohnmobil begleitet. Das ist absolut kein Bild von Resignation oder Altersmüdigkeit. Das ist das leuchtende Bild von einem vitalen Menschen, dem die kindliche Freude an der Bewegung, an der physischen Anstrengung, an der freien Fahrt durch die weite Welt einfach nie verloren gegangen ist.
Schon Jahre zuvor, längst jenseits der 60, hatte er sich zum ersten Mal der brutalen Herausforderung einer mehrtägigen, kräftezehrenden Alpenüberquerung mit dem Mountainbike gestellt. Eine extreme Tortur über Geröll und steile Pässe, die sich viele durchtrainierte 40-Jährige nicht im Traum zutrauen würden. Der eiserne Wille, der ihn einst über das schnelle Holz von München getragen und zum Sieg gepeitscht hatte, war immer noch da. Nur dass dieser Wille sich nun im Alter nicht mehr an den Zehntelsekunden von Goldmedaillen messen musste, sondern an der Höhe von Bergen, an der gemeinsamen Zeit mit den Enkeln und an der schieren, unbändigen Lust, einfach immer weiterzumachen.
Es gibt eine kleine, fast schon versteckte Geschichte aus den vergangenen Jahren, die vielleicht mehr über den wahren Charakter dieses Mannes aussagt als jede goldene Medaillenstatistik. Vor einiger Zeit besuchte ihn eine wissbegierige Gruppe von Schülern aus der Umgebung. Junge Leute, die etwas über die Lokalgeschichte ihrer Heimatstadt lernen wollten und die beim Betreten des Hauses wohl kaum ahnten, dass sie an diesem Tag einem echten, waschechten Olympiasieger gegenüber sitzen würden, der Geschichte geschrieben hatte. Er empfing die Jugendlichen herzlich bei sich zu Hause. Er erzählte ihnen ruhig und ohne Arroganz aus seinem bewegten Leben. Davon, wie er als kleiner Junge in den Trümmern einst die Leidenschaft für den Radsport als Flucht entdeckt hatte. Und wie ihn dieser steinige Weg voller Enttäuschungen schließlich bis zum obersten Treppchen der Olympischen Spiele getragen hatte. Und dann führte er sie zu dem Ort, den er selbst mit einem Schmunzeln sein “Allerheiligstes” nennt: zu seiner privaten, sorgsam gepflegten Sammlung von historischen Fahrrädern. Man sieht ihn bei dieser Erzählung förmlich vor sich. Den alten, erfahrenen Mann, wie er liebevoll zwischen seinen stählernen Rädern steht. Jedes einzelne Fahrrad ein wichtiges Stück seines Lebens. Jedes eine konservierte Erinnerung an eine verrauchte Nacht in einer Halle, an eine bestimmte Kurve auf einer Bahn, an einen steilen Berg, an einen verlorenen oder gewonnenen Sommer. Und wie er diesen jungen Menschen, die in einer völlig anderen, digitalen Welt aufwachsen und ihn logischerweise nie selbst auf der Bahn fahren gesehen haben, davon erzählt, dass ein ehrliches Leben aus harter Anstrengung, aus Rückschlägen und aus absoluter Treue zu einer einzigen Sache am Ende niemals ein verlorenes Leben ist.
Es ist das beruhigende Bild eines Menschen, der vollkommen mit sich und seinem Schicksal im Reinen ist. Der die unfassbare, zerstörerische Ungerechtigkeit von Mexiko überlebt hat, ohne zu einem verbitterten Zyniker zu werden. Der das demütigende Herausgenommenwerden vor dem wichtigsten Rennen seines Lebens in München überlebt hat, ohne psychisch daran zu zerbrechen. Der die laute, dröhnende Stille nach dem abebbenden Applaus der Hallen überlebt hat, indem er in seinem zweiten Leben selbst zum größten Applausgeber und Förderer für andere wurde. Wenn man heute, an einem ruhigen Tag, durch das beschauliche Büttgen fährt, gibt es dort eine bestimmte Straße, die früher einmal einen völlig anderen, unscheinbaren Namen trug. Vor vielen Jahrzehnten hat man sie feierlich in “Olympiastraße” umbenannt. Schlichtweg deshalb, weil dieses kleine, rheinische Ort tatsächlich echte Olympiasieger hervorgebracht hat. Sogar gleich mehrere. Und einer der allerersten von ihnen, der Pionier, war er. Sein alter, verlässlicher Weggefährte aus dem siegreichen Goldvierer von München, Günther Schumacher, ließ sich später aus Verbundenheit ebenfalls hier nieder und holte später selbst noch einmal olympisches Gold nach Büttgen. Und so wurde im Laufe der Zeit aus einem unscheinbaren, verschlafenen Dorf am Rand von Kaarst ein magischer Ort, an dem der bundesdeutsche Bahnradsport ein Stück ewige Heimat fand.
Die jungen, hochgerüsteten Fahrer von heute, die in ihren aerodynamischen Carbonanzügen dort ihre Runden auf der Hightech-Bahn drehen, kennen die großen Namen der alten Recken oft nur noch aus den verstaubten Erzählungen der Trainer oder vom Hörensagen. Aber die Alten sind noch immer da. Und einer von ihnen, ein würdevoller Mann mit schneeweißem Haar und extrem wachen, klaren Augen, geht noch immer aufmerksam durch diese moderne Radsportwelt. Eine Welt, in der er vor einem halben Jahrhundert einmal als Kapitän an der Spitze eines Vierers stand, der in einem zerrissenen Land für vier Minuten die halbe Nation in fassungslosem Atem hielt. Es ist etwas ganz Eigenes, fast schon Mystisches um diese harten Sportler der alten Bahnrad-Ära. Sie waren niemals die schillernden, lauten Einzelstars, deren retuschierte Gesichter auf den bunten Titelseiten der Klatschmagazine prangten, wie es die glamourösen Tennisspieler oder die exzentrischen Schwergewichtsboxer jener Zeit waren. Der Bahn-Vierer war immer ein kollektives Meisterwerk aus vier arbeitenden Menschen. Und wer als Einzelner in dieser Formation aufging, der wusste in jeder Sekunde, dass sein Ruhm immer ein brüderlich geteilter war. Vielleicht ist das auch der tiefe, soziologische Grund, warum Namen wie Udo Hempel heute nicht mehr alltäglich in aller Munde sind, obwohl sie sportlich zum absoluten “Flaggschiff der Nation” gehörten, wie man den Vierer in den 70er Jahren ehrfürchtig nannte. Sie haben ihren verdienten Ruhm einfach nie egomanisch für sich allein beansprucht. Sie haben ihn sinnbildlich in eine Runde gelegt, ihn an einen vertrauten Partner weitergegeben, sich in den Windschatten zurückfallen lassen und sich stillschweigend wieder in die Formation eingeordnet. Immer und ausschließlich im loyalen Dienst des großen Ganzen.
Und genau darin liegt eine so unfassbar stille, würdevolle Größe, die in unserer heutigen, lauten Zeit, in der fast jeder permanent sein eigener, inszenierter Held auf Social Media sein möchte, fast schon tragisch aus der Mode gekommen zu sein scheint. Es ist die Geschichte eines Mannes, der in jeder Faser seines Körpers wusste, dass man die ganz großen Dinge im Leben allein nur höchst selten gewinnt. Ein Mann, der die schlimmste, existenziellste Ungerechtigkeit seiner frühen Jugend nicht in ein toxisches Geschwür aus Hass und Rache verwandelte, sondern in die reine, produktive Kraft, es beim nächsten Versuch einfach noch viel besser zu machen. Ein Mann, der im absolut entscheidenden Moment seines Lebens gnadenlos aussortiert wurde, auf der Bank saß, und der dennoch ohne Murren zurückkam, um das phänomenale Rennen seines Lebens zu fahren.
Wer in der heutigen Zeit an einem kalten, verregneten Winterabend an diesen drahtigen, zähen Radfahrer aus Flingern denkt. Wer an die lauten, verrauchten Sechstagenächte in den Betonhallen denkt. An das glänzende, erlösende Gold von München und an den tiefschwarzen, terroristischen Schatten, der nur Stunden später darüber fiel. Der denkt in diesem Moment zugleich unweigerlich an eine ganze, vergangene Welt, die es so in dieser Form nicht mehr gibt. An ein politisch geteiltes, von Mauern durchzogenes Land. Und an sportliche Duelle auf der Bahn, die weit, weit mehr waren als nur Sport. Er denkt an eine Zeit, in der ein Rennrad noch ehrlich aus schwerem Stahl geschweißt war und ein olympischer Sieg ausschließlich aus Schweiß, Schmerzen und blindem Vertrauen in den Vordermann bestand. An junge Männer, die keine Abermillionen auf Bankkonten verdienten und die dennoch auf dem Holz alles, wirklich alles gaben. Vielleicht erinnert sich beim Lesen dieser Zeilen der eine oder andere sogar lebhaft daran, wie er selbst damals als junger Kerl gebannt vor dem klobigen Fernseher saß. An jenem denkwürdigen 4. September 1972, wie er mit schwitzigen Händen mitfieberte. Und wie er am nächsten, grauen Morgen aus dem Radio erfuhr, welch bestialisches Verbrechen in der Nacht geschehen war. Und wie sich fortan in seinem eigenen Leben unbändige sportliche Freude und tiefste menschliche Erschütterung für immer untrennbar mit diesem einen Namen verbanden.
Es ist verdammt gut und wichtig, dass es Menschen wie Udo Hempel gab und noch immer gibt. Menschen, die nie die Lautesten im Raum waren, aber stets die Verlässlichsten. Die vielleicht nicht makellos waren, aber in jeder Situation absolut aufrecht. Menschen, die auf ihrem kleinen Stück poliertem Holz, auf ihrem Sattel das absolute Maximum aus sich herausholten und die uns Nachgeborenen damit – völlig ohne es belehrend zu wollen – etwas Fundamentales darüber erzählen. Etwas darüber, wie man ein Leben leben kann, das am Ende ganz und gar, mit jeder Faser gelebt ist. Mit all seinen brutalen Ungerechtigkeiten, seinen unerwarteten zweiten Chancen und seinem einen, unwiederbringlichen, perfekten Augenblick der Vollkommenheit. Einem Augenblick, den einem danach niemand, absolut niemand auf dieser Welt, jemals wieder nehmen kann.