Conny Froboess: Vom gefeierten Kinderstar zum gefühlvollen Bühnen-Mythos – Peter Kraus bricht sein Schweigen und die bewegende Wahrheit über ein Leben im Schatten des Ruhms
Es gibt Lebensgeschichten, die sich wie ein langes, schönes Märchen lesen, bis man genauer hinschaut und die feinen Risse in der glänzenden Fassade entdeckt. Wenn Cornelia Froboes heute durch die stillen Räume ihres alten Bauernhofs in Raubling am Fuß des Wendelsteins in Oberbayern geht, sammelt sie mit einer fast schon rührenden Akribie Dinge, die andere Menschen längst achtlos in den Müll werfen würden. Altes Papier, leere Briefumschläge, Stifte und Notizzetzel – alles, was auch nur entfernt nach Büro und Verwaltung riecht, landet in ihren Händen. Sie schmunzelt manchmal leise über sich selbst und nennt sich dann selbstironisch eine “Papierfetischistin”. Es ist ein friedliches, fast melancholisches Bild einer 82-jährigen Frau, die heute ganz allein lebt, nachdem ihr geliebter Ehemann Helmut vor einigen Jahren verstorben ist. 55 lange Jahre lang teilten sie sich diesen Hof, dieselben Zimmer, dieselben Träume und denselben Alltag. Doch wer die heutige Cornelia Froboes sieht, vergisst leicht, dass hinter dieser geerdeten, klugen Frau ein Leben liegt, das von einem Ausmaß an frühem Ruhm geprägt war, das sich heutige Generationen kaum noch vorstellen können. Vor rund siebzig Jahren war dieses Gesicht auf jedem Plakat, in jeder Illustrierten und auf jeder Schallplatte zu finden. Sie war das allererste, was man in Nachkriegsdeutschland einen echten Kinderstar nannte. Doch hinter dem Jubel, dem tobenden Applaus und den Millionen verkauften Platten verbarg sich ein Kind, das seine Jugend auf den Bühnen und in Aufnahmestudios opfern musste.
Um zu verstehen, was diesen Menschen im tiefsten Inneren geprägt hat, muss man weit in die dunklen Jahre des Zweiten Weltkriegs zurückreisen. Cornelia Froboes wurde am 28. Oktober 1943 in Wriezen an der Oder geboren, wohin ihre schwangere Mutter von Berlin aus vor den verheerenden Bombenangriffen geschickt worden war. Ihr Vater Gerhard Froboes war ein passionierter Jazzmusiker, Komponist und Musikverleger, der in Berlin den bekannten Musikverlag betrieb. Als die Stadt in Schutt und Asche sank und die Rote Armee anrückte, floh die Familie zurück in den zerstörten Westberliner Bezirk Wedding. In dieser rauen Trümmerlandschaft, in der die Menschen ums nackte Überleben kämpften, begann der Vater zu Hause intensiv mit Musikern zu experimentieren. Die kleine Cornelia saß oft stundenlang mucksmäuschenstill daneben und sog die Melodien wie ein Schwamm in sich auf. Eines Tages nahm der Vater sie mit in den Sender, weil er dem Sendeleiter Hans Karste ein neues Lied präsentieren wollte, das er eigens geschrieben hatte: “Pack die Badehose ein”. Während der Vater drinnen geschäftlich verhandelte, langweilte sich das Mädchen im Auto. Als sie schließlich hineindurfte, schenkte der Sendeleiter ihr zum Trost eine Tafel Schokolade. Der Vater forderte sie auf, sich artig zu bedanken und dem Onkel ein Lied vorzutragen. Cornelia sang, und Karste war völlig hingerissen von dieser glasklaren, unschuldigen Stimme.
Nur wenige Wochen später rief der legendäre Quizmaster Hans Rosenthal an. Im Mai 1951 stand die gerade einmal sieben und ein halbes Jahr alte Cornelia im Berliner Titania Palast vor mehr als tausend gespannten Zuschauern auf der Bühne und trug das Lied ihres Vaters vor. Es war erst ihr drittes Mal vor Publikum überhaupt. Die Plattenfirma Elektrola reagierte blitzschnell, nahm das Lied gemeinsam mit den Schöneberger Sängerknaben auf, und im Sommer darauf kannte ganz Deutschland ihren Namen. Im August 1952 zierte ihr Gesicht mit einem Schokoladen-Lutscher in der Hand das Cover des renommierten “Spiegel”. Konzerte, Filmrollen, Tourneen und Schallplattenaufnahmen folgten Schlag auf Schlag in einem atemberaubenden Tempo. Eine eigens engagierte Privatlehrerin reiste unermüdlich mit ihr umher, denn an einen geregelten Schulunterricht war längst nicht mehr zu denken. Die Eltern fungierten als strenge Manager und trieben die Karriere mit eisernem Eifer voran. Für ein kriegsgeplagtes Land, das noch schwer an den physischen und psychischen Wunden der Vergangenheit litt, waren ihre fröhlichen Lieder wie ein psychologischer Balsam. “Lieber Gott, lass die Sonne wieder scheinen” – für Millionen Bundesbürger war die kleine Cornelia ein greifbarer Hoffnungsschleier.

Doch fernab des Blitzlichtgewitters sah die Realität völlig anders aus. Hinter der Bühne war Cornelia vor allem eines: ein Kind ohne echte Kindheit. Es gab keine Spielplätze, keine verabredeten Nachmittage mit Gleichaltrigen, keine unbeschwerten Sommernachmittage. Es gab nur Proben, Reisen, Auftritte und eine Mutter, die mit Argusaugen über jeden Schritt wachte. Noch als sie längst volljährig war, fing sie sich gelegentlich Ohrfeigen ein, wenn sie nach einem Auftritt auch nur wenige Minuten zu spät nach Hause kam. Erst Jahrzehnte später fand sie die ehrlichen, schmerzhaften Worte für diese Zeit: “Meine Kindheit war schwierig. Ich war ein Kind, das immer arbeiten musste.” Was damals niemand in ihrem Umfeld ahnen konnte oder wollte: Das kleine Mädchen sehnte sich nach etwas, das kein noch so lauter Applaus der Welt jemals ersetzen konnte – nach ganz normalen Freunden, nach Gleichaltrigen und nach einer Welt, in der man nicht ständig funktionieren muss.
Als der Rock ‘n’ Roll in den späten Fünfzigern Deutschland erfasste, verwandelte sich das kleine Mädchen in das umschwärmte Teenie-Idol “Connie”. Die Jugendzeitschriften überschlugen sich mit Berichten über sie und ihren angeblichen Partner Peter Kraus. Filme wie “Connie und Peter machen Musik” oder “Wenn die Connie mit dem Peter” liefen in den Kinos mit riesigem Erfolg. Die Bravo druckte Titelgeschichte um Titelgeschichte über die vermeintliche Traum-Romanze des Wirtschaftswunders. Doch die Wahrheit war weit unromantischer: Es handelte sich schlicht und ergreifend um einen cleveren Marketingtrick der Plattenfirmen. Connie war bei Elektrola unter Vertrag, Peter bei Polydor. Privat waren sie kein Liebespaar, wie Peter Kraus Jahre später in einem offenen Interview verriet. “Der Peter war mein großer Bruder”, sagte Connie einmal rückblickend. Wenn ihr der Trubel auf den Sets unheimlich wurde, nahm er sie an die Hand und sagte: “Komm Schatzi, jetzt führe ich dich hier raus und bring dich nach Hause.”
Und dennoch gab es jenen berühmten, oft zitierten Moment, in dem Peter Kraus sie fragte, ob sie denn schon einmal richtig geküsst worden sei. Jahrzehnte später gestand er in einem gemeinsamen Rückblick: “Du warst dir nicht sicher, und ich habe dich gefragt, ob ich es dir einmal zeigen soll. Dann habe ich dich zum ersten Mal richtig geküsst.” Ein Paar wurden sie dennoch nie; er war 21, sie gerade einmal 16 Jahre alt. Connie war damals ohnehin ganz woanders gedanklich verankert. Wie Peter Kraus später verriet, war sie zu jener Zeit unglücklich in den Schauspieler Peter Vogel verliebt. Doch die vielleicht wichtigste Wende in ihrem Leben vollzog sich im Jahr 1959, als sich die erst 16-jährige Cornelia an der renommierten Schauspielschule von Marlis Ludwig in Berlin einschrieb. Zum ersten Mal in ihrem Leben saß sie in einem Raum voller junger Menschen, die sie nicht als den berühmten Kinderstar auf einem Podest anstauten, sondern sie schlicht als Mitschülerin akzeptierten. “Zum ersten Mal in meinem Leben war ich mit Gleichaltrigen zusammen”, erinnerte sie sich dankbar. Sie holte nun mit einem gewaltigen Kraftakt all das nach, was andere Jugendliche in der Schule über Jahre gelernt hatten – Literatur, Textanalyse, Geschichte. Sie tauchte tief in die Welt der großen Autoren ein und entdeckte eine Welt, in der sie nicht mehr nur das singende Püppchen Connie sein musste, sondern komplexe Frauenfiguren verkörpern durfte.
Der endgültige, radikale Bruch mit der musikalischen Vergangenheit folgte, als sie den Rat des bekannten Wiener Kritikers Hans Weigel annahm: “Wenn Sie wirklich Theater spielen wollen, dann gehen Sie in die Provinz. Lassen Sie sich die Möglichkeit geben, dort schlecht sein zu dürfen.” Ein ungewöhnlicher Ratschlag für einen Menschen, der seit frühester Kindheit ausschließlich auf grandiosen Erfolg geeicht war. Cornelia folgte ihm, ging nach Salzburg und stand dort erstmals als einfaches Dienstmädchen auf der Theaterbühne – ohne großen Applaus, ohne kreischende Fans. Und in Salzburg fand sie nicht nur ihre wahre Berufung als ernsthafte Schauspielerin, sondern auch den Mann, der für die nächsten 55 Jahre ihr sicherer Hafen sein sollte: Helmut Matthíasek. Der brillante, promovierte Theatermann und spätere Intendant war zwölf Jahre älter als sie. Er besetzte sie in der Agnes in Molières “Schule der Frauen”, und der gemeinsame Erfolg war gewaltig. Am 3. August 1967 heirateten die beiden. Noch im selben Jahr veröffentlichte sie ihre allerletzte Soloplatte und beendete damit ihre Popkarriere endgültig, um sich voll und ganz der Bühne zu widmen.
Mit der Geburt ihrer Kinder Agnes und Kaspar zog die Familie auf den idyllischen Rinkelhof in Oberbayern. Hier schufen sie sich ein Refugium weit ab vom Berliner Trubel. Cornelia stand jahrelang als festes Ensemblemitglied auf den Bühnen der Münchner Kammerspiele und spielte fast alle großen klassischen Frauenrollen des deutschen Theaters – von Lessing über Wedekind bis hin zu Brecht. Doch das Leben auf dem Land brachte auch unerwartete Hürden mit sich. Als die Kinder in die Schule kamen, wurden sie von Klassenkameraden mit den alten Teenie-Hits ihrer Mutter aufgezogen. Die Vergangenheit holte die Familie auf dem Schulhof ein. Cornelia reagierte darauf mit einer absoluten, kompromisslosen Konsequenz: Sie lehnte jegliche Homestories ab, verbot die Veröffentlichung von Familienfotos und schützte ihre Kinder wie eine Löwin. Agnes und Kaspar wuchsen heran, ohne dass es ein einziges offizielles Pressefoto von ihnen gab. Heute sind sie erfolgreiche, eigenständige Persönlichkeiten – Agnes arbeitet als Werbegrafikerin, Kaspar ist Veterinärmediziner und Facharzt für Neuropathologie.
Die Ehe mit Helmut Matthíasek blieb das unerschütterliche Fundament ihres Lebens. Über fünfeinhalb Jahrzehnte hinweg begleiteten sie sich gegenseitig durch alle Höhen und Tiefen des Künstlerlebens. Doch das Altern fordert unerbittlich seinen Tribut. Im Dezember 2012 brach Cornelia Froboes während einer Theateraufführung auf der Bühne des Münchner Residenztheaters nach einem Kreislaufkollaps zusammen. Sie rappelte sich nach einer kurzen Pause wieder auf, doch die Jahre liefen weiter. Helmut Matthíasek, der zwölf Jahre älter war als sie, baute körperlich ab. Dennoch blieb die Lebensfreude bis zum Schluss: Noch an seinem letzten gemeinsamen Weihnachtsfest tanzte der damals 90-jährige Helmut im Wohnzimmer einen beschwingten Wiener Walzer mit seinem Sohn und seiner geliebten Cornelia. Wenige Monate später, am 7. April 2022, schloss er in Rosenheim für immer die Augen. Der Schmerz über diesen Verlust war gewaltig; sie sagte daraufhin sogar ihre geplante Rolle als Buhlschaft bei den Salzburger Festspielen ab, weil die Trauer zu tief saß.
Heute lebt Cornelia Froboes allein auf dem Rinkelhof. Nach zwei schweren Stürzen und langwierigen Rehabilitationen in den letzten Jahren hat sie sich ihren unbändigen Lebenswillen dennoch nicht nehmen lassen. Statt großer Theaterrollen tourt sie heute mit feinsinnigen literarisch-musikalischen Lesungen durch das Land, rezitiert Gedichte von Bertolt Brecht bis hin zu Leonard Cohen und zeigt stolz ihr vom Leben gezeichnetes Gesicht. Wenn sie heute nach ihrem verstorbenen Mann gefragt wird, findet sie Worte, die tief berühren und trösten zugleich: “Geistig ist Helmut für mich ansprechbar.” Es ist diese ganz eigene, unerschütterliche Form der inneren Verbundenheit, die sie durch die einsamen Abendstunden trägt. Und wenn sie gelegentlich noch einmal auf Peter Kraus trifft, wie erst kürzlich bei seiner Abschiedstournee, springt sie spontan auf die Bühne, um ihren alten Gefährten zu herzen – getragen von einer 65 Jahre währenden Freundschaft, die alle Stürme der Zeit überdauert hat. Aus dem Mädchen, das niemals Kind sein durfte, ist eine starke, geerdete Frau geworden, die gelernt hat, ihren Frieden mit der Vergangenheit zu machen und jeden einzelnen Tag in tiefem, echtem Bewusstsein zu schätzen.