Das geheime Leben des Professor Simoni: Was Millionen Fans von Dieter Bellmann bis heute nicht wussten
In der schillernden Welt des deutschen Fernsehens gibt es diese seltenen, unverwechselbaren Gesichter, die uns so vertraut sind, als gehörten sie quasi zur eigenen Familie. Man schaltet am Abend den Fernseher ein, sieht sie auf dem Bildschirm und fühlt sich sofort auf eine unerklärliche Art und Weise zu Hause. Eines der prominentesten, wärmsten und beliebtesten Beispiele für genau dieses Phänomen war zweifellos der Schauspieler Dieter Bellmann. Als besonnener, überaus gerechter und stets zutiefst empathischer Professor Gernot Simoni in der ARD-Erfolgsserie „In aller Freundschaft“ schrieb er zweifellos deutsche Fernsehgeschichte. Sechzehn lange Jahre lang war er der absolute Dreh- und Angelpunkt, der felsenfest in der Brandung stehende ärztliche Direktor der fiktiven Leipziger Sachsenklinik. Er war der verlässliche Ruhepol inmitten dramatischer medizinischer Notfälle, wilder Intrigen und tiefgreifender menschlicher Schicksale. Als er im Jahr 2014, nach schier endlosen Operationen und unzähligen geretteten Patientenleben auf dem Bildschirm, seinen charakteristischen weißen Arztkittel scheinbar für immer an den Nagel hängte, war die Bestürzung beim treuen Publikum riesig. Millionen Zuschauer im ganzen Land mussten sich schweren Herzens von einem Mann verabschieden, den sie Woche für Woche, Jahr für Jahr freudig in ihr heimisches Wohnzimmer eingeladen hatten. Doch was damals wie auch heute nur den allerwenigsten Fans wirklich bewusst war: Hinter diesem charismatischen Serienarzt verbirgt sich eine persönliche Lebensgeschichte, die weitaus facettenreicher, spannender und emotional bewegender ist, als es jedes noch so raffiniert geschriebene Drehbuch jemals hätte abbilden können. Es ist die unglaubliche Geschichte eines Mannes, der sagenhafte vierzig Jahre lang entweder nur eine wohlbekannte Stimme ohne Gesicht oder aber ein vertrautes Gesicht ohne festen Namen war, bevor er im späten Herbst seiner eigenen Laufbahn völlig unverhofft den absoluten Olymp der deutschen Fernsehlandschaft erklomm.
Um den echten Menschen Dieter Bellmann in seiner vollen künstlerischen Pracht und seiner enormen menschlichen Tiefe wirklich begreifen zu können, müssen wir die Uhr der Geschichte sehr weit zurückdrehen. Wir verlassen für einen Moment die hochmodernen, hell erleuchteten Flure der Sachsenklinik und reisen in ein kleines, geradezu beschauliches sächsisches Örtchen namens Dohna, das ganz in der malerischen Nähe von Pirna gelegen ist. Genau hier erblickte er mitten in den Wirren des Jahres 1940 das Licht der Welt. Nichts, aber auch gar nichts deutete in seinen frühen, bescheidenen Kinderjahren auf eine spätere, derart glanzvolle Glamourkarriere hin. Doch die Kunst, die Literatur und das Spiel riefen ihn schon sehr bald mit lauter Stimme. Mit gerade einmal achtzehn Jahren zog es den jungen, überaus ambitionierten Bellmann nach Leipzig an die renommierte Theaterhochschule. Es war der aufregende Beginn einer lebenslangen, tiefen und unerschütterlichen Liebesbeziehung zu dieser pulsierenden sächsischen Metropole. Nach seinen ersten erfolgreichen schauspielerischen Gehversuchen und sechs überaus lehrreichen Jahren am Theater der Jungen Generation im benachbarten Dresden kehrte er schon bald wieder nach Leipzig zurück. Dort sollte das städtische Schauspielhaus für die nächsten drei ausgedehnten Jahrzehnte sein absolutes, unangefochtenes künstlerisches Zuhause werden.
Doch während Bellmann auf den hölzernen Brettern, die bekanntlich für Mimen die ganze Welt bedeuten, in unzähligen klassischen und modernen Rollen glänzte und wenig später auch als anspruchsvoller Regisseur am Theater sowie für die legendären DEFA-Märchenfilme wie „Dornröschen“ oder „Hase und Igel“ große Verantwortung übernahm, passierte im Hintergrund etwas völlig Magisches, fast schon Surreales. Er wurde – für viele Zuschauer völlig unbemerkt – zu einer der markantesten, wärmsten und bekanntesten Stimmen der gesamten Deutschen Demokratischen Republik. Und das alles geschah, ohne dass das riesige Millionenpublikum überhaupt wusste, wie der fleißige Mann zu dieser extrem wohlklingenden, tiefen und beruhigenden Stimme in Wirklichkeit aussah. Bellmann arbeitete nämlich über Jahre hinweg höchst intensiv und überaus erfolgreich als Synchronsprecher. Dabei lieh er seine Stimme keinen Geringeren als den absoluten Weltstars der internationalen Filmgeschichte. Wenn das ostdeutsche Kinopublikum in den dunklen Sälen die großen westlichen Streifen voller Sehnsucht bewunderte, dann sprachen unvergleichliche Legenden wie der französische Herzensbrecher Alain Delon, der charismatische James Mason oder der unverwechselbare Charakterkopf Donald Sutherland tatsächlich mit der sanften, aber bestimmten Stimme von Dieter Bellmann. Auch internationale, hochdekorierte Charakterdarsteller wie Jonathan Pryce oder David Suchet wurden durch Bellmanns virtuose Stimmbandakrobatik für das deutschsprachige Publikum überhaupt erst richtig greifbar und emotional erlebbar.

Das Kuriose und zugleich auch ein wenig Tragische an dieser immens erfolgreichen, aber eben völlig gesichtslosen Arbeit im Verborgenen war eine Tatsache, die Dieter Bellmann in seinen späteren, seltenen Interviews oft mit einem leichten, wehmütigen Lächeln auf den Lippen kommentierte: Er hatte all diesen glorreichen Weltstars, denen er stimmlich in den abgedunkelten Kabinen so unglaublich nah gewesen war, nie im echten Leben auch nur einmal die Hand geschüttelt. Er traf im Laufe seines gesamten Lebens keinen einzigen von ihnen persönlich. Er blieb stets der unsichtbare Schatten, der begnadete Magier im dunklen Tonstudio, dessen Arbeit von allen geliebt, dessen Gesicht jedoch von niemandem erkannt wurde. Doch diese intensive, präzise Arbeit mit der eigenen Stimme hatte noch eine viel tiefere, weitaus emotionalere Dimension, die regelrecht Bände über den wahren, bescheidenen Charakter dieses ganz besonderen Menschen spricht. Schon während seiner eigenen, oftmals stressigen Studienzeit engagierte sich Dieter Bellmann ehrenamtlich für die Zentralbücherei für Blinde im Herzen Leipzigs. Stundenlang saß er an seinen freien Wochenenden hochkonzentriert vor den spartanischen Tonbandgeräten und las literarische Meisterwerke fehlerfrei ein, um Menschen, die das wunderschöne Licht der Welt nicht mit eigenen Augen sehen konnten, den so wichtigen Zugang zur unendlichen Welt der Literatur zu ermöglichen. Für diese dankbaren Zuhörer war er kein berühmter, unerreichbarer Schauspieler und keine künstliche Hollywood-Synchronstimme, sondern schlichtweg das tröstende, verlässliche Tor zur Welt der Fantasie und der Bildung. Dieses stille, zutiefst unprätentiöse soziale Engagement zog sich fortan wie ein unsichtbarer roter Faden durch sein gesamtes privates Leben und offenbarte schon überaus früh, dass es ihm in seinem tiefsten Inneren niemals um den reinen, flüchtigen Ruhm im Rampenlicht ging, sondern immer um die Sache an sich und vor allem um seine Mitmenschen.
Während seine unverwechselbare Stimme landauf, landab von fast jedem Bürger erkannt wurde, begann im aufstrebenden Fernsehen parallel dazu eine weitere, überaus kuriose und fast schon bizarre Phase in seiner außergewöhnlichen Karriere. Im Jahr 1971 startete das Staatsfernsehen der DDR die ambitionierte Krimireihe „Polizeiruf 110“. Als direktes, ostdeutsches Pendant zum massiv erfolgreichen westdeutschen „Tatort“ konzipiert, avancierte die Serie rasend schnell zum absoluten Straßenfeger und Quotenhit zwischen Rostock und Suhl. Anders als beim großen Vorbild aus dem Westen, wo nicht selten exzentrische, einsame Wölfe als Ermittler höchst bizarre, blutige Mordfälle in den anonymen Großstädten lösten, konzentrierte sich der Polizeiruf voll und ganz auf die oftmals schmerzhaften alltäglichen Abgründe der normalen Bürger: Tragische Familiendramen, eskalierende Nachbarschaftsstreitigkeiten, massiver Betrug am Arbeitsplatz oder Diebstahl von Volkseigentum. Es war das echte, ungeschönte Leben der ganz normalen Menschen, clever verpackt in mitreißende und hochgradig spannende Kriminalgeschichten. Im absoluten Zentrum dieser sonntäglichen Unterhaltung stand stets dasselbe, absolut verlässliche und moralisch integre Ermittlerteam um den legendären, stets besonnenen Hauptmann Fuchs, der über Jahrzehnte hinweg grandios und unnachahmlich von Peter Borgelt gespielt wurde.
Doch um dieses feste, kleine Ermittlerteam herum rotierte wöchentlich ein geradezu gigantisches Ensemble aus unterschiedlichsten Schauspielern, die als Verdächtige, bemitleidenswerte Opfer, neugierige Zeugen und unbeteiligte Passanten fungierten. Und genau mitten in diesem stetigen Kommen und Gehen tauchte immer und immer wieder ein ganz bestimmtes Gesicht auf dem Bildschirm auf: das von Dieter Bellmann. Das schier Faszinierende an dieser ständigen Präsenz war die Tatsache, dass er gefühlt in wirklich jeder zweiten Episode einen völlig anderen, komplett neu erfundenen Charakter mit einem völlig anderen Namen und Hintergrund verkörperte. Mal war er der völlig arglose Zeuge, der beim Spaziergang am See ganz zufällig und ahnungslos in die brutalen Ermittlungen stolperte. Nur ein paar Jahre später mimte er plötzlich mit Bravour den hochgradig zwielichtigen, äußerst gefährlichen Hauptverdächtigen, der die erfahrenen Kommissare mit seinen Lügen eiskalt an der Nase herumführte. Dann wiederum fand man ihn in einer anderen Folge in der tragischen Rolle des verzweifelten Opfers, das weinend um sein eigenes Leben bangen musste. Dieter Bellmann war in dieser Zeit das absolute, unangefochtene schauspielerische Chamäleon des ostdeutschen Fernsehens.
Für die vielen Millionen Stammzuschauer in den heimatlichen Wohnzimmern entstand durch diese ständige, aber immer wieder wechselnde Präsenz ein überaus merkwürdiger, fast schon lustiger psychologischer Effekt. Wenn Dieter Bellmann wieder einmal unverhofft in einer Szene auf dem Bildschirm erschien, ging verlässlich ein kollektives, nachdenkliches Raunen durch die vollbesetzten ostdeutschen Wohnzimmer: „Mensch, den kenne ich doch! Aber wer war das noch gleich?“ Jeder Zuschauer erkannte sein markantes, extrem ausdrucksstarkes und ehrliches Gesicht sofort wieder, doch sein tatsächlicher bürgerlicher Name wollte selbst den treuesten Fans fast nie über die Lippen kommen. Er war für ein ganzes Land der ewige, vertraute Bekannte ohne Namen. Langjährige Wegbegleiter und enge Freunde erzählten viele Jahre später oft mit einem Schmunzeln, dass sich Dieter Bellmann tief in seinem eigenen, künstlerischen Herzen über all die Jahre hinweg immer nur eine einzige, ganz bestimmte Rolle sehnlichst gewünscht hätte: Er wollte so gerne einmal selbst der smarte Ermittler sein. Ein einziges Mal offiziell auf der guten Seite der Kommissare stehen, die kniffligen Fragen stellen und den Fall glorreich lösen. Doch genau dieser große Wunsch blieb ihm ironischerweise in all den langen Jahrzehnten des Polizeirufs vom Regiepult aus konsequent verwehrt. Er blieb stattdessen der meisterhafte, wandelbare Verwandlungskünstler in der viel zitierten zweiten Reihe, der verlässliche Mann für alle noch so komplizierten Fälle, dessen eigenes, unverwechselbares Gesicht seltsamerweise nie von der breiten Masse mit seinem echten, klangvollen Namen verbunden wurde.

Dann kam schließlich der historische Herbst 1989. Ein Herbst, der bekanntermaßen nicht nur ein ganzes Land politisch und gesellschaftlich komplett auf den Kopf stellte, sondern auch die gut geölte mediale Landschaft in ihren tiefsten Grundfesten erschütterte. Mit dem Fall der Berliner Mauer und dem unausweichlichen, allmählichen Ende der Deutschen Demokratischen Republik löste sich naturgemäß auch das komplette, starre ostdeutsche Fernsehsystem Schritt für Schritt in Luft auf. Gewohnte, geliebte Sender wurden radikal abgewickelt, jahrzehntelange Erfolgsproduktionen von heute auf morgen gnadenlos eingestellt. Aus zwei ehemals völlig unterschiedlichen, politisch geprägten deutschen Fernsehlandschaften sollte nun in rasender Geschwindigkeit eine einzige, gesamtdeutsche Unterhaltungsmaschine werden. Für unzählige begabte Schauspieler, visionäre Regisseure und engagierte Kulturschaffende der ehemaligen DDR bedeutete diese historische Wende einen unfassbar harten, teilweise brutalen und existenzbedrohenden Einschnitt in ihre bisherigen Karrieren. Rollen, die gestern noch so selbstverständlich und sicher schienen, existierten plötzlich schlichtweg nicht mehr.
Auch um den allgegenwärtigen Dieter Bellmann, den Mann mit den tausend wechselnden Gesichtern aus dem Polizeiruf, wurde es auf den bundesdeutschen Fernsehbildschirmen nach der Wende schlagartig sehr, sehr still. Die regelmäßige, fast schon wöchentliche Präsenz in den Wohnzimmern der Nation war praktisch mit einem Wisch verpufft. Es gab in den Wirren der Nachwendejahre hin und wieder vereinzelt kleinere, unbedeutende Nebenrollen für ihn, doch das große, lukrative Rad der neuen Fernsehunterhaltung schien sich fortan rasant und unerbittlich ohne ihn weiterzudrehen. Genau in dieser schwierigen Phase der massiven beruflichen, finanziellen und gesellschaftlichen Unsicherheit zeigte sich jedoch Bellmanns wahre künstlerische Verwurzelung und seine innere Stärke. Während das neue, schnelllebige Fernsehen im vereinigten Deutschland ihn scheinbar kurzerhand vergessen hatte, fing ihn seine alte, beständige Liebe – das Theater – bedingungslos und mit offenen Armen wieder auf. Bis in das späte Jahr 1997 hinein blieb er dem ehrwürdigen Schauspielhaus Leipzig als festes, hochgeschätztes Ensemblemitglied und kreativer Regisseur treu. Jeden Abend stand er dort unermüdlich auf der großen Bühne, atmete tief den historischen Staub der Kulissen ein, spürte die unmittelbare, ehrliche Reaktion des Publikums und lebte seine Kunst in vollen Zügen aus. Die Bühne war sein rettender Anker in einer Zeit des stürmischen, unberechenbaren Wandels. Zudem kehrte er als überaus geschätzter Gastdozent an exakt den Ort zurück, wo für ihn vor Jahrzehnten alles begonnen hatte: an die renommierte Theaterhochschule in Leipzig. Dort gab er sein immenses praktisches Wissen, seine unschätzbare Erfahrung und seine brennende Leidenschaft für den Beruf an eine völlig neue, wilde junge Generation von Schauspielern weiter. Viele dieser talentierten jungen Studenten wussten oftmals gar nicht genau, welch reiche, jahrzehntelange Fernseh- und Synchronvergangenheit ihr weiser Dozent einst in der untergegangenen DDR gehabt hatte. Dieter Bellmann war zu diesem Zeitpunkt bereits Ende fünfzig. Ein fortgeschrittenes Alter, in dem in der enorm harten, oft fast ausschließlich jugendfixierten Schauspielbranche die großen, lebensverändernden Hauptrollen normalerweise endgültig der Vergangenheit angehören. Niemand, aber auch wirklich niemand, hätte zu diesem Zeitpunkt auch nur im Traum daran gedacht, dass das absolute, alles überstrahlende Highlight seiner beruflichen Karriere eigentlich erst noch auf ihn warten sollte.
Wir schreiben nun das Jahr 1998. Genauer gesagt den 26. Oktober 1998. Ein Datum, das das bisherige Leben von Dieter Bellmann buchstäblich für immer auf den Kopf stellen sollte. An diesem denkwürdigen Tag strahlte die ARD zur besten Sendezeit die allererste Folge einer brandneuen, ambitionierten Arztserie aus: „In aller Freundschaft“. Der Schauplatz der Serie war ausgerechnet Leipzig, jene Stadt, die Bellmann seit über vier langen Jahrzehnten voller Stolz seine absolute Heimat nannte. Und plötzlich, im stolzen, eigentlich gesetzten Alter von 58 Jahren, geschah das unfassbare TV-Wunder. Dieter Bellmann wurde nach unzähligen Castings als Professor Gernot Simoni, der weise, lebenserfahrene und in sich ruhende ärztliche Direktor der Sachsenklinik, besetzt. Es war, ohne jeden Zweifel, die Rolle seines Lebens.
Von heute auf morgen, quasi über Nacht, katapultierte ihn diese maßgeschneiderte Rolle in unfassbare Sphären der gesamtdeutschen Popularität, die er in all den arbeitsreichen Jahrzehnten zuvor niemals auch nur ansatzweise erreicht hatte. Plötzlich war er nicht mehr länger die anonyme, unsichtbare Stimme im dunklen Hintergrund. Er war auch nicht mehr das stetig wechselnde, verwirrende Gesicht ohne echten Namen aus dem sonntäglichen Krimi. Zum allerersten Mal in seiner außergewöhnlich langen Laufbahn gehörten sein markantes, gütiges Gesicht und sein echter, bürgerlicher Name unverrückbar und untrennbar zusammen. Und Millionen von Menschen quer durch ganz Deutschland – von Flensburg bis nach München – kannten nun beides. Professor Simoni wurde schnell zum ultimativen Sinnbild für den idealen, perfekten Arzt: fachlich hochkompetent, menschlich durch und durch fair, immer mit einem offenen, geduldigen Ohr für die Sorgen seiner Patienten und Kollegen ausgestattet, und stets ein unbeirrbarer moralischer Kompass in der sonst so hektischen und profitorientierten Welt der modernen Medizin.
Die Schauspielkollegen am Set schwärmten in den höchsten Tönen von seiner unkomplizierten, kollegialen Art. Thomas Rühmann, der über all die Jahre hinweg an seiner Seite den dynamischen Dr. Roland Heilmann verkörperte, erinnerte sich später an einen zutiefst warmherzigen Mann voller Schalk und Humor, der hinter den Kulissen während der Drehpausen ein wahrhaft begnadeter Geschichtenerzähler war. Seine absolut wichtigste Bezugsperson vor der laufenden Kamera wurde jedoch die talentierte Jutta Kammann, die mit eiserner Disziplin die gestrenge, aber im Kern grundehrliche und herzliche Oberschwester Ingrid spielte. Beeindruckende 669 Folgen lang standen die beiden beinahe unzertrennlich Seite an Seite im Rampenlicht. Aus professionellen Kollegen wurden im Laufe der vielen, oftmals anstrengenden Drehjahre zutiefst vertraute Freunde. Die zwischenmenschliche Chemie zwischen den beiden war auf dem Bildschirm derart authentisch, knisternd und spürbar, dass die findigen Drehbuchautoren gar nicht anders konnten, als ihre beliebten Figuren schließlich sogar zu einem echten, innigen Liebespaar in der Serie zu machen. Was dem Privatmenschen Bellmann in seinen unzähligen, stetig wechselnden Rollen in der Vergangenheit oft so schmerzlich gefehlt hatte – eine feste, verlässliche und beständige Konstante –, fand er nun ironischerweise und ausgerechnet in dieser späten Serienfigur.
Der Kontrast zu seinem beschaulichen, früheren Leben hätte rückblickend betrachtet gigantischer nicht sein können. Nach vierzig langen Jahren, in denen er bei einem Spaziergang auf der Straße höchstens mal mit einem verwirrten, fragenden Blick bedacht wurde, konnte er nun plötzlich keinen einzigen Schritt mehr völlig unbehelligt durch die Leipziger Innenstadt machen. Wildfremde Menschen auf der Straße sprachen ihn überschwänglich und voller Zuneigung an, fragten ihn völlig ernsthaft oder scherzhaft nach medizinischem Rat für ihre Wehwehchen oder bedankten sich einfach nur mit Tränen in den Augen für seine unglaublich beruhigende, väterliche Ausstrahlung. Es war ein plötzlicher, völlig überwältigender Ruhm, der wie eine Lawine über ihn hereinbrach und an den sich der stets bescheidene, bodenständige Mime erst einmal langsam gewöhnen musste. Doch er bewältigte diese massive Aufmerksamkeit mit einer beeindruckenden, charmanten und absolut natürlichen Grandezza, ohne auch nur eine Sekunde lang arrogant zu wirken.
Doch wer nun ernsthaft glaubt, dass sich Dieter Bellmann von da an voll und ganz in diesem späten, strahlenden Ruhm sonnte und nur noch für die Kameras, die Autogrammjäger und die roten Teppiche existierte, der irrt sich gewaltig. Die andere, vielleicht noch viel faszinierendere und wahrhaftigere Hälfte seines langen Lebens spielte sich stets streng abseits der flackernden Fernsehbildschirme und der grellen Blitzlichter ab. Dieter Bellmann war in seinem tiefsten Wesen absolut kein Mann für laute, oberflächliche Partys, VIP-Bereiche oder aufgesetzte Empfänge. Sein stilles, privates Lebensglück fand er ganz bescheiden bei seiner langjährigen Ehefrau, der hochgradig talentierten Schauspielerin und begnadeten Malerin Astrid Höschel-Bellmann. Die beiden Künstler verband nicht nur eine außergewöhnlich tiefe, harmonische private Liebe, sondern auch eine immense, sich gegenseitig befruchtende künstlerische Verbundenheit.
Regelmäßig standen die Eheleute auch während seiner Zeit als TV-Star gemeinsam auf kleineren, intimen Bühnen und gestalteten hochkarätige, tiefgründige literarische Abende. Begleitet von einfühlsamer, perfekt abgestimmter Klaviermusik lasen sie aus den Werken von Erich Kästner, brachten das anspruchsvolle Publikum mit Texten von Ephraim Kishon zum herzhaften Lachen oder ließen den historischen, hochdramatischen Briefwechsel zwischen Clara Wieck und Robert Schumann durch ihre bloße stimmliche Präsenz auf der Bühne lebendig werden. Es war reine, pure und völlig unverfälschte Kunst, Lichtjahre entfernt vom gnadenlosen Quotendruck der Fernsehmacher. Sein absoluter, unumstrittener Lieblingsort in dieser späten Lebensphase wurde jedoch die sogenannte „Funzel“, ein uriger, winziger und familiärer Kabarett-Keller mitten im pulsierenden Herzen von Leipzig. Dort, in einem sehr überschaubaren, dunklen Saal mit nur wenigen Dutzend Sitzplätzen, stand der große, gefeierte Fernsehstar über viele Jahre hinweg fast völlig unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit der Republik auf der kleinen Holzbühne und brillierte mit liebevollen Loriot-Abenden. Er brauchte für sein Ego ganz offensichtlich keine Millionen Fernsehzuschauer, um innerlich tief erfüllt und glücklich zu sein. Ihm reichte der direkte, ehrliche und unverfälschte Kontakt zu einem echten, atmenden Publikum in einem kleinen, charmanten Gewölbekeller.
Besonders berührend und bezeichnend für seinen makellosen Charakter war jedoch sein beispielloses soziales Engagement, das er zeit seines Lebens nie an die große, mediale Glocke hing. Er, der im Abendprogramm vor Millionen so überzeugend den großen, fast schon unfehlbaren Heiler spielte, wusste tief in seinem Herzen ganz genau um die oftmals grausamen und echten Schicksale im wahren Leben. Ab dem Jahr 2006 engagierte er sich aus tiefster persönlicher Überzeugung und mit enormem zeitlichen Aufwand als Botschafter für ein Kinderhospiz in Mitteldeutschland. Darüber hinaus unterstützte er mit ganzer Kraft eine wohltätige Stiftung, die sich aufopferungsvoll um schwerstkranke Kinder und deren Familien kümmerte. Er nutzte seine gewaltig gewachsene Bekanntheit ganz bewusst nicht für eigene finanzielle Zwecke oder billige PR, sondern einzig und allein, um jenen eine laute Stimme in der Gesellschaft zu geben, die selbst keine hatten. Es war definitiv keine Rolle, die er hier spielte – es war echte, ungeschminkte und gelebte Mitmenschlichkeit.
Am 10. Oktober des Jahres 2017 flimmerte Dieter Bellmann schließlich zum allerletzten Mal in der geliebten Rolle des Professor Simoni in einer regulären Folge über die deutschen Bildschirme. Es war ein ganz normaler, unauffälliger Dienstagabend, und niemand im Publikum ahnte auch nur im Entferntesten, dass dies ein endgültiger, für immer währender Abschied sein sollte. Nur wenige kurze Wochen später schloss Dieter Bellmann für immer seine Augen und verließ diese Welt. Trotz einiger wilder, unwürdiger Spekulationen in den Boulevardmedien stellte sein Anwalt wenig später unmissverständlich klar, dass er friedlich und ruhig eingeschlafen sei, und bat die Öffentlichkeit inständig darum, die private Trauer der Hinterbliebenen zu respektieren. Mit Dieter Bellmann verlor die deutsche Unterhaltungslandschaft nicht nur einen in jeder Hinsicht herausragenden, brillanten Schauspieler, sondern vor allem einen wahrhaft außergewöhnlichen, gütigen Menschen. Sein Leben glich einem epischen, wendungsreichen Roman: Vom ewigen namenlosen Gesicht im Schatten einer Diktatur zum strahlenden, über alles geliebten Patriarchen des gesamtdeutschen Fernsehens. Er hat uns auf unnachahmliche Weise gelehrt, dass wahrer, bleibender Erfolg nicht im schnellen, lauten Ruhm liegt, sondern vielmehr in der charakterlichen Beständigkeit, der absoluten Bescheidenheit und der unbedingten, ehrlichen Liebe zur Kunst. Die Millionen treuer Fans der Sachsenklinik werden seinen wachen, intelligenten Blick, sein sanftes, beruhigendes Lächeln und seine unverkennbare, sonore Stimme niemals vergessen. Dieter Bellmann war vielleicht im wahren, echten Leben kein Mediziner mit Doktortitel, aber mit seiner großen Kunst, seiner unvergleichlichen Wärme und seiner unendlichen Empathie hat er über die Jahrzehnte hinweg auf seine ganz eigene, stille Art unzählige menschliche Herzen geheilt.