Der Polizist, der die Zeit besiegte: Die stille Legende des Jobst Hirscht
Es gibt Namen in der Geschichte des Sports, die nicht in fetten Lettern auf den Titelseiten der Geschichtsbücher prangen, sondern eher wie ein leises Echo aus einer vergangenen Epoche widerhallen. Namen, die nicht für Millionenverträge und weltweiten Starkult stehen, sondern für harte Arbeit, unbändige Disziplin und eine Zeit, in der der Sport noch eine andere, vielleicht unschuldigere Seele besaß. Jobst Hirscht ist ein solcher Name. Für diejenigen, die den Spätsommer 1972 bewusst miterlebten, ist er ein Begriff, der sofort Erinnerungen weckt an die Olympischen Spiele in München, an eine Zeit der Hoffnung, die jäh von einer unfassbaren Tragödie überschattet wurde.
Seine Geschichte beginnt jedoch weit entfernt von den gleißenden Lichtern des Olympiastadions, oben im kühlen Norden Deutschlands, in Schleswig. Geboren am 19. Juli 1948, wuchs Hirscht in den Entbehrungen der Nachkriegszeit auf. Es war eine raue Umgebung, in der das Laufen nicht als Sport, sondern als die natürlichste Art der Fortbewegung galt – zur Schule, zu Freunden, ins Abenteuer. Gemeinsam mit seinem Bruder Gernot, der ebenfalls ein talentierter Sprinter werden sollte, entdeckte er seine Gabe. Die Brüder trieben sich gegenseitig an, lange bevor sie auch nur ahnten, dass ihr Talent sie einst auf die größte Bühne der Welt führen würde.
Während im Sommer die Zehn-Sekunden-Sprinter die Schlagzeilen dominierten, fand Hirscht seine Domäne im Winter, in den engen, überheizten Hallen. Über die brutale Kurzdistanz von 50 Metern, wo jeder Wimpernschlag, jeder noch so kleine Fehler das Aus bedeuten kann, war er eine Klasse für sich. Zwischen 1968 und 1971 stellte er hier sagenhafte fünf Weltrekorde auf. Fünfmal war er, der junge Mann aus dem Norden, der schnellste Mensch der Welt auf dieser Strecke. 1971 krönte er seine Hallen-Karriere mit der Silbermedaille über 60 Meter bei den Europameisterschaften – ein Beweis, dass er zur absoluten Elite des Kontinents gehörte.
Doch das Erstaunlichste an Jobst Hirschts Karriere ist vielleicht nicht dass er all dies erreichte, sondern wie er es tat. In einer Zeit vor Vollprofis und Rundum-Betreuung war Hirscht von Beruf Polizist in Hamburg. Er trainierte nicht in hochmodernen Leistungszentren, sondern oft im Regen, in der Kälte, nach einem harten Schichtdienst. Seine Erfolge waren nicht das Produkt eines perfektionierten Systems, sondern das Ergebnis eines schier übermenschlichen Willens, eiserner Disziplin und zahlloser einsamer Trainingsstunden. Er war einer von uns, der für seinen Traum schuftete und dabei nie den Boden unter den Füßen verlor. 1970 wurde er bezeichnenderweise Polizei-Europameister im 100-Meter-Lauf und mit der Staffel.
Dann kam das Jahr 1972. München. Die “Heiteren Spiele”, die Deutschland als offene, friedliche Nation präsentieren sollten. Für Hirscht erfüllte sich der Traum jedes Sportlers: Er stand im Olympiafinale über 100 Meter. In exzellenten 10,25 Sekunden wurde er Sechster – eine phänomenale Leistung unter unvorstellbarem Druck. Doch der wahre Höhepunkt sollte noch folgen. Am 10. September lief er gemeinsam mit Karl-Heinz Klotz, Gerhard Wucherer und Klaus Ehl in der 4-x-100-Meter-Staffel zur Bronzemedaille. In 38,79 Sekunden sicherten sie sich ihren Platz in der Sportgeschichte. Ein Triumph der Kameradschaft, des blinden Vertrauens und der gemeinsamen harten Arbeit.
Doch der Glanz der Medaille wurde von den entsetzlichen Ereignissen jener Tage überschattet. Das Attentat auf die israelische Mannschaft hatte die Spiele für immer verändert. Es ist schwer vorstellbar, wie ein Athlet inmitten dieses Grauens seinen größten sportlichen Erfolg feiert. Hirschts Medaille trägt ewig diese Doppelnatur: den strahlenden Stolz des Sieges und die tiefe Trauer einer zerstörten Illusion von Frieden. Für seine Leistungen wurde er mit dem Silbernen Lorbeerblatt, der höchsten sportlichen Auszeichnung der Bundesrepublik, geehrt.
Nach München war Hirscht noch nicht am Ende. 1973 sicherte er sich seinen einzigen Freiluft-Titel als Deutscher Meister über 100 Meter und holte erneut Silber und Bronze beim Europacup. Doch wie bei jedem Sprinter holte die Zeit ihn schließlich ein. Die unwiederbringliche Schnelligkeit der Jugend schwand. Hirscht beendete seine Karriere, ohne großen Pomp, wie es seine Art war.
Was blieb, war der Polizist Jobst Hirscht. Er kehrte zurück in seinen Beruf, in seinen Alltag, ohne in das tiefe Loch zu fallen, das so viele Leistungssportler nach dem Karriereende erwartet. Er hatte seinen festen Halt, seine Wurzeln, seine Aufgabe. Seine Geschichte ist vielleicht keine von ewigem Ruhm und Millionenverträgen. Aber sie ist die Geschichte eines Mannes, der durch pure Willenskraft, gepaart mit Talent und unerschütterlicher Disziplin, die Weltspitze erreichte und dabei stets er selbst blieb: ein bescheidener, hart arbeitender Mensch. In einer schnelllebigen Zeit wie der unseren ist das ein Vermächtnis, das leise strahlt, aber dafür umso beständiger.