Das Phänomen Miroslav Klose: Die ungeschminkte Wahrheit über den verkannten Giganten des Weltfußballs
Es gibt Namen im Weltfußball, die sofort Bilder von magischen Momenten, atemberaubenden Dribblings und schier unmenschlicher Athletik in unsere Köpfe zaubern. Wenn wir an Pelé denken, sehen wir die strahlende Sonne Brasiliens und den puren Tanz mit dem Ball. Wenn der Name Ronaldo – der brasilianische “Il Fenomeno” – fällt, erinnern wir uns an einen Stürmer, der mit unaufhaltsamem Tempo und unvergleichlicher Technik ganze Abwehrreihen im Alleingang zerstörte. Wenn wir über Gerd Müller sprechen, denken wir an den “Bomber der Nation”, den Inbegriff des Instinkts im Strafraum. Diese Legenden sind unsterblich. Doch es gibt einen Mann, der auf der allergrößten und wichtigsten Bühne, die dieser Sport zu bieten hat – der FIFA Fußball-Weltmeisterschaft –, öfter getroffen hat als sie alle. Ein Mann, der mit sechzehn Toren an der einsamen Spitze der ewigen WM-Torschützenliste thront. Sein Name ist Miroslav Klose. Und dennoch, trotz dieser unfassbaren, historischen Bestmarke, blieb fast während seiner gesamten Karriere ein merkwürdiger, kaum zu erklärender Zweifel an ihm hängen. War er wirklich einer der größten Stürmer aller Zeiten, oder ließ ihn nur seine unbestreitbar außergewöhnliche Bilanz bei Weltmeisterschaften in einem Glanz erstrahlen, der im Ligaalltag oft verblasste?
Die Geschichte des Miroslav Klose ist keine laute Geschichte. Es ist keine Geschichte von goldenen Sportwagen, skandalösen Schlagzeilen oder exzentrischen Frisuren. Es ist die Geschichte eines Mannes, der den Fußball nicht als Bühne für sein eigenes Ego, sondern als ein komplexes Rätsel begriff, das es auf dem Platz zu lösen galt. Im Vereinsfußball war Klose nie der alles überstrahlende, unangreifbare Superstar, um den herum eine ganze Mannschaft gebaut wurde. Seine Tore wirkten für den ungeschulten Beobachter oft zu einfach, zu unspektakulär. Während andere Stürmer mit unglaublicher Technik, enormem Tempo und spektakulären Fallrückziehern oder Distanzschüssen unsterblich wurden, brauchte Klose häufig nur einen einzigen, unscheinbaren Kontakt mit dem Ball. Doch genau in dieser vermeintlichen Einfachheit lag sein wahres, oft verkanntes Genie verborgen. Um die volle Dimension dieses Ausnahmespielers zu begreifen, müssen wir uns an die dunkelsten Momente seiner Karriere zurückerinnern – dorthin, wo Legenden normalerweise zerbrechen.
Wir schreiben das Frühjahr des Jahres zweitausendzehn. Die Weltmeisterschaft in Südafrika steht kurz bevor. Miroslav Klose, der Torschützenkönig der vergangenen WM in Deutschland, sitzt beim großen FC Bayern München auf der Ersatzbank. Die Realität an der Säbener Straße ist zu diesem Zeitpunkt bitterkalt für den Routinier. Vor ihm in der Rangordnung spielen jüngere, scheinbar dynamischere und aufregendere Angreifer. Da ist ein gewisser Thomas Müller, der gerade furios vor seinem endgültigen, internationalen Durchbruch steht. Da ist der Kroate Ivica Olic, der über den Platz rennt, als würde bei jedem einzelnen Ballkontakt sein Leben und seine gesamte Zukunft auf dem Spiel stehen. Und da ist Mario Gomez, der für die damalige Rekordsumme von dreißig Millionen Euro nach München geholt wurde, um genau jene Tore zu schießen, die man Klose offenbar nicht mehr zutraute. Klose selbst wirkt in diesem hochmodernen, taktisch starren System wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. In der gesamten Bundesligasaison trifft er magere drei Mal. Es ist eine katastrophale Quote für einen Stürmer seiner Klasse.

Dann fällt der damalige Bayern-Trainer, der für seine unnachgiebige Strenge bekannte Louis van Gaal, ein öffentliches Urteil, das härter und demütigender kaum sein könnte. Van Gaal dekretiert schonungslos: Klose spielt nur noch, wenn viele andere Spieler verletzt sind. Mit diesem einzigen, eiskalten Satz wird aus dem gefeierten, zehnfachen WM-Torschützen ein bloßer Lückenbüßer, ein Spieler für den absoluten Notfall. Er ist nicht mehr der Star, nicht einmal mehr die erste Alternative auf der Bank, sondern lediglich der Mann für den Fall, dass alle anderen Optionen ausfallen. Für einen Sportler mit dem Stolz und der Klasse von Miroslav Klose muss dies eine unerträgliche Situation gewesen sein. Er versucht verzweifelt, sich an van Gaals rigides System anzupassen. Doch je mehr er sich anstrengt, je mehr er es erzwingen will, desto weniger funktioniert sein Spiel. Jahre später, als der Schmerz etwas verblasst ist, beschreibt Klose diese extrem belastende Zeit mit ungewöhnlich deutlichen, ehrlichen Worten: „Ich fühlte mich nicht frei. Es war sehr schwierig für mich, seine Erwartungen zu erfüllen.“ Van Gaal verlangte penibel einstudierte Laufwege, die Klose in seinem instinktiven Spielverständnis selbst gar nicht als sinnvoll erkannte. Auf dem Platz wirkte er zunehmend wie ein Fremdkörper. Und plötzlich schien der Zweifel seiner ewigen Kritiker absolut berechtigt zu sein: Vielleicht war seine Legende tatsächlich nur ein temporäres Phänomen, entstanden in wenigen, hochgekochten WM-Spielen, die größer wirkten als ganze Jahre harter Arbeit im Vereinsfußball.
Doch dann tritt ein Mann auf den Plan, der diese Geschichte für immer verändern sollte. Bundestrainer Joachim Löw trifft im Vorfeld der Weltmeisterschaft zweitausendzehn eine Entscheidung, die für weite Teile der Sportpresse und der Fans beinahe unverständlich, ja fast schon ignorant wirkt. Er nimmt Miroslav Klose nicht nur als erfahrenen Kaderspieler mit nach Südafrika, nein, er macht ihn völlig unbeeindruckt von der medialen Kritik erneut zu seinem uneingeschränkten Stamm-Mittelstürmer. Löw ignoriert die lächerlichen drei Tore in der Bundesliga, er ignoriert den verlorenen Stammplatz beim Rekordmeister und er ignoriert das vernichtende Urteil des großen Louis van Gaal. Die ganze Nation fragte sich damals: Warum? Was in aller Welt sieht Joachim Löw in Miroslav Klose, das sein eigener Verein in München nicht mehr sehen kann oder will?
Die Antwort auf diese brennende Frage liefert der Juni zweitausendzehn. Im dunklen Spielertunnel des Stadions von Durban steht Miroslav Klose zwischen einer völlig neuen, aufstrebenden Generation deutscher Superstars. Neben ihm stehen junge, hungrige Spieler wie Mesut Özil, Thomas Müller, Toni Kroos und Manuel Neuer. Und mittendrin steht er, der zweiunddreißigjährige Veteran, dessen beste Zeit angeblich längst abgelaufen ist. Es ist das Auftaktspiel gegen Australien. Nur wenige Minuten nach dem Anpfiff bekommt Klose seine erste, riesige Chance. Lukas Podolski spielt den Ball scharf quer durch den Strafraum, das Tor steht weit offen, der Torwart ist geschlagen. Klose muss den Ball nur noch über die Linie drücken. Doch er schießt vorbei. Ein kollektives Aufstöhnen geht durch Deutschland. Für einen quälenden Moment sieht es tatsächlich so aus, als hätte Louis van Gaal auf ganzer Linie recht behalten. Der alternde Stürmer scheint dem Druck nicht mehr gewachsen zu sein. Doch Joachim Löw, ruhig und besonnen an der Seitenlinie, denkt nicht eine Sekunde daran, seinen Schützling fallen zu lassen. Seine Überzeugung ist unerschütterlich: „Miro hat mein absolutes Vertrauen.“
Und Klose zahlt dieses Vertrauen auf eine Art und Weise zurück, die seinen Charakter perfekt beschreibt. Wenig später, noch in derselben Halbzeit, flankt Philipp Lahm den Ball butterweich in den gegnerischen Strafraum. Der australische Torwart stürmt aus seinem Kasten heraus, ein robuster Verteidiger positioniert sich direkt vor Klose. Der Raum, der Winkel, alles scheint komplett geschlossen und verteidigt zu sein. Doch dann geschieht das, was Klose so einzigartig macht. Er bewegt sich. Ein winziger, perfekt getimter Schritt, ein dynamischer Sprung, ein einziger Kontakt mit dem Kopf – und der Ball zappelt im Netz. Kein atemberaubendes Dribbling an drei Gegenspielern vorbei, kein gewaltiger Distanzschuss aus dreißig Metern in den Winkel. Nur ein präziser Kopfball aus kurzer Entfernung. Doch die Frage, die sich Fußballtaktiker immer wieder stellen: Warum sieht es bei Miroslav Klose immer so unfassbar einfach aus? Obwohl jeder Verteidiger der Welt genau weiß, was passieren wird, können sie es nicht verhindern.

Die endgültige Antwort auf dieses Phänomen liefert das legendäre Achtelfinale gegen England. Vor Klose formieren sich mit John Terry und Matthew Upson zwei der am meisten gefürchteten Innenverteidiger der englischen Premier League. Sie sind groß, sie sind physisch ungemein stark, sie sind kompromisslos und extrem erfahren. In der zwanzigsten Minute schlägt der junge deutsche Torhüter Manuel Neuer einen weiten, hohen Ball tief in die gegnerische Hälfte. Es gibt keine filigrane Passkombination im Mittelfeld, keine perfekt getimte Vorlage von außen. Eigentlich ist es nach klassischen Maßstäben nicht einmal eine echte Torchance. Doch während die hochgelobten englischen Verteidiger noch den Flug der unberechenbaren Kugel berechnen und langsam reagieren, hat Klose die Situation in seinem Kopf bereits komplett verstanden und gelöst. Er startet seinen Laufweg. Er rennt nicht schneller als Terry oder Upson, aber er startet den entscheidenden Bruchteil einer Sekunde früher. Er setzt seinen Körper perfekt ein, nimmt den Ball unter schwerster Bedrängnis an, ein weiterer Kontakt – und der Ball liegt zur deutschen Führung im Tor. Diesmal hatte ihm niemand den Treffer auf einem Silbertablett serviert. Klose hatte aus einem harmlosen, langen Abschlag des Torwarts durch pure Antizipation und eiskalte Effizienz eine historische Chance kreiert, weil er den tödlichen Fehler der englischen Verteidigung erkannte, lange bevor er überhaupt passierte.
Nur eine Woche später, im brisanten Viertelfinale, wartet das große Argentinien. Namen wie Lionel Messi, Carlos Tevez und Javier Mascherano dominieren die Schlagzeilen. Sie klingen ungleich größer, lauter und gefährlicher als der stille Klose. Doch in seinem exakt hundertsten Länderspiel für Deutschland demontiert Miroslav Klose die Südamerikaner. Er trifft gleich zweimal. Beim ersten Tor muss er einen klugen Querpass seines Freundes Lukas Podolski nur noch über die Linie schieben. „Ein absolut typisches Klose-Tor, reines Abstauben“, würden seine hartnäckigsten Kritiker an dieser Stelle sofort wieder rufen. Aber wer sich die Mühe macht, die Szene genau zu analysieren, sieht die Brillanz: Bevor der Pass überhaupt gespielt wird, steht Klose unauffällig zwischen zwei argentinischen Verteidigern. Dann wartet er geduldig. Ein kurzer, explosiver Tempowechsel, ein fast unsichtbarer Schritt in den einzigen freien Raum des Strafraums – und plötzlich, als der Ball ankommt, kann ihn kein Gegner mehr erreichen. Er hat sich unsichtbar gemacht und im entscheidenden Moment materialisiert. Beim zweiten Treffer läuft er in der letzten Minute des Spiels noch einmal mit letzter Kraft durch den Strafraum und verwandelt eine Flanke von Mesut Özil direkt zum vier zu null Endstand. Deutschland steht im Halbfinale, und Miroslav Klose steht plötzlich bei vierzehn WM-Toren. Genau so viele wie der unantastbare Gerd Müller. Nur noch der Brasilianer Ronaldo liegt mit fünfzehn Treffern knapp vor ihm.
Was Klose für dieses Team bedeutete, ging jedoch weit über seine Tore hinaus. Toni Kroos, der damals als zwanzigjähriges Ausnahmetalent auf der Bank saß und heute selbst eine Legende ist, erlebte aus nächster, intimster Nähe, was Klose dieser jungen, wilden Mannschaft wirklich gab. Später erklärte Kroos mit tiefem Respekt: „Für mich war der Leitwolf immer Miro Klose. Er war absolut kein Lautsprecher, er hat nicht in der Kabine herumgebrüllt, ist aber durch seine Taten und seine Professionalität immer sehr positiv vorangegangen.“ Für Kroos und die gesamte neue Generation war Klose nicht einfach nur der Vollstrecker am Ende einer Spielzug-Kombination. Er war der Fixpunkt, der absolute Profi, der bescheidene Arbeiter, an dem sich alle jungen Stars orientierten.
Trotz dieser gigantischen Erfolge in Südafrika verstummten die Kritiker in der Heimat nicht vollständig. Selbst diese vierzehn WM-Tore überzeugten nicht jeden Experten. Uli Hoeneß, der mächtige Patron des FC Bayern, äußerte sich gewohnt polarisierend und hielt schon den ständigen Vergleich mit dem legendären Gerd Müller für völlig übertrieben und unangebracht. Hoeneß argumentierte scharf: „Gerd Müller schoss seine wichtigen Tore gegen die großen Fußballnationen wie England, Frankreich und Italien. Klose hat achtzig Prozent seiner Tore gegen Zwerge wie Liechtenstein, San Marino und Co. erzielt.“ Der Vorwurf war klar und schmerzhaft formuliert: Kloses nackte Zahlen waren zwar historisch, aber war sein tatsächliches fußballerisches Niveau wirklich von historischer Bedeutung? War er nur ein Torschütze für die einfachen Spiele?

Die deutlichste, unwiderlegbare Antwort auf diese unfaire Kritik hatte Miroslav Klose jedoch bereits Jahre zuvor, weit weg vom Münchner Rampenlicht, in Bremen gegeben. In der fantastischen Saison zweitausendfünf/zweitausendsechs im Trikot von Werder Bremen zeigte er der Welt den vollkommenen Stürmer Klose. Er erzielte atemberaubende fünfundzwanzig Tore in der Bundesliga und bereitete, was noch viel beeindruckender ist, zahlreiche weitere Treffer direkt vor. Er wurde nicht nur überlegen Torschützenkönig, sondern auch hochverdient zu Deutschlands Fußballer des Jahres gewählt. In Bremen sah man einen Klose, der nicht nur stur in der Box auf Bälle wartete. Er ließ sich tief ins Mittelfeld fallen, er verband das Aufbauspiel mit dem Angriff, er glänzte als brillanter Vorbereiter und öffnete mit seinen klugen, aufopferungsvollen Läufen riesige Räume für seine Mitspieler. Die Bremer Zeit bewies unwiderlegbar, dass Miroslav Klose auch im harten Vereinsfußball absolute Weltklasse sein konnte, wenn man ihm das Vertrauen schenkte und ein System spielen ließ, das seine fußballerische Intelligenz nutzte. Doch genau diese Rolle, diese Freiheit, verlor er später im taktischen Korsett der Bayern unter van Gaal.
Während in Deutschland weiter hitzig und oft respektlos über seine wahre Größe gestritten wurde, lief dem Stürmer unweigerlich die biologische Zeit davon. Im Sommer zweitausendelf, im für einen Fußballer fortgeschrittenen Alter von dreiunddreißig Jahren, wagt er den Sprung ins Ungewisse. Er verlässt die Bundesliga und wechselt in die italienische Serie A zu Lazio Rom. Für viele deutsche Experten war dies der unrühmliche Anfang vom Ende, der klassische, lukrative Vorruhestand eines alternden Stars in einer langsameren Liga. Doch Rom wird für Klose zu einer phänomenalen Wiedergeburt. Er liebt die Stadt, die Fans verehren ihn wie einen römischen Gladiator, und vor allem: Er trifft und trifft weiter. Er gewinnt mit Lazio den prestigeträchtigen italienischen Pokal im historischen Derby gegen die Roma und spielt sich durch seine unermüdliche Leistungskraft noch ein allerletztes Mal zurück auf die allergrößte Bühne des Weltsports.
Drei Jahre vergehen. Der Sommer zweitausendvierzehn. Miroslav Klose reist noch einmal zu einer Weltmeisterschaft. Dieses Mal findet sie im Mekka des Fußballs statt: in Brasilien. Er ist mittlerweile sechsunddreißig Jahre alt. Es ist seine vierte Endrunde, es ist definitiv sein letztes großes Turnier, und es ist seine einzige, allerletzte verbliebene Chance auf den kollektiven Traum – den Weltmeistertitel. Doch neben dem großen Teamerfolg ist plötzlich auch ein individueller Rekord wieder in greifbare Nähe gerückt, den ihm vor dem Turnier kaum noch jemand ernsthaft zugetraut hatte. Im hitzigen Gruppenspiel gegen ein physisch übermächtiges Ghana liegt Deutschland bedrohlich mit eins zu zwei im Rückstand. Das Turnier droht früh zu kippen. Joachim Löw reagiert und holt Klose von der Ersatzbank. Keine zwei Minuten später gibt es Eckball für Deutschland. Benedikt Höwedes verlängert den Ball am kurzen Pfosten, und am langen Pfosten steht, völlig alleingelassen und instinktiv richtig positioniert: Miroslav Klose. Ein Kontakt mit dem Fuß. Tor. Ausgleich. Das Stadion tobt. Mit diesem extrem wichtigen Treffer zieht Klose in der ewigen Bestenliste mit dem Brasilianer Ronaldo gleich. Fünfzehn WM-Tore. Thomas Müller, sein jahrelanger Weggefährte und kongenialer Partner in der Nationalelf, erklärte später treffend, warum Klose genau solche unübersichtlichen Situationen immer und immer wieder für sich entschied: „Er konnte das Spiel einfach lesen. Er sah die Räume, die entstehen würden, und bewegte sich extrem intelligent. Er war nicht zwingend schneller als die Verteidiger, nur im Kopf immer einen Schritt früher.“
Und dann kommt der Tag, der die Fußballgeschichte für immer umschreiben sollte. Das epische Halbfinale in Belo Horizonte. Deutschland gegen den Gastgeber, gegen den absoluten Topfavoriten Brasilien. Es ist die dreiundzwanzigste Spielminute in einem Spiel, das zu diesem Zeitpunkt bereits völlig verrücktspielt. Klose bekommt den Ball im Strafraum, sein erster Schuss wird vom brasilianischen Torhüter Julio Cesar noch glänzend pariert. Doch während die komplette brasilianische Verteidigung noch schockiert auf den Abpraller starrt und gedanklich einfriert, ist Klose längst wieder in Bewegung. Er setzt energisch nach, bleibt fokussiert. Tor. Es ist sein sechzehnter Treffer bei Weltmeisterschaften. In diesem magischen Moment überholt Miroslav Klose den großen Ronaldo und wird für die nächsten zwölf Jahre der alleinige, absolute Maßstab aller WM-Torjäger. Die Ironie des Schicksals hätte größer nicht sein können: Ausgerechnet in Brasilien, ausgerechnet gegen Brasilien, bricht er den Rekord des brasilianischen Volkshelden. Der bescheidene Spieler, dessen Tore vielen angeblich immer zu einfach waren, stand plötzlich statistisch über den Halbgöttern Pelé, Gerd Müller und Ronaldo.
Doch wer Klose kennt, weiß, dass er in diesem historischen Moment nicht an sich selbst dachte. Er richtete den Blick sofort wieder unerbittlich nach vorn, auf das nächste Spiel, auf die nächste Aufgabe. Denn der individuelle Rekord war niemals sein eigentliches, tiefes Ziel. Der Titel mit der Mannschaft, der Stern auf der Brust, das war es, wofür er all die Jahre gelitten und gearbeitet hatte. Im großen Finale im legendären Maracanã-Stadion gegen Argentinien wirft der sechsunddreißigjährige Veteran noch einmal alles in die Waagschale. Er arbeitet kräftezehrend achtundachtzig Minuten lang unermüdlich gegen die harte argentinische Abwehr. Er bindet ständig zwei Verteidiger, wirft sich in jeden Zweikampf, läuft die Passwege zu und schafft genau jene unsichtbaren Räume für seine Mitspieler, die er immer geschaffen hat. Völlig ausgepumpt verlässt er das Feld. Dann wird Mario Götze eingewechselt. Und in der dramatischen Verlängerung fällt exakt das Tor, auf das Miroslav Klose zwölf lange, entbehrungsreiche Jahre gewartet hat. Deutschland ist Weltmeister.
Wenige Wochen nach diesem ultimativen, perfekten Triumph auf dem Zenit seiner Karriere beendet Miroslav Klose lautlos und ohne großes Spektakel seine Laufbahn in der Nationalmannschaft. Er geht, wie er gekommen war: bescheiden, leise, aber mit einem Vermächtnis, das für die Ewigkeit gebaut ist. Sein größter Förderer, Joachim Löw, fand schließlich die passendsten Worte, um dieses einmalige Phänomen zu beschreiben: „Miro Klose ist einer der absolut größten Stürmer, die es jemals auf dieser Welt gegeben hat. Nicht etwa, weil seine Tore im Fernsehen besonders spektakulär aussahen, sondern weil sie erst in dem Moment einfach aussahen, nachdem Klose alles extrem Schwierige, das Denken und das Antizipieren, bereits getan hatte.“ Die vielen Weltmeisterschaften haben Miroslav Klose letztlich nicht größer gemacht, als er eigentlich war. Sie waren schlicht und ergreifend nur der leuchtende, weltweite Ort, an dem niemand, nicht einmal seine hartnäckigsten Kritiker, mehr übersehen konnte, wie unermesslich groß er in Wahrheit immer gewesen ist.