Der unsterbliche Verzicht: Warum Täve Schur mehr als nur eine ostdeutsche Radsportlegende ist und sein sportliches Erbe bis heute ein ganzes Land polarisiert
Es gibt Siege in der langen Geschichte des Sports, die gar keine sind im herkömmlichen Sinne, und die dennoch alles überdauern. An einem schicksalhaften Augusttag des Jahres 1960 rollte auf dem legendären Sachsenring vor den Augen von Hunderttausenden fanatischen Zuschauern ein Mann als Zweiter über den prestigeträchtigen Zielstrich. Er war der unbestrittene Favorit, er war der Schnellste im gesamten Feld, und das begehrte Regenbogentrikot des amtierenden Weltmeisters hätte an diesem Tag zweifellos ihm gehört. Ein einziger, harter Antritt auf den letzten Kilometern hätte völlig ausgereicht, um sich die Krone des internationalen Radsports endgültig aufzusetzen. Doch er nahm sie sich nicht. Er ließ den Sieg bewusst ziehen und schob den unsterblichen Triumph einem Mannschaftskameraden zu, der weitaus kleiner, blasser im Ruhm und weithin unbekannter war als er selbst. In genau diesem unfassbaren Moment des beispiellosen Verzichts wurde er zur Legende. Wer diese dramatischen Szenen damals nicht mit eigenen Augen an den flimmernden Fernsehbildschirmen oder dicht gedrängt am Straßenrand miterlebt hat, kann heute kaum noch ermessen, was dieser einmalige Akt der Aufopferung für eine ganze Generation bedeutete. Millionen von Menschen im Osten Deutschlands aber wissen es bis zum heutigen Tag ganz genau. Sie müssen nur einen einzigen Namen aussprechen, und er genügt vollkommen, um eine Flut an Erinnerungen und Emotionen auszulösen: Täve.
Gustav Adolf Schur, den von Anfang an alle in der vertrauten und warmen Verkleinerung seiner Magdeburger Heimat nur “Täve” nannten, erblickte am 23. Februar 1931 in Heyrothsberge das Licht der Welt. Dieses beschauliche Dorf, das sich sanft an den Rand von Magdeburg schmiegt und heute zur Gemeinde Biederitz gehört, bot den denkbar unspektakulärsten Hintergrund für den Aufstieg einer Jahrhundertgestalt. Es waren die letzten, von gewaltigen Krisen durchgeschüttelten Jahre der Weimarer Republik, und niemand ahnte zu diesem Zeitpunkt, in welch abgründige Dunkelheit die kommenden Jahre das gesamte Land stürzen würden. Der kleine Gustav wuchs in einem äußerst bescheidenen, fast schon kargen Elternhaus auf. Es war ein schlichtes, unauffälliges Einfamilienhaus, das sich flach in die unendliche Weite der Landschaft duckte – jenes Haus, das er später einmal von seinen geliebten Eltern erben und bis in sein sehr hohes Alter bewohnen sollte. Seine prägenden Kindheitsjahre fielen direkt in die grausame Zeit des Zweiten Weltkriegs. Er war gerade einmal acht Jahre alt, als der globale Flächenbrand begann, und ein vierzehnjähriger Heranwachsender, als das Inferno endlich endete. Dazwischen lagen furchtbare Jahre, in denen ein kleiner Junge schon früh lernen musste, mit absolutem Minimum auszukommen. Entbehrung war kein vorübergehender Zustand, sondern die harte, unerbittliche Normalität. Die Welt, in der er aufwuchs, war eng, bettelarm und allgegenwärtig von Angst gezeichnet. Doch ausgerechnet aus dieser erdrückenden Enge heraus sollte ein einfaches Fahrrad für ihn zum großen Fenster in die unbegrenzte Freiheit werden.
Als der Krieg schließlich zu Ende ging, war Deutschland ein apokalyptisches Trümmerfeld, und der Osten, in dem Heyrothsberge lag, versank in einer kollektiven Not, die sich mit heutigen Maßstäben kaum noch in angemessene Worte fassen lässt. Es fehlte schlichtweg an allem: an Brot, an Kohle für den strengen Winter, an jeglicher Perspektive. Die stark dezimierten Familien rückten in eiskalten Räumen enger zusammen, teilten das wenige, was noch da war, und lernten zwangsläufig, aus dem absoluten Nichts ein Überleben zu organisieren. In diesen harten Nachkriegsjahren wuchs Gustav Adolf vom Kind zum jungen Mann heran. Was seinen Charakter tiefgreifend formte, war niemals der luxuriöse Überfluss, sondern stets der bittere Mangel; nicht die wohlige Sicherheit, sondern die tägliche, kraftraubende Mühe, irgendwie über die Runden zu kommen. Vielleicht liegt exakt in diesen entbehrungsreichen prägenden Jahren der wahre Ursprung jener bewundernswerten Bescheidenheit, die ihn später, selbst auf dem absoluten Zenit seines weltweiten Ruhms, niemals verlassen sollte. Wer als kleiner Junge schmerzhaft verinnerlicht hat, dass ein warmes Essen oder ein festes Dach über dem Kopf keinesfalls selbstverständlich sind, der verliert auch als gefeierter, umschwärmter Weltmeister nicht den soliden Boden unter den Füßen. Sein Weg war zunächst bodenständig vorgezeichnet: Er sollte etwas Handfestes, etwas Ehrliches lernen. Etwas mit schwerem Werkzeug und robustem Metall, etwas, das in der rauen Nachkriegszeit zuverlässig ernährt. So begann er eine klassische Ausbildung zum Maschinenmechaniker in der nahegelegenen Großstadt Magdeburg. Weil jedoch zwischen seinem ländlichen Heimatdorf und der pulsierenden Stadt keine Verkehrsmittel verkehrten, die ein armer Lehrling auch nur ansatzweise hätte bezahlen können, setzte er sich notgedrungen Tag für Tag auf sein klappriges Fahrrad.

Bei schneidendem Wind, bei strömendem Regen und im allerersten frostigen Grau des frühen Morgens strampelte der junge Mechaniker unermüdlich die endlosen Kilometer nach Magdeburg und abends völlig erschöpft wieder zurück. Manchmal machte er sich einen Spaß daraus und jagte dem ratternden Linienbus hinterher, forderte das motorisierte Ungetüm heraus, wollte unbedingt schneller sein als der qualmende Motor. Und irgendwann, nach Monaten der unsichtbaren Qual, war er es tatsächlich. Diese tägliche, intensive Bekanntschaft mit dem Rad, wie er es in späteren, ruhmreichen Interviews oft fast zärtlich nannte, formte unwiderruflich die muskulösen Beine, die gewaltige Lunge und vor allem den unzerbrechlichen Willen eines künftigen Weltmeisters, ohne dass es der junge Mann aus der Börde selbst schon geahnt hätte. Mit sechzehn Jahren stand sein Entschluss unwiderruflich fest, doch erst mit neunzehn saß er zum allerersten Mal ernsthaft und professionell im Sattel eines echten Rennrads bei der Betriebssportgemeinschaft Grün-Rot Magdeburg. Aus heutiger Sicht war das ein unglaublich später Einstieg. Andere talentierte Fahrer hatten in diesem Alter bereits halbe Karrieren hinter sich und wurden systematisch gefördert. Täve aber holte all das Verpasste in einem derart atemberaubenden Tempo nach, das selbst die erfahrensten Fachleute restlos verblüffte und sprachlos zurückließ.
Um die wahre Größe seiner nachfolgenden sportlichen Leistungen wirklich zu begreifen, muss man sich das karge, von Ruinen gezeichnete Deutschland jener frühen fünfziger Jahre schonungslos vor Augen halten. Es gab keinerlei modernes, hochentwickeltes Material, keine glänzenden aerodynamischen Maschinen und erst recht keine hochprofessionellen Teams mit Begleitbussen, Ernährungsberatern und Heerscharen von Ärzten. Es gab lediglich improvisierte, raue Rennen über unbefestigte Pisten, geliehene Räder und abgenutzte Reifen, die man so oft in Handarbeit flickte, bis buchstäblich nichts mehr zu flicken war. In exakt diese archaische Welt hinein wuchs ein junger, ungestümer Mann aus der Magdeburger Börde, der über eine absolut seltene, fast schon übermenschliche Gabe verfügte: Er konnte seinen eigenen Körper weit über jede normale Schmerzgrenze hinaustreiben und dabei stets einen eisigen, völlig klaren Kopf behalten. Schon im Jahr 1951 gewann er den Klassiker “Rund um Berlin”, das älteste deutsche Straßenrennen überhaupt. Dieser bemerkenswerte Sieg war kein beliebiger Achtungserfolg eines ambitionierten Neulings, sondern ein lautes, unüberhörbares Fanal, das die Etablierten aufschrecken ließ. Ein knappes Jahr darauf fuhr er zum allerersten Mal die legendäre Internationale Friedensfahrt. Jenes gigantische, epische Etappenrennen zwischen Warschau, Berlin und Prag war für den Osten Europas exakt das, was die Tour de France für den Westen bedeutete – nur ungleich ärmer, härter und in seiner massiven politischen Symbolik noch glühender. Bei seinem ersten Anlauf belegte er einen respektablen zehnten Platz. Doch wer ein Gespür für den Radsport hatte und ihn auf den brutalen Kopfsteinpflasterpassagen fahren sah, ahnte instinktiv, dass hier ein Jahrhunderttalent heranreifte, das die Straßen des Kontinents bald unangefochten beherrschen würde.
Der mühsame Weg an die Weltspitze führte ihn ganz klassisch über die untersten Ränge, wie es sich für einen ehrlichen Arbeiter des Sports gehört, der erst spät seine wahre Berufung gefunden hat. Er fing ganz unten in der allgemeinen Klasse an, stieg dank seiner enormen physischen Präsenz binnen eines einzigen Jahres in die nächsthöhere Leistungsklasse auf und kämpfte sich mit beispielloser Verbissenheit weiter unaufhaltsam nach oben, bis er schließlich in der stärksten und elitärsten Klasse des zerrissenen Landes angekommen war. Es war ein beispielloser Aufstieg aus reiner, unbändiger eigener Kraft, ganz ohne bequeme Abkürzungen oder protektionistische Privilegien. Die immense Erfahrung lag schwer in seinen brennenden Beinen, sie war hart erarbeitet und keineswegs von Funktionären geschenkt. Bereits 1953 hatte er einen absolut entscheidenden Anteil daran, dass die stark unterschätzte Mannschaft aus dem Osten bei der kräftezehrenden Friedensfahrt die prestigeträchtige Wertung des besten Teams überlegen gewann. Im exakt selben, äußerst erfolgreichen Jahr wählte ihn das begeisterte Volk zum allerersten Mal zum “Sportler des Jahres”. Es war der fulminante Auftakt jener historisch einmaligen und beispiellosen Serie. Ein Jahr darauf sicherte er sich mit brachialer Gewalt seinen allerersten nationalen Meistertitel auf der Straße und fuhr bei der stark besetzten Weltmeisterschaft im westdeutschen Solingen als bester Deutscher überhaupt auf einen viel beachteten sechsten Platz. Stück für Stück, Saison für zermürbende Saison wuchs aus dem stillen Mechaniker-Lehrling, der einst bei Wind und Wetter dem Bus davonfuhr, der absolut beste Straßenfahrer, den dieser Teil des geteilten Deutschlands jemals hervorbringen sollte.
Dann kam das historische Jahr 1955, und mit ihm jener monumentale Durchbruch, der aus einem hochgradig talentierten Rennfahrer endgültig eine unantastbare nationale Gestalt machte. Als erster Deutscher überhaupt in der langen Geschichte des Wettbewerbs gewann Täve Schur die mörderische Friedensfahrt in der begehrten Gesamtwertung. Aus heutiger, distanzierter Perspektive kann man kaum noch authentisch nachfühlen, welch gigantische, fast schon hysterische Massenbegeisterung dieser sensationelle Sieg auslöste. Die Menschen in der jungen Republik standen buchstäblich zu Millionen dicht gedrängt an den staubigen Straßen. Sie kletterten todesmutig auf marode Zäune, Laternenmasten und hohe Dächer, nur um einen flüchtigen Blick auf ihr Idol zu erhaschen. Sie riefen seinen Namen in ohrenbetäubender Lautstärke, als sei er nicht nur ein ferner Sportstar, sondern einer von ihnen ganz persönlich – ein enger Nachbar, ein geliebter Bruder, einfach einer aus der eigenen grauen Straße, der es allen Widerständen zum Trotz bis ganz nach oben geschafft hatte. Und genau hier, in dieser tiefen, unerschütterlichen Identifikation, lag das eigentliche Geheimnis seiner schier grenzenlosen Beliebtheit. Es war eine reine, ehrliche Liebe der Massen, die keine staatliche Propaganda der Welt jemals künstlich hätte erzeugen oder befehlen können, und die doch der stets um Anerkennung ringenden jungen Republik im Osten wie ein unverhofftes, millionenschweres Geschenk direkt in den Schoß fiel. Täve Schur sprach immer exakt so, wie die einfachen Leute auf der Straße sprachen. Er blieb tief im Inneren bescheiden und nahbar, wo so viele andere an seiner Stelle längst unerträglich eitel und abgehoben geworden wären. Er behielt stets die stoische, beneidenswerte Ruhe eines Mannes, der niemals vergessen hatte, woher er kam und welch harten Weg er gegangen war.
Die Friedensfahrt jener Jahre selbst war ein in sich geschlossener Kosmos, eine völlig eigene Welt. Es war ein kollektives, grenzüberschreitendes, rollendes Volksfest und zugleich eine menschenverachtende, physische Tortur. Über unbefestigte, schlaglochübersäte Landstraßen, quer durch die in Trümmern liegenden und nur mühsam wieder aufgebauten Städte Europas, bei brütender, drückender Hitze und im peitschenden, eiskalten Regen kämpften sich die Fahrer Tag für Tag erbarmungslos voran. Sie ritten auf schweren Maschinen, die mit den leichten Hightech-Rädern der heutigen Generation rein gar nichts gemein hatten. Sie fuhren mit Speichen, die unter der Last brachen, und mit Reifen, die bei voller Fahrt explosionsartig platzten. Immer wieder waren sie gezwungen, am Straßenrand abzusteigen und selbst Hand anzulegen, um ihre demolierten Räder fahrbereit zu machen. Täve, der hart ausgebildete und gelernte Mechaniker, wusste in diesen Krisenmomenten natürlich weitaus besser als die meisten seiner verzweifelten Konkurrenten, wie man ein stark beschädigtes Rad notdürftig am Leben hält, wenn meilenweit kein passendes Ersatzteil zur Hand ist und die unerbittliche nächste Etappe schon bedrohlich ruft. Eine ganz bestimmte, extrem gefürchtete Stelle der Strecke wurde in diesen triumphalen Jahren zu einem unsterblichen Mythos, der bis in die heutige Zeit lautstark nachhallt: Die berüchtigte “Steile Wand von Meerane”. Es handelte sich um einen kurzen, aber geradezu unmenschlich brutal ansteigenden, kopfsteingepflasterten Abschnitt, an dem sich regelmäßig spektakulär Sieg und vernichtende Niederlage entschieden. An dieser erbarmungslosen Wand standen die enthusiastischen Zuschauer derart dicht gedrängt, dass sich die leidenden Fahrer durch eine bedrohlich schmale, pulsierende Gasse aus ohrenbetäubend schreienden, enthusiastisch klatschenden und frenetisch mitfiebernden Menschen nach oben quälen mussten. Wer an dieser Stelle als Erster vollkommen erschöpft oben ankam, dem gehörte unweigerlich der moralische und sportliche Sieg des Tages. Und oft genug hieß dieser strahlende Mann mit dem schmerzverzerrten Gesicht Gustav Adolf Schur. Noch als sehr alter, von den Jahren gezeichneter Herr kehrte er später ehrfürchtig an diese legendäre Wand zurück und enthüllte feierlich eine steinerne Gedenktafel. Seither gehören der Name Täve und die ehrfurchtgebietende Steile Wand von Meerane so untrennbar und organisch zusammen wie wohl kaum ein zweiter Sportler und ein geografischer Ort in diesem Land. Wenn im Mai die Friedensfahrt lief, stand das normale öffentliche Leben im gesamten Osten nahezu komplett still. In den lärmenden Betrieben ließen die Arbeiter ihre schweren Werkzeuge fallen und drängten sich in den Pausen dicht um die wenigen, knisternden Radioapparate. Auf den abgelegenen Bauernhöfen und in den verrauchten Dorfwirtschaften wurde nach Feierabend jede einzelne Etappe und jede taktische Finte so leidenschaftlich und emotional verhandelt wie ein intimes Familienereignis. Kleine Kinder malten in ihrer unschuldigen Begeisterung seinen kurzen Namen mit weißer Kreide groß auf hölzerne Zäune und rissige Straßen. Es gab damals keine lukrativen Werbeverträge, keine astronomischen Millionenbeträge, keinen schillernden, künstlichen Glanz, wie ihn der kapitalistische Westen zur Genüge kannte. Und doch war dieser bescheidene Mann berühmter und tief verwurzelter im kollektiven Herzen seines zerrissenen Landes, als es alles Geld der Welt jemals hätte kaufen können. Immer wieder, Jahr für Jahr mit stoischer Regelmäßigkeit, wählten ihn die treuen Leser der größten Jugendzeitung unangefochten zum beliebtesten Sportler. Und noch viele Jahrzehnte nach seinem allerletzten, schweißtreibenden Rennen sollte er in genau solchen Umfragen unangefochten ganz oben an der Spitze stehen – weit vor all jenen modernen Athleten, die lange nach ihm gekommen waren. Er gehörte nicht mehr sich selbst oder seiner Familie. Er gehörte, so empfanden es Millionen voller Stolz, ihnen allen.
Es folgten dominierende Jahre, in denen sein Name zum unumstößlichen, festen Bestandteil des späten Herbstes wurde. Denn stets am Jahresende wählte das vom Kalten Krieg geprägte Land seinen herausragenden “Sportler des Jahres”, und dieser gefeierte Sportler hieß sage und schreibe neun Mal hintereinander Schur. Von 1953 bis ins Jahr 1961 erstreckte sich eine beispiellose und absolut unfassbare Siegesserie, die bis zum heutigen Tag von absolut niemandem auch nur annähernd erreicht wurde und die in den Annalen des deutschen Sports wohl für immer unangetastet stehen bleiben wird. Bei den Olympischen Spielen 1956 im fernen Melbourne holte er mit der gesamtdeutschen Mannschaft – in der sich ehrgeizige Sportler aus dem verfeindeten Ost und West unter einem stark politisierten Dach zusammenfanden – die hochverdiente Bronzemedaille im anspruchsvollen Mannschaftszeitfahren. Es war ein auffällig leiser, heute von der Geschichte fast vergessener Moment einer fragilen, deutsch-deutschen Gemeinsamkeit in einer dunklen Zeit der rasant wachsenden politischen Trennung. Es war eine äußerst seltsame, im Rückblick fast schon rührende Konstruktion jener hochspannenden Jahre, dass Top-Athleten aus zwei verfeindeten deutschen Staaten, die sich ideologisch und politisch jeden Tag ein Stück weiter voneinander entfernten, bei den prestigeträchtigen Olympischen Spielen noch zwangsweise gemeinsam antraten. Sie marschierten unter einer künstlich erschaffenen Fahne, lauschten einer neutralen Hymne und repräsentierten ein vereintes Deutschland, das es auf der politischen Landkarte längst nicht mehr gab. Täve fuhr in dieser hochbrisanten Konstellation Seite an Seite, Pedaltritt für Pedaltritt mit Männern von jenseits einer unsichtbaren Grenze, die bald schon durch Beton und Stacheldraht für immer trennen sollte, und errang historisches Bronze. Vier Jahre später, bei den Sommerspielen 1960 in Rom, ging er noch ein allerletztes Mal für eine solche fragile gesamtdeutsche Mannschaft in das mörderische Zeitfahren und gewann diesmal sogar die Silbermedaille. Kurz darauf zerfiel nicht nur der gemeinsame Sport, sondern das gesamte Land endgültig und schmerzhaft in zwei unvereinbare Hälften. Dass der isolierte Osten in den kommenden Jahrzehnten dank eines hochgradig umstrittenen Systems olympisch zu einer beängstigenden, Medaillen sammelnden Großmacht heranwachsen würde, ahnte damals in den Anfängen noch niemand. In jenen unschuldigen, frühen Tagen war der tapfere Radsportler Täve Schur unbestritten der erste, global strahlende große Name, an dem sich dieser spätere rasante Aufstieg überhaupt erst greifbar festmachen ließ.
Doch der alles überstrahlende, ganz große weltweite Ruhm sollte erst noch auf ihn warten, und er kam auf einer glühend heißen Straße im französischen Reims im denkwürdigen Jahr 1958. Genau dort, im Herzen Westeuropas, wurde Täve Schur sensationell Weltmeister im Straßenrennen der Amateure. Er war der allererste Fahrer aus der Geschichte der DDR, der sich das mythische Regenbogentrikot hart erkämpfte, und erst der zweite Deutsche überhaupt, dem dieses seltene Kunststück jemals gelang. Der legendäre, hochemotionale Sportreporter Heinz Florian Oertel, dessen markante Stimme für Generationen von Sportfans im Osten den unverkennbaren Klang des Sports selbst bedeutete, jubelte damals völlig außer sich ins Mikrofon. In unzähligen, stickigen Wohnzimmern, verrauchten Eckkneipen und lauten Werkhallen hielten die Menschen kollektiv den Atem an und ließen die unglaubliche Spannung dann in einem einzigen, ohrenbetäubenden Freudenschrei aus sich herausbrechen. Ein Jahr später, im Sommer 1959, geschah auf dem flachen Kurs im niederländischen Zandvoort etwas, das vor ihm noch keinem einzigen Menschen auf der Welt gelungen war: Er verteidigte als Gejagter seinen begehrten Weltmeistertitel. Kein Amateurfahrer in der langen Geschichte des Radsports hatte das je zuvor geschafft. Und als wäre das nicht schon historisch genug, gewann er im selben magischen Sommer 1959 auch noch zum zweiten Mal die mörderische Friedensfahrt. Auch das war eine unglaubliche, noch nie dagewesene Premiere, denn absolut niemand vor ihm hatte dieses zermürbende, wochenlange Rennen zweimal für sich entschieden. Er befand sich nun endgültig auf dem einsamen Gipfel seines Sports. Er hätte, wenn es die eisigen politischen Umstände des Kalten Krieges anders gefügt hätten, problemlos gegen die absoluten Spitzenprofis der westlichen Welt antreten und bestehen können. Nicht wenige Experten und Radsportromantiker glauben bis heute fest daran, dass er mit seinem immensen Potenzial auch die ganz Großen der Tour de France geschlagen hätte.

Für den jungen, diplomatisch isolierten Staat im Osten, der verzweifelt um Anerkennung in der großen Welt rang und dem sie von den westlichen Mächten so oft kühl verweigert wurde, war ein derartiger Weltmeistertitel weit mehr als nur ein flüchtiger sportlicher Erfolg. Es war ein existenzieller, weithin sichtbarer Beweis der eigenen Leistungsfähigkeit auf internationalem Boden. Es war ein tief empfundenes Stück nationaler Stolz, das man niemandem mehr mühsam erklären musste. Ein leuchtender Regenbogen auf den Schultern eines Mannes, der eine Fahne repräsentierte, die anderswo auf der Welt kaum jemand offiziell grüßte. Dass ausgerechnet ein bescheidener, bodenständiger Mechaniker aus der flachen Magdeburger Börde diesen unglaublichen Triumph völlig ohne westlichen Luxus hart erkämpft hatte, machte den ideologischen und emotionalen Sieg für die Staatsführung schlichtweg vollkommen. Er war der Ihre, durch und durch, ohne jede Abstriche. Und mit ihm und durch ihn fühlte sich ein ganzes, oft belächeltes Land für einen kurzen, goldenen Augenblick auf der Weltbühne ernst genommen, anerkannt und gesehen. Aber den vermeintlich logischen, lukrativen Weg, den viele westliche Stars nahmen, ging er niemals. Und genau hier, an diesem entscheidenden Punkt, berührt seine Biografie etwas Tieferes, das über die reinen Statistiken des Sports weit hinausreicht. Täve Schur war kein unpolitischer Athlet, er war ein radikal überzeugter Sozialist. Er war es aus tiefstem, unerschütterlichem Herzen und keineswegs aus kalter, opportunistischer Berechnung. Der hochbezahlte Profisport des kapitalistischen Westens, das große Geld, die raffinierten Verträge, der Ruhm als käufliche Ware – all das war zutiefst nicht seine Welt und sollte es niemals werden. Viele andere, weitaus weniger talentierte Athleten an seiner Stelle wären bei der erstbesten Gelegenheit in den goldenen Westen gegangen. Sie hätten die großen, lukrativen Rundfahrten der Profis bestritten, hätten mit ihrem klangvollen Namen ein enormes finanzielles Vermögen verdient und den Rest ihres Lebens in ungeahntem Ruhm und dekadentem Wohlstand gelebt. Ihm jedoch lag ein solcher Verrat an seinen Idealen völlig fern. So fern, dass er einer solchen theoretischen, millionenschweren Laufbahn bis in sein hohes Alter hinein nicht eine einzige bittere Träne nachweinte. Was er in seiner Heimat hatte, genügte ihm vollkommen. Und das, woran er ideologisch unumstößlich glaubte, wog für ihn in seiner Seele hundertmal schwerer als jedes noch so verlockende finanzielle Angebot, das man ihm jemals hätte machen können. Er trug diese tiefe, ehrliche Überzeugung wie eine zweite, schützende Haut, und genau sie machte ihn in seinem Staat nicht nur zur sportlichen Symbolfigur, sondern zum ultimativen Musterbürger. Er war der fleischgewordene Beweis dafür, dass man auch vollkommen ohne den oberflächlichen Glanz und die Verlockungen des Westens weltweit Großes erreichen konnte. Dass diese herausragende Rolle ihn zugleich massiv politisch einband, dass sie ihn direkt in die ostdeutsche Volkskammer führte, in der er von 1958 bis zum bitteren Ende 1990 pflichtbewusst saß, und ihn unweigerlich zu einem Menschen machte, der die DDR bis zu ihrem allerletzten Atemzug leidenschaftlich verteidigte – das gehört ebenso unzertrennlich zu ihm wie die unzähligen, strahlenden Siege. Man kann das Phänomen Täve Schur schlichtweg nicht in seiner Gänze verstehen, wenn man immer nur den jubelnden Rennfahrer auf dem Podest sieht und den tief politisch Überzeugten geflissentlich verschweigt. Beides war ein und derselbe faszinierende, widersprüchliche Mann.
Und dann kam jener dramatische Augusttag im Jahr 1960 auf dem heimischen Sachsenring, jener Moment, der das absolute Herzstück seiner eigenen, unsterblichen Legende bilden sollte. Die Weltmeisterschaft fand im eigenen, stolzen Land statt, vor der gigantischen, vertrauten eigenen Kulisse. Täve war der haushohe Favorit, der strahlende Titelverteidiger, der Mann, den alle sehen und gewinnen sehen wollten. Und genau deshalb wurde er von der geballten internationalen Konkurrenz bewacht, auf Schritt und Tritt verfolgt, als hinge buchstäblich das Leben davon ab. Niemand ließ ihn auch nur eine Sekunde aus den Augen. Etwa vier Kilometer vor dem erlösenden Ziel löste sich plötzlich eine kleine, entscheidende Ausreißergruppe vom Hauptfeld. In ihr befanden sich Schur, sein loyal ergebener Mannschaftskamerad Bernhard Eckstein und der ungemein starke belgische Fahrer Willy Vanden Berghen. Eckstein, den sie im Team liebevoll nur “den Kleinen” nannten, während Täve ehrfürchtig “der Große” war, trat plötzlich überraschend an und zog mit gewaltiger Kraft davon. Und Täve tat in diesem Sekundenbruchteil das absolut Undenkbare, das Unfassbare. Er setzte nicht nach. Er blieb völlig ruhig, kontrolliert und eiskalt genau dort, wo er war. Durch seine pure physische Präsenz und seine taktische Passivität band er den starken Belgier völlig an sich. Vanden Berghen war felsenfest davon überzeugt, den eigentlichen, weitaus gefährlicheren Gegner in Schur direkt vor sich zu haben, und wagte es deshalb ebenfalls nicht, auf den Ausreißversuch des unbekannteren Deutschen zu reagieren. Die Falle schnappte zu. So fuhr der überglückliche Kleine vollkommen ungestört dem größten Titel seines Lebens entgegen, während der Große kurz vor der Linie in einem fast schon arroganten, blitzsauberen Sprint um Platz zwei den verdutzten Belgier souverän abfertigte und lächelnd, fast schon beiläufig, den zweiten Rang belegte. Die internationale Fachpresse überschlug sich förmlich und sprach von der taktisch mit Abstand großartigsten und cleversten Leistung, die der Radsport bis zu diesem historischen Tag jemals gesehen hatte. Das einfache Volk an den Straßenrändern jedoch verstand es auf eine viel emotionalere, einfachere und zugleich tiefere Weise: Der absolut Beste hatte völlig selbstlos verzichtet, damit ein anderer, schwächerer Kamerad glücklich werde. “Wollte ich gewinnen?”, hat Täve Schur Jahrzehnte später einmal in einer nachdenklichen Fernsehsendung rhetorisch gefragt. “Natürlich wollte ich. Aber sie ließen mich nicht fahren. Und da gab ich Eckstein das Zeichen, es zu versuchen.” Eckstein, so erinnerte sich Schur mit einem wehmütigen Lächeln, habe in diesem entscheidenden Moment auf dem Rad gelegen wie dreifaches, gebackenes Brot, so unbändig kraftvoll und wuchtig sei sein plötzlicher Antritt gewesen. Der Kamerad von damals ist schon vor langer Zeit verstorben, doch dieser eine Satz und diese beispiellose Tat leben für immer weiter. Insgesamt startete der Phänomen-Athlet zwölf Mal bei der unmenschlichen Friedensfahrt, gewann unfassbare neun Einzeletappen und zweimal die begehrte Gesamtwertung. Er wurde darüber hinaus sechs Mal unangefochtener Meister seines Landes im Straßenrennen und viermal triumphaler Sieger der Landesrundfahrt. Doch all diese beeindruckenden, kalten Zahlen fassen sein eigentliches Wesen nur zur Hälfte. Was ihn zur wahren, unsterblichen Legende machte, war nicht nur die schiere Anzahl seiner Titel, sondern die unvergleichliche, ehrenvolle Art, wie er gewann, und die noch ungleich seltenere, ritterliche Art, wie er an diesem einen Tag bewusst nicht gewann. In sämtlichen repräsentativen Umfragen nach den mit Abstand größten Sportlern des gesamten Landes lag er stets uneinholbar ganz oben auf dem Thron. Ob im Jahr 1979 zum pompösen 30. Jahrestag der Republik oder noch 1989 zum 40. Jubiläum, als das Land bereits spürbar wankte – ein ganzes Vierteljahrhundert nach seinem allerletzten, offiziellen Rennen wählte ihn immer noch fast die erdrückende Hälfte aller wahlberechtigten Stimmen unangefochten auf den ersten Platz. Ein Mann, der die aktive, schweißtreibende Laufbahn schon längst hinter sich gelassen hatte, blieb über alle widrigen Umstände hinweg der absolute Liebling eines ganzen Landes, als hätte die unbarmherzige Zeit ihn und sein Erbe schlichtweg nicht berührt. So unvorstellbar tief drang seine markante Gestalt in das kollektive Bewusstsein dieser historischen Epoche ein, dass sich am Ende sogar die große, anspruchsvolle Literatur seiner annahm. Der renommierte Schriftsteller Uwe Johnson, zweifellos einer der bedeutendsten und kritischsten deutschen Erzähler seiner Generation, schuf einen komplexen Roman um einen fiktiven ostdeutschen Radsportstar und regimetreuen Volksvertreter, dessen charakterliche Züge unverkennbar und überdeutlich an Täve erinnerten. Johnson rang in diesem literarischen Werk intensiv mit der universellen Frage, wie viel reine Wahrheit sich über einen derart berühmten Menschen überhaupt erzählen lässt, und wie sehr ein gefeierter Held am Ende immer auch ein tragisches Geschöpf jener politischen Verhältnisse ist, in denen er zufällig groß wird. Dass ausgerechnet ein schlichter, hart arbeitender Rennfahrer aus der flachen Börde zum vielschichtigen Stoff anspruchsvoller, hochgelobter Erzählkunst wurde, sagt über seine wahre gesellschaftliche Bedeutung ungleich mehr aus als jede trockene, endlose Tabelle von errungenen Siegen und Medaillen. Er war im Kern niemals nur ein reiner Sportler; er war eine monumentale gesellschaftliche Figur, an der ein ganzes, stets zerrissenes Land sich selbst kritisch zu betrachten und im besten Fall zu verstehen versuchte.
Er wusste stets instinktiv, dass die Beine irgendwann zwangsläufig müde werden und dass ein vollständiges Leben am Ende weitaus mehr Substanz braucht als nur den flüchtigen, ohrenbetäubenden Applaus der Massen. Deshalb studierte er nach seiner aktiven Zeit und wurde diplomierter Sportlehrer. Nach dem harten Leben auf dem Rennrad wurde er ein strenger, aber gerechter Trainer und gab all das immense Wissen kompromisslos weiter an junge, hungrige Fahrer, die von einer ähnlichen, glorreichen Laufbahn träumten. Später übernahm er weitreichende Verantwortung im zentralen Sportverband. Er hätte sich mit seinem unantastbaren Ansehen und der gigantischen, ungebrochenen Beliebtheit im Rücken mühelos ein äußerst bequemes, privilegiertes und sorgenfreies Leben in der Nomenklatura einrichten können. Doch er tat es nicht. Er blieb im Herzen immer der einfache, hart arbeitende Mechaniker, der er in seiner Jugend immer gewesen war. Einer, der morgens extrem früh aufstand und harte, physische Arbeit leistete, schlichtweg weil er es aus seiner Kindheit gar nicht anders kannte. Und doch wusste jeder, der ihn wirklich intim kannte, dass der eigentliche, unverrückbare Anker seines langen, bewegten Lebens nie im gleißenden Rampenlicht der Öffentlichkeit lag, sondern stets zu Hause bei seiner Familie. Bei einer ruhigen, starken Frau, die er fernab des Trubels im stillen, beschaulichen Muldental gefunden hatte. Renate hieß sie, liebevoll “Reni” genannt für die Familie und enge Freunde. Die fast schon kuriose Geschichte ihrer Hochzeit erzählt im Grunde weitaus mehr über den wahren Charakter von Täve als so manche glänzende Goldmedaille. Im Sommer des Jahres 1962 heirateten die beiden in dem völlig verschlafenen, kleinen Städtchen Mutzschen bei Grimma. Sie taten dies ganz bewusst und mit Absicht weit abseits des gigantischen, oft erdrückenden Rummels der Hauptstadt. Schur war schon damals absolut kein Freund des hysterischen Trubels, den sein berühmter Name überall unweigerlich auslöste. Ein guter, befreundeter Sportfunktionär hatte das offizielle Aufgebot heimlich, fast schon konspirativ, im Standesamt des kleinen Ortes bestellt – unter dem strengen Siegel der absoluten Verschwiegenheit, damit der mit Abstand berühmteste Radfahrer des Landes wenigstens dieses eine, intime Mal in absoluter Ruhe “Ja” sagen konnte. Es half jedoch herzlich wenig. Als Täve glücklich nach der romantischen Trauung auf den winzigen Marktplatz trat, war der gesamte Platz bereits restlos schwarz voller begeisterter Menschen, die den Braten irgendwie gerochen hatten. Zur eigenen Hochzeit kam er – wie hätte es in seinem Leben auch anders sein können – leicht verspätet, stark schwitzend und stilecht auf dem Rennrad angereist. Unglaubliche 58 Jahre lang blieben Täve und Reni glücklich und skandalfrei verheiratet. Es war eine untrennbare Ehe über die gesamte Länge eines erfüllten Lebens, durch die goldenen, unbeschwerten Jahre des sportlichen Ruhms, durch den brutalen politischen Umbruch der Wendezeit, der ihre bekannte Welt krachend aus den Angeln hob, bis tief hinein ins hohe, von Gebrechlichkeit gezeichnete Alter. Vier wunderbare Kinder gingen aus dieser starken Verbindung hervor, und in ihnen setzte sich unaufhaltsam fort, was Täve einst so mühsam begonnen hatte. Einer der Söhne, Jan Schur, geboren im Jahr 1962, wählte exakt denselben unerbittlichen, harten Weg wie der berühmte Vater und ging ihn tatsächlich bis ganz nach oben an die absolute Weltspitze. Jan wurde selbst ein absolut herausragender, international gefürchteter Radrennfahrer, gewann bei den prestigeträchtigen Olympischen Spielen 1988 in Seoul die fantastische Goldmedaille im Mannschaftszeitfahren und krönte sich nur ein Jahr später, 1989, sensationell zum Weltmeister. Man stelle sich nur für einen Moment vor, was das tief im Inneren für den damals bereits alternden Täve bedeutet haben muss. Den eigenen Sohn genau dort triumphieren zu sehen, wo er selbst einst die Herzen von Millionen erobert hatte. Den Namen Schur ein historisches zweites Mal ganz oben auf dem höchsten, begehrtesten Podest der Welt aufleuchten zu sehen. Es war die absolute Krönung seines Lebenswerks.
Doch das raue, ungeschönte Leben, das unweigerlich dem Glanz des Ruhms folgt, kennt auch die weitaus härteren, schmerzhaften Kapitel, und Täve blieben diese bitteren Prüfungen keineswegs erspart. Die politische Wende von 1989/90 und der Zusammenbruch der DDR rissen ihm den festen ideologischen Boden brutal unter den Füßen weg, auf dem er ein ganzes, stolzes Leben lang felsenfest gestanden hatte. Das Land, dem er bedingungslos treu geblieben war, das ihn einst zum leuchtenden Idol erhoben und dessen sozialistische Ideale er niemals auch nur ansatzweise verleugnet hatte, verschwand einfach sang- und klanglos von der weltpolitischen Landkarte. Wo zahllose andere linientreue Funktionäre plötzlich verdächtig still wurden, ihre eifrige Parteivergangenheit hastig ablegten wie einen alten, schmutzigen Mantel und sich im neuen, kapitalistischen System heuchlerisch neu erfanden, blieb er stur und unerbittlich genau der, der er immer war. Er passte sich nicht an. Er trat demonstrativ der Nachfolgepartei bei und zog von 1998 bis 2002 sogar hochoffiziell für sie in den gesamtdeutschen Bundestag ein. Er saß dort unbeirrt, mit einem unglaublich geraden Rücken, ein unbequemer Mahner aus einer komplett versunkenen Zeit, der sich bis zur letzten Konsequenz weigerte, sein eigenes Herz und seine tiefe Überzeugung umzuschreiben. Genau diese Kompromisslosigkeit brachte ihm massivste, oft feindselige Kritik ein. Er erntete harte, vernichtende Worte in den Leitartikeln der westlichen Presse und es kostete ihn schließlich etwas, das ihm vom sportlichen Establishment bis zum heutigen Tag eiskalt verwehrt wird. Immer wieder wurde in den vergangenen Jahrzehnten hochoffiziell beantragt, die größte Legende des Ostens in die ehrwürdige Ruhmeshalle des deutschen Sports aufzunehmen. Und immer wieder scheiterte dieses Vorhaben krachend – zuletzt 2011 und dann erneut 2017 –, weil mächtige Stimmen in der Jury ihm seine offene, ungebrochene Verbundenheit mit dem alten, untergegangenen Staat und seine Ignoranz gegenüber dem staatlichen Dopingsystem schlichtweg nicht verzeihen konnten. Er blieb für das System des Westens eine Persona non grata. “Die haben mich dort nicht aufgenommen”, hat er zu dieser andauernden Demütigung einmal gewohnt trocken und ohne jede hörbare Verbitterung gesagt, mit der beneidenswerten, stoischen Gelassenheit eines Mannes, der längst zu alt, zu stolz und viel zu geradlinig ist, um bei irgendwem noch um nachträgliche Anerkennung zu betteln.
Die Schatten jener hochbrisanten Epoche, insbesondere das weitreichende, systematische Staatsdoping im Sport des Ostens, das nach dem endgültigen Ende der DDR schonungslos ans Licht der Öffentlichkeit kam, begleiten ihn bis heute. Täve hat dazu stets eine sture, ablehnende Haltung eingenommen, die viele seiner ehemaligen Bewunderer zutiefst befremdete und schockierte. Er bestritt vehement, von den perfiden Machenschaften im Hintergrund gewusst zu haben, sah in den zahllosen Enthüllungen oft nur eine böswillige Übertreibung der siegreichen westlichen Medien und beharrte geradezu trotzig darauf, dass zumindest seine eigenen, frühen Erfolge absolut sauber und ehrlich errungen worden seien – allein mit den brennenden Beinen und mit dem starken Kopf, in einer Zeit, in der die medizinischen Mittel dazu ohnehin noch weitgehend fehlten. Ob man ihm in dieser umstrittenen, oft als naiv empfundenen Darstellung folgt oder ihn als Täter verurteilt – es fügt sich nahtlos in das komplexe Gesamtbild eines sturen Menschen, der seine eigene, idealisierte Welt niemals verriet. Auch dann nicht, als genau dieses Festhalten für ihn extrem unbequem, rufschädigend und furchtbar einsam geworden war. Man mag in der Gesellschaft erbittert darüber streiten, und man hat in unzähligen Podiumsdiskussionen laut und lange darüber gestritten. Für die einen war sein Verhalten unerträgliche, sture Verblendung, für die anderen war es purer, seltener Charakterstärke. Für ihn selbst war es wohl schlicht seine ganz persönliche, radikale Ehrlichkeit. Es war das exakt selbe, unbeirrbare Geradeaus, mit dem er einst gnadenlos die steilsten Berge hinaufgefahren war, ohne auch nur einen Zentimeter nachzugeben. Ein eiserner Mensch, der ein ganzes Leben lang physisch und psychisch frontal gegen den Sturm gefahren ist, lernt es im hohen Alter ganz sicher nicht mehr, sich plötzlich demütig wegzuducken.
Doch auch der weitaus schwerste, privateste Verlust eines extrem langen Lebens traf ihn erst sehr spät und traf ihn hart. Am 10. Mai 2020 verstarb seine geliebte Reni im Alter von 88 Jahren. Nach unglaublichen 58 gemeinsamen Ehejahren riss ihr Tod eine schmerzhafte Lücke, die nichts mehr auf der Welt füllen konnte. Wer begreift, dass dieser Satz des Abschieds aus dem traurigen Mund eines hochbetagten Mannes kam, der ein ganzes Leben lang von Millionen jubelnder Menschen umringt war und nun einsam, gebeugt und verletzlich am regnerischen Grab der Frau steht, die immer treu an seiner Seite gewesen war, der ahnt unweigerlich, wie unendlich einsam und wertlos selbst der größte Ruhm am Ende des Lebens sein kann. Er blieb völlig allein zurück in dem kleinen, stillen Haus in Heyrothsberge, das er einst von seinen Eltern geerbt hatte. Genau dort, wo vor so unendlich langer Zeit alles bescheiden begonnen hatte. Es ist ein ganz eigenes, furchtbar stilles Leid, so dermaßen alt zu werden, dass man zwangsläufig die allermeisten Menschen überlebt, die den eigenen, langen Weg überhaupt noch aktiv begleitet haben. Die treuen Kameraden von der Friedensfahrt, die erbitterten Rivalen von einst, der legendäre Reporter am Mikrofon, der loyale kleine Eckstein, dem er vor Jahrzehnten den Weltmeistertitel bedingungslos schenkte: Sie alle sind längst gegangen und haben ihn allein in einer neuen Zeit zurückgelassen.
Am 23. Februar 2026 wurde Gustav Adolf Schur stolze 95 Jahre alt. Und noch immer blitzt der alte, unbändige Schalk in seinen Augen, noch immer sitzt die unzerstörbare Zähigkeit tief in seinen Knochen. “Fünfundneunzig klingt ein bisschen viel”, hat er an diesem Tag mit einem augenzwinkernden Lächeln gesagt. “Ich kämpfe verbissen dafür, noch mindestens fünf Jahre länger zu machen. Hundert werden – das ist mein heiliger Wunsch.” Vielleicht liegt exakt in diesem späten, friedlichen Bild der ganze, ungeschminkte Mann. Ein sehr alter, von der Geschichte gezeichneter Radrennfahrer, in einem kleinen, unauffälligen Haus in der Börde, umgeben von den verblassenden Erinnerungen an eine gewaltige Zeit, die es längst nicht mehr gibt. Er hat gigantische Titel gewonnen und den wertvollsten von allen freiwillig weggegeben. Er ist immer unbeirrt geblieben, wer er im tiefsten Inneren war – in den goldenen und in den extrem bitteren Zeiten. Und vielleicht ist genau diese unerschütterliche Treue zu sich selbst die weitaus stärkste und wertvollste Medaille von allen. Dass ein ganzes Land, das auf der Landkarte schon lange nicht mehr existiert, seinen größten Liebling trotz aller menschlichen Fehler und politischen Kontroversen bis heute niemals vergessen hat.