Der Rolls-Royce des Schwimmens: Das stille Verglühen einer Legende – Roland Matthes und die Tragik hinter dem Gold
Es gibt Namen im Sport, die klingen wie fernes Donnern. Namen, die für eine ganze Ära stehen, für Momente, in denen die Welt den Atem anhielt. Einer dieser Namen ist Roland Matthes. Wer in den späten 60er und 70er Jahren vor dem Fernseher saß, erinnert sich an diesen fast schon unheimlich ruhigen jungen Mann aus Thüringen. Er lag nicht im Wasser, er glitt auf ihm. Es hieß, seine Badehose bleibe beim Schwimmen trocken – eine Metapher für eine Eleganz, die in der harten, kraftstrotzenden Welt des Leistungssports ihresgleichen suchte. Doch wer war dieser Mann wirklich, der ein Jahrzehnt lang unbezwingbar blieb und am Ende doch so leise aus dem Licht der Öffentlichkeit verschwand, wie er es einst betreten hatte?
Roland Matthes wurde am 17. November 1950 in Pößneck geboren, in eine Zeit und in Verhältnisse, die man heute kaum noch begreifen kann. Ein Haushalt ohne eigenes Bad, eine Gemeinschaftstoilette auf der halben Treppe – das war die Realität, aus der der künftige Weltstar stammte. Es ist eine dieser Details, die weit mehr über einen Menschen verraten als jede Medaillenliste. Denn es war nicht der blinde Ehrgeiz oder der Traum von olympischem Ruhm, der ihn ins Becken trieb. Es war das warme Wasser der Dusche. Ein banaler, zutiefst menschlicher Grund: Richtig duschen können, warmes Wasser, ein Luxus, der für den Jungen aus Pößneck ein Versprechen auf eine andere Welt darstellte.
Die Anfänge waren alles andere als glanzvoll. Er lernte spät schwimmen, erst mit zehn Jahren, nachdem er beinahe in einem Teich ertrunken wäre. Die Trainer hielten ihn zunächst für ungeeignet, zu schlaksig, zu schmal, zu wenig Talent. Dass aus diesem unscheinbaren Kind der beste Rückenschwimmer der Weltgeschichte werden sollte, ist vor allem einer Person zu verdanken: seiner Mutter. Es war ihr trotziger Akt der Sturheit, die ihn vor der Ausmusterung bewahrte, als die Sportschule ihn zurückschicken wollte. Ganz am Anfang eines jeden großen Sieges stand also nicht die Taktik oder die Technik, sondern der Wille einer Mutter, die „Nein“ sagte.

Später trat eine weitere Frau in sein Leben, die sein Schicksal besiegeln sollte: Marlies Grohe, seine Trainerin. Sie war eine Psychologin des Beckenrands, eine Pädagogin, die in dem schüchternen, in sich gekehrten Jungen sah, was alle anderen übersahen. Sie formte aus dem Rohmaterial einen Stil, der in seiner provokanten Noblesse mit der Eleganz eines Franz Beckenbauer auf dem Fußballplatz verglichen wurde. Sie war für ihn eine zweite Mutter, die ihn forderte, ihn notfalls ins eiskalte Wasser warf und ihn lehrte, dass man niemals allein groß wird.
Der Durchbruch kam 1968 in Mexiko-Stadt. Mit 17 Jahren, als Niemand für die Weltelite, demontierte er über 100 und 200 Meter Rücken die Konkurrenz. Während die Weltmächte den Sport als Stellvertreterkrieg der Systeme führten, schwamm der Junge aus der thüringischen Kleinstadt mit einer aufreizenden Gelassenheit, die die Nervosität der anderen an ihm abperlen ließ. Er gewann Gold, mit olympischem Rekord. Vier Jahre später, 1972 in München, wiederholte er das Kunststück. Er war der erste Schwimmer, dem die Titelverteidigung auf beiden Rückenstrecken gelang.
Doch Matthes war mehr als ein Rückenspezialist. Er hielt Europarekorde im Freistil, im Lagenschwimmen und über 100 Meter Schmetterling. Im Finale von München lieferte er sich ein legendäres Duell mit Mark Spitz. Dass er das Rennen seines Lebens beinahe gegen den siebenfachen Goldmedaillengewinner gewonnen hätte, bleibt eine dieser faszinierenden Fußnoten der Geschichte. Von 1966 bis 1974 blieb er auf den Rückenstrecken ungeschlagen. Acht Jahre lang gab es keinen Menschen auf diesem Planeten, der ihn in seinem Element bezwingen konnte. Ein Jahrzehnt lang durften sich seine Gegner fragen, warum sie sich überhaupt schindeten, wenn dem Thüringer alles so mühelos gelang.
Der britische Fachjournalistin verlieh ihm den Beinamen, der an ihm haften blieb: der „Rolls-Royce des Schwimmens“. Andere nannten ihn den „Schwimm-Mozart“. Sein Ruf war so gewaltig, dass selbst der US-Präsident im Jahr 1974 den Wunsch äußerte, ihn persönlich kennenzulernen – inmitten des Kalten Krieges ein diplomatisches Signal von seltener Tragweite. Doch mit all diesem Ruhm konnte Roland Matthes wenig anfangen. Er war ein Vertreter der stillen Art, einer, der durch Leistung sprach und nicht durch Worte.

Im Arbeiter- und Bauernstaat der DDR war er ein Superstar, der offiziell gar nicht existieren durfte. Das Kollektiv stand über dem Einzelnen, doch Matthes ragte heraus. Er war kein Rebell, aber er war auch kein stromlinienförmiger Parteisoldat. Er behielt sich eine leise Sturheit bei, eine Unabhängigkeit, die ihn davor bewahrte, sich vollständig vereinnahmen zu lassen. Er blieb in sich ruhend, selbst dann, als man ihn mit Ehrungen und Verdienstorden überhäufte.
Das Privatleben hingegen erzählte eine andere Geschichte. Die Verbindung mit Cornelia Ender, der anderen strahlenden Ikone des ostdeutschen Sports, war die „Hochzeit des Jahrhunderts“. Zwei Menschen, die ihr ganzes Leben der Leistung untergeordnet hatten, sollten nun ihr privates Glück finden – unter den Augen eines ganzen Staates. Es war das perfekte Propagandabild, doch die Realität war brüchiger. Nach nur wenigen Jahren zerbrach die Ehe. Die Stille, die er im Wasser beherrschte, fand er im Alltag nicht. Es folgten weitere Bindungen, weitere Trennungen. Der Mann, der auf dem Wasser die vollkommene Harmonie verkörperte, rang an Land um ein Gleichgewicht, das ihm zeitlebens entglitt.
Über allem lag der Schatten des systematischen Dopings. Als die Archive nach dem Mauerfall geöffnet wurden, geriet jede Bestleistung jenes Staates unter Verdacht. Roland Matthes wurde bis zu seinem Lebensende mit dem Vorwurf konfrontiert. Er bestritt nie die Existenz des Doping-Programms, beharrte aber darauf, dass seine Erfolge nicht darauf gründeten. Er empfand das „Pharisäertum“ einer pauschalen Verurteilung als tief ungerecht. Ob man ihm glaubt oder nicht, gehört untrennbar zu seinem Erbe, doch die Tatsache, dass er seine größten Siege vor der Ära des Staatsplans feierte und seine Trainerin für ihre Distanz zum Doping bekannt war, lässt zumindest Raum für eine differenzierte Sicht.
Sein Abgang aus dem großen Sport war leise. 1976 in Montreal gewann er noch einmal Bronze, das Ende eines Sterns, der lange am hellsten geleuchtet hatte. Doch was dann geschah, ist vielleicht das erstaunlichste Kapitel seines Lebens. Roland Matthes verschwand nicht in der Versenkung der Geschichte. Er begann ein Studium der Medizin. In Jena, unter harten Bedingungen, kämpfte er sich zum Facharzt für Orthopädie durch. Aus dem Weltstar wurde ein Arzt, der sich um die geschundenen Körper anderer kümmerte.

Nach dem Mauerfall im Dezember 1989 siedelte er in die Bundesrepublik über und begann mit fast 40 Jahren ein zweites Leben. Er praktizierte als Orthopäde in einer kleinen Stadt in Unterfranken. Seine Medaillen? Die hingen nicht in seiner Praxis aus. Er sei doch keine Kultfigur, pflegte er mit seinem trockenen Humor zu sagen. Die meisten seiner Patienten wussten nicht, dass sie von dem Mann behandelt wurden, der einst das Wasser regiert hatte.
Roland Matthes starb am 20. Dezember 2019 im Alter von 69 Jahren in Wertheim am Main. Es war ein leiser Tod, fernab des Rampenlichts, das ihn Jahrzehnte zuvor so grell umstrahlt hatte. Die Nachricht seines Todes löste keine globale Erschütterung aus, was vielleicht eine späte Konsequenz seiner eigenen Zurückhaltung war. Ein einziger Nachruf, ein letztes Wort von einem alten Rivalen aus den USA, der ihn als den größten Rückenschwimmer würdigte, der je gelebt habe – das war die Bilanz nach einem Leben, das so viele Facetten in sich trug.
Wer heute auf die Geschichte von Roland Matthes blickt, der erkennt ein tragisches Porträt. Das Bild des Jungen, der in ein Leben ohne Bad hineingeboren wurde und die Welt das Schwimmen lehrte, ist das Symbol eines Traums, der zur Wirklichkeit wurde. Aber es ist auch das Bild eines Menschen, der im Glanz des Erfolges eine Einsamkeit fand, die ihn nie ganz losließ. Die „Leichtigkeit“, die alle bewunderten, war eine Lüge des Anscheins, denn hinter dieser Mühelosigkeit stand ein Leben, das seine eigenen, stillen Kämpfe kannte.
Vielleicht ist es das, was seine Geschichte so zeitlos macht. Er war kein Held, der an seinem Ruhm zerbrach, sondern ein Mensch, der versuchte, in einer Welt, die ihn als Symbol vereinnahmen wollte, bei sich selbst zu bleiben. Sein Leben war ein Weg durch das Feuer des öffentlichen Interesses in die Stille eines medizinischen Berufsstandes, in dem er endlich das gefunden zu haben schien, was er im Wasser nie ganz greifen konnte: eine menschliche Normalität.
Das „Verglühen“ einer Legende ist kein dramatischer Absturz. Es ist das langsame, würdevolle Erlöschen eines Lichts, das so hell gebrannt hat, dass man es in der Dämmerung des Vergessens kaum noch wahrnahm. Roland Matthes hinterlässt uns keine Skandale, keine lauten Bekenntnisse und keine inszenierten Enthüllungen. Er hinterlässt uns das Bild einer Haltung. Einer Haltung der Stille, der Unabhängigkeit und der zähen Beharrlichkeit.
In einer Welt, in der jeder Erfolg vermarktet und jede Schwäche zur Show getragen wird, wirkt sein Leben wie ein Anachronismus. Sein Weg war kein linearer Aufstieg zum Glück, sondern eine Kurve voller Brüche, Enttäuschungen und einer Suche nach Halt, die so alt ist wie die Menschheit selbst. Er wollte nie ein „Rolls-Royce“ sein; er wollte einfach nur er selbst sein dürfen. Dass ihm das letztlich nur im privaten, fast anonymen Rahmen seines ärztlichen Daseins gelang, ist die letzte, stille Pointe eines Lebens, das den Ruhm als Bürde und den Sport als Handwerk verstand.
Sein Vermächtnis bleibt das Wasser. Die Bahnen, die er zog, mit einer Präzision, die heute noch in den Analysen der Sportwissenschaftler studiert wird. Aber sein wahres Vermächtnis ist vielleicht die Stille, die er bewahrte. Eine Stille, die uns heute dazu einlädt, inne zu halten und uns zu fragen: Was bleibt eigentlich von einem Menschen, wenn der Applaus verstummt ist? Wenn die Medaillen verblassen und die Rekorde gebrochen werden? Es bleibt die Menschlichkeit. Es bleibt die Geschichte eines Jungen, der nur warm duschen wollte und dabei die Welt veränderte.
Roland Matthes war der erste, der die Grenze der Zeit durchbrach. Er war der erste, der bewies, dass man die 100 Meter Rücken unter einer Minute bewältigen kann. Doch die Zeit, die ihm am Ende blieb, war schneller als alle seine Rekorde. Dass er dieses Ende so leise und so würdevoll gestaltete, macht ihn am Ende vielleicht größer als alle seine Triumphe. Er ist nicht als der gefallene Star gegangen, sondern als der Mensch, der er immer sein wollte: ein Arzt, der heilte, statt nur zu siegen. Eine Legende, die genau wusste, wann es Zeit war, das Becken zu verlassen und in der Stille des Lebens anzukommen. Sein Leben war ein einziges, langes Gleiten auf der Oberfläche – und wer genau hinsieht, der erkennt, dass es am Ende genau das war: Ein Leben, das kaum Spuren hinterließ, aber die Welt für einen Moment zum Staunen brachte.