Das tragische Geheimnis des Meister Nadelöhr: Die unzähligen Leben und der schmerzhafte Abschied einer unvergessenen DDR-Legende
Prolog: Die unheimliche Stille an einem Sonntagnachmittag
Es ist das Jahr 1975, als etwas Unbegreifliches, fast schon Unheimliches in den ostdeutschen Wohnzimmern geschieht. Eine unverrückbare, feste Institution, ein liebgewonnenes wöchentliches Ritual, das Millionen von Kindern und deren Familien vor den flimmernden, oft noch unscharfen Schwarz-Weiß-Bildschirmen vereinte, beginnt sich klammheimlich und ohne jede Vorwarnung in Luft aufzulösen. Meister Nadelöhr, jener stets fröhliche, warmherzige und märchenerzählende Schneider, der mit seiner legendären Zauberelle Woche für Woche schillernde Fantasiewelten erschuf, verschwindet Stück für Stück aus dem festen Sonntagsprogramm des DDR-Fernsehens. Niemand der Offiziellen tritt vor die Kameras, um den unzähligen treuen, jungen Zuschauern zu erklären, warum ihr strahlender Held plötzlich fehlt. Es gibt keine offizielle Stellungnahme der Sendeleitung, keine kindgerechte, behutsame Verabschiedung, sondern nur eine beklemmende, leere Lücke am geliebten Sonntagnachmittag.
Was die kleinen, oft ratlosen Fans vor den Bildschirmen damals nicht wissen konnten: Hinter den Kulissen des schillernden Fernsehens spielte sich ein bitteres menschliches Drama ab. Nur ein knappes Jahr später, an einem Sommertag im Juni 1976, ging Eckart Friedrichson, der brillante und aufopferungsvolle Mann hinter der ikonischen Figur, seinen allerletzten Weg. Er wurde nur 46 Jahre alt. Mitten aus einem pulsierenden, rastlosen Leben gerissen, in dem er mit Weltstars wie dem legendären Paul Robeson auf einem windigen Flughafenrollfeld stand und einen der bekanntesten, frechsten und beliebtesten Kobolde der gesamten deutschen Fernsehgeschichte miterfand, hörte sein ohnehin geschwächtes Herz für immer auf zu schlagen. Dies ist die tief berührende Geschichte eines Mannes, der einer ganzen Generation in einem oft grauen Alltag das Träumen beibrachte, während er selbst im Verborgenen einen unsichtbaren, schmerzhaften Kampf führte, von dem sein treues Publikum niemals etwas ahnen sollte.

Ein unbeschriebenes Blatt erobert die Herzen: Die rasante Geburt eines wahren Stars
Wir schreiben das Jahr 1955. Die Trümmer des Zweiten Weltkriegs sind noch längst nicht überall beseitigt, und das noch junge, experimentierfreudige Fernsehprogramm des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin ist verzweifelt auf der Suche nach einem völlig neuen Gesicht für eine innovative Kindersendung, die Hoffnung und Freude spenden soll. Gesucht wird ein Schneider, der Märchen erzählen kann – aber nicht irgendeiner. Es muss eine charismatische Persönlichkeit sein, die vom ersten Augenblick an bedingungsloses Vertrauen ausstrahlt und gleichzeitig in der Lage ist, eine ehrliche, unverfälschte Brücke direkt zu den Herzen der Kinder zu bauen. Das Casting ist hart umkämpft, viele längst etablierte, bekannte Gesichter der Theaterszene bewerben sich um diese scheinbar einfache Rolle. Doch am Ende sticht ein gerade einmal 25-jähriger Unbekannter alle prominenten Konkurrenten aus: Eckart Friedrichson.
Wer genau war dieser junge Mann mit dem spitzbübischen, unwiderstehlichen Lächeln? Aufgewachsen in der malerischen, idyllischen Kulisse von Wernigerode am Harz, fand er schon als heranwachsender Schüler seine unverrückbare, alles verzehrende Leidenschaft für die Bühne. Sein Weg war klassisch, aber von Anfang an geprägt von purem, unbändigem Talent: Nach einer fundierten, strengen Schauspielausbildung in Quedlinburg und ersten vielversprechenden, gefeierten Engagements in Rostock führte ihn sein unaufhaltsamer Weg im Jahr 1953 an das renommierte Theater der Freundschaft im Herzen von Berlin. Dort blieb seine enorme, magnetische Bühnenpräsenz nicht lange unentdeckt. Niemand Geringeres als der landesweit berühmte und gefürchtete Regisseur Wolfgang Langhoff wurde auf den jungen Harzer aufmerksam und holte ihn persönlich an das traditionsreiche, ehrwürdige Deutsche Theater. Wie der bekannte Journalist Matthias Thalheim viele Jahrzehnte später in einer retrospektiven Betrachtung in der Berliner Zeitung betonen sollte, war Friedrichsons einmalige Aura und seine Fähigkeit, den gesamten Raum einzunehmen, schon in diesen frühen, formenden Jahren unvergleichlich stark.
Dann kam der 23. November 1955 – ein wahrhaft historisches Datum für die deutsche Fernsehgeschichte. Die allererste Folge von “Meister Nadelöhr erzählt” ging über den Äther. Damals bedeutete Fernsehen noch absolutes, ungefiltertes Risiko, denn die Sendung wurde komplett live ausgestrahlt. Aufzeichnungstechnik in Form von Magnetaufzeichnungen, die Fehler hätten verzeihen können, gab es im DDR-Fernsehen erst knapp zehn Jahre später. Jeder einzelne Schritt, jede noch so kleine Kamerabewegung, jeder noch so feine Blick in die Linse musste perfekt sitzen und war in stundenlangen Proben akribisch einstudiert worden. Die Atmosphäre im heißen, von dicken Scheinwerfern erhellten Studio war gleichermaßen magisch wie extrem nervenaufreibend. Ein professioneller Gitarrist saß gut versteckt im dunklen Schatten der Kulisse und spielte live die filigranen Begleitakkorde für die fröhlichen Lieder, während Friedrichson souverän im grellen Rampenlicht stand und auf seiner Zauberelle derart meisterhaft so tat, als würde er das Instrument selbst bedienen, dass niemand den Trick durchschaute. Niemand, absolut niemand – weder die ehrgeizigen Produzenten noch der bescheidene Friedrichson selbst – ahnte an diesem schicksalhaften Abend, dass aus dieser scheinbar kleinen, harmlosen Fernsehrolle die bestimmende Rolle seines gesamten Lebens werden würde, ein kulturelles Vermächtnis, das ihn für immer unsterblich machen sollte.
Der schwindelerregende Höhepunkt des Ruhms: Zwischen echten Kanarienvögeln und internationalen Weltstars
Die Sendung entwickelte sich in rasender Geschwindigkeit zu einem unverzichtbaren, familiären Ritual in der gesamten Republik. Lief sie anfangs noch unscheinbar samstags, wurde sie wegen des kolossalen Erfolges später fest auf den begehrten Sendeplatz am Sonntag um 15:30 Uhr programmiert. Meister Nadelöhrs fantastische Welt wuchs und gedieh. Bald traten weitere, bis heute unvergessliche Charaktere auf den Plan, die das beliebte Ensemble bereicherten: Meister Briefmarke, der stets treue, gutmütige Postbote, und ab dem Jahr 1959 das unverwechselbare, schnatternde Phänomen “Schnatterinchen”, meisterhaft und mit viel Liebe zum Detail geführt von der begnadeten Puppenspielerin Friedgart Kurze. Im ohnehin wuseligen Studio gab es zudem echte, unberechenbare tierische Stars: Die beiden quirligen Kanarienvögel Zwirnchen und Röllchen. Ihre Auftritte waren in den Fernsehkulissen regelrecht berüchtigt, denn manchmal sangen die beiden kleinen Vögel mit einer derartigen, ohrenbetäubenden Inbrunst, dass sie die sorgfältig einstudierten Texte der Schauspieler förmlich übertönten – unvorhersehbare Pannen, die das ungeschminkte Live-Fernsehen für die Zuschauer jedoch nur noch charmanter, nahbarer und authentischer machten. Friedrichson ging über die arbeitsreichen Jahre unglaubliche mehr als tausendmal live auf Sendung. Dies ist eine heute fast unvorstellbare Leistung, die höchste, unerbittliche Professionalität, Nerven aus Stahl und eiserne Disziplin erforderte.
Wie unfassbar populär und einflussreich er inzwischen geworden war, zeigte sich eindrucksvoll an einem kalten Abend im Dezember 1958. Eckart Friedrichson trat im altehrwürdigen, prestigeträchtigen Friedrichstadtpalast auf. Der gigantische Saal war mit 3.000 erwartungsvollen Zuschauern bis auf den allerletzten Platz gefüllt. Es war eine bombastische Show der absoluten Superlative, die alles bisher Dagewesene im Kinderfernsehen in den Schatten stellte: Ein waschechter, lebendiger Braunbär, ein ausgewachsener Zirkuselefant, ein riesiges, professionelles Orchester und ein vielstimmiger, himmlischer Kinderchor teilten sich die massive Bühne mit dem einstigen Theatermann aus dem Harz. Für einen Fernsehdarsteller der damaligen Zeit war dies eine Dimension des Erfolgs, die einem nationalen Ritterschlag glich.
Doch der absolute, kaum zu überbietende Höhepunkt seiner internationalen Begegnungen folgte im darauffolgenden Jahr, 1959. Bei den viel beachteten Weltfestspielen der Jugend in der österreichischen Hauptstadt Wien sorgte Friedrichson für einen unvergesslichen, geradezu ikonischen Moment der Fernsehgeschichte. In vollem, aufwendigem Meister-Nadelöhr-Kostüm fuhr er wagemutig mit seinem privaten Auto direkt bis auf das stark gesicherte Rollfeld des internationalen Flughafens, um den weltberühmten US-amerikanischen Bürgerrechtler, Schauspieler und Ausnahmesänger Paul Robeson persönlich und im Namen der Kinder zu empfangen. Die Bilder dieses Treffens gingen um die Welt, nicht zuletzt, weil der tief beeindruckte Robeson schließlich direkt in die Fernsehkamera ein inniges, deutsches Wiegenlied sang: “Schlafe, mein Prinzchen”. Es war eine glanzvolle Sternstunde der länderübergreifenden Fernsehunterhaltung, die Friedrichsons ohnehin gewaltigen Status als absoluten, unantastbaren Superstar endgültig zementierte.
Seine zahlreichen Schauspielkollegen liebten ihn jedoch nicht nur für seine stoische Professionalität und seinen Fleiß, sondern vor allem für seinen brillanten, messerscharfen Humor. Er war in der erstaunlichen Lage, Pointen und Witze in praktisch jedem existierenden deutschen Dialekt fließend und fehlerfrei zu erzählen. So wurde er in den erschöpfenden Drehpausen stets ganz natürlich zum strahlenden, umschwärmten Mittelpunkt jeder geselligen Runde. Die DDR ehrte ihr größtes Fernsehtalent auf ihre ganz eigene, staatstragende Weise: Im Jahr 1964 erschien eine offizielle Sonderbriefmarke der Post mit seinem Konterfei, meisterlich und detailverliebt entworfen von dem renommierten Grafiker Werner Klemke. Sage und schreibe sechs Millionen Exemplare wurden davon gedruckt – eine astronomische Auflage und eine herausragende Ehre, die im Arbeiter- und Bauernstaat nur den absolut Größten und Wichtigsten zuteilwurde. Sowohl 1964 als auch direkt folgend im Jahr 1965 wurde er vom begeisterten Publikum in Massenabstimmungen enthusiastisch zum offiziellen “Fernsehliebling der DDR” gewählt. Sein markantes Gesicht war sprichwörtlich überall. Ob er abends entspannt den elitären Künstlerclub “Möwe” im Zentrum von Berlin betrat oder in seinem heißgeliebten Opel Rekord über die holprigen Straßen der Republik fuhr, Friedrichson war längst von einer einfachen Fernsehfigur zu einem echten Volkshelden geworden, den jeder kannte und abgöttisch liebte.

Die mutige Erschaffung eines rebellischen Kobolds: Der harte Kampf um Pittiplatsch
Trotz all des überwältigenden Erfolges, des Ruhms und der staatlichen Auszeichnungen war Friedrichson im Kern ein zutiefst kritischer Geist, ein Künstler, der sich niemals bequem mit dem Status quo zufriedengab. Im Jahr 1962 kam er durch seine ständige Arbeit mit Kindern zu einer weitreichenden Erkenntnis, die er auch lautstark und furchtlos gegenüber den Verantwortlichen äußerte: Die etablierten Figuren im DDR-Kinderfernsehen waren ihm durch die Bank viel zu brav und angepasst. Charaktere wie der brummige Bär Bummi oder das stets überaus freundliche Schnatterinchen waren zweifellos pädagogisch überaus wertvoll, extrem wohlerzogen, höflich und liebenswert. Aber Friedrichson, der selbst ein Freigeist war, wusste aus seiner eigenen, reichhaltigen Erfahrung, dass echte Kinder niemals nur brav und angepasst sind. “Wo bleibt der Schalk, wo bleibt der pure Übermut, den jedes Kind ganz natürlich in sich trägt?”, fragte er die Fernsehmacher provozierend. Er tat sich daraufhin intensiv mit dem talentierten Autorenteam rund um die begabte Schriftstellerin Ingeburg Feustel zusammen und schlug eine für damalige Verhältnisse geradezu revolutionäre Idee vor: Die Erschaffung eines kleinen, frechen, unberechenbaren und vorlauten Kobolds, der ganz bewusst auch mal über die strengen Stränge schlagen durfte. Diejenigen Begleiter, die Friedrichson hinter den Kulissen gut kannten, wunderten sich über diesen mutigen Vorstoß keineswegs. Er selbst besaß schließlich einen messerscharfen, oft sarkastischen Witz, einen beachtlichen, unnachgiebigen Sturkopf und hasste es zeitlebens abgrundtief, wenn bürokratische Funktionäre ihm künstlerische Vorschriften machen wollten.
So erblickte der legendäre Kobold Pittiplatsch das Licht der Fernsehwelt. Doch der Start dieser Kultfigur war alles andere als ein reibungsloses Märchen. Die strengen, ideologisch geprägten DDR-Pädagogen liefen regelrecht Sturm gegen die Neuentwicklung. Nach nur zwei ausgestrahlten Folgen hagelte es tonnenweise offizielle Beschwerden von besorgten Erziehern und Lehrern. Die völlig neuartige Figur sei viel zu unartig, respektlos und damit ein katastrophal schlechtes Vorbild für die sozialistische, disziplinierte Jugend, hieß es in den vernichtenden Kritiken. Pittiplatsch wurde daraufhin unverzüglich und gnadenlos vom Bildschirm verbannt. Doch die übervorsichtigen Macher und Pädagogen hatten die Rechnung ohne ihr treuestes Publikum gemacht: die Kinder selbst. Das junge, begeisterte Publikum vermisste seinen neuen, frechen Helden derart schmerzlich, dass sich rasch eine beispiellose, landesweite Welle der Sympathie und lautstarken Forderung für den kleinen Kobold formierte. Es war ein seltener, geradezu magischer und beispielloser Sieg der Kinder über die verstaubten, starren Bedenken der Erwachsenenwelt.
Pünktlich am Heiligabend des Jahres 1962 kehrte Pittiplatsch schließlich triumphierend und dauerhaft auf die Bildschirme zurück. Ein wundervolles, rührendes Geheimnis aus dieser aufregenden Zeit enthüllte der talentierte Puppenspieler Heinz Schröder – der dem Kobold fast 30 Jahre lang seine raue, unverwechselbare Stimme lieh – erst viele Jahre später in einem emotionalen Interview: Es war ausgerechnet Eckart Friedrichson, der in stundenlangen, geduldigen Sitzungen intensiv mit Schröder arbeitete und ihm maßgeblich half, genau den richtigen, ikonisch frechen Ton für die umstrittene Figur zu finden. Schröder erhielt später für seine herausragende, lebenslange Arbeit an Pittiplatsch sogar den prestigeträchtigen Nationalpreis der DDR. Ohne Friedrichsons visionäre Weitsicht, seinen anarchischen Humor und seinen beharrlichen, unbeugsamen Sturkopf hätte es diesen ikonischen Kobold, dem heute sogar ein eigenes, kleines Pittiplatsch-Museum gewidmet ist und der zu einem Stück gesamtdeutscher Kulturgeschichte wurde, schlichtweg niemals gegeben.
Die drei Kapitel der Liebe: Starke Frauen, die sein rastloses Leben prägten
Abseits der gleißend hellen Scheinwerfer und Kameras führte der Star Friedrichson ein überaus bewegtes, emotionales und vielschichtiges Privatleben, das sich fast wie ein dramaturgischer roter Faden an den unterschiedlichen Stationen seiner steilen Karriere entlanghangelte. Drei Ehen mit drei völlig unterschiedlichen, starken Frauen prägten seinen intensiven Weg.
Seine erste große, brennende Liebe fand er in den entbehrungsreichen, aber hoffnungsvollen frühen Theaterjahren. Katharina Matz, eine außergewöhnlich talentierte Schauspielkollegin, stand mit ihm gemeinsam für den erfolgreichen Zirkusfilm “Carola Lamberti – Eine vom Zirkus” vor der Kamera. Es war die absolut klassische, romantische Liebe zweier blutjunger Künstler, die sich ihren festen Platz in der harten Welt des Schauspiels erst noch mühsam erkämpfen mussten. Das Geld der beiden war notorisch knapp, doch die gemeinsamen Träume von der ganz großen Bühne waren absolut grenzenlos. Katharina war es überraschenderweise auch, die ihm von ihrem Ersparten jenes Auto schenkte – den legendären Opel Rekord, mit dem er viele Jahre später triumphierend bis auf das Rollfeld des Wiener Flughafens vorfahren sollte. Doch Katharinas eigenes schauspielerisches Talent war derart herausragend, dass sie schon bald von der berühmten, stilprägenden Theaterleiterin Ida Ehre an das prestigeträchtige Hamburger Staatstheater geholt wurde. Während Friedrichson im Osten Berlins gerade erst zögerlich zum gesamtstaatlichen Superstar reifte, baute sich Katharina im Westen rasant eine höchst beachtliche Karriere als ernsthafte Charakterdarstellerin auf und verdiente schnell weitaus mehr Geld und Anerkennung als er. Die unüberwindbare physische und politische Grenze zwischen Ost und Westdeutschland, kombiniert mit zwei ehrgeizigen Karrieren, die sich räumlich und inhaltlich in völlig entgegengesetzte Richtungen entwickelten, zerriss schließlich das fragile Band zwischen den beiden. 1959, ausgerechnet in jenem Jahr seines historisch größten Triumphs in Wien, ließen sie sich schweren Herzens scheiden.
In der hochspannenden Phase seines kometenhaften, nicht enden wollenden Aufstiegs trat schließlich Isolde Pötsch, eine brillante, gefeierte Tänzerin und visionäre Choreografin der angesehenen Komischen Oper Berlin, in sein Leben. Diese zweite, intensive Ehe war bei Weitem nicht nur eine rein romantische Verbindung zweier Menschen, sondern entpuppte sich schnell als eine gewaltige kreative Explosion. Isolde brachte ihr außergewöhnliches, professionelles Gespür für präzises Timing, ausdrucksstarken Tanz und aufwendige, raumgreifende Bühnenbilder direkt in die märchenhafte Welt von Meister Nadelöhr ein. Besonders die legendären, heiß geliebten Weihnachtssendungen des DFF, für die das Paar jedes Jahr völlig neue, magische, detailverliebte Kulissen und atemberaubende Kostüme aus dem Nichts erschaffen musste, trugen ganz deutlich und unverkennbar ihre professionelle Handschrift. Es war eine im harten Showgeschäft äußerst seltene, nahezu perfekte Symbiose aus vertrauter Ehe und hochprofessioneller Zusammenarbeit, bei der Privates und Berufliches zu einem einzigen, großen gemeinsamen Kunstwerk verschmolzen. Wann genau und warum auch diese intensive, zweite Ehe schließlich unrettbar in die Brüche ging, ist historisch bis heute nicht eindeutig überliefert, doch auch diese lodernde Flamme sollte bedauerlicherweise nicht für die Ewigkeit bestimmt sein.
Seine letzte, ruhigste und tiefste familiäre Wurzel schlug der umtriebige Star schließlich 1964, genau in dem glorreichen Jahr, in dem er tausendfach auf Briefmarken gedruckt und landesweit zum ultimativen Fernsehliebling gewählt wurde. Er heiratete die bodenständige, liebevolle Krankenschwester Margitta. Diese tiefe Verbindung schenkte dem rastlosen Künstler endlich die lang ersehnte Beständigkeit und Ruhe, nach der er in all den turbulenten Jahren so verzweifelt gesucht hatte. Gemeinsam bekamen sie einen geliebten Sohn und bezogen ein für einen Star seiner enormen Größenordnung erstaunlich bescheidenes, unauffälliges Zuhause in der ruhigen Löhnstraße in Berlin-Karow – ein massiver, fast surrealer Kontrast zu seinem überlebensgroßen, allgegenwärtigen öffentlichen Ruhm. Margitta wurde rasch zu seinem absoluten Fels in der Brandung des Lebens. Sie hielt ihm bedingungslos den Rücken frei, organisierte meisterhaft das komplexe, anspruchsvolle Familienleben rund um seinen völlig chaotischen, überfüllten Terminkalender herum und wartete unendlich geduldig, wenn er von wochenlangen, körperlich extrem erschöpfenden Tourneen quer durch die Schlaglöcher der Republik endlich nach Hause zurückkehrte. Wenn der vielbeschäftigte Vater dann endlich einmal in den eigenen vier Wänden war, verbrachte er unglaublich intensive, liebevolle Momente mit seinem heranwachsenden Sohn, brachte ihm faszinierende Geschichten von der endlosen Straße mit und übte mit ihm stundenlang kleine, magische Kunststücke aus seinem schier unerschöpflichen Bühnenrepertoire ein. Margitta blieb bedingungslos an seiner Seite, pflegte ihn und hielt seine Hand bis zu seinem viel zu frühen, letzten Atemzug.

Das unsichtbare, stille Leid und der schockierende, endgültige Vorhang
Was in all diesen glänzenden, erfolgreichen Jahren fast niemand in der breiten Öffentlichkeit auch nur im Ansatz ahnte: Der vor der Kamera ewig strahlende, scheinbar vor unendlicher Energie strotzende Meister Nadelöhr führte hinter den Kulissen einen stillen, zermürbenden und verzweifelten Kampf gegen seinen eigenen, zunehmend schwächer werdenden Körper. Schon seit seiner frühen Jugend litt Friedrichson unheilbar an einer extrem schweren Form der Zuckerkrankheit. Sein absolut ständiger, unausweichlicher Begleiter auf all seinen vielen Reisen war eine kleine, lebensrettende Ausrüstung mit Insulinspritzen, die er stets diskret bei sich trug. Trotz dieser massiven, bedrohlichen gesundheitlichen Belastung schonte er sich in seinem künstlerischen Drang keine einzige Sekunde seines Lebens. Bis zu unfassbare 40.000 Kilometer pro Jahr legte er allein mit seinem eigenen Wagen unter oft widrigen Bedingungen zurück, kreuz und quer durch die gesamte, oft schlecht ausgebaute DDR. Von winzigen, staubigen Dorffesten in der tiefsten Provinz bis hin zu den allergrößten, glanzvollsten Theatersälen des ganzen Landes – er war schlichtweg unermüdlich und trieb sich selbst immer weiter an.
Bei diesen unzähligen, kräftezehrenden Live-Auftritten auf den hölzernen Bühnen des Landes gab es keine schützenden Kameras mehr, die eine sichere Distanz zum Publikum schufen. Die strahlenden Kinder saßen direkt vor ihm auf dem Boden, sangen die allseits bekannten Lieder aus vollem Halse und mit glänzenden Augen mit und durften die berühmte, sagenumwobene Zauberelle aus allernächster, ehrfürchtiger Nähe bestaunen. Seine grenzenlose Güte und familiäre Loyalität zeigte sich auch in der tatkräftigen Unterstützung seines jüngeren Halbbruders Peter Friedrichson, dem er Ende der turbulenten 60er Jahre entscheidend und uneigennützig dabei half, eine eigene, erfolgreiche Karriere vor der Kamera aufzubauen.
Doch der jahrelange, gnadenlose Raubbau an seinem anfälligen Körper forderte unweigerlich seinen tragischen Tribut. Das langsame, unkommentierte und geisterhafte Verschwinden aus dem festen Fernsehprogramm ab 1975 war beileibe kein freiwilliger, wohlüberlegter Rückzug ins Privatleben, sondern die unendlich bittere, unausweichliche Konsequenz seiner drastisch schwindenden physischen Kräfte. Am 7. Juni 1976 stand Eckart Friedrichson – pflichtbewusst wie immer – noch scheinbar quicklebendig auf einer weiteren Bühne, mitten in einer weiteren anstrengenden Tournee, die er für sein geliebtes Publikum unbedingt durchziehen wollte. An genau diesem schicksalhaften Tag kapitulierte sein über Jahrzehnte hinweg geschwächtes, überlastetes Herz endgültig. Die unfassbare Nachricht von seinem plötzlichen, viel zu frühen Tod schlug im ganzen Land ein wie ein verheerender Blitz aus heiterem Himmel und ließ seine geschockten Kollegen, seine am Boden zerstörte Familie und ein ganzes, fassungsloses Land in tiefer, aufrichtiger Trauer zurück.
Wer heute den kleinen, idyllischen und stillen Friedhof Karow III in Berlin besucht, findet dort nach kurzem Suchen sein auffällig schlichtes, unprätentiöses Urnengrab. Es liegt friedlich nur wenige Straßen von jenem bescheidenen Haus entfernt, in dem er bis zuletzt glücklich mit Margitta und seinem geliebten Sohn lebte. Es gibt dort ganz bewusst kein bombastisches, goldenes Denkmal, keinen lauten, blumengeschmückten Schrein, der aufdringlich nach Aufmerksamkeit schreit. Doch sein wahres, unvergängliches Denkmal ist ohnehin weitaus größer und für alle Zeit unzerstörbar: Es lebt in den unzähligen, gemütlichen Wohnzimmern der Familien weiter, in denen auch heute noch, mehr als fünf lange Jahrzehnte später, die zeitlosen, lustigen Abenteuer von Pittiplatsch und Schnatterinchen über die modernen Bildschirme flimmern. Für eine ganze Generation von Ostdeutschen war Eckart Friedrichson zeitlebens weit mehr als nur ein begnadeter Schauspieler in einer Rolle. Er war ein echtes Stück Heimat, ein verlässlicher, väterlicher Freund am Sonntagnachmittag und ein fester, unersetzlicher Teil der eigenen, unschuldigen Kindheit. Sein herzhaftes Lachen mag auf dieser Erde längst verklungen sein, doch die unsterbliche Magie seiner goldenen Zauberelle wirkt, unberührt von der Zeit, bis in die heutige Zeit nach.