Der weiße Japaner: Triumph, Tragödie und die unfassbare Wiederauferstehung der Judo-Legende Klaus Glahn
Eine Zehntel Sekunde. Mehr war es nicht. Ein winziger, kaum messbarer Wimpernschlag der Zeit, der sich zwischen Klaus Glahn und den allergrößten Augenblick seines Lebens schob. Es war der 31. August 1972. In einer dröhnenden, restlos ausverkauften Halle in München ruhten die Augen eines ganzen Landes auf ihm. An diesem lauen Sommerabend wollte die Bundesrepublik Deutschland nichts sehnlicher, als endlich Gold zu sehen. Deutsches Gold, errungen von einem Riesen aus Niedersachsen, einem Mann mit einem stets in sich ruhenden Gesicht und den kräftigen, schwieligen Händen eines Handwerkers. Exakt 103 Sekunden dauerte dieses schicksalhafte Finale gegen den Niederländer Willem Ruska. Dann war es vorbei. Dann lag der goldene Traum zerschmettert auf der Matte.
Klaus Glahn, ein Hüne von über 1,85 Metern und beinahe hundert Kilogramm Körpergewicht, ein sportlicher Koloss, der ein ganzes Jahrzehnt lang in Deutschland absolut niemanden über sich geduldet hatte, richtete sich langsam auf. Er klopfte sich den unsichtbaren Staub von der blütenweißen Judo-Jacke. Und dann tat er das, was ihn unsterblich machen sollte: Er verbeugte sich. Nicht mit hängenden Schultern, nicht mit dem gebrochenen Blick eines geschlagenen Mannes. Sondern genau so, wie es die altehrwürdige Philosophie des Judo verlangt. Aufrecht, zutiefst würdevoll und den Gegner ehrend, der ihm soeben das genommen hatte, wovon er seit den Tagen seiner Jugend unaufhörlich geträumt hatte. Wer damals vor dem Röhrenfernseher saß, in Wolfsburg, in Hannover oder in tausenden anderen Wohnzimmern der jungen Bundesrepublik, der hat dieses eindringliche Bild vielleicht nie wieder vergessen. Ein Mann, der verliert, und der in genau diesem Moment der Niederlage unendlich viel größer wirkt als mancher, der triumphiert.
Um zu verstehen, wer dieser außergewöhnliche Mann wirklich war, muss man weit in die Vergangenheit zurückgehen. In eine Epoche, in der der Begriff „Judo“ in Deutschland für die meisten Menschen kaum mehr als ein exotisches Fremdwort war. In der ein kräftiger, junger Bursche, der sich in seiner Freizeit auf eine Matte legte, um mit anderen Männern zu ringen, seinen skeptischen Nachbarn erst einmal langatmig erklären musste, was das überhaupt sein sollte. Diese seltsame, fernöstliche Sache mit den eleganten Würfen, den schmerzhaften Hebeln und den bunten Stoffgürteln. Klaus Glahn kam am 23. März 1942 in Hannover zur Welt. Mitten im tobenden Zweiten Weltkrieg. In eine zerrissene Zeit, in der Deutschland lichterloh brannte, in der stolze Städte in Schutt und Asche lagen oder schon sehr bald darin liegen würden. Er war ein echtes Kind jener unnachgiebigen Generation, die den Bombennächten entkam, die in staubigen Ruinen spielte und die in einem Land groß wurde, das erst wieder mühsam erlernen musste, was es überhaupt heißt, morgens aufzustehen und einer Zukunft entgegenzugehen, die nicht allein von nackter Angst diktiert war.

Die frühen Jahre dieses stillen Jungen liegen im historischen Halbdunkel. Wie so oft bei jenen Persönlichkeiten, die erst viel später weltberühmt wurden und deren einfache Kindheit zunächst niemand für erzählenswert hielt. Aber man darf und muss sich diese Jahre als das vorstellen, was sie für Millionen von Kindern waren, die damals im Nachkriegs-Niedersachsen aufwuchsen: knapp, hart, gezeichnet von täglicher Entbehrung. Doch genau dort formte sich jener stille, eiserne Ehrgeiz, es eines Tages besser zu machen. Aus dem absoluten Nichts heraus etwas Beständiges aufzubauen. Sich hochzuarbeiten, allein mit den eigenen Händen und dem eigenen, breiten Rücken.
Es gibt Menschen auf dieser Welt, die für den Kampf scheinbar geboren sind. Und es gibt andere, die den Kampf erst mühsam erlernen müssen. Klaus Glahn gehörte zu einer überaus seltenen, dritten Sorte. Er war ein großer, kräftiger Bursche, das rein physische Rohmaterial für einen Ausnahme-Kämpfer lag zweifellos in ihm. Aber was ihn im Laufe der Jahre wirklich formte und von der breiten Masse abhob, war nicht die bloße, rohe Kraft. Es war etwas völlig anderes. Etwas, das ihm später jenen legendären Beinamen einbringen sollte, der ihn ein ganzes Leben lang begleitete. Man nannte ihn voller Ehrfurcht den „weißen Japaner“.
Er bekam diesen Namen nicht, weil er besonders wild, aggressiv oder brutal gekämpft hätte. Ganz im Gegenteil. Er erhielt ihn, weil er die tiefere Kunst und Philosophie dieses faszinierenden Sports so tief in seiner Seele verinnerlicht hatte. Sein Kampfstil war so unglaublich sauber, so vollendet technisch, so vollständig durchdrungen vom wahren Geist des Judo, dass er den Japanern selbst – den Erfindern und unangefochtenen Meistern dieser traditionsreichen Disziplin – absolut ebenbürtig erschien. In einer Zeit, in der die Bundesrepublik auf den Judomatten dieser Welt noch gar keine Rolle spielte, arbeitete sich dieser Junge aus Hannover ganz nach oben.
Was bedeutet dieser Beiname, der „weiße Japaner“, wirklich? Man muss die sportliche Welt der sechziger Jahre genau kennen, um seine ganze Tiefe zu begreifen. Japan war im Judo damals nicht einfach nur eine starke Nation unter vielen. Japan war das Judo. Dort war es einst erdacht worden, dort war es über Jahrzehnte zur wahren Kunst gereift. Dort lehrten die weisen, alten Meister eine komplexe Philosophie, die weit über das bloße Werfen und am Boden Halten hinausging. Es war eine Lehre vom cleveren Nachgeben, vom sogenannten sanften Weg, vom Siegen durch Loslassen. Ein Europäer blieb in den Augen der asiatischen Kenner fast immer nur ein Schüler, ein ewiger Nachahmer. Jemand, der vielleicht die äußere Form beherrschte, aber den wahren, inneren Geist nie ganz erfasste. Wenn man nun einem westlichen Deutschen den Titel „weißer Japaner“ verlieh, dann war das die allerhöchste denkbare Anerkennung. Es bedeutete, dass in seinem Judo exakt jene Reinheit lebte, die man sonst nur bei den absoluten Großmeistern des Ursprungslandes fand. Glahn kämpfte nicht mit Wucht, obwohl seine 100 Kilogramm es ihm mühelos erlaubt hätten. Er kämpfte mit atemberaubender Präzision und jenem instinktiven Gefühl für den absolut richtigen Moment.

Der beschwerliche Weg dorthin führte über die kleinen Vereine seiner Heimat. Die späten fünfziger und die frühen sechziger Jahre waren die Zeit des florierenden Wirtschaftswunders. Die Menschen arbeiteten hart. Sport war kein lukrativer Beruf, sondern reine Freizeitbeschäftigung. Ein Judoka verdiente an seinen Würfen keinen einzigen Pfennig. Glahn trainierte abends, nach der harten Schicht, in eiskalten, zugigen Hallen unter dem fahlen Licht nackter Glühbirnen. Wenn er zu einem großen Wettkampf reiste, bezahlte er das Zugticket aus eigener Tasche. Er war ein echter Amateur im wörtlichsten und schönsten Sinne. Einer, der die unendlichen Strapazen rein aus tiefster Liebe zur Sache auf sich nahm.
Dann kam das historische Jahr 1964. Tokio. Zum allerersten Mal in der langen Geschichte stand Judo auf dem offiziellen Programm der Olympischen Spiele. Ausgerechnet im Nippon Budokan, jener heiligen Halle im Mutterland des Sports. Für einen 22-jährigen Deutschen wie Klaus Glahn war es die weite Reise seines Lebens in eine Welt, die fremder nicht hätte sein können. In der offenen Klasse, der Königsdisziplin ohne jegliche Gewichtsbeschränkung, kämpfte sich dieser unbekannte Deutsche furios nach vorn. Am Ende hielt er ungläubig die olympische Bronzemedaille in seinen großen Händen. Es war der absolute Durchbruch. Er kehrte als Held zurück und erhielt das Silberne Lorbeerblatt. Doch er blieb bescheiden. Er trainierte weiter, arbeitete weiter.
Rund ein Jahrzehnt lang war Klaus Glahn in Deutschland schlichtweg unbesiegbar. Er sammelte unglaubliche 27 deutsche Meistertitel. Er wurde dreimal Europameister im Einzel und stand bei Weltmeisterschaften sechsmal auf dem Podest. Und doch blieb ihm stets ein letzter, schmerzhafter Schritt verwehrt. Weder der Weltmeistertitel noch das olympische Gold sollten ihm jemals vergönnt sein. Bei den Spielen 1968 in Mexiko wurde Judo kurzfristig aus dem Programm gestrichen – ausgerechnet auf dem absoluten Zenit seiner körperlichen Leistungsfähigkeit. Er musste vier quälend lange Jahre warten.
Dann folgte 1972. München. Die Spiele im eigenen Land. Im Halbfinale besiegte er den sowjetischen Hünen Givi Onaschwili mit einem perfekten Ippon. Doch im Finale gegen Ruska fehlte nach einem kräftezehrenden Trainingslager in Japan schlichtweg die allerletzte Energie. Es blieb bei Silber. Doch wer München 1972 sagt, muss auch über den dunkelsten Schatten der Sportgeschichte sprechen. Das schreckliche Attentat palästinensischer Terroristen auf das israelische Olympiateam riss elf israelische Sportler und Betreuer sowie einen deutschen Polizisten in den Tod. Die heiteren Spiele wurden zum Schauplatz eines bestialischen Massakers. Für Athleten wie Glahn verwob sich die Erinnerung an den eigenen sportlichen Höhepunkt auf ewig mit einer furchtbaren, welthistorischen Tragödie, die alle unbeschwerten Momente schlagartig erstickte.
Nach dem Ende seiner aktiven Karriere bewies Klaus Glahn, dass sein Horizont weit über die Judomatte hinausreichte. Er wurde Leiter des Judo-Leistungszentrums in Wolfsburg und formte neue Champions. Er stieg zum Vizepräsidenten und 1985 schließlich zum Präsidenten des Deutschen Judobundes auf. Sogar in der Fußballbundesliga mischte er zeitweise als Manager von Eintracht Braunschweig mit. Beruflich machte er bei Volkswagen im Management eine überaus steile Karriere. Der Junge aus den Nachkriegstrümmern war endgültig in den obersten Etagen der Gesellschaft angekommen.
Doch das Leben hält oft unbarmherzige Lektionen bereit. Im Jahr 1988 folgte der schmerzhafteste Sturz seines Lebens. Unregelmäßigkeiten bei Spesenabrechnungen führten zu einer gerichtlichen Verurteilung. Glahn musste sein Amt als Präsident niederlegen und verlor auch seine prestigeträchtige Position im Volkswagen-Konzern. Es war ein tiefer, öffentlicher und gnadenloser Fall, der seinen hart erarbeiteten Namen massiv beschädigte. Er traf ihn dort, wo ein stolzer Mann am verletzlichsten ist: in seiner Ehre.
Doch wer Klaus Glahn wirklich kannte, den überraschte nicht, was danach passierte. Dieselbe unbeugsame, sture Kraft, die ihn nach Niederlagen auf der Matte immer wieder hatte aufstehen lassen, rettete ihn nun auch im wahren Leben. Er blieb nicht am Boden liegen. Er klopfte sich den Staub ab. Er baute sich eine komplett neue berufliche Existenz als Repräsentant großer Sportartikelfirmen auf und kehrte in die Welt des Sports zurück. An der Seite seiner loyalen Frau Edit fand er in Wolfsburg wieder jenen stillen Frieden, der wertvoller ist als jede Medaille.
Das Schicksal hatte ihm scheinbar die ewige Rolle des Zweiten zugedacht. Des Mannes, der so unfassbar nah dran war, dem das Allerhöchste jedoch stets entglitt. Aber vielleicht ist genau das der wahre Grund, warum ihn die Menschen so sehr bewunderten und bis heute tief verehren. Ein ewiger Sieger wird bestaunt, aber ein Mann, der so oft an der Schwelle zum Größten stand, diese nicht überschritt und dennoch niemals seine Würde verlor, rührt an etwas viel Tieferes in der menschlichen Seele. Er zeigt uns, dass das Leben aus Aufstehen und Weitergehen besteht.
Im Jahr 2019, mehr als ein halbes Jahrhundert nach seiner ersten olympischen Medaille, kehrte der alte Meister nach Tokio zurück. Bei der dortigen Weltmeisterschaft wurde ihm vom internationalen Judoverband der neunte Dan verliehen. Es ist die allerhöchste Auszeichnung, ein seltener Ritterschlag, den weltweit nur eine absolute Handvoll Menschen jemals erreichen. Dort, wo alles für ihn begonnen hatte, schloss sich auf poetische Weise ein epischer Kreis.
Klaus Glahn hat Gold gesucht und Silber gefunden. Er ist tief gefallen und wieder aufgestanden. Er hat bewiesen, dass nicht das gewonnene Gold den wahren Mann macht, sondern allein die Art und Weise, wie er sich majestätisch erhebt, wenn es ihm entglitten ist. Wer diesen weißen Japaner jemals kämpfen sah, der durfte Zeuge von etwas Magischem werden. Er hat gesehen, wie ein Mensch verlieren und genau dadurch für die Ewigkeit gewinnen kann.