Das doppelte Gesicht der Sonnenblume: Die unglaubliche Wahrheit hinter Clown Ferdinand

Es gibt diese seltenen Figuren in der Geschichte des Fernsehens, die nicht nur eine Generation prägen, sondern regelrecht in die DNA einer ganzen Epoche übergehen. Für Millionen von Kindern, die in den 1960er und 1970er Jahren aufwuchsen, war er der ultimative Held des Alltags: Clown Ferdinand. Mit seinem karierten Mantel, der feuerroten Perücke, den viel zu großen Schuhen, der runden roten Nase und – ganz wichtig – der riesigen Sonnenblume am Revers, war er unverwechselbar. Er reiste in einem kleinen, klapprigen Wohnwagen durch die Weltgeschichte, stets begleitet von seinem altklugen Papageien Robert. Ferdinand war kein klassischer Zirkusclown, der für flache Lacher durch die Manege stolperte. Er war ein Clown des echten Lebens, ein liebevoller Anarchist, der sich mit kindlichem Erstaunen und viel Tollpatschigkeit um die Sorgen der Kleinsten kümmerte. Doch hinter diesem warmherzigen Kinderfreund verbarg sich ein Schauspieler mit einem unfassbaren Doppelleben auf der Leinwand. Die Geschichte von Jiří Vršťala, dem Mann hinter Clown Ferdinand, ist eine der faszinierendsten und zugleich am wenigsten erzählten der deutsch-deutschen Fernsehgeschichte.

Die Reise begann nicht in den glamourösen Studios von Berlin oder Köln, sondern in Liberec, einer beschaulichen Stadt im Norden der Tschechoslowakei. Dort wurde Jiří Vršťala geboren, ein begabter Theaterschauspieler, der eigentlich ganz andere Pläne hatte, als in übergroßen Hosen für Kinderfernsehen zu drehen. Seine Karriere als Clown begann 1955 durch einen puren Zufall. Der Regisseur Jindřich Polák suchte für eine neue Fernsehrevue einen ganz bestimmten Typ Schauspieler: jemanden, der unglaublich tollpatschig und naiv wirken konnte, ohne dabei ins Alberne oder Lächerliche abzurutschen. Vršťala, der bereits ein Jahrzehnt Erfahrung an Theatern in Liberec und Prag gesammelt hatte, besaß exakt dieses seltene Talent. Gemeinsam kreierten sie eine Figur, die es in dieser Form noch nie gegeben hatte. Clown Ferdinand lebte nicht von Slapstick, sondern von Empathie. Er zeigte den Kindern, dass es in Ordnung ist, Fehler zu machen, und dass jedes Problem – sei es eine aus dem Nest gefallene Meise oder die Angst vor einem Gewitter – eine ganz eigene, oft unkonventionelle Lösung hat.

Was als kleine, tschechoslowakische Fernsehidee begann, entwickelte bald eine Eigendynamik, die selbst die Erfinder völlig überraschte. Der absolute Durchbruch, der Clown Ferdinand weit über die Grenzen des Ostblocks hinaus berühmt machte, ereignete sich 1962 mit dem Kinofilm „Clown Ferdinand und die Rakete“. Die Handlung war so simpel wie genial: Der tollpatschige Ferdinand gerät mit seinem Papagei und drei neugierigen Kindern versehentlich an Bord eines Raumschiffs, freundet sich mit einem unsichtbaren Roboter an und stürzt sich in ein kosmisches Abenteuer. Als der Film am 18. Oktober 1963 im DDR-Fernsehen ausgestrahlt wurde, war der Erfolg gigantisch. Doch die eigentliche Sensation folgte erst noch.

Auf einem internationalen Kinderfilmfestival wurde der Westdeutsche Rundfunk (WDR) auf den Film aufmerksam. Im Westen suchte man damals händeringend nach hochwertigen Kindersendungen, die pädagogisch wertvoll waren, aber auf den gefürchteten, moralischen Zeigefinger verzichteten. Clown Ferdinand lieferte exakt das. Der WDR kaufte die Rechte, und das Unvorstellbare geschah: Mitten im kältesten Frost des Kalten Krieges, während Politiker auf beiden Seiten der Mauer unüberwindbare Mauern bauten, riss ein tollpatschiger Clown mit einer Sonnenblume diese Grenzen spielend ein. Plötzlich saßen Kinder in Köln, Hamburg, Dresden und Leipzig vor den Bildschirmen und lachten über denselben Helden. 1968 wurde der Film im Westen sogar mit dem begehrten Deutschen Kinderfilmpreis als bester ausländischer Spielfilm ausgezeichnet. Clown Ferdinand wurde zu einem raren deutsch-deutschen Bindeglied, einem kulturellen Phänomen, das Ideologien einfach weglächelte.

In der DDR wurde Ferdinand derweil zur unsterblichen Legende. Seine Revuen im legendären Berliner Friedrichstadt-Palast waren über Jahre hinweg restlos ausverkauft. Vršťala war nicht nur der Darsteller; er schrieb die Stücke, führte Regie und lebte diese Figur mit jeder Faser seines Körpers. Er war der Fixstern einer ganzen Generation. Doch wer glaubte, Vršťala sei in der Rolle des ewig kindlichen Clowns gefangen, der kannte nur die halbe Wahrheit. Denn exakt zur selben Zeit, als Familien im Friedrichstadt-Palast über Ferdinand lachten, saßen sie in den großen Kinosälen der Republik und zitterten vor einem der brutalsten Schurken der DEFA-Geschichte – ohne zu wissen, dass sie demselben Mann ins Gesicht blickten.

1966 kam „Die Söhne der großen Bärin“ in die Kinos, der erste große Indianerfilm der DEFA. Der Film brach alle Rekorde und lockte allein in der DDR fast zehn Millionen Zuschauer an. Im Zentrum der Handlung stand der edle Häuptling Tokei-ihto, gespielt vom charismatischen Gojko Mitić. Sein erbitterter Gegenspieler war der weiße Goldsucher und Verräter Fred Clark, genannt „Red Fox“. Ein skrupelloser, kalter Mörder, der den Vater des Häuptlings hinterrücks ermordet. Dieser eiskalte Bösewicht, der am Ende des Films in einem epischen Zweikampf an der kanadischen Grenze besiegt wird, wurde von niemand Geringerem als Jiří Vršťala gespielt. Der Mann, der vormittags im karierten Mantel Meisen fütterte, schoss nachmittags auf der Leinwand als berechnender Schurke um sich.

Die Maskerade war so perfekt, dass das Publikum den Schwindel nicht bemerkte. Vršťalas Mimik war hart, seine Bewegungen berechnend, und nicht einmal seine Stimme konnte ihn verraten, da er für die deutsche Kinofassung von einem anderen Schauspieler synchronisiert wurde. Diese brachiale schauspielerische Bandbreite bewies Vršťalas wahre Genialität. Er war kein One-Hit-Wonder im Clownskostüm, sondern ein hochkarätiger, wandelbarer Charakterdarsteller. Er überzeugte später auch in dem Kriminalfilm „Schatten über Notre Dame“ in einer ernsthaften Rolle.

Doch so strahlend seine Karriere war, so abrupt und traurig war ihr Ende. Das Jahr 1983 markierte einen brutalen Wendepunkt. Der berühmte Friedrichstadt-Palast sollte umgebaut und modernisiert werden. Ein neues, glitzerndes Konzept mit schnellen Shows und modernem Tempo wurde entworfen. In dieser neuen, hektischen Unterhaltungswelt war für die stille, poetische Weisheit und die altmodische Tollpatschigkeit von Clown Ferdinand plötzlich kein Platz mehr. Nach 25 Jahren, in denen er das Haus maßgeblich geprägt und Millionen von Menschen begeistert hatte, reichte ein einziges, nüchternes Gespräch, um Vršťala vor die Tür zu setzen. Wie die „Berliner Zeitung“ später treffend anmerkte, geschah dieser Abschied unfassbar kalt – fast so, als hätte man schlichtweg vergessen, einen langjährigen, verdienten Kollegen angemessen zu würdigen. Kein großer Abschiedsauftritt, keine Fernseh-Gala, kein Feuerwerk. Clown Ferdinand verschwand praktisch über Nacht von der großen Bühne.

Jiří Vršťala reagierte auf diesen Affront jedoch nicht mit öffentlicher Verbitterung. Er zog sich stillschweigend zurück, legte den karierten Mantel ab und widmete sich seiner zweiten großen Leidenschaft: dem Schreiben. Weggefährten beschrieben ihn in dieser Zeit als einen Mann mit der bewundernswerten Fähigkeit, ein abgeschlossenes Kapitel ohne Reue hinter sich zu lassen. Er ordnete sein privates Leben völlig neu, durchschiffte schwere persönliche Krisen und fand zu einer inneren Ruhe fernab des großen Rampenlichts. Er lebte zurückgezogen, aber erfüllt, bis er am 10. Juni 1999 nach schwerer Krankheit in aller Stille verstarb. Ganz so, wie er es sich für seinen Lebensabend gewünscht hatte.

Heute hängt der legendäre karierte Mantel in einem Museum. Die rote Perücke und die markante Nase ruhen auf einem hölzernen Kopf, weit weg vom Applaus der Massen. Doch das Vermächtnis von Jiří Vršťala lebt weiter. Er hinterlässt das Bild eines Mannes, der einer zerrissenen Welt zeigte, wie viel Kraft in der Unschuld eines Clowns stecken kann, und der gleichzeitig bewies, dass wahres schauspielerisches Talent keine Grenzen kennt. Clown Ferdinand mag die Bühne verlassen haben, aber in den Herzen jener Kinder, die mit ihm erwachsen wurden, reist er in seinem kleinen Wohnwagen auf ewig weiter.

Disclaimer: This story is fictional and created for entertainment purposes only. Any names, characters, places, or events are fictitious or used fictitiously. No real person or organization is intended to be portrayed.

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