Das Doppelleben der Ursula Karusseit: Ehe-Hölle, Betrug und das späte Geständnis der TV-Legende
Sie war die Frau mit dem beruhigenden Lächeln, die Seele der Sachsenklinik und für Millionen von deutschen Fernsehzuschauern ein fester, verlässlicher Anker am Sonntagabend. Als Charlotte Gauss in der ARD-Erfolgsserie „In aller Freundschaft“ schenkte Ursula Karusseit über zwei Jahrzehnte lang Wärme, Kaffee und gute Ratschläge aus. Ein Gesicht, das man unweigerlich mit Mütterlichkeit und unerschütterlicher Bodenständigkeit verband. Doch hinter dieser perfekten, fast schon heilen Fernseh-Fassade verbarg sich ein Leben, das an Dramatik, Schmerz und heimlichen Tragödien kaum zu überbieten ist. Ein Leben, das die gefeierte Schauspielerin erst ganz am Ende, als ihr eigener Vorhang bereits fiel, schonungslos in einem Buch niederschrieb. Ein Buch namens „Zugabe“, das sie selbst niemals als fertiges Werk in den Händen halten durfte. Es sind Memoiren, die ein ganzes Land erschüttern und das Bild der gutmütigen Cafeteria-Chefin für immer verändern.
Um die unfassbaren Kontraste in Ursula Karusseits Leben zu begreifen, muss man weit zurückblicken. In eine Zeit, in der das Wort „Flucht“ noch eine blutige, traumatische Realität war. Im Jahr 1945, als sie gerade einmal fünf Jahre alt war, musste ihre Familie alles zurücklassen. Ein Zug brachte sie in Richtung Westen. Es sind Szenen, die sich tief in ihre Seele einbrannten: Ruckartig anfahrende Waggons, Menschen, die in ihrer Verzweiflung von den Trittbrettern stürzten, und die angespannte, von nackter Panik gezeichnete Miene ihrer Mutter, Tante und Großmutter. Während die Kinder diese Flucht noch mit der unschuldigen Naivität eines Abenteuers erlebten, legte sich hier der Grundstein für eine Frau, die lernen musste, Haltung zu bewahren – egal wie sehr die Welt um sie herum aus den Fugen geriet.
Die junge Ursula war keine Frau, die sich dem Schicksal einfach ergab. Bereits in jungen Jahren bewies sie einen eisernen Willen, der in krassem Gegensatz zu den Wünschen ihres strengen Vaters stand. Der Lehrer wünschte sich für seine Tochter Sicherheit, eine solide Existenz in den unsicheren Zeiten der Nachkriegs-DDR. Eine Ausbildung zur Stenotypistin, eine feste Stelle als Sachbearbeiterin in einer Maschinenfabrik in Gera – das war der vorgezeichnete Weg. Doch während sie tagsüber stumpf Zahlenkolonnen in Listen eintrug, brannte in ihr ein anderes Feuer. Abends stand sie heimlich auf der Bühne eines Laienkabaretts. Das Versteckspiel trieb sie auf die Spitze, als sie sich, abermals ohne das Wissen ihrer Eltern, an einer Schauspielschule bewarb. Mit 21 Jahren kam die Zusage. Es war ihr erster großer Akt der Rebellion. Sie lehnte sich gegen ihren Vater auf, um ihrer wahren Berufung zu folgen – ein mutiger Schritt, der sich erst Jahre später auszahlen sollte, als ihre Eltern sie zum ersten Mal im Fernsehen bewundern durften.

Der absolute Durchbruch kam 1968. Als Magd Gertrud Habersat in dem Fünfteiler „Wege übers Land“ spielte sie sich in die Herzen der Nation. Die Rolle war ein Straßenfeger, unfassbare 77 Prozent der DDR-Fernsehzuschauer saßen gebannt vor den Bildschirmen. Ursula Karusseit war plötzlich ein Superstar. Doch der Preis für diesen Ruhm war extrem hoch. Während der monatelangen Dreharbeiten in Mecklenburg riss sie sich körperlich und emotional auf. Und während ganz Deutschland sie bewunderte, begann im Privaten eine ganz andere, weitaus dunklere Geschichte, die ihre schwerste Lebensprüfung werden sollte.
Es geht um die große, alles verzehrende Liebe zu dem Schweizer Theaterregisseur Benno Besson. Die Art und Weise, wie ihre Beziehung begann, klingt wie ein romantisches Märchen, das sich jedoch später in einen absoluten Albtraum verwandeln sollte. 1964 stand der charismatische Regisseur plötzlich vor der Tür ihrer Eltern in Gera. Er war ihr von einem Vorsprechen nachgereist, nur um sie auf ein Bier einzuladen. Eine Geste voller Leidenschaft und Hartnäckigkeit. Sie tranken das Bier, fuhren an die Ostsee und waren fortan unzertrennlich. Doch es gab ein massives Problem: Besson war verheiratet und Vater zweier Kinder. Es war der Beginn eines komplizierten familiären Geflechts.
1969, nach der Geburt ihres gemeinsamen Sohnes Pierre, folgte die Hochzeit. Ursula Karusseit war nun nicht nur Ehefrau und Mutter, sondern auch die Stiefmutter von Bessons Tochter Katharina Thalbach. Der Beginn war steinig, geprägt von Reibereien und strengen Ansagen der neuen Hausherrin. Doch die wahre Belastungsprobe fand nicht am heimischen Küchentisch statt, sondern in der schillernden, aber toxischen Theaterwelt.
Die Ehe mit Benno Besson war von tiefer Leidenschaft, aber auch von unerträglichem Schmerz geprägt. Die Enthüllungen aus Karusseits Buch lassen dem Leser den Atem stocken. Die bedingungslose Liebe, die sie ihrem Ehemann entgegenbrachte, wurde auf entwürdigende Weise mit Füßen getreten. Ein prägnantes und schockierendes Beispiel dafür ereignete sich bei einem Gastspiel in Genua. Während Karusseit brav auf ihrem Hotelzimmer saß, vergnügte sich Besson an der Hotelbar mit einer Kollegin. Diese Kollegin suchte am nächsten Tag völlig ungeniert die Konfrontation mit der Ehefrau und erklärte in einem affektierten Ton, sie liebe Benno Besson, weil er so „lebendig“ sei. Die Reaktion von Ursula Karusseit? Sie ließ die Frau noch in derselben Nacht eiskalt aus dem Hotel werfen. Ein kurzer Triumph, der jedoch die tiefen Risse im Fundament dieser Ehe nicht mehr kitten konnte.

Der absolute Tiefpunkt, der emotionale Zusammenbruch, der Ursula Karusseit endgültig brechen sollte, ereignete sich im Jahr 1976 während eines Gastspiels in Avignon. Als sie Besson zur Rede stellte und ihm drohte, nach Hause zu fahren, da dort schließlich Leute auf sie warten würden, eskalierte die Situation. Als Besson eifersüchtig nachfragte, wer auf sie warte, nannte sie den Namen des Schauspielers Henry Hübchen. Es war eine Freundschaft, eine platonische Verbindung, die sie nach gemeinsamen Dreharbeiten aufgebaut hatte – eine „große, schöne Ablenkung“, wie sie später gestand, jedoch nie etwas Körperliches. Doch Benno Besson reagierte nicht mit rasender Eifersucht, sondern mit unfassbarer Erleichterung. Er war erleichtert, dass sie angeblich jemanden hatte, denn er gestand ihr in diesem Moment brutal und unverblümt ins Gesicht, dass für ihn längst eine andere Frau da sei.
Diese Nacht in Avignon wurde für Ursula Karusseit zur Hölle auf Erden. In ihrem Notizbuch hielt sie diesen herzzerreißenden Moment fest. Sie weinte ununterbrochen. Die Liebe ihres Lebens, der Mann, für den sie so viel geopfert hatte, hatte sie kaltblütig abserviert. Wie sie in den Tagen, Monaten und Jahren danach die Kraft fand, weiterhin auf der Bühne zu stehen und starke Frauen zu verkörpern, bleibt ihr unglaubliches Geheimnis. Es ist eine eiserne Disziplin, die Bewunderung abnötigt. Fünf Jahre zuvor hatte sie im Kino die Widerstandskämpferin Hilde Coppi gespielt, nun musste sie in ihrem eigenen Leben den ultimativen Widerstand gegen den inneren Zusammenbruch leisten.
Der bürokratische Schlussstrich unter diese Ehe-Tragödie ist an Absurdität kaum zu überbieten. Erst 19 Jahre nach der dramatischen Nacht von Avignon, kurz nach ihrem 25. Hochzeitstag, ließen sich Karusseit und Besson offiziell scheiden. Der Ort? Lausanne in der Schweiz. Der Grund? Er klingt schockierend nüchtern und fast schon zynisch. In Deutschland, so Karusseit, hätte die Scheidung schlichtweg „sehr viel mehr Geld gekostet“. Eine pragmatische Entscheidung, die das völlig zerstörte emotionale Band endgültig durchtrennte.
In den Jahren nach dem Fall der Mauer bewies Ursula Karusseit eine unglaubliche Resilienz. Sie stürzte sich in die Arbeit, spielte an Theatern in ganz Deutschland, lehrte an der Filmhochschule in Babelsberg und führte Regie. Sie spielte große Rollen, wie die extrem fordernde „Mutter Courage“ am Kölner Schauspielhaus, und blieb eine gefragte Darstellerin in TV-Formaten wie „Liebling Kreuzberg“ oder dem „Polizeiruf 110“.

Doch der ganz späte, zweite große Fernseh-Gipfel kam 1998 mit fast 60 Jahren. Eine Rolle, der anfangs niemand große Erfolgschancen einräumte: Charlotte Gauss in „In aller Freundschaft“. Was als wackelige Neuproduktion begann, wurde zur erfolgreichsten Krankenhausserie Deutschlands. Und Ursula Karusseit war das schlagende Herz dieser Serie. 21 Jahre lang stand sie als Charlotte vor der Kamera. Als sie 2018 gemeinsam mit dem Team die „Goldene Henne“ entgegennahm, wusste das Publikum noch immer nichts von den tiefen Wunden, die diese Frau in sich trug.
Als Ursula Karusseit im Februar 2019 für immer die Bühne verließ, regnete es Nachrufe voller Lob und Bewunderung. MDR-Programmdirektor Wolf-Dieter Jacobi brachte es auf den Punkt: Sie hatte sich über die gesamte Laufzeit in die Herzen des Publikums gespielt. Doch erst durch ihr posthumes Buch „Zugabe“ verstehen wir heute die wahre Größe dieser Frau. Wir verstehen, wie viel Schmerz, wie viel Verrat und wie viel stille Verzweiflung sich hinter ihrem freundlichen Gesicht in der Cafeteria der Sachsenklinik verbargen. Sie war nicht nur die gutmütige Charlotte, nicht nur die rebellische Magd Gertrud, nicht nur die leidende Ehefrau in Avignon. Sie war ein Mensch, der trotz massiver Rückschläge nie aufgab. Eine wahre Legende, deren dunkelstes Geheimnis sie noch menschlicher, noch greifbarer und noch bewundernswerter macht. Ihr Leben war eine epische Tragödie, verborgen hinter einem strahlenden Lächeln – und wir dürfen ihr nun, Jahre nach ihrem Tod, endlich den verdienten Applaus für ihre allergrößte, ungeskriptete Rolle zollen: ihr eigenes, unglaublich schweres Leben.