Der eine Schritt zur Unsterblichkeit: Das bewegende Schicksal der Rita Wilden und die ungeschminkte Wahrheit hinter dem Olympia-Silber
Es war nur ein einziger, unfassbar flüchtiger Schritt. Ein Schritt, der kaum länger andauerte als ein aufgeregter Herzschlag. Ein Schritt, der kaum breiter war als die dicke, grelle weiße Kreidelinie, die quer über die rote Kunststoffbahn des imposanten Münchner Olympiastadions gezogen worden war. Und doch war es exakt dieser eine, winzige und gnadenlose Schritt, der Rita Wilden für den gesamten Rest ihres Lebens von jenem magischen Wort trennte, das in der deutschen Sportwelt absolut alles bedeutet: Olympiasiegerin. Sie hätte es an diesem späten, emotionsgeladenen Sommernachmittag im September 1972 haben können. Jeder einzelne Zuschauer, der auf den vollbesetzten, jubelnden Rängen des Stadions den Atem anhielt, oder der zu Hause gebannt vor dem flimmernden Schwarz-Weiß-Fernseher kauerte, hat es mit eigenen Augen gesehen. Sie kam förmlich aus dem Nichts. Mit einem herrlich federnden, fast beiläufig wirkenden Laufstil stürmte sie auf der ewig langen Zielgeraden heran, als würde sie diese unmenschliche körperliche Anstrengung nicht die geringste Mühe kosten. Es wirkte für alle Beobachter so, als sei sie nur zu ihrem eigenen Vergnügen auf der Tartanbahn unterwegs, während sich direkt vor ihr die große, unantastbare Favoritin und Weltrekordlerin aus dem anderen, östlichen Deutschland mit schmerzverzerrtem Gesicht und letzter, brutaler Kraftanstrengung über die Ziellinie warf. Dann war das epische Rennen plötzlich vorbei. Die unerbittlichen Uhren blieben stehen. Zwischen dem unsterblichen, glänzenden Gold und dem kühleren Silber lag absolut nichts weiter als dieser eine, verdammte, unwiederbringliche Schritt. Winzige 0,13 Sekunden entschieden über die endgültige sportliche Ewigkeit. Doch wer den Menschen Rita Wilden wirklich begreifen will, der darf nicht auf die bedauerte Frau schauen, die dieses olympische Gold verlor. Man muss auf die mutige Frau blicken, die beinahe gewann, die ihr gesamtes weiteres Leben mit diesem “Beinahe” verbrachte und die aus genau dieser historischen Tatsache – und das ist das eigentlich Bemerkenswerte an ihrer faszinierenden Geschichte – niemals einen bitteren, verzehrenden Groll, sondern einen tiefen, unerschütterlichen stillen Frieden zog.
Die rücksichtslose Welt des Spitzensports ist voll von tragischen, gescheiterten Gestalten, die von einem einzigen, dramatisch verpassten Augenblick für den Rest ihrer Tage seelisch zerfressen werden. Es gibt unzählige Athleten, die ihr weiteres Leben gefangen im quälenden Konjunktiv verbringen. “Was wäre gewesen, wenn…”, lautet die tückische Frage, die sie nachts nicht schlafen lässt und sie langsam in den Wahnsinn treibt. Und dann gibt es die anderen. Die absolut seltenen, vollkommen in sich ruhenden Persönlichkeiten, die aus exakt demselben dramatischen Augenblick eine beispiellose innere Stärke ziehen. Sie können das, weil sie in der tiefsten, ehrlichsten Überzeugung ruhen, dass sie in diesem einen, alles entscheidenden Rennen restlos alles gegeben haben, was in ihren Körpern und Seelen steckte. Rita Wilden gehörte zweifellos zur zweiten, bewundernswerten Kategorie. Aber um an diesen beneidenswerten Punkt der absoluten inneren Ausgeglichenheit zu gelangen, musste sie erst einen sehr langen, überaus steinigen Weg zurücklegen, der weit vor den Toren Münchens in einer völlig anderen Epoche begann.

Ihre Lebensgeschichte nimmt ihren Anfang in einer Welt, die es in dieser Form heute längst nicht mehr gibt. Weit weg vom rheinischen Leverkusen erblickte sie am 9. Oktober 1947 unter dem Namen Rita Jahn in Leipzig das Licht der Welt. Es war ein zerrissenes Land im mühsamen, schweißtreibenden Aufbau, das offiziell noch nicht einmal gegründet war und das erst zwei Jahre später den Namen Deutsche Demokratische Republik tragen sollte. Sie war ein echtes, vom Mangel geprägtes Kind der harten Nachkriegsjahre, hineingeboren in eine entbehrungsreiche Zeit der allgegenwärtigen Unsicherheit. Ein einfaches Hühnerei auf dem Frühstückstisch war ein Ereignis für die ganze Familie, ein Paar wirklich intakte Lederschuhe glichen einem kleinen Vermögen. Man muss sich dieses zerbombte, hungernde und ideologisch geteilte Deutschland lebhaft vor Augen führen, in dem die verzweifelten Menschen zwischen rauchenden Ruinen ihre überlebenswichtigen Kartoffeln anbauten und die Kinder auf gefährlichen Trümmergrundstücken Verstecken spielten, wo einst stolze Wohnhäuser gestanden hatten. Diese frühen, entbehrungsreichen Jahre in Leipzig haben ihr widerstandsfähiges Wesen tief geprägt, auch wenn sie später als gefeierter Star nur sehr selten darüber sprach. Es war die stille Geburt einer bewundernswerten Genügsamkeit und dem klaren Bewusstsein, dass auf dieser unberechenbaren Welt absolut nichts selbstverständlich ist. Als sie zarte sieben Jahre alt war, fassten ihre Eltern jenen lebensverändernden, mutigen Entschluss, der unzählige verzweifelte Familien in jenen Jahren umtrieb: Sie flohen in den rettenden Westen. Im Jahr 1954 stand die Berliner Mauer zwar noch nicht, doch die Grenze zwischen den beiden rivalisierenden deutschen Staaten wurde bereits von Monat zu Monat härter, unbarmherziger und lebensgefährlicher. Der Weg führte die kleine Familie von Sachsen direkt in das rheinische Braunkohlerevier nach Alsdorf in der Nähe von Aachen, ganz an den äußersten Rand der jungen, aufstrebenden Bundesrepublik. Ein ostdeutsches Kind, plötzlich verpflanzt in eine völlig neue Sprachmelodie, in eine raue, von dichtem Kohlestaub überzogene Landschaft. Solche frühen Erfahrungen des Fremdseins prägen den Charakter nachhaltig und zwingen zu einer rasanten, geräuschlosen Anpassung an neue Lebensumstände.
In Alsdorf wuchs Rita heran und absolvierte, wie es für Mädchen aus einfachen, hart arbeitenden Verhältnissen damals üblich war, eine kaufmännische Lehre. Es war ein solider, absolut ehrbarer Weg, der festen Boden unter den Füßen versprach. Ein bürgerliches, finanziell abgesichertes Leben schien glasklar vorgezeichnet. Nichts, aber auch absolut gar nichts an dieser unauffälligen, bescheidenen Biografie deutete auch nur im allergeringsten darauf hin, dass aus dieser jungen Angestellten aus dem rauen Kohlerevier einmal eine der schnellsten Läuferinnen der globalen Leichtathletikgeschichte werden würde. Sie hatte keine wohlhabenden Eltern, die ihr sportliches Talent erkannten und massiv finanziell förderten. Sie war keine behütete Absolventin eines elitären staatlichen Sportinternats. Und dann war da ihr älterer Bruder. Er trieb leidenschaftlich Sport, ging zur lokalen Leichtathletikabteilung, und die damals 15-jährige Rita schaute immer wieder neugierig am Rande der Aschenbahn zu. Halb aus schwesterlicher Bewunderung, halb aus kindlichem Trotz beschloss sie kurzerhand, es ihm einfach gleichzutun. So kam sie zur Alemannia Aachen. Nicht aus einem großen, strategisch durchdachten Kalkül heraus, sondern aus purem, ungeplantem Zufall. Doch genau dieser Zufall offenbarte ein genetisches Wunder, das Trainer fassungslos machte. Das junge Mädchen besaß eine angeborene, brachiale Grundschnelligkeit, die man schlichtweg nicht durch noch so hartes Training erlernen kann. Bereits 1964 wurde sie mit gerade einmal 16 Jahren überlegene deutsche Jugendmeisterin über die 100 Meter. In den frühen 60er Jahren gab es im Westen keine staatlich finanzierten, hochmodernen Trainingsapparate. Es gab nur den staubigen Vereinsplatz, einen engagierten und treuen Trainer, eine klobige mechanische Stoppuhr und den unbändigen eigenen Willen, immer schneller zu werden.
Ihre wahre Liebe galt lange Zeit dem reinen Sprint, besonders den rasanten 200 Metern. Doch die kühle sportliche Vernunft, gepaart mit ihrem unübersehbaren, gigantischen körperlichen Potenzial, wiesen ihr irgendwann zwangsläufig den Weg zur brutalsten aller Sprintstrecken: den 400 Metern. Diese legendäre Stadionrunde gilt nicht umsonst als die unerbittliche Königsdisziplin der Leichtathletik. Sie ist lang genug, um die Muskulatur gnadenlos mit schmerzhafter Milchsäure zu fluten, und dennoch kurz genug, um durchgehend im extremen Sprinttempo absolviert werden zu müssen. Wer je diese mörderische Distanz am absoluten körperlichen Limit gelaufen ist, kennt den gefürchteten Moment auf der letzten Zielgeraden, wenn die Lungen brennen wie pures Feuer, der Atem stockt und die Beine sich in schweres, unbewegliches Blei verwandeln. Doch Rita Wilden (die 1971 heiratete und diesen heute berühmten Namen annahm) lief diese grausame Distanz mit einer spielerischen, schwerelosen Eleganz, die Konkurrentinnen und Beobachter weltweit in Staunen versetzte. Und so stand sie im Sommer 1972 im architektonisch beeindruckenden Olympiastadion von München. Es sollten die sogenannten “heiteren Spiele” der Bundesrepublik werden, ein buntes, friedliches Fest, das die dunklen, unheilvollen Schatten der Spiele von 1936 für immer vertreiben sollte. Doch das bestialische, feige Attentat palästinensischer Terroristen auf die israelische Mannschaft hüllte das globale Sportfest urplötzlich in tiefe, traumatische Trauer und unendliches Entsetzen. In genau diesem bizarren, hochgradig emotionalen Spannungsfeld aus sportlicher Euphorie und lähmender Beklommenheit fand ihr größtes, historisches Rennen statt.

Ihre Gegnerin an diesem denkwürdigen Tag war Monika Zehrt aus der Deutschen Demokratischen Republik. Es war weit mehr als nur ein sportlicher Wettkampf auf rotem Untergrund; es war der direkte, hochpolitische Kampf zweier völlig gegensätzlicher Systeme auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges. Hinter Zehrt stand die gigantische, eiskalt kalkulierende Sportmaschinerie des Ostblocks, die Medaillen für das nationale Prestige sammelte wie militärische Rüstungsgüter und, wie die schockierte Welt erst Jahrzehnte nach dem Mauerfall durch geöffnete Geheimakten erfuhr, ihre eigenen Athleten systematisch und vollkommen skrupellos mit anabolen Steroiden dopte, oft ohne deren Wissen und unter Inkaufnahme schwerster gesundheitlicher Schäden. Hinter Rita Wilden stand auf der anderen Seite lediglich ihr westdeutscher Verein, ihr Trainer und ihre reine, unverfälschte Freude am Laufen. Das Duell war auf dem Papier absolut ungleich, geradezu ungerecht, doch Rita lieferte der übermächtigen staatlichen Maschine den mutigen Kampf ihres Lebens. Die 51,08 Sekunden der Siegerin gegen die 51,21 Sekunden der unglaublichen Zweitplatzierten. Ein flüchtiger Wimpernschlag. Als Rita kurz nach dem Zieleinlauf ihre strahlende, aufrichtige Freude über die Silbermedaille ausdrückte, sagte jemand diesen einen, berühmt gewordenen und toxischen Satz zu ihr: “Den einen Schritt schneller hättest du doch auch noch schaffen können.” Ihre sofortige Antwort darauf ist ein Monument beispielloser sportlicher und menschlicher Größe: “Wenn ich mich nicht restlos verausgabt hätte, wäre die Medaille doch nicht so viel wert gewesen.” Keine einzige Spur von Bitterkeit. Nur das tiefe, ehrliche Bewusstsein, dass der wahre Wert einer Leistung nicht in der Legierung des Metalls liegt, sondern in der absoluten Hingabe und Ehrlichkeit des sportlichen Augenblicks.
Dass sie in jedem Rennen aus reinstem Herzen lief, bewies sie eindrucksvoll auch in den erfolgreichen Jahren nach München. Zwei Jahre später, 1974 bei den Europameisterschaften in Rom, holte sie sensationell Bronze in unfassbaren 50,88 Sekunden. Es war die schnellste, perfekte Zeit ihres gesamten Lebens. Diese atemberaubende Bestzeit hielt beim renommierten TSV Bayer 04 Leverkusen sagenhafte 43 Jahre lang als unantastbarer Vereinsrekord. Über vier lange Jahrzehnte hinweg kamen und gingen ganze Generationen von bestens geförderten, hochmodernen Spitzenathletinnen mit neuesten Trainingsmethoden und Hightech-Ausrüstung, doch keine einzige von ihnen konnte die magische Zeit der bescheidenen kaufmännischen Angestellten aus Alsdorf unterbieten. Nach unglaublichen acht deutschen Meistertiteln und drei herausragenden Teilnahmen an Olympischen Spielen in Mexiko, München und Montreal beendete sie 1976 ihre großartige, skandalfreie Karriere. Für die allermeisten gefeierten Spitzensportler beginnt an genau diesem kritischen Punkt der tragische freie Fall ins absolute Nichts. Wenn der tosende Applaus plötzlich für immer verstummt, die Fernsehkameras unbarmherzig abgebaut sind und das Telefon nicht mehr mit neuen Sponsorenanfragen klingelt, zerbrechen viele ehemals strahlende Helden an der Ohrenbetäubenden Stille des Alltags. Sie verfallen in tiefe, dunkle Depressionen, klammern sich verzweifelt an vergangene Erfolge oder flüchten sich in zerstörerische Süchte, um die entstandene innere Leere zu füllen.
Rita Wilden jedoch meisterte diesen gefürchteten, harten Übergang in das zivile Leben mit genau jener eleganten Leichtigkeit und Bodenständigkeit, mit der sie einst über die Aschenbahnen der Welt schwebte. Sie weigerte sich, ein tragisches Opfer ihres eigenen Ruhms zu werden. Sie tauschte die Laufspikes schlichtweg gegen bequeme Golfschuhe ein. Auf dem saftig grünen Rasen des Golfplatzes fand sie ein wunderbares neues Feld für ihren gesunden Ehrgeiz und ihre Freude an der perfekten Bewegung. Mit einem tief beeindruckenden Handicap von 10 spielte sie bis ins hohe Alter höchst erfolgreich in der Damenmannschaft ihres Leverkusener Clubs und feierte auch dort fantastische Aufstiege und sportliche Erfolge. Ihr Privatleben blieb von den üblichen, hässlichen Boulevard-Skandalen völlig und vollumfänglich verschont. Ihre glückliche Ehe hielt über all die Jahrzehnte hinweg den extremen Belastungen des Leistungssports und des späteren Medieninteresses stand, und sie lebte fortan ein ruhiges, skandalfreies und zutiefst bodenständiges Leben in einem Eigenheim im Schatten der Leverkusener BayArena. Rita Wilden verkörpert bis zum heutigen Tag eine Form von moralischer und sportlicher Größe, die in unserer lauten, egozentrischen und oft oberflächlichen Gegenwart beinahe ausgestorben scheint. Sie hat niemals wehleidig die Tatsache bejammert, dass der systematische Betrug des Ostblocks ihr vielleicht die historische Goldmedaille und den ewigen Ruhm geraubt hat. Sie hat für sich die universelle Wahrheit begriffen, dass es am Ende eines langen, erfüllten Lebens überhaupt nicht darauf ankommt, ob man diesen allerletzten, fehlenden Schritt auf dem Treppchen ganz nach oben gemacht hat. Es kommt einzig und allein darauf an, dass man seinen persönlichen Weg mit unbändiger Leidenschaft, aufrichtiger Ehrlichkeit und einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen gegangen ist. Wenn heute ein echter Sportfan an jenen knappen, dramatischen Zieleinlauf in München zurückdenkt, sieht er nicht die enttäuschte Frau, die das Gold durch einen Schritt verlor. Er sieht eine bewundernswerte Frau, die den wahren, tiefen Sinn des Sports – und den des Lebens selbst – für immer und unumstößlich gewonnen hat.