Boris Becker: Die verborgene Wahrheit hinter dem Wimbledon-Triumph, dem tiefen Fall und dem steinigen Weg zurück ins Leben
Es war ein sonniger Sonntag im Juli des Jahres 1985, als auf dem heiligen und geschichtsträchtigen Rasen von Wimbledon ein gerade einmal siebzehnjähriger Junge mit rotblondem Haar durch die englische Luft warf, als hätte er völlig vergessen, dass der Mensch für den festen Boden und nicht für den Flug gemacht ist. Er hechtete, er stürzte, er rutschte über das kurze, feuchte grüne Gras, das an diesem Nachmittag tiefe Flecken von seinen blutenden Knien und aufgeschürften Ellenbogen davontrug. Und er stand jedes Mal wieder auf – unermüdlich, mit der grimmigen, reinen Unschuld eines Kindes, das noch nicht begreift, dass man sich im Leben ernsthaft wehtun kann. Millionen von Menschen in der alten Bundesrepublik saßen an jenem denkwürdigen Nachmittag vor ihren Fensehgeräten, die Rolläden halb heruntergelassen, um sich vor der sommerlichen Hitze zu schützen, und sie sahen etwas, das es in dieser Form im deutschen Sport noch niemals zuvor gegeben hatte. Doch absolut keiner von ihnen, wahrlich nicht ein einziger Zuschauer vor den Bildschirmen, wusste in diesem historischen Moment, dass der junge Athlet da unten auf dem Court einen Toten mit sich trug, von dem er selbst noch nicht einmal das Geringste ahnte. Sein geliebter Großvater war nur wenige Tage zuvor verstorben – ausgerechnet am Vorabend des prestigeträchtigen Turniers –, und seine Eltern hatten in ihrer Sorge den schweren Entschluss gefasst, es ihm vollkommen zu verschweigen, bis der letzte Ball gespielt und alles vorbei sein würde. Sie fürchteten mit jeder Faser ihres Herzens, dass diese niederschmetternde Nachricht dem Jungen die letale Kraft und den unbändigen Glauben an sich selbst rauben könnte. Später, als längst alles vorüber war, äußerte Boris Becker einmal einen Satz, der tief blicken lässt: Hätte er damals von diesem Verlust gewusst, hätte er diese außergewöhnliche Sportgeschichte vielleicht niemals in den Asphalt des Asphalts oder den Rasen von London geschrieben. So aber blieb er ahnungslos, leicht und unbeschwert von einem furchtbaren Kummer, der ihm unausweichlich noch bevorstand, und wurde an jenem siebten Juli der jüngste Wimbledonsieger der gesamten Sportgeschichte, der allererste ungesetzte Spieler und der allererste Deutsche überhaupt auf dem höchsten Treppchen. Er war genau siebzehn Jahre und sieben Monate alt, und er hatte in diesem Augenblick, ohne es auch nur ansatzweise zu begreifen, sein gesamtes weiteres Leben für immer und unwiderruflich verändert.

Um zu verstehen, was in den darauffolgenden Jahrzehnten auf diesen jungen Mann einprasseln sollte, muss man sich die damalige gesellschaftliche Gemengelage vor Augen führen. Ein halbes Kind gewinnt das weltgrößte Tennisturnier, und ein ganzes Land, das sich seiner selbst und seiner nationalen Identität nie ganz sicher war, findet in ihm plötzlich einen leuchtenden Helden. Es war die Ära vor der Wiedervereinigung, die Bundesrepublik befand sich auf einem materiellen Wohlstandshöhepunkt und war doch im tiefsten Inneren heimlich hungrig nach großen, echten Gefühlen, nach einem unbeschwerten Stolz, den man ohne das ständige historische schlechte Gewissen endlich wieder empfinden durfte. Und dieser unbekannte Junge aus Leimen, einem kleinen, verschlafenen Ort bei Heidelberg, lieferte diesen ersehnten Stolz völlig frei Haus. Er ballte die Faust, warf sich jubelnd zu Boden, brüllte seinen unbändigen Triumph in den Londoner Himmel, und ein ganzes Volk ballte zu Hause vor den Röhrenfernsehern mit ihm die Faust. Die legendäre „Bäcker-Faust“ wurde im Handumdrehen zum emotionalen Symbol eines ganzen Jahrzehnts. Über Nacht griffen Tausende von Kindern, die zuvor im Hinterhof ausschließlich dem runden Leder nachgejagt waren, zu Tennisschlägern. Die heimischen Sportvereine platzten aus allen erdenklichen Nähten, die Ascheplätze waren komplett überfüllt, und die Fernsehanstalten zahlten plötzlich Summen für Übertragungsrechte, die noch wenige Monate zuvor völlig undenkbar gewesen wären. Boris und Steffi – zwei Vornamen reichten fortan völlig aus, ohne dass man einen Nachnamen hätte nennen müssen –, zwei Kinder aus der badischen Provinz, machten aus Deutschland im Handumdrehen eine absolute Tennisnation. Es war ein nationaler Rausch, und wer diese Zeit bewusst miterlebt hat, der weiß im Rückblick ganz genau, dass so etwas Einzigartiges niemals wiederkehrt.
Doch wer war dieser Junge eigentlich, bevor die weltweite Maschinerie ihn verschlang? Geboren wurde er am 22. November 1967 in Leimen als der einzige Sohn von Elvira und Karl-Heinz Becker. Sein Vater war von Beruf Architekt, ein disziplinierter Mann, der Häuser plante, konstruierte und errichtete, und irgendwann beschloss er, auch etwas zu bauen, das weit über seine eigene Sterblichkeit hinausreichen sollte: einen eigenen Tennisclub im Ort, den Tennisclub Blau-Weiß Leimen, ausgestattet mit wetterfesten Hallen, in denen ein kleiner, rothaariger Steppke seine allerersten Bälle schlug. Die Mutter hingegen stammte aus einer völlig anderen Welt, aus Mähren, aus einem kleinen Dorf, das die Deutschen Kunewald nannten – eine sudetendeutsche Familie, die die grausamen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts, die traumatische Vertreibung und den schweren Neuanfang im Westen am eigenen Leib erfahren hatte. Streng katholisch erzogen, wuchs der heranwachsende Sohn in einer geordneten, bürgerlichen Umgebung auf, und der Vorname, den man ihm auswählte, verriet bereits einen feinen Hauch von Sehnsucht nach der großen weiten Welt: Boris, benannt nach dem berühmten russischen Dichter Boris Pasternak. Es wirkte im Rückblick fast so, als hätten die Eltern intuitiv geahnt, dass in diesem Kind eine unbändige Energie steckte, die weit über die enge Provinzialität einer Kleinstadt hinausdrängen würde. Doch der kleine Boris war keineswegs sofort der unangefochtene Beste auf dem Platz – das ist eine jener unbequemen Wahrheiten, die man in der Verklärung des späteren Ruhms nur allzu leicht vergisst. In der väterlichen Tennishalle gab es Jungen, die technisch weiter fortgeschritten waren, geschickter agierten, und zeitweise schickte man ihn sogar zu den Mädchen, damit er dort überhaupt eine sportliche Chance hatte. Unter diesen Mädchen befand sich eine ebenfalls sehr ernste, zähe und ehrgeizige Spielerin aus Mannheim namens Steffi Graf. Zwei Kinder, die damals noch absolut nicht ahnen konnten, dass ihre Namen einmal weltweit in einem einzigen Atemzug genannt werden würden, schlugen sich auf staubigen, einfachen Plätzen gegenseitig die Bälle zu. Boris jedoch, der zunächst hinterherlaufen musste, entwickelte einen unbändigen, fast fanatischen Ehrgeiz, der ihn bald deutlich von allen anderen abheben sollte. Mit elf Jahren spielte er bereits gegen erwachsene Gegner, ging auf das Heidelberger Helmholtz-Gymnasium, verließ die Schule jedoch gegen den anfänglichen, strengen Willen der Eltern mit der mittleren Reife, da ihm das klassische Lernen fremd war. Und doch traten bald zwei Männer in sein Leben, ohne die diese sportliche Sensation schlicht unmöglich gewesen wäre: Günther Bosch, ein rumäniendeutscher Trainer, der seine sichere Anstellung als Bundestrainer aufgab, um sich voll und ganz diesem einen Ausnahmetalent zu widmen, und Ion Tiriac, jene undurchdringliche, markante Manager-Erscheinung mit dem schwarzen Schnauzbad, der das geschäftliche Genie besass, schon im Herbst 1983 vorauszusagen, dass dieser Junge Wimbledon gewinnen würde.

Der rasante sportliche Aufstieg, der folgte, sprengte jegliche bekannten Dimensionen. 1984 wurde er Profi, gewann in München seinen ersten Titel, und im Sommer 1985 folgte der historische Triumph im englischen Rasen. Was danach kam, war eine schwindelerregende Abfolge von Siegen, die den jungen Mann endgültig in den Status einer lebenden Legende erhob. 1986 verteidigte er seinen Titel in Wimbledon bravourös gegen den übermächtigen Ivan Lendl, 1988 und 1989 führte er die deutsche Nationalmannschaft in dramatischen Matches zum Gewinn des prestigeträchtigen Davis Cups, und im September 1989 krönte er sein absolut goldenes Jahr mit dem Sieg bei den US Open in New York. Am 9. Juli 1989 schien die Welt für den deutschen Tennissport stillzustehen, als Steffi Graf und Boris Becker am selben Nachmittag in Wimbledon triumphierten – das deutsche Traumduo auf dem absoluten Dach der Welt. Anfang 1991 erklomm er schließlich den Gipfel der Weltrangliste und wurde die Nummer 1. Doch der immense, fast unmenschliche Druck, den ein ganzes Volk auf die Schultern eines noch nicht einmal Volljährigen lud, forderte unweigerlich seinen verheerenden Tribut. Die ewige Projektionsfläche zu sein, unter den Argusaugen von Millionen zu wachsen, ohne jemals eine echte Privatsphäre zu genießen, hinterließ tiefe Risse in der scheinbar makellosen Fassade. Um den permanenten psychischen Belastungen standzuhalten, suchte er in den stilleren Stunden Zuflucht in Dingen, die ihn fast zerstört hätten – Zweifel, Einsamkeit und die schleichende Flucht in destructive Verhaltensweisen begleiteten den Ruhm wie ein unsichtbarer, schwerer Schatten.
Die Trennung von seinem langjährigen väterlichen Wegbegleiter Günther Bosch im Jahr 1987 markierte den ersten spürbaren Riss in einer Welt, die nach außen hin immer perfekt glänzte. Es folgten turbulente Jahre, das Ende der geschäftlichen Zusammenarbeit mit Ion Tiriac in den neunziger Jahren und die Heirat mit Barbara Feltus im Dezember 1993, aus der die Söhne Noah und Elias hervorgingen. Doch das schicksalhafte Jahr 1999 brachte das fragile Gebäude endgültig ins Wanken. Im Frühjahr verstarb sein geliebter Vater Karl-Heinz an einem schweren Krebsleiden – genau jener Mann, der den Grundstein für die gesamte Karriere gelegt hatte. Im Sommer desselben Jahres bestritt Boris Becker auf dem ehrwürdigen Rasen von Wimbledon, wo einst alles begonnen hatte, sein allerletztes Profimatch und beendete offiziell seine aktive Laufbahn. Zwei fundamentale Verluste in ein und demselben Jahr: der Verlust des Vaters und der Verlust der Identität als aktiver Sportler. Inmitten dieses emotionalen Ausnahmezustands ereignete sich jene folgenschwere Begegnung in einer Londoner Bar, aus der im Jahr 2000 Tochter Anna hervorging – eine Affäre, die seine Ehe mit Barbara unwiderruflich zerstörte und im Jahr 2001 zur schmerzhaften Scheidung führte.
Was folgte, war ein jahrzehntelanger, oft rastloser Kampf um die eigene Neuorientierung, der von spektakulären Höhen und extremen Tiefen gezeichnet war. Ob als gefeierter BBC-Kommentator, als erfolgreicher Trainer von Novak Djokovic, den er zu sechs Grand-Slam-Titeln führte, oder auf dem glatten Parkett des geschäftlichen Risikos – Becker blieb zeitlebens ein Spieler, der das gefährliche Abenteuer suchte. Doch die finanzielle Sorglosigkeit, gepaart mit falschen Beratern und einer unkritischen Haltung gegenüber dem eigenen Reichtum, führte schließlich in die absolute Katastrophe. Im Juni 2017 wurde der ehemalige Weltstar von einem Londoner Gericht für zahlungsunfähig erklärt; ein Schuldenberg von annähernd 50 Millionen Pfund erdrückte seine Existenz. Der bittere Gang zur Zwangsversteigerung seiner geliebten Trophäen, Pokale und persönlichen Erinnerungsstücke schockierte die Sportwelt zutiefst. Doch der absolute Tiefpunkt war damit noch keineswegs erreicht: Im April 2022 verurteilte ein britisches Gericht Boris Becker in vier Anklagepunkten wegen Insolvenzstraftaten zu zweieinhalb Jahren Haft. Der Junge, der einst als strahlender Volksheld gefeiert worden war, fand sich als Häftling in einem britischen Gefängnis wieder – eine dramatische, geradezu antike Fallhöhe.
Doch jede echte menschliche Tragödie birgt am Ende auch die Chance zur Läuterung und zum Neuanfang. Nach acht harten Monaten hinter Gittern wurde er im Dezember 2022 nach Deutschland abgeschoben – gealtert, gezeichnet, aber im innersten Kern verändert. An seiner Seite hielt eine Frau bedingungslos zu ihm: Lilian de Cavallo Montero, die ihm durch die dunkelsten Stunden der Inhaftierung geholfen hatte. Im Februar 2024 erlangte er nach einer Einigung mit den Gläubigern seine juristische Freiheit zurück, im September desselben Jahres heiratete das Paar in dem malerischen italienischen Portofino, und im November 2025 – nur wenige Tage vor seinem 58. Geburtstag – wurde er noch einmal Vater einer kleinen Tochter namens So Victoria. Wenn man heute auf diesen bewegten Lebensweg blickt, erkennt man weit mehr als nur die bloße Biografie einer Sportikone. Man sieht das universelle Drama eines Menschen, der zu früh zu viel gewann, tief stürzte und dennoch die unbändige Kraft aufbrachte, sich aus den eigenen Trümmern neu zu erheben. Der Rasen von Wimbledon mag jedes Jahr aufs Neue makellos grün geschnitten werden, als hätte es niemals einen Sturz gegeben – doch die Narben und die gewonnene Reife im Herzen von Boris Becker zeugen von einer echten, unvollendeten Lebensgeschichte, die längst noch nicht zu Ende geschrieben ist.