Der Computer aus Fleisch und Blut: Die ungeschönte Wahrheit über Niki Lauda, das Feuer der Eifel und ein Leben purer Berechnung

Es roch nach verbranntem Gummi, nach giftigen Dämpfen, nach geschmolzenem Kunststoff und Benzin – nach etwas, das kein Mensch jemals riechen sollte. Und mitten in diesem unerträglichen, beißenden Gestank der Intensivstation kniete ein Priester an einem weißen Krankenbett. Er sprach mit leiser, belegter Stimme die letzten Worte, die man einem Sterbenden auf seinem letzten Weg mitgibt, die Letzte Ölung. Draußen, in der sagenumwobenen “Grünen Hölle” der Eifel auf dem Nürburgring, qualmte zu diesem Zeitpunkt noch immer die pechschwarze Stelle auf dem Asphalt, an der ein blutroter Ferrari in einem unfassbaren Inferno in Flammen aufgegangen war. Drinnen in der Klinik lag ein junger Mann von gerade einmal 27 Jahren. Sein halbes Gesicht war weggebrannt, seine Lunge tief von giftigem Rauch durchdrungen, seine Überlebenschancen gleich null. Und doch hörte dieser Mann, halb im Koma gefangen, wie ein fremder Geistlicher ihn auf den Tod vorbereitete. Er hörte es ganz genau. Das war das wahrhaft Grauenhafte an diesem Moment. Er war bei Bewusstsein genug, um in aller brutalen Härte zu begreifen, dass die Welt und die Ärzte ihn bereits abgeschrieben hatten. Doch irgendwo ganz tief in ihm regte sich in dieser dunkelsten Stunde keine Verzweiflung, keine panische Angst, sondern ein kalter, fast übermenschlicher und trotziger Zorn. Dieser Mann beschloss in den Tiefen seines Geistes: Er würde heute nicht sterben. Nicht hier. Nicht so. Sechs unfassbare Wochen später saß er wieder am Steuer eines Formel-1-Wagens.

Wer die 1970er Jahre bewusst erlebt hat, wer damals an den Sonntagnachmittagen vor dem klobigen Röhrenfernseher saß, wenn die dröhnenden Motoren aufheulten und die heldenhaften Namen der Fahrer durch die gutbürgerlichen Wohnzimmer hallten, der weiß genau, von wem hier die Rede ist: Niki Lauda. Schon der bloße Name klingt hart, nach Kupplung und Kaltblütigkeit, nach einem knappen, trockenen Nicken statt großer, emotionaler Worte. Er klingt nach jener ikonischen roten Kappe, die später zu seinem weltweiten Wahrzeichen wurde, weil sie eine tiefe Wunde verbarg, die auf seiner Haut und in seiner Seele niemals ganz verheilte. Und doch beginnt fast jede Erzählung über ihn, jeder Bericht und jede Dokumentation an der völlig falschen Stelle – nämlich bei den lodernden Flammen, als sei dieses tragische Feuer der absolute Kern seines gesamten Lebens gewesen. Dabei war das Feuer der Eifel nur ein einziger, wenn auch einschneidender Augenblick in einem Dasein, das von Grund auf aus absoluter Berechnung bestand. Es war ein Leben der Disziplin, geprägt von einer nahezu unmenschlichen Fähigkeit, das tödliche Risiko auf der Rennstrecke zu vermessen, so wie ein brillanter Ingenieur die Statik einer gewaltigen Brücke berechnet. Man nannte ihn nicht umsonst “den Computer”. Und es ist die größte Ironie des Schicksals, dass gerade dieser Computer, dieser kühlste, methodischste und am wenigsten waghalsige Fahrer einer wilden Epoche, in der junge Männer wie Fliegen auf dem Asphalt starben, beinahe lebendig verbrannt wäre. Das ist der eigentliche, zutiefst faszinierende Widerspruch, an dem sich sein gesamtes, episches Leben aufhängt.

Geboren wurde Andreas Nikolaus Lauda am 22. Februar 1949 im wunderschönen Wien. Es war eine Stadt, die noch immer von den Alliierten besetzt war, geprägt vom Wiederaufbau und den Narben des Krieges. Er wurde in eine Familie hineingeboren, die fast alles besaß – Geld, Macht, Einfluss und gesellschaftliches Ansehen –, außer vielleicht dem nötigen Verständnis für den eigensinnigen Jungen, der da zur Welt gekommen war. Die Laudas waren extrem wohlhabende Papierfabrikanten. Es war ein Name mit gewaltigem Gewicht in der elitären österreichischen Wirtschaft. Der Großvater, Hans Lauda, war ein Industrieller von europäischem Format, Präsident der mächtigen Vereinigung der Österreichischen Industrie. Ein Mann, dem die prunkvollen Türen der politischen Macht stets offenstanden und der sehr genaue, unverrückbare Vorstellungen davon hatte, wie ein echter Lauda sich zu verhalten habe. Ein Lauda sollte selbstverständlich studieren. Er sollte in das familiäre Imperium eintreten, den Namen würdevoll in holzgetäfelten Sitzungssälen und auf glänzenden Bilanzen fortführen. Ein Lauda sollte so gut wie alles Mögliche werden, nur eines ganz gewiss nicht: ein schmutziger, todesmutiger Rennfahrer.

Doch der junge Andreas Nikolaus interessierte sich rein gar nicht für staubige Bilanzen oder das Erbe des Großvaters. Er interessierte sich brennend für laute Motoren, für das helle, metallische Geräusch, wenn ein komplizierter Vergaser perfekt eingestellt war, und für die rohe, unerbittliche Physik der Geschwindigkeit. Als Schüler war er unauffällig, keineswegs ein Musterknabe. Er war jemand, dem die Schulzeugnisse schlichtweg egal waren, weil sein brillanter Kopf längst in einer anderen Welt funktionierte. Er schraubte heimlich an alten Autos, fuhr in wildem Tempo über abgelegene Höfe und stahl sich kostbare Stunden hinter Lenkrädern von Fahrzeugen, die ihm überhaupt nicht gehörten. Und als nach endlosen Diskussionen unmissverständlich klar wurde, dass die stolze Familie ihm keinen einzigen Groschen für diesen offensichtlichen “Wahnsinn” geben würde, tat Niki Lauda etwas, das seinen ganzen, unnachgiebigen Charakter in einer einzigen, atemberaubenden Geste zusammenfasst. Er marschierte eiskalt zu einer Bank, nahm einen Kredit über eine absurd hohe Summe auf und hinterlegte als einzige Sicherheit etwas Unfassbares: seine eigene Lebensversicherung.

Man muss sich diese unglaubliche Tatsache regelrecht auf der Zunge zergehen lassen. Ein junger, ehrgeiziger Mann verpfändet die Versicherungspolice, die im Falle seines eigenen Todes ausgezahlt wird, nur um sich den teuren Einstieg in einen Extremsport zu erkaufen, der ihn jeden Sonntag genau diesen Tod kosten könnte. Er setzte sein künftiges Leben ein, um an das viele Geld zu kommen, mit dem er sein aktuelles Leben auf den Rennstrecken Europas riskieren durfte. Das war keine verzweifelte, romantische Handlung eines Träumers; das war reines, unerbittliches Kalkül. Kaltes, präzises und absolut atemberaubendes Kalkül. Mit diesem geliehenen Geld kaufte er sich im Jahr 1971 mutig in das March-Team ein, zunächst in der Formel 2. Der gewaltige Sprung in die Königsklasse, die Formel 1, ließ jedoch nicht lange auf sich warten. Sein allererster Grand Prix fand ausgerechnet vor heimischem Publikum in Österreich statt, und niemand auf den prall gefüllten Tribünen ahnte an diesem Tag, dass hier ein zukünftiger dreifacher Weltmeister seine historische Bahn begann. Die allerersten Jahre im Motorsport waren zäh und frustrierend. Das Auto des March-Teams taugte herzlich wenig. Danach folgte eine schwierige Saison beim britischen BRM-Rennstall, dessen einstige große Zeit bereits unwiderruflich vorüber war. Jeder andere, weniger besessene junge Mann hätte an diesem Punkt längst aufgegeben. Lauda jedoch tat das genaue Gegenteil. Er verschuldete sich einfach noch viel tiefer. Er hielt eisern durch. Er verließ sich blind auf die eine überragende Fähigkeit, die ihn von allen anderen wilden Draufgängern auf der Strecke fundamental unterschied: Er konnte einem Chef-Ingenieur nach jeder Fahrt exakt, auf den Millimeter genau sagen, was das Auto tat. Nicht ungefähr, nicht gefühlsmäßig, nicht aus dem Bauch heraus, sondern analytisch präzise in einer harten Sprache, die Techniker sofort verstanden. Er war viel weniger ein intuitiver Künstler am Lenkrad, sondern vielmehr ein genialer Diagnostiker.

Und exakt diese seltene Gabe war es, die schließlich einem alten, mächtigen Mann im fernen italienischen Maranello auffiel. Einem Mann, dessen ehrfurchtgebietender Name für den gesamten Motorsport stand wie kein zweiter auf der Welt: Enzo Ferrari. Der ehrfürchtige “Commendatore” holte den jungen Österreicher im Jahr 1974 in sein legendäres Team. Für Niki Lauda war dieser erlösende Anruf das definitive Ende der drückenden Bankkredite und der glorreiche Beginn der ganz großen Jahre. Und er zahlte das enorme Vertrauen der Italiener sofort in barer Münze zurück. Beim Großen Preis von Spanien fuhr er unangefochten seinen allerersten Sieg in der Formel 1 ein. Im darauffolgenden Jahr, 1975, krönte er sich zum ersten Mal souverän zum Weltmeister. Die stolze Scuderia Ferrari, die jahrelang sportlich darben musste und von der Konkurrenz belächelt wurde, hatte in ihm endlich ihren Königsfahrer gefunden. Lauda testete unermüdlich und ohne Pause. Er drehte auf der Teststrecke in Fiorano Runde um Runde, von früh morgens bis spät in die Nacht, wo die anderen Fahrer längst bei einem kühlen Drink in der Hotelbar saßen und das Leben genossen. Er zerlegte jedes noch so kleine technische Problem in seine kleinsten Bestandteile und setzte es systematisch neu zusammen. In einer wilden Ära der waghalsigen Draufgänger, der langhaarigen Lebemänner, die auf der Strecke ihr Leben leichtsinnig riskierten und daneben ihr Geld für schöne Frauen und schnelle Autos verspielten, war Lauda die unbestrittene Ausnahme. Er rechnete. Immer und überall rechnete er. Ein Formel-1-Rennen war für ihn absolut kein emotionaler Rausch, sondern eine hochkomplexe mathematische Gleichung. Und wer alle physikalischen Variablen kannte, der konnte am Ende unweigerlich das Ergebnis bestimmen.

Dann kam das schicksalshafte Jahr 1976. Ein Jahr, das das Leben von Niki Lauda gnadenlos in zwei völlig unterschiedliche Hälften teilte – in ein Davor und ein Danach, aus dem er zwangsläufig als ein anderer Mensch zurückkehren sollte. Er führte die Weltmeisterschaft souverän an. Sieg reihte sich an Sieg. Es sah für alle Beobachter so aus, als würde er den begehrten Titel spielend leicht verteidigen, ohne dabei auch nur ins Schwitzen zu geraten. Doch da war diese eine bestimmte Strecke, die dem pragmatischen Rechner keine Ruhe ließ: Die berüchtigte Nordschleife des Nürburgrings. Jene schier endlosen 22 Kilometer mitten durch die raue Eifel, gespickt mit 76 tückischen Kurven. Ein unberechenbares Ungetüm aus dunklem Wald, steilen Abgründen und der absoluten Notwendigkeit von blindem Vertrauen in die Technik. Lauda, der ewige Rechner, hatte knallhart analysiert und ausgerechnet, dass diese veraltete Strecke für die modernen, pfeilschnellen Boliden schlichtweg nicht mehr sicher war. Er wusste, dass es dort keine Rettungshubschrauber gab, wo sie im Notfall zwingend sein müssten. Er wusste, dass es keine ausreichenden Streckenposten gab und keine Feuerwehr, die in dieser unwegsamen Waldwildnis jemals rechtzeitig zur Stelle sein könnte. Er versuchte im Vorfeld eindringlich, alle anderen Fahrer zu einem kollektiven Boykott des Rennens zu bewegen. Doch bei der entscheidenden Abstimmung unter den Piloten unterlag er tragischerweise um eine einzige, winzige Stimme. Und weil er – so sehr er diese Gefahr auch fürchtete – seinen wertvollen WM-Titel niemals kampflos hergeben wollte, stieg auch er am Renntag in sein Auto.

Am 1. August 1976, in der tückischen zweiten Runde des Rennens, geschah exakt das, was er zuvor so präzise prophezeit hatte. Sein roter Ferrari brach plötzlich aus. Die genauen Gründe dafür wurden in der Motorsportgeschichte nie vollständig und zweifelsfrei geklärt, vermutlich war es ein fataler Defekt an der hinteren Aufhängung. Der Bolide schlug mit brutaler Wucht in die seitliche Böschung ein, prallte wie ein Spielzeugauto zurück auf die Strecke, fing sofort Feuer und wurde in diesem Chaos von nachfolgenden Wagen gerammt. Fast eine volle, grauenhafte Minute lang saß Niki Lauda hilflos eingeklemmt in dem brennenden Wrack. Das austretende Benzin loderte gnadenlos, und die unglaubliche Hitze von hunderten Grad Celsius fraß rasend schnell alles auf, was menschlich an ihm war. Es kam kein ausgebildeter Streckenposten zur Hilfe. Die Rettung nahte in Form seiner mutigen Konkurrenten. Es waren andere Fahrer, die ihre eigenen Wagen mutig am Streckenrand abstellten, in die giftigen Rauchwolken sprangen und mit bloßen, ungeschützten Händen in das höllische Feuer griffen. Arturo Merzario, Guy Edwards, Harald Ertl und Brett Lunger – diese Männer wurden zu wahren Helden. Ihre eigenen feuerfesten Rennanzüge begannen bereits gefährlich zu qualmen, als sie Lauda mit vereinten Kräften endlich aus dem Wrack zogen. Was nach diesem Akt der Tapferkeit von Niki Lauda übrig blieb, war das Bild des absoluten Schreckens: Ein Gesicht ohne rechtes Ohr, ohne Augenbrauen, ohne schützende Augenlider. Seine Lunge war zutiefst verätzt von den giftigen Dämpfen des Kunststoffs. Er war ein Mensch, den man eilig in das nächste Krankenhaus nach Mannheim brachte, eigentlich nur damit er dort in medizinischer Würde sterben konnte. Der Priester kam, die Letzte Ölung wurde gespendet. Und Lauda, der all das im Dämmerzustand mitbekam, entschied im lodernden Fieber, dass er bei diesem vorzeitigen Abschied definitiv nicht mitspielen würde.

Seine Frau saß stumm und fassungslos an diesem Bett. Marlene Knaus, ein gefeiertes Model, eine Frau von geradezu auffallender Schönheit, die er erst in jenem Jahr geheiratet hatte. Sie sah ihren frischgebackenen Ehemann dort liegen, in dicke Verbände gewickelt, schwerstens verbrannt, fast ein Monster, kaum mehr wiederzuerkennen. Und dennoch blieb sie unerschütterlich an seiner Seite. Es heißt in vielen Biografien, es sei nicht etwa die verlockende Aussicht auf künftigen Ruhm oder Reichtum gewesen, die ihn aus dem Koma zurückholte, sondern etwas zutiefst Trotziges in ihm. Etwas fast schon Wütendes. Der sture Gedanke, dass auf dieser Welt absolut niemand über sein Ende zu bestimmen habe – außer er ganz allein. Die behandelnden Ärzte staunten ungläubig. Was sie an seinem Bett sahen, widersprach in jeglicher Hinsicht der etablierten Medizin. Die schwer verbrannte Haut wuchs so gut zusammen, wie sie eben konnte, angetrieben von einer unfassbaren Überlebensenergie. Und Lauda verweigerte später vehement alle aufwendigen kosmetischen Schönheitsoperationen, die ihm angeboten wurden. Er ließ sich lediglich die weggeschmolzenen Augenlider aus der restlichen Haut seiner Oberschenkel und Ohren rudimentär neu formen, damit er überhaupt wieder blinzeln und schlafen konnte. Alles andere, was das Spiegelbild betraf, war ihm völlig gleichgültig. Ein glattes, schönes Gesicht interessierte diesen Mann nicht die Bohne. Ihn interessierte einzig und allein die brennende Frage, ob er jemals wieder in ein Formel-1-Auto passte.

Genau 42 Tage. So kurz und doch so unendlich lang dauerte es, bis er beim Großen Preis von Italien im königlichen Monza tatsächlich wieder an der Strecke stand. Das entstellte Gesicht verbarg er unter frischen, noch blutenden Verbänden und einem speziell angefertigten Helm. Seine Tränenkanäle waren durch das Feuer derart schwer beschädigt worden, dass ihm ständig und unkontrollierbar die Augen liefen. Er hat Jahre später in Interviews offen zugegeben, dass er damals die Öffentlichkeit gnadenlos angelogen hatte, als er kühn behauptete, er habe seine Todesangst schnell und sauber besiegt. In der bitteren Wahrheit war er starr vor purer Furcht, sein ganzer Körper zitterte, als er sich mit Gewalt wieder in das enge Cockpit zwängte. In genau die Art von rücksichtsloser Maschine, die ihn Wochen zuvor beinahe zu Asche verbrannt hätte. Unter dem schweren Helm sickerte während des Rennens das frische Blut aus den noch nicht verheilten Wunden, es klebte schmerzhaft an der feuerfesten Sturmhaube. Wer ihn nach diesem unglaublichen Rennen aus dem Wagen steigen sah, erblickte einen völlig erschöpften Mann, dem das warme Blut den Nacken hinunterlief. Doch das Ergebnis ließ die Welt verstummen: Er wurde sensationeller Vierter. Vierter – und das nur sechs magere Wochen nach der empfangenen Letzten Ölung. Es gibt in der langen, glorreichen Geschichte des gesamten Weltsports nur sehr wenige Augenblicke von solch einer stillen, respekteinflößenden Ungeheuerlichkeit.

Und doch verlor er am Ende dieses Jahres den Weltmeistertitel. Die Art und Weise, wie er ihn schließlich verlor, sagt jedoch weitaus mehr über den wahren Charakter des Menschen Niki Lauda aus als all seine glänzenden Siege zusammen. Beim allerletzten, entscheidenden Rennen der dramatischen Saison in Fuji, Japan, goss es aus tiefschwarzen Wolken in unvorstellbaren Strömen. Die Sichtweite auf der Piste war gleich null. Das Wasser stand zentimeterhoch auf der gefährlichen Bahn. Und Lauda, der dem sicheren Tod eben erst von der sprichwörtlichen Schippe gesprungen war, fuhr nach lediglich zwei gefahrenen Runden ganz ruhig an die Box. Er stieg methodisch aus seinem Auto und erklärte den fassungslosen Mechanikern und der Weltpresse mit eiskalter Logik, dass ihm sein eigenes Leben weitaus mehr wert sei als jeder weitere Weltmeistertitel. Man kann sich lebhaft vorstellen, was das damals für einen stolzen Mann in dieser toxischen, von Machismo geprägten Männerwelt der 70er Jahre bedeutete. Manche dummen Stimmen nannten es lauthals Feigheit. Er selbst nannte es schlichtweg Vernunft. Er, der der ganzen Welt gerade übermenschlich bewiesen hatte, dass ihm wahrer Mut nicht fremd war, besaß den noch viel größeren Mut aufzuhören, als das Risiko jeglichen Sinn verlor. Sein brillanter britischer Rivale James Hunt fuhr wild durch den peitschenden Regen weiter, riskierte alles, wurde glücklicher Dritter und gewann dadurch die Weltmeisterschaft um einen einzigen, lächerlichen Punkt. Ein Punkt entschied nach einem traumatischen Jahr aus Feuer, Blut, Schmerz und wundersamer Wiederauferstehung über den Titel. James Hunt und Niki Lauda – das war der vielleicht schönste und faszinierendste Gegensatz jener goldenen Motorsport-Ära. Der eine, Hunt, war ein wilder, trinkfreudiger, blonder Charmeur, ein Playboy, der das pralle Leben verbrannte, wie andere Leute billiges Benzin verbrennen. Der andere, Lauda, ein knochentrockener, österreichischer Rechner, der jede gerauchte Zigarette und jedes getrunkene Glas Alkohol als reine Verschwendung von körperlicher Effizienz betrachtete. Sie waren auf der Rennstrecke erbitterte Gegner bis aufs Blut, aber abseits des Asphalts verband sie eine tiefe Freundschaft. Es war eine dieser extrem seltenen, bedingungslosen Männerfreundschaften, die kaum große Worte brauchen, weil beide instinktiv wussten, was der andere durchmachte. Als James Hunt viele Jahre später viel zu jung an einem Herzinfarkt starb, verlor Lauda weitaus mehr als nur einen ehemaligen Konkurrenten. Er verlor einen der wenigen Menschen auf diesem Planeten, die ihn ganz und gar verstanden hatten.

Bereits im darauffolgenden Jahr, 1977, holte sich Lauda mit brachialer Präzision zurück, was ihm in Japan genommen worden war. Er krönte sich absolut souverän zum zweiten Mal zum Weltmeister, abermals für Ferrari. Dies geschah mit einer bestechenden Konstanz, die keinen einzigen Zweifel an seiner Dominanz zuließ. Podium um Podium sammelte er Punkte; es war kein emotionaler Rausch, sondern unerbittliche Beständigkeit. Doch das komplexe Verhältnis zur Scuderia Ferrari und zu Enzo Ferrari selbst war im Hintergrund längst unwiderruflich vergiftet. Man hatte dem Österreicher während seiner schweren Verletzungsphase tief misstraut. Die Teamleitung hatte sofort einen zweiten Fahrer, Carlos Reutemann, verpflichtet, als sei Lauda bereits Geschichte und sportlich erledigt gewesen. Man hatte ihm seine rasche, fast übermenschliche Rückkehr in die Boxengasse nicht gedankt, sondern ihn eiskalt behandelt wie einen nützlichen Angestellten, der lediglich seine Pflicht getan hatte. Niki Lauda war jedoch absolut nicht der Mann, der so etwas Verräterisches vergaß oder vergab. Als der WM-Titel mathematisch feststand, ließ er die beiden restlichen, unbedeutenden Rennen der Saison einfach sausen. Er verließ das legendäre Team im Zorn, mitten in der laufenden Meisterschaft, die er gerade für sie gewonnen hatte. Die fanatischen italienischen Tifosi, die ihn eben noch wie einen lebenden Gott vergöttert hatten, wandten sich schockiert von ihm ab. Für sie war dieser kühle Abschied ein Verrat am heiligen Rot. Für Lauda war es schlichtweg eine Frage der persönlichen Würde.

Er wechselte zum britischen Brabham-Team, geführt von dem gerissenen Visionär Bernie Ecclestone, und absolut niemand konnte ihn von diesem lukrativen, aber riskanten Schritt abbringen. Bei Brabham erlebte er eine der kuriosesten Episoden der langen Motorsportgeschichte – den Auftritt des sogenannten “Staubsauger-Autos” oder Fan-Wagens. Ein von dem brillanten Konstrukteur Gordon Murray ersonnenes Ungetüm, das mit einem gewaltigen Ventilator am Heck die Luft unter dem Auto absaugte und den Wagen so stark an den Asphalt presste, dass er unfassbare Kurvengeschwindigkeiten erreichte. Lauda gewann damit spielerisch den Großen Preis von Schweden. Doch das revolutionäre Konzept war zu genial und zu regelwidrig; Ecclestone zog es klugerweise sofort aus dem Verkehr, ehe es einen offenen, politischen Krieg unter den konkurrierenden Teams entfachte. Danach wurden die Jahre bei Brabham zäh. Die Autos taugten wenig, waren unzuverlässig, und die Motivation des zweimaligen Weltmeisters schwand zusehends. Mitten in einer unscheinbaren Trainingssession in Kanada im Jahr 1979 geschah dann das, was wieder einmal nur Lauda in dieser kalten Konsequenz tun konnte. Er fuhr langsam an die Box, stieg ruhig aus seinem Rennwagen und sagte Bernie Ecclestone ins Gesicht, dass er genug habe. Er habe schlichtweg “keine Lust mehr, im Kreis zu fahren”. Einfach so. Der große Niki Lauda trat ab. Ohne pompöse Abschiedstournee, ohne mediale Rührseligkeit oder Krokodilstränen. Er hatte im Leben einfach noch etwas anderes vor. Er wollte fliegen. Denn längst hatte in seinem rastlosen Kopf ein zweiter, nicht weniger intensiver Ehrgeiz Wurzeln geschlagen, der rein gar nichts mit Autorennen zu tun hatte, und doch so wunderbar zu seinem kalkulierenden Wesen passte. Lauda liebte Flugzeuge abgöttisch. Er machte höchstpersönlich den Pilotenschein, saß stolz selbst im Cockpit großer Passagiermaschinen, und 1979 gründete er voller Tatendrang seine eigene Fluggesellschaft: die Lauda Air. Das war absolut kein teures Spielzeug eines gelangweilten, reichen Prominenten. Das war ein knallhartes Unternehmen, in das er seinen berühmten Namen, sein gesamtes privates Geld und seinen unendlichen Stolz steckte. Wer in der Branche glaubte, der ehemalige Rennfahrer habe nur ein exzentrisches Hobby gefunden, unterschätzte gewaltig, wie tief dieser hartnäckige Mann sich in eine Sache verbeißen und die Konkurrenz attackieren konnte.

Und dennoch ließ ihn die Magie der Formel 1 nicht endgültig los. Im Jahr 1982 lockte ihn ein Mann mit großer Vision zurück in den Rennzirkus, der später den modernen Motorsport prägen sollte wie kaum ein anderer: Ron Dennis von McLaren. Er köderte ihn mit einem gigantischen Vertrag, der damals der mit Abstand lukrativste der Sportgeschichte war. Lauda, der viel Geld benötigte, um seine wachsende Fluglinie zu finanzieren, sagte Ja. Und er sagte nicht aus nostalgischer Sentimentalität Ja, sondern einzig und allein, weil er die Zahlen auf dem Papier genau kannte und berechnete. Schon in seinem dritten Rennen nach der langen Rückkehr gewann er souverän in Long Beach, Kalifornien, als hätte er nie eine Pause eingelegt. Doch die eigentliche, historische Krönung seines Comebacks kam zwei Jahre später, im Jahr 1984. Und sie war so verdammt knapp, so unwahrscheinlich, dass sie bis zum heutigen Tag in keinem anderen Titelkampf ihresgleichen findet. Lauda bekam in diesem Jahr einen neuen Teamkollegen bei McLaren, der jünger, hungriger und über eine einzelne schnelle Qualifying-Runde zweifellos schneller war: ein französisches Ausnahmetalent namens Alain Prost. Zwischen diesen beiden fantastischen Fahrern entspann sich das ganze lange Jahr über ein psychologisches Duell, das an den Nerven zerrte. Es war McLaren gegen McLaren, abgeklärte Erfahrung gegen jugendliches Feuer, eiskalte Berechnung gegen rohe, unbändige Geschwindigkeit. Prost gewann insgesamt mehr Rennen, er holte sieben Siege. Lauda hingegen gewann nur fünfmal. Und doch wusste der alte Fuchs Lauda etwas, das der junge Prost erst noch schmerzhaft lernen musste: Er wusste instinktiv, wann ein sicherer zweiter Platz in der Gesamtwertung mehr wert war als das dumme, riskante Streben nach dem Sieg, der im Ausfall enden konnte. Beim nervenzerreißenden Finale in Portugal gewann Prost zwar das letzte Rennen, doch Lauda fuhr besonnen auf den zweiten Platz vor. Und als die Zielflagge fiel und die gesamte Saison abgerechnet war, trennte die beiden Giganten im Klassement unfassbare 0,5 Punkte. Ein halber Punkt! 72 zu 71,5 Punkte. Es war der knappste Ausgang, den es in der jahrzehntelangen Geschichte dieses Sports je gab – und bis heute gibt. Ein ganzes, langes Jahr, 16 brutale Rennen, abertausende von Kilometern wurden am Ende entschieden durch eine mathematische Zahl, die kleiner ist als ein einziger flüchtiger Gedanke. Es war der dritte WM-Titel für einen Mann, der acht Jahre zuvor von einem Priester bereits für tot erklärt worden war. Und er passte so unendlich perfekt zu ihm, denn er war nicht mit lautem Getöse, sondern mit chirurgischer Präzision errungen worden. Mit jenem stillen, genialen Wissen, dass am Ende des Tages nicht zwingend der Schnellste den Pokal in die Höhe stemmt, sondern derjenige, der die wenigsten Fehler macht. Ein Jahr später war dann endgültig Schluss. Sein allerletzter Grand-Prix-Sieg gelang ihm im holländischen Zandvoort. Sein finales Rennen bestritt er in Australien, und dann hängte er den berühmten Helm endgültig an den Nagel, diesmal ohne jede Absicht, ihn jemals wieder in die Hand zu nehmen. Er hinterließ eine Legende: 25 Grand-Prix-Siege, drei Weltmeisterschaften, unzählige Podestplätze und über allem der unsterbliche Ruf eines Mannes, der direkt aus dem Feuer zurückgekehrt war.

Es hätte ein so wunderschöner, runder Abschied sein können. Das filmreife Ende einer großen, heldenhaften Laufbahn und der sanfte Übergang in ein ruhigeres, von Wohlstand geprägtes Leben als Geschäftsmann. Doch das mit Abstand größte und schwärzeste Unglück seines Lebens lag damals noch dunkel vor ihm. Und es hatte tragischerweise absolut nichts mit Rennwagen zu tun. Man schrieb den 26. Mai 1991. Eine riesige Boeing 767 der Lauda Air, ein noch fast funkelnagelneues Flugzeug, das den klangvollen Namen “Mozart” trug, hob im schwülen Bangkok ab, unterwegs in die Heimat nach Wien. An Bord befanden sich 213 Passagiere und 10 Besatzungsmitglieder, die einem ruhigen Flug entgegensahen. Wenige Minuten nach dem Start, hoch über den undurchdringlichen, tiefgrünen bewaldeten Bergen Thailands, passierte das Unfassbare. Es löste sich an einem der gigantischen Triebwerke durch einen fatalen Systemfehler die Schubumkehr – ein Mechanismus, der eigentlich strengstens darauf ausgelegt ist, erst bei der sicheren Landung am Boden zum starken Bremsen zu dienen. In der Luft, bei voller Steigflug-Geschwindigkeit, riss diese Kraft das Flugzeug in einen brutalen Strömungsabriss, der von den Piloten nicht mehr zu beherrschen war. Die Maschine brach durch die enormen G-Kräfte noch in der Luft auseinander und stürzte in tausenden von Trümmern in den thailändischen Dschungel. Niemand überlebte. 223 Menschen starben. Ein einziger, winziger Augenblick eines defekten Ventils oder fehlerhafter Computertechnik löschte so viele unschuldige Leben aus, wie eine ganze Dorfgemeinschaft zählt. Und Niki Lauda tat in dieser dunkelsten Stunde das, was vermutlich kein anderer Vorstandsvorsitzender eines Unternehmens getan hätte. Er delegierte nicht, er versteckte sich nicht hinter Anwälten. Er flog selbst, sofort und unverzüglich, zur Absturzstelle. Er stapfte mit Gummistiefeln tief durch den heißen, feuchten Dschungel, bahnte sich seinen Weg zwischen den rauchenden Trümmern seines eigenen, stolzen Flugzeugs und zwischen den entsetzlich zugerichteten Körpern der Toten. Er suchte mit eigenen Augen nach handfesten Beweisen, was um Himmels willen dort oben geschehen war. Er ließ sich im Nachhinein von den PR-Managern in Amerika nicht mit hohlen Beileidsfloskeln abspeisen. Er verlangte brüllend die ungeschönte Wahrheit, auch wenn diese harte Wahrheit sein geliebtes Unternehmen und seinen guten Namen für immer hätte vernichten können. Als sich der technische Verdacht endgültig auf die Konstruktion der Schubumkehr fiel, stellte er sich ohne mit der Wimper zu zucken gegen den Riesen Boeing – gegen einen der mächtigsten und einflussreichsten Rüstungs- und Luftfahrtkonzerne der gesamten Welt. Er forderte im Simulator, man solle ihn selbst in einem Testflug mitnehmen und den Vorfall genau so nachstellen. Erst da, so erzählte man sich respektvoll, habe der mächtige Konzern leise eingeräumt, dass eine solch plötzliche Schubumkehr in dieser extremen Höhe und bei dieser Geschwindigkeit für die Piloten unweigerlich zum katastrophalen Absturz führen musste. Lauda hat später in tiefster Trauer gesagt, diese Zeit nach dem Absturz sei die mit Abstand schlimmste seines ganzen Lebens gewesen. Schlimmer, viel schlimmer als die schmerzhaften Monate nach seinem eigenen Flammenunfall von 1976. Man begreift diese Aussage erst, wenn man tiefer darüber nachdenkt. Damals, auf dem Nürburgring, hatte er ganz bewusst und freiwillig sein eigenes Leben aufs Spiel gesetzt. Er hatte es verspielt und durch Kampfgeist zurückgewonnen. Im schlammigen Dschungel von Thailand aber lag die unfassbare Verantwortung für 223 unschuldige, fremde Leben bleischwer auf seinen Schultern. Und keine Willenskraft der Welt, kein noch so trotziger Zorn konnte auch nur ein einziges dieser Leben jemals wieder zurückholen.

Wer nun glaubt, ein solch vernichtender psychologischer Schlag müsse einen Mann endgültig zerbrechen, der kennt Niki Lauda einfach nicht. Er machte weiter. Er kämpfte sich zurück, im Rennsport wie in der unerbittlichen Luftfahrt. Er gründete in den Folgejahren einfach weitere Fluglinien wie “Niki”, er verkaufte sie gewinnbringend, er kaufte neue Anteile. Er blieb stets ein Getriebener, dem die stille Ruhe vollkommen fremd war. Und irgendwann kehrte er naturgemäß in die vertraute Welt zurück, aus der er einst gekommen war. Nun aber nicht mehr als furchtloser Fahrer hinter dem Lenkrad, sondern als brillanter Denker, als graue Eminenz an der Boxenmauer. Vom Jahr 2012 an saß er als mächtiger Aufsichtsratschef beim dominanten Mercedes-Rennstall. Und es war nicht zuletzt sein feines Gespür für Talent, seine natürliche Autorität und seine einzigartige Fähigkeit, im richtigen, entscheidenden Moment die richtigen Menschen zusammenzubringen, die aus diesem Werksteam die absolut dominierende Kraft einer ganzen neuen Motorsport-Ära machten. Er holte Lewis Hamilton zu Mercedes und veränderte die Geschichte. Die legendäre rote Kappe (von Parmalat über Novomatic bis hin zu anderen Sponsoren), die er nun stets auf dem Kopf trug, war zu einem Millionen-Markenzeichen geworden. Wer jedoch genau hinsah, der wusste, dass sie viel mehr verbarg als nur fehlende Haare. Sie verbarg die ewige Geschichte eines lodernden Feuers, das ihn körperlich nie ganz losgelassen hatte. Ein Unternehmen zahlte ihm über Jahre hinweg absurd viel Geld dafür, lediglich sein kleines Logo auf eben dieser unscheinbaren Kappe zu tragen. Lauda, der Rechner, fand das nur absolut folgerichtig. Wenn man schon eine schmerzhafte Narbe im Gesicht tragen musste, dann sollte sie sich wenigstens finanziell ordentlich rentieren.

Doch hinter der Fassade des abgebrühten Geschäftsmanns, hinter der Aura des mehrfachen Weltmeisters, hinter der spröden, oft gnadenlos schroffen und direkten Art lebte ein sehr verletzlicher Mensch, dessen privates Leben genauso intensiv von emotionalen Höhen und tiefen Abgründen durchzogen war wie seine halsbrecherische Karriere. Die Ehe mit seiner schönen Marlene Knaus, die noch im traumatischen Jahr des Feuers 1976 romantisch geschlossen wurde, hielt lange 15 Jahre. Zwei Söhne gingen aus dieser Verbindung hervor, Lukas und Mathias. Und es lag eine gewisse familiäre Ironie darin, dass ausgerechnet der jüngere Sohn Mathias später selbst eine Karriere als Rennfahrer anstrebte. Obwohl der besorgte Vater ihm strengstens verboten hatte, vor dem Erreichen des 21. Lebensjahres überhaupt nur in die Nähe eines Cockpits zu kommen. Lauda wusste einfach viel zu genau, was dieser gefährliche Sport einem jungen Menschen antun konnte. Er hatte es ja am eigenen, verbrannten Leib erfahren müssen. Der ältere Sohn Lukas wurde pragmatisch zum Manager seines Bruders, und so blieb die Familie auf ihre ganz eigene, geschäftige Weise eng mit den lärmenden Rennstrecken verbunden, aus denen der Übervater einst aufgestiegen war. Es gab zudem noch einen dritten Sohn, Christoph, geboren aus einer heimlichen Liebesbeziehung außerhalb der Ehe. Ein uneheliches Kind, das dennoch zum Leben dieses unglaublich komplizierten Mannes gehörte wie alles andere auch – ungeschönt, direkt und von Lauda niemals feige verschwiegen. Im Jahr 1991, exakt im selben furchtbaren Jahr wie die verheerende Flugkatastrophe von Thailand, zerbrach schließlich auch die Ehe mit Marlene endgültig. Es war ein Jahr, das ihm fast alles nahm, woran er sich klammern konnte.

Man könnte meinen, damit sei die private, oft tragische Geschichte bereits ausreichend erzählt. Doch das wohl eindrücklichste und emotionalste Kapitel in seinem Leben kam erst noch. Es handelte auf brutale Weise von Krankheit, aber auch von einer grenzenlosen Liebe, die sich in einer Art und Weise bewies, die an Hingabe kaum zu überbieten ist. Die damals verbrannte Lunge, die durch Medikamente vergifteten Organe, das alles forderte viele Jahre später still und leise seinen unerbittlichen Preis. Das Feuer der Eifel brannte tief in seinem Körper weiter. Im Jahr 1997 versagten Laudas Nieren ihren Dienst. Es war niemand Geringeres als sein eigener Bruder Florian, der nicht zögerte und ihm eine lebensrettende Niere spendete. Ein Bruder, der ihm selbstlos ein Stück seines eigenen Körpers gab, damit der berühmte Niki Lauda weiterleben konnte. Doch auch diese familiäre Niere hielt medizinisch nicht ewig. Im Jahr 2005 versagte auch sie erneut ihren Dienst, und Lauda schwebte abermals akut in höchster Lebensgefahr. Er musste an die rettende Dialyse. Da gab es eine noch relativ junge Frau in seinem neuen Leben, Birgit Wetzinger. Sie war rund 30 Jahre jünger als er, eine ehemalige Flugbegleiterin bei seiner eigenen Lauda Air. Sie kannten einander zu diesem Zeitpunkt erst seit wenigen, zarten Monaten. Und diese mutige Frau tat ohne zu zögern, ohne eine Garantie auf die Zukunft zu fordern, das Größte, was ein Mensch für einen anderen tun kann: Sie ließ sich untersuchen und gab ihm eine ihrer eigenen Nieren. Sie schenkte dem kranken Mann, den sie aus tiefstem Herzen liebte, ein wertvolles Stück ihres eigenen Lebens. Drei glückliche Jahre später heirateten die beiden in einer denkbar schlichten, privaten Zeremonie, die angeblich kaum länger dauerte als eine wirklich schnelle Runde auf einer kurzen Formel-1-Strecke. Und noch einmal, spät, in einem gesetzten Alter, in dem andere Männer längst glückliche Großväter sind, wurde Niki Lauda erneut Vater. Birgit schenkte ihm wundervolle Zwillinge, Max und Mia. Da saß nun also dieser vom harten Leben extrem gezeichnete Mann. Das Gesicht voller Narben, die Organe fremder Menschen in seinem verletzten Körper, und er hielt vorsichtig zwei winzige, neue Kinder in den Armen. Es war, als hätte ihm das raue Schicksal nach all den Verbrennungen, den grausamen Verlusten und Todeskämpfen noch einmal einen wunderschönen, friedlichen Frühling gegönnt. Wer die Bilder aus jenen glücklichen Jahren sah, sah einen Niki Lauda, der merklich weicher geworden war. Er wirkte ruhiger, ohne jedoch seine geliebte alte Schroffheit und den Wiener Schmäh ganz abzulegen. Die Zwillinge waren sein großes, spätes Glück, und Birgit war die treue, stille Konstante, die ihn durch alles trug, was in der Zukunft noch kommen sollte.

Und es kam leider noch sehr viel. Der geschundene Körper, den er sein ganzes Leben lang oft wie eine bloße Maschine behandelt hatte, an deren absolute Belastungsgrenzen man ohne Rücksicht gehen darf, meldete unweigerlich seine letzte, große Rechnung an. Im heißen Sommer 2018 versagte die vernarbte Lunge endgültig. Jene Lunge, die im tödlichen Feuer der Eifel den giftigen, beißenden Kunststoffrauch geschluckt hatte – mehr als unglaubliche vier Jahrzehnte zuvor. Er brauchte verzweifelt ein neues Organ, eine extrem riskante Lungentransplantation. Und abermals rang er sich aus dem Koma zurück ins Leben, wie er es schon so oft getan hatte. Mit einem eisernen Willen, der die modernen Ärzte im AKH Wien absolut ratlos und sprachlos machte. Doch diesmal war der letzte Vorrat an übermenschlicher Kraft aufgebraucht. Es folgten ein harter Winter, ein trügerisches Frühjahr und immer wieder herbe gesundheitliche Rückschläge. Am 20. Mai 2019 starb Andreas Nikolaus Lauda schließlich friedlich in einer Klinik in Zürich, im engsten, liebevollen Kreis seiner Familie, im Alter von 70 Jahren. Der Mann, den ein Priester schon unfassbare 43 Jahre zuvor für den Tod gesegnet und aufgegeben hatte, war endlich gegangen. Er ging in seiner eigenen Zeit, absolut nach seinen eigenen Regeln, um viele Jahrzehnte zu spät – jedenfalls gemessen an jenem blutigen Bett in der Eifel. Man begrub ihn standesgemäß in seiner Heimatstadt Wien im Rennanzug. Tausende von weinenden Menschen kamen zum Stephansdom, um Abschied zu nehmen. Und es gab wohl kaum einen in der Menge, der beim Klang des Namens Lauda nicht sofort ein vertrautes Bild vor Augen hatte: Den brennenden, roten Ferrari. Die rote Kappe. Das ruhige, von Flammen hart gezeichnete Gesicht mit den markanten Narben, das absolut nie um billiges Mitleid bat. Für die vielen Männer, die als kleine Jungen staunend vor dem Fernseher gesessen und gebannt mitgefiebert hatten, wenn er millimetergenau über die Nordschleife jagte, war er weit mehr als nur ein erfolgreicher Sportler. Er war ein prägendes Stück der eigenen Jugend. Er war ein unumstößlicher Fixstern in einer nostalgischen Zeit, in der die freien Sonntage noch intensiv nach Motoröl und großen, unsterblichen Namen rochen.

Lauda verkörperte sein ganzes Leben lang etwas, das man in unserer heutigen, lauten Welt nur noch extrem selten findet: Eine bewundernswerte Sturheit, die niemals schrill oder laut sein musste, um bemerkt zu werden. Einen tiefen Mut, der sich niemals in eitlen Worten oder Prahlerei erschöpfte, sondern durch Taten bewies. Eine schonungslose, manchmal verletzende Ehrlichkeit, die sich kategorisch weigerte, das eigene, verbrannte Gesicht durch plastische Chirurgen oberflächlich schöner zu operieren, als es das knallharte Leben nun einmal gemacht hatte. Vielleicht liegt genau darin das eigentliche, faszinierende Geheimnis dieses einmaligen Mannes. Er hat sich und der Welt nie so getan, als sei das Leben immer gnädig, fair oder gerecht. Er hat kühl gerechnet und analysiert, wo andere bloß blind hofften. Er hat eisern geschwiegen und gearbeitet, wo andere lautstark klagten und aufgaben. Und wenn er dann doch einmal in die Mikrofone sprach, dann immer trocken, ohne falsches Pathos, stets mit jenem leichten, unverwechselbaren österreichischen Klang in der Stimme, den man einfach nicht vergisst. Er wusste immer ganz genau, was ein Pokal oder ein Titel am Ende des Tages wert war, wenn man ihn hart am eigenen, zerbrechlichen Leben messen musste. Und er wusste auch mit großer Klarheit, dass am bitteren Ende alle Rechnungen des Lebens aufgehen – ganz gleich, ob man es will oder nicht. Die schwer verbrannte Lunge wartete geduldig vier lange Jahrzehnte in seiner Brust, dann trieb sie ihre unausweichliche Schuld endgültig ein. Es gibt in dieser ganzen, monumentalen Geschichte absolut keinen Trost, der billig wäre, und keine tränenschwere Wehmut, die er selbst jemals geduldet hätte. Es gibt nur den ganz tiefen, stillen Respekt vor einem epischen Leben, das mit einer waghalsig verpfändeten Lebensversicherung bei einer Bank begann und Jahrzehnte später nur durch geschenkte, fremde Organe von geliebten Menschen weitergehen konnte. Ein Leben, in dem der einst kälteste, unerbittlichste Rechner des Rennsports am Ende doch völlig von der bedingungslosen Wärme und Liebe seiner Mitmenschen abhing. Von der gespendeten Niere eines treuen Bruders. Von der lebensrettenden Niere einer jungen Frau, die ihn kaum kannte und doch mutig genug war, ihn bedingungslos zu lieben.

Wer die tiefe Mystik der Eifel wirklich kennt, wer vielleicht schon einmal an einem eiskalten, nebligen Morgen an der unheimlichen Nordschleife stand und ganz ruhig dem Flüstern des tiefen Waldes zuhörte, der weiß, wie unglaublich still es dort draußen sein kann. Wie wenig in der Natur eigentlich übrig bleibt von einem einzigen, extrem lauten Augenblick, der einst eine ganze, sportbegeisterte Welt erschütterte. Die uralten Bäume am Streckenrand stehen noch immer da wie stumme Wächter. Der glatte Asphalt wurde längst vielfach erneuert. Die verkohlten Spuren sind vom Regen der Jahrzehnte abgewaschen. Und doch: Irgendwo tief darüber, fest verankert in der kollektiven Erinnerung all jener Generationen, die damals atemlos dabei waren, jagt noch immer für immer ein blutroter, brüllender Wagen unaufhaltsam durch die gefährlichsten Kurven der Welt. Er wird meisterhaft gesteuert von einem jungen Mann, der ganz genau wusste, dass er dort jeden Moment sterben könnte. Und der trotzdem freiwillig und sehenden Auges einstieg, weil er einen halben Punkt, einen hart umkämpften Sieg und vor allem die eigene, unantastbare Würde niemals kampflos hergeben wollte. Manche Menschen erinnern sich heute an das furchtbare Feuer. Manche erinnern sich lächelnd an die markante rote Kappe im Fahrerlager. Und manche erinnern sich schlicht an das leise, trockene Nicken eines sturen Mannes, der wie Phönix aus der Asche zurückkam und den Rest seines Lebens unbeeindruckt weiterrechnete, als sei nie etwas Schlimmes geschehen. Es lohnt sich für uns alle, für einen winzigen Augenblick innezuhalten und daran zu denken, wo man selbst eigentlich gerade war, als das alles geschah. An welchem verregneten Sonntag, in welchem gemütlichen Wohnzimmer, an der Seite welcher geliebter Menschen, die heute vielleicht längst nicht mehr da sind. Niki Lauda war mehr als ein Rennfahrer. Er war das ultimative Symbol dafür, dass der menschliche Wille stärker sein kann als das heißeste Feuer dieser Erde.

Disclaimer: This story is fictional and created for entertainment purposes only. Any names, characters, places, or events are fictitious or used fictitiously. No real person or organization is intended to be portrayed.

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