Das verborgene Trauma einer Legende: Was Erwin Geschonneck der Welt verschwieg und wie er die Leinwand für immer veränderte
Es gibt Gesichter, die brennen sich unweigerlich in das kollektive Gedächtnis einer ganzen Nation ein. Gesichter, die ohne ein einziges gesprochenes Wort ganze Epochen, tiefe Schicksalsschläge und die pure Menschlichkeit erzählen können. Für Millionen von Zuschauern war Erwin Geschonneck genau so ein Gesicht. Sie kannten ihn als den furchteinflößenden Riesen mit dem gläsernen Auge, der Generationen von Kindern im Kinosessel den Atem stocken ließ. Sie kannten ihn gleichermaßen als den tollpatschigen, grundsympathischen Arbeiter, über den das Publikum Tränen lachte. Zwei völlig gegensätzliche Facetten, zwei extrem unterschiedliche Energien – und doch gehörten sie ein und demselben Mann. Erwin Geschonneck war nicht einfach nur ein Schauspieler; er war eine Naturgewalt der deutschen Filmgeschichte. Doch hinter der strahlenden Leinwandpräsenz und den jubelnden Kritiken verbarg sich eine tiefe, fast unerträgliche Dunkelheit.
Als ihm der renommierte Regisseur Frank Beyer im Jahr 1962 anbot, in einem neuen Film die Rolle eines Häftlings in einem Konzentrationslager zu übernehmen, lehnte Geschonneck ab. Nicht nur einmal, sondern immer und immer wieder. Monatelang wehrte er sich vehement gegen dieses Projekt, das ihm das dritte und vielleicht wichtigste Gesicht seiner Karriere verleihen sollte. Der Grund für diese strikte Weigerung war etwas, das er zu jener Zeit kaum jemandem begreiflich machen konnte. Es war ein Dämon seiner eigenen Vergangenheit, der ihn zurückhielt. Die Geschichte hinter dieser Entscheidung offenbart nicht nur den immensen Schmerz eines Mannes, sondern zeigt auch, wie aus tiefstem Trauma die vielleicht bedeutendste darstellerische Leistung seines gesamten Lebens erwuchs.
Aus den Schatten der Armut ins Rampenlicht
Um die inneren Kämpfe des Erwin Geschonneck zu verstehen, muss man weit zurückblicken, in die von Entbehrungen geprägte Zeit der Weimarer Republik. Geschonneck wuchs in denkbar einfachen, proletarischen Verhältnissen in Berlin auf. Als Sohn eines Nachtwächters lernte er früh die Härte des Überlebenskampfes kennen. Bereits in jungen Jahren suchte er nach Solidarität und fand diese in der Arbeitersportbewegung. Im Jahr 1929, einer Zeit massiver politischer Unruhen, trat er der KPD bei. Er war ein junger Mann mit brennenden Idealen, der an eine gerechtere Welt glaubte.
Doch die Geschichte nahm ihren verhängnisvollen Lauf. Wenige Jahre später, gezwungen durch die brutalen politischen Verhältnisse und die Machtübernahme der Nationalsozialisten, musste er Deutschland überstürzt verlassen. Es folgten unvorstellbar harte Jahre des Exils und des Überlebenskampfes. Erst im Jahr 1949, als Europa in Trümmern lag und sich mühsam neu ordnete, kehrte er in seine Heimat zurück. Es war niemand Geringeres als das legendäre Theater-Duo Bertolt Brecht und Helene Weigel, das ihn persönlich an das neu gegründete Berliner Ensemble holte. Dort fand er seine künstlerische Heimat. Er brillierte als Matti in Brechts Klassiker “Herr Puntila und sein Knecht Matti” und kurz darauf als Don Juan in Molières gleichnamigem Stück. Geschonneck war ein Schauspieler, der auf der Bühne keine Zurückhaltung kannte; er war ungestüm, kraftvoll und absolut furchtlos. Doch 1962 sollte genau diese schier grenzenlose Kraft an ihre absolute Schmerzgrenze stoßen.

Der Dämon der Vergangenheit: Warum er “Nackt unter Wölfen” ablehnte
Der aufstrebende Regisseur Frank Beyer, der kurz zuvor mit dem Film “Fünf Patronenhülsen” großes Aufsehen erregt hatte, trat mit einem monumentalen Projekt an Geschonneck heran. Es handelte sich um die Verfilmung von Bruno Apitz’ Roman “Nackt unter Wölfen” – einem der schwersten und bedrückendsten Stoffe in der gesamten Geschichte der ostdeutschen Filmgesellschaft DEFA. Apitz selbst hatte Jahre in einem Konzentrationslager überlebt, bevor er die wahre, herzzerreißende Geschichte eines kleinen Kindes aufschrieb, das von Häftlingen im Lager Buchenwald unter Lebensgefahr versteckt wurde. Für die zentrale Rolle des Lagerältesten Krämer hatte Beyer nur einen einzigen Mann im Sinn: Erwin Geschonneck.
Die Besetzung sorgte in der DDR sofort für enormen Gesprächsstoff. Doch Geschonneck antwortete nicht. Wochen vergingen in ohrenbetäubendem Schweigen, dann wurden daraus quälende Monate. Der Grund dafür war so tiefgreifend wie tragisch: Geschonneck sollte nicht einfach eine fiktive Figur erfinden. Er sollte in eine Realität zurückkehren, die er selbst am eigenen Leib erfahren hatte. Er selbst hatte die Schrecken der Lager überlebt. Später erklärte er mit leiser Stimme, dass ihm das Grauen jener Jahre auch 17 Jahre danach noch exakt genauso nah gewesen sei wie am allerersten Tag. Für ihn bedeutete die Zusage zu dieser Rolle, den mühsam errichteten psychologischen Schutzwall einzureißen und in eine Hölle zurückzukehren, die er mit aller ihm zur Verfügung stehenden Kraft hinter sich gelassen hatte.
Was genau ihn am Ende dazu bewog, doch einzuwilligen, darüber sprach er nur äußerst selten. Vielleicht war es das tiefe Verantwortungsgefühl gegenüber den Opfern, vielleicht der Drang, der Geschichte ein unvergessliches Gesicht zu geben. Als am Tag der ersten Aufnahmen die Kameras liefen und Geschonneck die gestreifte Häftlingskleidung überstreifte, gefror das Blut am Set. In diesem Moment war er nicht mehr bloß ein Schauspieler, der seinen Text aufsagte. Er war noch einmal der gebrochene, aber ungebeugte Mann von damals. Aus exakt dieser unvorstellbaren emotionalen Tiefe heraus entstand eine schauspielerische Darstellung, die bis heute untrennbar mit seinem Namen verbunden bleibt. Im April 1963 feierte “Nackt unter Wölfen” im Ostberliner Kino seine umjubelte Premiere. Der Film wurde zu einem der größten Erfolge der DEFA, gefeiert nicht nur innerhalb der Grenzen der DDR, sondern weit darüber hinaus. Geschonneck selbst bezeichnete die Rolle später als den absoluten Gipfelpunkt seiner Darstellung antifaschistischer Kämpfer.
Zwischen Tragik und Slapstick: Das unbegreifliche Kontrastprogramm
Wer glaubte, Geschonneck würde nach dieser seelisch zermürbenden Rolle eine lange Pause benötigen, kannte den Mann nicht. Ausgerechnet im selben Jahr, nur wenige Monate nach der Premiere von “Nackt unter Wölfen”, stand er erneut vor der Kamera – und zwar für einen Film, der unterschiedlicher nicht hätte sein können. In der Komödie “Karbid und Sauerampfer”, erneut unter der meisterhaften Regie von Frank Beyer, schlüpfte er in die Rolle des Arbeiters Kalle. Kalle schlägt sich im Auftrag seiner Kollegen durch das völlig zerstörte Nachkriegsdeutschland auf der chaotischen Suche nach Karbid, um eine zerbombte Zigarettenfabrik in Dresden wieder aufzubauen.
Wo der Lagerälteste Krämer schwieg, in sich gekehrt litt und die Schrecken der Welt auf seinen Schultern trug, da redete Kalle ununterbrochen, plapperte munter drauf los und stolperte von einem kuriosen Missgeschick ins nächste. Das Publikum in den Kinosälen der DDR johlte vor Lachen, Tränen der Befreiung flossen in Strömen. Derselbe Mann, der sein Publikum eben noch zum tiefsten Erschaudern und zum Weinen gebracht hatte, sorgte nun für schallendes Gelächter. Genau dieser gigantische Kontrast – der stille, traumatisierte Krämer und der lustige, tollpatschige Kalle innerhalb desselben Jahres – demonstrierte auf atemberaubende Weise, zu was für einer darstellerischen Bandbreite Erwin Geschonneck fähig war.

Die verbotene Wahrheit: Der schmerzhafte Kampf um „Sonnensucher“
Doch der Weg des Schauspielers in der DDR war keineswegs nur von ungetrübten Erfolgen geprägt. Fünf Jahre vor seinem großen Durchbruch mit “Nackt unter Wölfen”, im Jahr 1958, hatte er eine künstlerische Erfahrung gemacht, die tiefe Narben in seiner Seele hinterließ. Unter der Regie des großen Konrad Wolf spielte er den Bergarbeiter Jupp König in dem Film “Sonnensucher”. Das Werk beleuchtete den brutalen und gefährlichen Alltag der Uranbergleute der Wismut. Die Geschichte erzählte absolut schonungslos von der körperlichen Härte, von den zerschlagenen Hoffnungen und bitteren Enttäuschungen dieser hart arbeitenden Männer. Es gab keine ideologische Beschönigung, keine weichgezeichnete Romantik. Solch ungeschminkte Ehrlichkeit war im staatlich kontrollierten DEFA-Kino jener Zeit eine absolute Seltenheit, und genau das machte den Film zu einem künstlerischen Meisterwerk.
Die Dreharbeiten waren erfolgreich abgeschlossen, der Film war fertig geschnitten – doch statt in die Kinosäle zu gelangen, verschwand das Werk auf Befehl der Staatsführung für unfassbare 14 Jahre in den dunklen Archiven. Die staatliche Zensur hatte gnadenlos zugeschlagen. Erst nach einem tiefgreifenden Führungswechsel an der Spitze der SED im Jahr 1971 änderte sich die Kulturpolitik, und “Sonnensucher” fand 1972 endlich seinen Weg zum Publikum. Als der Film gezeigt wurde, feierten Kritiker ihn sofort als einen der ehrlichsten Filme über die frühen Jahre der DDR.
Geschonneck gab später unumwunden zu, dass er die ursprüngliche Entscheidung des Verbots damals absolut nicht verstanden habe. Für ihn war dieser Film ein Herzensprojekt gewesen, denn zum allerersten Mal wurden Kommunisten nicht als makellose, fehlerfreie Helden aus dem sozialistischen Bilderbuch gezeigt, sondern als echte Menschen – mit Fehlern, mit Ängsten und tiefen Konflikten. Es sei die vielleicht ehrlichste Rolle gewesen, die er je verkörperte. Dass er 14 Jahre warten musste, um seine eigene, schweißtreibende Arbeit auf der Leinwand zu sehen, war für einen Mann, der stets offen für seine Überzeugungen einstand, ein schwerer Schlag. Es war ein stiller, innerer Konflikt. Geschonneck trug diesen Kampf nie lautstark oder rebellisch in der Öffentlichkeit aus, er blieb der DDR zeitlebens treu verbunden, doch dieser Film zeigte ihm unerbittlich, wie kompliziert und schmerzhaft diese Loyalität manchmal sein konnte.
Von Ost-Berlin nach Hollywood: Ein historischer Triumph
Trotz der Widerstände wartete der größte internationale Erfolg noch auf ihn. Im Jahr 1974 brachte ihn das Schicksal erneut mit Regisseur Frank Beyer zusammen. In der Verfilmung von Jurek Beckers Meisterwerk “Jakob der Lügner” übernahm Geschonneck die Rolle des Kowalski. Als Mann im jüdischen Ghetto, dessen berührende Freundschaft zu Jakob die emotionale Tragfläche des gesamten Films bildet, lieferte er eine Darstellung ab, die weltweit für Gänsehaut sorgte. Die Resonanz war überwältigend: “Jakob der Lügner” wurde zum einzigen DEFA-Film der gesamten Kinogeschichte, der jemals eine Nominierung für den Oscar erhielt. Für einen Schauspieler aus dem verschlossenen Ostblock war das ein Triumph, den zu jener Zeit kaum jemand auch nur zu träumen gewagt hätte.
Geschonneck ruhte sich nie auf diesen Lorbeeren aus. In den Folgejahren dominierte sein Gesicht die Kino- und Fernsehleinwände der DDR wie kein zweites. Ob als Fährmann Kluge in “Der Untergang der Emma”, als Luden Dassow in “Tari Tari” oder als liebevoller Vater Grubske in “Anton der Zauberer” – ganze Familien versammelten sich an den Wochenenden vor den Fernsehgeräten, nur um dieses eine, unverwechselbare Gesicht zu sehen. Er wurde mit Preisen überhäuft, erhielt gleich viermal den renommierten Nationalpreis der DDR und den Vaterländischen Verdienstorden in Gold. Doch es waren nie die verstaubten Medaillen, die blieben. Es waren die lebendigen Gesichter: der grausame, aber menschliche Krämer, der tollpatschige Kalle, der ehrliche Jupp König. Er schuf Erinnerungen, die Generationen prägten.

Ein Jahrhundertleben: Der stille Abschied einer wahren Legende
Mit dem Fall der Mauer und dem Ende der DDR ging für viele Künstler eine Ära unwiderruflich zu Ende. Viele fielen in ein tiefes Loch der Bedeutungslosigkeit. Für Erwin Geschonneck jedoch begann lediglich ein neues Kapitel der Anerkennung. Im Jahr 1992 wählten ihn Kritiker aus dem nun wiedervereinigten Deutschland zum besten Schauspieler der gesamten DDR-Geschichte. Nur ein Jahr später wurde ihm das Filmband in Gold der Bundesrepublik Deutschland für sein herausragendes Lebenswerk verliehen. Sein schauspielerisches Genie hatte das politische System, das ihn berühmt gemacht hatte, mühelos überdauert. 1995 stand er schließlich ein letztes Mal vor der Kamera, ironischerweise unter der Regie seines eigenen Sohnes Matti Geschonneck in dem Fernsehfilm “Matulla und Busch”.
Sein Leben war so reichhaltig, dass er es in seiner viel beachteten Autobiografie “Meine unruhigen Jahre” festhielt. Selbst im extrem hohen Alter blieb er ein gefragter, hellwacher Zeitzeuge. Ein Bild, das vielen Anwesenden unvergesslich bleiben wird, entstand am 27. Dezember 2006. An seinem einhundertsten Geburtstag saß Erwin Geschonneck im Rollstuhl in der ehrwürdigen Berliner Akademie der Künste. Zahlreiche Freunde, Weggefährten und Kollegen waren gekommen, um sich vor dem Giganten zu verneigen. Der Mann, der einst vor Angst zitterte, die gestreifte Häftlingskleidung wieder anzuziehen, wurde nun von der ganzen Nation gefeiert. An seiner Seite stand liebevoll seine Frau Heike, vierzig Jahre jünger als er. Diese gemeinsamen Jahre, fernab des Rampenlichts, bezeichnete Geschonneck später voller Dankbarkeit als das einzig wahre Glück seines Lebens.
Im März 2008, im gesegneten Alter von 101 Jahren, schloss Erwin Geschonneck für immer die Augen. Was uns bleibt, ist weit mehr als nur Zelluloid. Es sind die Geschichten eines Lebens, das alle Höhen und Tiefen des 20. Jahrhunderts durchschritten hat. Wer heute an Erwin Geschonneck denkt, der sieht kein fernes Idol, sondern ein vertrautes Gesicht aus der eigenen Jugend. Er hat uns gelehrt, dass wahre Kunst die Fähigkeit besitzt, selbst aus den dunkelsten Abgründen der menschlichen Seele das strahlendste Licht hervorzubringen.