Der unfassbare Kampf um Leben und Liebe: Was Erwin Bachs lebensrettendes Geschenk für Tina Turner wirklich bedeutete – und warum das Leid am Ende doch noch zuschlug
Tina Turner, die unangefochtene Queen of Rock ‘n’ Roll, war für Millionen von Menschen weitaus mehr als nur eine herausragende Sängerin. Sie war ein wandelndes, atmendes Symbol für Überlebenswillen. Sie hatte schwerste häusliche Gewalt überlebt, erdrückende Armut hinter sich gelassen, existenzielle Ängste besiegt und einen atemberaubenden musikalischen Neuanfang gestartet, an den in der harten Musikbranche kaum noch jemand geglaubt hatte. Doch in ihren allerletzten Lebensjahren kam der gefährlichste, unerbittlichste Kampf nicht mehr in Form von toxischen Männern, knebelnden Verträgen oder skrupellosen Managern von außen. Ihr eigener Körper, der sie jahrzehntelang wie ein treuer Motor über die gigantischsten Bühnen der Welt getragen hatte, begann massiv zu versagen.
Nach einem schweren Schlaganfall, einer furchtbaren Krebserkrankung und letztlich einem lebensbedrohlichen Nierenversagen, dachte die erschöpfte Tina ernsthaft darüber nach, ihr Leben in der Schweiz durch einen begleiteten Suizid selbstbestimmt zu beenden. Doch dann traf ihr Ehemann Erwin Bach eine Entscheidung, die monumentaler und aussagekräftiger war als jedes öffentliche Liebesgeständnis. Er bot seiner sterbenden Frau kurzerhand eine seiner eigenen Nieren an. Die Transplantation schenkte Tina dringend benötigte Lebenszeit, aber sie bot keine vollkommene Sicherheit, denn kurz danach schlug das Schicksal erneut erbarmungslos zu: Sie verlor ihren erstgeborenen Sohn Craig durch Suizid. Und selbst Erwin, der ihr buchstäblich einen Teil seines Körpers gegeben hatte, konnte ihr diesen vernichtenden Schmerz nicht abnehmen. Um in Gänze zu verstehen, warum die bedingungslose Treue von Erwin Bach für Tina Turner so unglaublich viel bedeutete und warum sie erst am Ende ihres Lebens echte Sicherheit fand, muss man in die tragische Vergangenheit eines kleinen Mädchens aus Nutbush, Tennessee, zurückkehren.
Für die jubelnden Massen war Tina Turner stets die unbezwingbare Löwin, die niemals müde zu werden schien. Sobald sie im grellen Scheinwerferlicht die Bühne betrat, veränderte sich die molekulare Struktur des Raumes. Ihre Stimme war rau, kraftvoll und durchdringend, ihre Tanzbewegungen so schnell, dass das Auge kaum folgen konnte. Selbst in den gigantischen Hallen und Stadien dieser Welt wirkte es, als würde sie jeden einzelnen Zuschauer direkt und unvermittelt ansehen. Acht verdiente Grammy Awards, legendäre Welthits wie “Proud Mary”, “Private Dancer” und “What’s Love Got To Do With It” machten sie zu einer der erfolgreichsten und bekanntesten Sängerinnen des 20. Jahrhunderts. Doch genau dieses strahlende, triumphale Bild wurde für sie später zu einer Art goldenem Schutzschild. Die Welt sah grenzenlose Kraft, sie sah monumentalen Erfolg, sie sah eine eiserne Frau, die scheinbar alles überstanden hatte. Was die Fans und die Kameras jedoch viele Jahre lang nicht sahen, spielte sich unbemerkt hinter fest verschlossenen Hoteltüren ab. Es gab unzählige Nächte, in denen Tina mit blutig geschlagenen Lippen und schmerzenden Rippen auf die Bühne gezwungen wurde, ein strahlendes Lächeln aufsetzend, während sie innerlich zerbrach.

Der erste Riss in Tinas Seele war jedoch viel älter als die gewalttätige Ehe mit Ike Turner. Er begann im tiefsten Süden der USA, in Tennessee, als Tina noch ein kleines Kind namens Anna Mae Bullock war. Sie wuchs in einer Familie auf, in der Geld absolute Mangelware war und familiärer Frieden praktisch nicht existierte. Ihre Eltern arbeiteten hart, doch für die Kinder bedeutete das vor allem emotionale Vernachlässigung: Sie wurden immer wieder bei Verwandten abgeladen und zurückgelassen. Dann geschah das für sie Unfassbare: Ihre Mutter floh vor der zunehmenden Gewalt in der Ehe und ging. Für rationale Erwachsene war diese Flucht vielleicht nachvollziehbar, doch für ein kleines Mädchen fühlte es sich an wie der ultimative Verrat. Tina sah nur, dass ihre eigene Mutter einfach weg war – ohne Abschied, ohne Schutz, ohne die Gewissheit, jemals wieder zurückzukommen. Wenig später gründete auch ihr Vater eine neue Familie, heiratete erneut und zog fort. Die Kinder blieben abermals wie unerwünschtes Gepäck zurück. Tina lernte in diesen prägenden Jahren auf die denkbar härteste Weise, ihre emotionalen Erwartungen an andere Menschen auf ein absolutes Minimum zu reduzieren. Wer heute noch für sie da war, konnte morgen schon spurlos verschwunden sein.
Doch der Horror war damit noch lange nicht vorbei. In einem tragischen Autounfall starben ihre Halbschwester Evelyn und zwei geliebte Cousins. Kurz darauf verstarb auch die strenge Großmutter, bei der Tina Unterschlupf gefunden hatte. Wieder einmal musste sie ihre wenigen Habseligkeiten packen, wieder verlor sie ihr Zuhause. So kam sie als Jugendliche nach St. Louis, ironischerweise zurück zu jener Mutter, die sie Jahre zuvor im Stich gelassen hatte. Dort besuchte sie mit ihrer Schwester Musikclubs, und zum ersten Mal in ihrem von Enttäuschungen geprägten Leben rückte eine andere, glitzernde Welt in greifbare Nähe. Eine Welt erfüllt von magischem Licht, dröhnender Musik und einem einsamen Mikrofonständer auf einer Bühne. Doch bevor sie diese magische Tür öffnen konnte, schlug das Schicksal wieder zu: Tina wurde schwanger. Als sie ihrer ohnehin distanzierten Mutter davon erzählte, erntete sie keinen Trost, sondern wurde eiskalt aus dem Haus geworfen. Kurz darauf verschwand auch der Vater des Kindes spurlos aus ihrem Leben. In diesem absolut verzweifelten Moment, obdachlos und mit einem Neugeborenen auf dem Arm, bot ausgerechnet die Musik ihr einen lebensrettenden Ausweg. Ike Turner hielt die Tür für sie auf – doch was Tina zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Hinter dieser Tür begann jenes berüchtigte Gefängnis, aus dem sie viele Jahre später nur knapp mit dem nackten Leben entkommen sollte.
Ike Turner war nicht nur ein genialer Musiker, er war auch ein hochgradig manipulativer Kontrollfreak. Er erkannte Tinas immenses Talent sofort und gab ihr einen neuen Namen: Tina Turner. Ein Name, der groß und rasant klang, der perfekt auf Plattenhüllen passte. Doch Ike ließ diesen Namen sofort rechtlich schützen. Damit wurde Tina faktisch zu seinem musikalischen Eigentum. Die Auftritte der “Ike & Tina Turner Revue” wurden größer, die Einnahmen sprudelten, und Tinas Gesicht wurde weltweit berühmt. Doch je berühmter sie wurde, desto unbarmherziger wurde Ikes eiserner Griff. Auf der Bühne trug Tina einen Namen, den Millionen liebten; hinter der Bühne wurde aus der Kontrolle bald unvorstellbare physische und psychische Gewalt. Bei einem ihrer ersten Streitigkeiten schlug Ike sie mit einem schweren hölzernen Schuhspanner. Es war nur der Anfang. Tina wusste nie, wann seine unberechenbare, von Kokain befeuerte Stimmung kippte. Ein falscher Blick reichte aus. Unter dem dicken Bühnen-Make-up verbargen sich blaue Flecken, aufplatzende Lippen und gebrochene Rippen. Und dennoch funktionierte sie. Sie hatte Kinder zu versorgen und Angst davor, abermals alles zu verlieren. In einem Akt völliger, dunkler Verzweiflung versuchte Tina sogar, sich mit einer Überdosis Tabletten das Leben zu nehmen. Sie überlebte knapp, doch selbst danach blieb sie zunächst bei ihrem Peiniger.

Der endgültige Ausbruch geschah nicht durch einen perfekten Masterplan, sondern geschah spontan im Vorzimmer der Hölle. Während einer Tournee 1976 eskalierte ein Streit im Hotelzimmer in Dallas. Ike schlug sie abermals blutig. Doch diesmal wartete Tina nicht darauf, dass er sich beruhigte. Sie flüchtete mit blutiger Kleidung, einer Sonnenbrille zur Tarnung ihrer blauen Augen, knapp 36 Cent in der Tasche und einer Tankstellenkarte. Sie rannte über einen dunklen Highway, riskierte ihr Leben und entkam in ein kleines Motel. Zum ersten Mal seit über einem Jahrzehnt traf Tina wieder eine eigene Entscheidung. Nach der Flucht begann der erbarmungslose Absturz. Sie war gezwungen, von Lebensmittelmarken zu leben, während Ike ihr Haus bedrohte und ihre Leute einschüchterte. Bei der Scheidung verzichtete sie auf finanzielle Entschädigungen – sie wollte lediglich das Recht an ihrem Namen behalten. “Tina Turner” gehörte nun ihr, doch niemand wollte einer schwarzen, über vierzigjährigen Sängerin ohne Hit-Schreiber eine echte Chance geben. Für die Industrie war sie ein Relikt der Vergangenheit, ein unglücklicher Anhängsel von Ike.
Es folgte einer der spektakulärsten und am härtesten erkämpften Comebacks der Musikgeschichte. Durch buddhistisches Chanten fand Tina innere Ruhe, und Mitte der 80er Jahre klopfte das Schicksal in Europa an. Mit dem Album “Private Dancer” katapultierte sich die 45-jährige Sängerin in Sphären, die selbst Ike nie erreicht hatte. Sie stand höher als je zuvor – vollkommen allein und aus eigener Kraft. Sie hatte ihre Freiheit, ihr Geld und ihren Stolz zurückgewonnen. Doch konnte eine Frau, die von ihrer eigenen Mutter verstoßen und von ihrem Ehemann jahrelang brutal misshandelt worden war, jemals wieder einem Mann vertrauen?
Am Flughafen Düsseldorf begegnete sie Mitte der 80er Jahre Erwin Bach, einem deutschen Plattenfirmen-Manager. Er war deutlich jünger, ruhig, zurückhaltend und das absolute, heilsame Gegenteil von Ike Turner. Erwin wollte weder ihre Karriere kontrollieren, noch in ihrem Schatten glänzen. Er gab ihr den Raum, den sie jahrzehntelang entbehrt hatte. Tina blieb bei ihm, nicht weil sie ein Dach über dem Kopf brauchte, sondern weil sie es nach all den Jahren der Traumata endlich wagte, einer Liebe ohne Hintergedanken zu vertrauen. Die beiden zogen in die Schweiz, fanden Ruhe am Zürichsee und heirateten 2013 nach fast drei Jahrzehnten Partnerschaft. Doch das Schicksal hatte noch weitere, grausame Prüfungen für Tina vorbereitet.

Kurz nach der prunkvollen Hochzeit versagte ihr Körper dramatisch. Ein schwerer Schlaganfall raubte ihr das Gehen. Die Löwin musste mühsam lernen, wieder auf eigenen Beinen zu stehen. Erwin blieb unerschütterlich an ihrer Seite. Dann folgte die niederschmetternde Diagnose: Darmkrebs. Eine Operation brachte kurzzeitig Linderung, doch ihre Nieren begannen zu versagen, verschlimmert durch Tinas fatale Entscheidung, zeitweise ihre Blutdruckmedikamente durch homöopathische Mittel zu ersetzen – ein Fehler, den sie später öffentlich bitter bereute. Die toxischen Werte stiegen, Tinas Körper kapitulierte. Die Frau, die sich aus dem härtesten Sumpf befreit hatte, konnte ihren eigenen, sterbenden Körper nicht zurücklassen. Sie bereitete sich auf den Tod vor, meldete sich bereits bei der Schweizer Organisation Exit an. In diesem denkbar dunkelsten Moment bewies Erwin Bach, was wahre, selbstlose Liebe bedeutet. Ohne zu zögern, ohne Garantien und ohne großes mediales Drama bot er ihr seine Niere an.
Die Transplantation 2017 war erfolgreich. Erwin schenkte Tina das Wertvollste, das ein Mensch geben kann: Zeit. Doch selbst diese gewonnene Zeit konnte Tina nicht vor weiteren Schicksalsschlägen bewahren. Nur ein Jahr später, 2018, nahm sich Tinas Sohn Craig das Leben. Er war jener Sohn, mit dem sie als Teenagerin vor die Tür gesetzt worden war. Sie verstreute seine Asche in das kalifornische Meer – ein Schmerz, den ihr keine gespendete Niere und kein Platin-Album der Welt nehmen konnte.
In den folgenden Jahren zog sich Tina komplett in ihre Villa in der Schweiz zurück. Dort, fernab von Kameras und Lärm, genoss sie die Privatsphäre, die ihr ein Leben lang verwehrt geblieben war. Am 24. Mai 2023 schloss Tina Turner im Alter von 83 Jahren für immer die Augen. Erwin Bach hatte ihr durch seine Niere ein paar letzte, friedliche Jahre geschenkt, doch das Leben lässt sich nicht unendlich verlängern. Tina Turners Vermächtnis ist nicht nur ihre gewaltige musikalische Präsenz, sondern die rohe, unerbittliche Wahrheit ihrer Existenz: Sie fiel tiefer als die meisten, doch sie stand immer wieder auf. Am Ende, als der letzte Vorhang fiel, gehörte Tina Turners Leben endlich nur noch ihr selbst.